Bericht über den GAL-Kongress „Wörter, Wissen, Wörterbücher“ vom 18. - 21. September 2012 in Erlangen

von Anna Tkachenko

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September 2012. Die kleine Studentenstadt Erlangen fängt an zu beben – die Koffer rollen über das alte Steinpflaster, die Taxis fahren hin und her, die Hotels füllen sich mit immer neuen Gästen – der GAL-Kongress steht bevor! So wie Erlangen ist auch der zeitliche Raum eng, in dem so viel Aufregendes geschehen soll – schon beim Lesen der Abstracts wird einem klar, dass man zu Gunsten eines Vortrages mal die eine oder andere interessante Präsentation opfern muss. Oder mal eben den netten Universitätskollegen dahin schicken: acht Augen und Ohren sind ja, wie bekannt, besser als vier.

Insgesamt wurden 4 Plenarvorträge und knapp 120 Einzelvorträge in 13 Themensymposien gehalten. Doch auch der breite Fächer der angemeldeten Symposien scheint für die rund 400 neugierigen Sprachwissenschaftler aus aller Welt nicht ausreichend zu sein – die 25 Einzelvorträge müssen eben in zwei gesonderten Strands organisiert werden. Die Bandbreite der Interessensgebiete der Teilnehmer reichte von der Auswahl und Darstellung der Wörterbuchinhalte (Aussprache, Grammatik und Konstruktionen, Funktionswörter, Translation vs. didaktisierte Angaben) und historischer Lexikographie über Wissensvermittlung und Wissensaneignung in verschiedenen politischen, sozialen, Lern- und Fachkontexten sowie Wortschatzerwerb im (bilingualen) Unterricht bis zur kollaborativen Lexikographie und Nutzerbeteiligung in Online-Wörterbüchern.

Bei diesem reichen Angebot an Beiträgen dürfte es eben auch nicht erstaunlich sein, dass der GAL-Kongress – nach den Worten von Prof. Dr. Bernd Rüschoff, dem Präsidenten der GAL – es in die „Bild“-Zeitung geschafft hat; allerdings mit ,etwas‘ irreführenden Aussagen, die den Eindruck vermittelten, die Sprachwissenschaftler fürchteten einen Kulturverlust durch die Recherchen im Internet. So musste der Organisator des Kongresses, Prof. Dr. Stefan Schierholz, dieses Missverständnis sogar am letzten Kongresstag vor dem abschließenden Plenarvortrag ausräumen. tl_files/bilder/Publikationen-Rezensionen/1Boas0002.jpg

Denn im Gegenteil setzen sich einige Sprachwissenschaftler als Ziel, elektronische Wörterbücher zu erstellen. So führte der erste Plenarvortragende Hans C. Boas (Austin) am Beispiel verschiedener semantischer Domänen vor, in welcher Weise semantische Frames zu detaillierteren Bedeutungsangaben in Wörterbucheinträgen herangezogen werden können. In seinem Vortrag „Wie viel Wissen steckt in Wörterbüchern? Eine frame-semantische Perspektive“ wies er auf die Problematik bei der Trennung zwischen Sprachwissen und Weltwissen hin sowie auf die Notwendigkeit, beide in Wörterbüchern miteinander in Verbindung zu bringen. Obwohl die lexikalisch-konzeptuelle Konstruktion beispielsweise der Verben to run und to jog im Wörterbuch ähnlich aussehe, bestünden beim Gebrauch dieser Lexeme signifikante Unterschiede (Bruce ran against Phil; aber *Bruce jogged against Phil), die erst unter Heranziehen des Weltwissens deutlich gemacht werden könnten, da das Sprachwissen dafür nicht immer ausreiche. Am Beispiel des Stichwortes Junggeselle zeigte der Vortragende, dass auch Bedeutungsbeschreibungen in Lexika nicht ausreichten. So sollte etwa der Papst nach der Grunddefinition „unverheirateter erwachsener Mann“ auch ein Junggeselle sein, was ja, so Boas, nicht zuträfe. Die Wörterbuchangaben zu Junggeselle erforderten demnach eine Erweiterung durch die zusätzliche Bedeutung der religiösen Ausnahme. Des Weiteren sei das „versteckte“ Weltwissen an vielen Stellen kulturrelevant. So stelle man sich in Deutschland unter der Aussage Die Geschenke lagen unter dem Baum den Heiligabend vor, wogegen es sich in Texas um den Morgen des 25. Dezember handele.

Aus diesen Gründen werden im Projekt FrameNet zur Strukturierung von mehrsprachigen Wörterbüchern semantische Frames (Fillmore 1985) herangezogen. Ziel des Projekts ist es, die Kombinationsfähigkeiten von frame-evozierenden lexikalischen Einheiten (Lexical Units – LUs) zu entdecken und die Valenzstrukturen mit semantischen Rollen und syntaktischen Eigenschaften und Funktionen zu beschreiben. Der Arbeitsablauf – obwohl nicht streng linear – setzt sich aus folgenden Schritten zusammen: a. Erste Bestimmung semantischer Frames anhand der Bedeutung prototypischer Wörter; b. Suche nach Korpusbelegen, um Frame-Beschreibungen zu verfeinern; c. Erstellung von Listen mit Wörtern, die den Frame evozieren; d. Extraktion von Subkorpora; e. Annotation von Korpusbeispielen; f. Automatisches Verfassen von Lexikoneinträgen für die FrameNet-Datenbank. Dabei wird bei der Korpusextraktion von Beispielsätzen die Annotation von frame-semantischen Informationen manuell hinzugefügt; syntaktische Informationen werden automatisch markiert und per Hand überprüft. Dann generiert eine Software automatisch anhand der semantischen und syntaktischen Einträge eine Wordbank, in der auch zu sehen ist, wie die semantischen Frames syntaktisch realisiert werden. Sobald man anhand dieser Elemente die Bedeutung relativ genau kennt, sucht man nach Übersetzungsäquivalenten. Die Hauptproblematik besteht hierbei darin, dass es sehr viele Übersetzungsäquivalente gibt, bei denen unter anderem Disambiguierung zwischen Frames mit semantischen und syntaktischen Informationen auftreten kann (vgl. to cure: a) they cured his measles – „heilen“; b) they cured the ham - „räuchern“, „aushärten“). Somit entsteht die Frage, ob es so etwas wie universelle Frames gibt, die kulturunabhängig in jeder Sprache gleich verstanden werden.

Der Ansatz lässt erkennen, dass semantische Frames bei der Erstellung von Wörterbüchern viele Vorteile bieten: Polysemie, Valenzstrukturen, multilinguale und semantisch-pragmatische Informationen im Allgemeinen lassen sich anhand von Korpusdaten relativ genau beschreiben. Allerdings stehen noch viele Fragen offen, die die Erfassung feinerer semantischer Eigenschaften, Übersetzungsäquivalente, Frequenzinformationen u. a. betreffen.

Dmitrij Dobrovol’skij (Moskau) stellte in seinem Plenarvortrag über „Phraseologie im Wörterbuch“ sein aktuelles Projekt „Moderne deutsch-russische Idiomatik: Ein Korpus-Wörterbuch“ vor, das unter seiner Leitung in der Russischen Akademie der Wissenschaften (Moskau) in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Wien) läuft und über die Homepage des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim (http://wvonline.ids-mannheim.de/idiome_russ/index.htm) in Auszügen online zugänglich ist. Der Erstellung des Wörterbuches liegt die Annahme zugrunde, dass bei der Definiton eines Idioms Bedeutungserklärungen vorteilhafter als Quasisynonyme sind. So bedeuten tl_files/bilder/Publikationen-Rezensionen/2Dobrovolskij0001.jpgdie Idiome ins Gras beißen und den Löffel abgeben etwas anderes als ihr Ein-Wort-Korrelat sterben. Der Grund dafür ist die grundsätzlich komplexe Idiomsemantik, die auf der bildlichen Komponente beruht. Die Beschreibung durch Quasisynonyme sei auch deshalb keine gute Technik, weil man in manchen Fällen auch die Synonyme selbst erklären müsste.

Dabei sind wiederum auch Bedeutungserklärungen oft nicht gut genug. So wäre das Idiom jmdm. zur Hand gehen nicht als jmdm. helfen, behilflich sein zu definieren, da ja sonst die Formulierung *Der Lehrer ging dem Schüler beim Lernen der Vokabeln zur Hand möglich wäre. Auch die semantische Umkehrprobe, bei der im Unterschied zur Einsetzprobe das Definiendum in einen Kontext eingesetzt wird, „der das Definiens enthält“ (Müller 1984: 438), zeigt, dass Bedeutungserklärungen mit Phrasemen nicht immer reversibel verwendet werden können: So ist das Phrasem seinem Herzen einen Stoß geben mit der Bedeutungserklärung seine Zurückhaltung, Ängstlichkeit mit einem raschen Entschluss überwinden nicht in gleichen Kontexten einsetzbar (Er überwand seine Zurückhaltung, Ängstlichkeit mit einem raschen Entschluss und rannte in das brennende Haus; aber *Er gab seinem Herzen einen Stoß und rannte in das brennende Haus.)

An den Stellen, wo die Bedeutungserklärung die semantische Umkehrprobe nicht besteht, sei die Verbesserung und Verfeinerung der Bedeutungsdefinition notwendig, auch wenn sie dadurch länger werde, denn alle relevanten semantischen Merkmale samt der bildlichen Bedeutungskomponente müssten berücksichtigt werden. Die Exemplifizierung der bildlichen Bedeutungskomponente sei sehr vorteilhaft für Fremdsprachelerner, da sie an sich das Motivationselement des betreffenden Idioms sei und in einigen Kontexten sogar eingeschaltet wird. So ist zum Beispiel beim Idiom ein rotes Tuch für jmdn. seinder Anlass dazu sein, jmdn. ständig zu reizen, jmdn. äußerst wütend zu machen nicht die Farbe des Tuches motivierend, sondern die Funktion des Elementes, also die bildliche Komponente mit dem Ausgangsframe STIERKAMPF.

Des Weiteren beschrieb der Vortragende die Problematik bei der Verwendung der L1-L2-Korrelate in zweisprachigen Wörterbüchern. Er führte dies am Beispiel des Phrasems jmdn. an der Nase herumführen und dem russischen Idiom водить кого-то за нос vor: Obwohl sie sich in der Bedeutung einzelner Komponenten stark ähneln, stimmen sie funktionell nicht überein. So wäre das benannte Phrasem im Beispielsatz Die Aktionäre fühlen sich an der Nase herumgeführt das deutsche Idiom eher mit dem russischen обвести вокруг пальца (wortwörtliche Übersetzung: jemanden um den Finger herum wickeln) zu übersetzen, da die beiden perfektiv gebraucht werden, wogegen das Idiom водить кого-то за нос den imperfektiven Gebrauch hat. Aus diesem Grund sollte man ein L1-Idiom in einem zweisprachigen Wörterbuch nicht mit einem L2-Idiom übersetzen, sondern man sollte dessen Bedeutung und Gebrauch differenziert kommentieren. Das gleiche Problem ergibt sich auch bei negativer Polarität, die in Lexika normalerweise nur an Beispielen abzulesen ist und sich in der Nennform nicht widerspiegelt – hier wäre auch eine explizite Bedeutungs- und Funktionsbeschreibung erforderlich.

In der abschließenden Diskussion wurde angemerkt, dass, obwohl Wörterbücher praktisch sein müssen, die ausführliche Beschreibung der bildlichen Komponente doch nicht wegzudenken sei. Explizitheit ist besonders dann anzustreben, wenn es sich um Wörterbücher für spezielle Zielgruppen – wie in diesem Fall für russischsprachige Germanistikstudenten – handelt. Die Explikation der bildlichen Grundlage ist auch dann notwendig, wenn dies Idiome aus verschiedenen Generationen betrifft. So soll die Beschreibung der bildlichen Komponente den jüngeren Wörterbuchbenutzern helfen, durch die entsprechende motivierende Brücke die Sprache besser zu verstehen. Diese Methode ist aber auch dann hilfreich, wenn die Bedeutung der modernen Idiome der älteren Generation nahegebracht werden muss. Die Orientierung an den Wörterbuchbenutzern spielt außerdem dann eine große Rolle, wenn man über den Wortschatz entscheidet. So wurde im Plenum unter anderem thematisiert, dass die Wortverbindung das ist mein Fall – obwohl strikt gesehen kein Idiom – aus didaktischen Gründen aufgenommen werden muss, da sie für den Russischsprecher nicht als selbstverständlich kompositionell gebraucht wird.

Rosamund Moon (Birmingham) sprach am dritten Kongresstag über „Corpus, dictionary, discourse: ‚age‘ adjectives in English“ und führte anhand zahlreicher Beispiele Adjektive vor, die im Korpus mit solchen altersbezogenen Wortverbindungen (premodified sequences) wie young men / women, middle-aged men / women, old men / women, old ladies und elderly auftreten. Weiterhin wurden sie nach zu beschreibenden Qualitäten geordnet: status, wealth, relationships; physical; personal; appraisement. So fand man beispielsweise für die Wortverbindung old ladies folgende Kollokationen: status, wealth, relationships – rich, lonely; physical – little, tiny, wee, fat, frail, defenceless, incontinent, white/grey-haired etc. Beim Vergleich ließ sich feststellen, dass verschiedene Altersstufen in Verbindung mit Gender unterschiedlich beschrieben werden. Eine junge Frau und ein junger Mann werden zwar häufig positiv bezeichnet, bei young women treten jedoch zusätzlich Adjektive auf, die auf die Sexualität (naked, sexy) und schlechten Charakter (troubled, disturbed, naive) hindeuten. Ältere Männer (old men) bekommen im Unterschied zu middle-aged men noch die Charakteristik solitary (aus Überzeugung alleinstehend), die wohl eine Anspielung auf den Flirt mit jüngeren Frauen ist. Überdies werden ältere Frauen (old women) als gossipy und fretful bezeichnet. Diese Assoziationen seien aber eher limitierte Vorstellungen von betreffenden Altersstufen. 

Die Adjektive lassen sich ferner in weitere Gruppen (sets) einordnen, die die Altersstufen unter einem anderen Blickwinkel zeigen und mehr über ihre Funktionen aussagen. So gehören zur Gruppe intelligence die Adjektive (young) bright, clever, intelligent, smart und (old) wise. Demzufolge liegt die Annahme nahe, dass altersbezogene Adjektive nicht nur die Altersstufen beschreiben, sondern darüber hinaus bestimmte Erwartungen in Bezug auf Alter hervorrufen. Die Altersstereotypen ermöglichen ihrerseits unkonventionellen Gebrauch der Adjektive eingeleitet durch Markierungen wie still, but, for one’s age, prematurely (… be seen as youthfully bright but is prematurely grey). Außerdem ist anzunehmen, dass einige der Untersuchungsergebnisse kulturübergreifend auftreten, die anderen wiederum den Englischlernern explizit erklärt werden müssen.

Die Studie monolingualer englischer Lernerwörterbücher in Bezug auf Altersangaben zeigte, dass die Definitionen von young und old sehr oft fehlen, die Kollokationen und Konnotationen asymmetrisch dargestellt sind, das Lexem older nur selten in untersuchten Wörterbüchern auftritt und das Adjektiv middle-aged zwar zu finden ist, in seinen Konnotationen aber ausschließlich pejorativ dargestellt ist. Die pragmatischen Angaben sind zwar vorhanden, werden aber nicht genug spezifiziert, um die tatsächliche Situation in Sprachkorpora und die gesellschaftlichen Altersstereotypen zu reflektieren. Die sekundären Altersmarkierungen werden in Definitionen und in Belegen explizit und implizit erwähnt. Manchmal finden sie sich in Wörterbucheinträgen überhaupt nicht. Aus diesen Gründen sollten die pragmatischen Angaben und Konnotationen in monolingualen Lernerwörterbüchern der englischen Sprache entsprechend erweitert werden. Auch im Fremdsprachenunterricht ist die Komplexität der altersbezogenen Adjektive zu berücksichtigen.

Herbert Ernst Wiegand (Heidelberg) beschloss die Tagung mit einem Vortrag zum Thema „Lexikographie und Angewandte Linguistik“, in dem er einleitend über die älteren Statusbestimmungen der Lexikographie sprach, die aus 150 einschlägigen Texten aus verschiedenen Sprachen gewonnen wurden. Dabei stieß er auf solche Definitionen der Sprachlexikographie wie zum Beispiel ein Handwerk, ein Kunsthandwerk, the art and science of dictionary making, Lexikographie ist Angewandte Linguistik, Lexikographie ist keine Angewandte Linguistik, angewandte Semasiologie, eine Subdisziplin der Lexikologie, angewandte Lexikologie, eine Lehre, eine Wissenschaft, Teil der Sprachwissenschaft etc. „Meine Damen und Herren, das ist sie nicht!“ – setzt der Sprachwissenschaftler fort. Das Wissen und die Fertigkeiten, die zur Ausführung lexikographischer Tätigkeiten benötigt werden, seien lehrbar. Somit sei Lexikographie eine eigenständige kulturelle und wissenschaftliche Praxis, die eine selbstreflexive Komponente habe. Der Lexikograph beschäftige sich mit der gesamten Projektplanung für Sprachwörterbücher und mit der Festlegung der Wörterbuchfunktionen. Er treffe Entscheidungen darüber, wie das Wörterbuch ausgelegt werden müsse und welche Quellen und Korpora die Basis bilden sollten. Auch die Gestaltung des Wörterbuchartikels gehöre zu seinen Aufgaben. Bei Online-Wörterbüchern bestimme er, an welcher Stelle des Textverbundes welche lexikographischen Daten zu finden seien, das heiße, welche Datendistributionsprogramme hier herangezogen werden könnten. tl_files/bilder/Publikationen-Rezensionen/4Wiegand0001.jpg

Diese Entscheidungen sind keine Linguistenentscheidungen. Der Lexikograph orientiert sich somit zunächst an dem Endbenutzer, erst danach wird linguistisches Wissen benötigt. So gehört es zum Beispiel bei der Gestaltung eines Lehrwörterbuches zu den Aufgaben des Lexikographen festzulegen, dass in einem Wörterbuchartikel unbedingt drei Synonyme angeführt werden müssen. Wenn man aber bei einer Reihe von fünf Synonymen bestimmt, welche drei für den betreffenden Wörterbuchartikel am besten geeignet sind, handelt es sich hier um eine linguistische Entscheidung. Die Entscheidung, dass Wortsynonyme aufgenommen werden; die Entscheidung zur Artikelmikrostruktur, die die Synonymenposition betrifft; die quantitative Entscheidung zur Obergrenze der Anzahl der Synonymenangaben; die Entscheidung darüber, welcher Synonymiebegriff gewählt wird – dies sind alles lexikographische Entscheidungen. Dabei sind sie den linguistischen vorgeordnet, was zur Folge hat, dass nicht alle linguistischen Entscheidungen berücksichtigt werden können.

Sprachlexikographie, genauso wie Metalexikographie – die Sprachwörterbuchforschung – haben gemeinsam das gleiche Ziel, nämlich Wörterbücher zur Verfügung zu stellen. Sie stehe zur Linguistik in einer interdisziplinären Beziehung. Interdisziplinäre Beziehungen zwischen zwei Disziplinen entstehen in der Regel nicht, weil sich ihre Gegenstandsbereiche überkreuzen, sondern durch interdisziplinären Diskurs der Wissenschaftler. Sprachlexikographie und Angewandte Linguistik treten beide in datenliefernder und datenübernehmender Funktion auf: Die Sprachlexikographie erarbeitet Wörterbuchfunktionen; somit entstehen Wörterbuchformen, die dann in der Angewandten Linguistik benutzt werden. Die Angewandte Linguistik liefert wiederum basierend auf deren linguistischem Wissen Daten für Wörterbuchgegenstände. Der Verknüpfungspunkt sind hierbei Wörterbuchgegenstände und nicht die Sprachlexikographie selbst. Somit sei festzustellen, dass die Sprachlexikographie nicht ein Teil der angewandten Linguistik sei, sondern eine wissenschaftliche Praxis, die erstens als produktgebende Praxis zu einigen Sektoren der angewandten Linguistik in einer Beziehung und zweitens als datenübernehmende Praxis zur Linguistik in einer interdisziplinären Beziehung stehe. Systematische Metalexikographie sei aus diesen Gründen als ein Teil der Informationswissenschaften anzusehen.

In seiner abschließenden Rede bedankte sich Prof. Dr. Bernd Rüschoff, der noch amtierende Präsident der GAL (am 1. Januar 2013 tritt Prof. Dr. Susanne Göpferich ihr Amt als GAL-Präsidentin an), bei allen Beteiligten für den erfolgreich durchgeführten Kongress. Der lang anhaltende und herzliche Applaus belegte die Zustimmung der Kongressteilnehmer. Außerdem beschloss man, die überarbeiteten Vorträge und Ergebnisse des Kongresses bald zu veröffentlichen.

Bericht und Zeichnungen: Anna Tkachenko (Universität Duisburg-Essen, Campus Essen)

Literatur:

Fillmore, Charles, J. (1985) Frames and the semantics of understanding. In: Quaderni di Semantica 6.2, S. 222-254.

Müller, Wolfgang (1984): Zur Praxis der Bedeutungserklärung in (einsprachigen) deutschen Wörterbüchern und die semantische Umkehrprobe. In: Wiegand, Herbert Ernst (Hg.): Studien zur Neuhochdeutschen Lexikographie V. (= Germanistische Linguistik 3-6/84). Hildesheim/New York. S. 359–461.

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