"Der Cowboy in Köln" - Bericht zu John Searles Vorlesung "Language and Social Ontology"

von Reiner Küpper

Bericht als PDF tl_files/icons/pdficon.jpg

John Searle (* 1932) ist der diesjährige Inhaber der Albertus-Magnus-Professur der Universität zu Köln. Vom 6. bis 8. Mai hielt er zwei Vorlesungen und bot auch ein Seminar an.

Den Auftakt der Veranstaltungsreihe machte am Montag, den 6. Mai, ab 19:30 Uhr die Vorlesung „Language and Social Ontology“.

Wer eigens bewusst früh gekommen war, um nicht wieder – wie vor zwei Jahren bei Chomsky – vor einem überfüllten Hörsaal zu stehen, konnte sich diesmal entspannen: Die (allerdings sehr große) Aula füllte sich nur langsam; kurz vor Beginn der Vorlesung waren jedoch die allermeisten Sitzplätze besetzt.

Nach dem Vorwort von Prof. Andreas Speer sowie der Überreichung der Urkunde legte der mittlerweile über 80jährige Searle, dem es ja noch nie an Selbstbewusstsein gemangelt hat, los. In der Tat „ein bisschen wie ein Cowboy“ (wie der Luzerner Ordinarius für Philosophie zu seinem 80. Geburtstag anmerkte [1]: „Nein, bescheiden war der amerikanische Philosoph John Searle ... noch nie“ (ebd.). Und auch hier in Köln hatte man gelegentlich den Eindruck: „Da ist er also, der unbescheidene, der großspurige Searle“ (ebd.); so z. B. im weiteren Verlauf des Vortrags, als er sich sinngemäß etwa so äußerte: „When I hear that, I reach for my gun!“ (Die Aussage auch verbunden mit der entsprechenden Geste: dem Griff in die Hüftgegend.)

Zu dieser Großspurigkeit gehört auch, dass er es in einer Reihe seiner Publikationen gelegentlich nicht nötig hat, FachwissenschaftlerInnen, deren Termini er übernimmt, namentlich zu erwähnen; oder dass er in seinem Buch Wie wir die soziale Welt machen (Berlin 2012) in seiner „Auseinandersetzung mit Foucaults Machttheorie ... weitgehend auf Fußnoten und Zitate verzichtet“ (Hartmann, ebd.).

Dementsprechend darf man von Searle auch nicht erwarten, dass er sich die Mühe macht, seine große Zuhörerschaft mit einem auf die vorhandene riesige Leinwand projizierten PowerPoint-Vortrag zu beglücken: Nein, dass macht er nicht, wie er in der abschließenden Diskussionsphase zu verstehen gibt. (Ganz ablehnend steht er der IT-Technik allerdings nicht gegenüber: Plötzlich, mitten im Vortrag, klingelt sein iPhone; mit dem lockeren Kommentar „This always happens!“ holt er es aus der Hosentasche ... und schließlich gelingt es ihm auch, es abzustellen.)tl_files/bilder/Veranstaltungen/Searle_1.jpg

Wohlgemerkt, es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, dass man sich heutzutage verpflichtend auf PowerPoint einlassen müsse. Aber mit nicht gerade gestochener Handschrift ein Tafelbild anzufertigen, das der Verfasser dieses Berichts schon aus der dritten Sitzreihe kaum entziffern konnte, zeugt ja wohl ein weiteres Mal von der erwähnten (lockeren?) Unbescheidenheit: In den hinteren Sitzreihen dürfte jedenfalls niemand in der Lage gewesen sein, diesen Tafelanschrieb zu lesen, zumal schon bald der Tafellappen zur Anwendung kam, so dass manch einer erst einmal gerätselt haben dürfte, wie das neu Hinzugefügte an die Struktur des ursprünglichen Tafelbildes anschließen sollte (zumal die ausgewischten Passagen teilweise noch zu lesen waren): siehe die beiden Fotos.

In der knapp 45minütigen Vorlesung konnte Searle die Grundlagen seiner Sprachphilosophie selbstverständlich nur sehr rudimentär darlegen; und im vorliegenden Bericht können selbst diese Rudimente nur in Auswahl wiedergegeben werden.

tl_files/bilder/Veranstaltungen/Searle_2.jpg

Begonnen sei mit dem, was Searle als seine „central thesis“ bezeichnete. Sinngemäß führte er hierzu aus:
Die Menschen kreieren eine „institutional reality“, indem sie „status functions“ kreieren. Hierbei ist der entscheidende Punkt, dass wir Macht bzw. „power relationships“ kreieren; konkret kreieren wir das, was Searle „deontic powers“ nennt. Auf diese Weise versorgen wir Menschen uns typischerweise mit „reasons“ für ein rationales Handeln (wozu übrigens kein nicht-menschliches Wesen in der Lage ist). Wir leben jedenfalls in einem Meer von „institutional facts“. Für diesen Sachverhalt hält Searle sogar eine Formel parat: X counts as Y in C. Unter X ist hierbei etwas Physisches zu verstehen, Y steht für eine Statusfunktion und C für einen sozialen Kontext (in der Regel eine soziale Gruppe). – Searle verweist in diesem Zusammenhang auf das Schachspiel, das „also characteristic of human institutions“ sei. Als Beispiel findet auch die Firma Apple Erwähnung: „you have an abstract Y1 without a real basis or reality“. Eine Statusfunktion entbehrt also der physikalischen Basis und wird nur wirksam auf der Grundlage kollektiver Akzeptanz; hierbei greifen Regeln, die Searle als konstitutiv einstuft.

In diesem Kontext wird auch die Relation „desire/reason“ angesprochen: Searle wirft die Frage auf, ob man auf der Basis von Begierden handeln könne, und kommt zu dem Schluss: „The recognition of a desire can form the ground of reason“, woraus Handlung („action“) resultieren kann. Am Beispiel des Amtes des amerikanischen Präsidenten verdeutlicht Searle, dass die wiederholten Repräsentationen einer „status form“ sowie „the continued recognition of the status function“ Macht erzeugt.
Nach Searle lässt sich somit auch sagen: „Vocabulary makes the status functions.“ Von daher war es den „feminists“ logischerweise wichtig, abwertende Bezeichnungen (wie im Englischen z. B. „spinster“) zu ändern. Ziel war dabei letztlich, die „status function“ zu verändern.

Für SprachwissenschaftlerInnen ist mithin besonders bedeutsam, dass Sprache „is essential for these phenomena“. Um also die „institutional structures“ zu repräsentieren, nutzen wir „the semantic power of language“, um letztlich Macht zu kreieren. Indes, dieser Vorgang „goes far beyond semantics“; hier geht es letztlich um die „constitutive rules“ der ‚Machtschöpfung‘, die die Sprachwissenschaft alleine natürlich nicht fassen kann.

Dennoch gilt für alle politischen bzw. soziologischen Theorien, „that they take language for granted“; und die große Bedeutung von Sprache zeigt sich nach Searle gerade darin, dass „if you have language, you already have a social contract“! Hierbei handelt es sich gewissermaßen um einen Automatismus. Der Gesellschaftsvertrag kann also unmöglich, wie Hobbes meint, nachträglich als separater Beschluss zustande gekommen sein.
Des Weiteren besteht „the distinctive feature of human reality“ Searle zufolge darin, dass „social functions of enormous stability“ geschaffen werden.

Insgesamt gilt also: „Power is created by (mainly linguistic!) representations“; Searle spricht in diesem Kontext von einem „apparatus of acceptance of a status function“. Als Beispiel führt er die Deklaration des Obersten Richters bei der Amtseinführung des US-Präsidenten an: „I declare you President of the United States“. Hartmann (ebd.) fasst diesen diffizilen Zusammenhang, den Searle auch in seinem jüngsten Buch Wie wir die soziale Welt machen (2012) erläutert, wie folgt zusammen: „Wir verfügen über ein sprachliches Mittel, all diese Dinge in die Welt zu bringen, ein Mittel, das Searle ‚Deklarativa‘ nennt. ‚Ich verspreche es‘, ‚Ich entschuldige mich‘, ‚Ich befehle‘ – das sind Sprechakte, mit denen etwas verwirklicht wird, was es ohne den Sprechakt gar nicht geben könnte: ein Versprechen, eine Entschuldigung, ein Befehl.“  – Freilich muss man sich mit Searle stets bewusst bleiben, dass, wie gesagt, „those powers go far beyond the semantic powers“. Dennoch sind diese ‚performativen Sprechakte‘ von größter Bedeutung, indem „sie eine Wirklichkeit repräsentieren, die durch sie selbst erst geschaffen wird“ (Hartmann, ebd.). Am Rande eines Vortrags an der Universität Wien fasste Searle in einem ORF-Interview dieses ‚universelle Prinzip‘ wie folgt zusammen:

Gesellschaft wird von Sprache, von Sprechakten kreiert. Ich bezeichne diese speziellen Sprechakte als Deklarationen: Meiner Auffassung nach ist die menschliche gesellschaftliche Wirklichkeit einzigartig von Institutionen geprägt. Damit meine ich Objekte und Personen mit Funktionen, die sich nicht aus ihrer Physis, sondern ... [aus] der kollektiven Wahrnehmung ihres Status durch die Mitglieder einer Gesellschaft ableiten.[2]

Bekanntlich hat Searle dieses ‚kreative Potential von Sprache‘ schon 1969 in seiner klassischen Studie Sprechakte unter Bezugnahme auf Austin offengelegt.
Inwieweit Searles neueste Darlegungen mit früheren Aussagen – man denke gerade auch an seine Schriften Intentionalität von 1983 und Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit von 1995 – übereinstimmen bzw. ob es mittlerweile nicht auch gewisse Verlagerungen in seiner Argumentation gibt, wurde in der hier zu referierenden kurzen Vorlesung freilich nicht thematisiert. Dieses Manko ist sicherlich nicht einfach Searles (tatsächlicher oder angeblicher) Arroganz, sondern allein schon der Kürze der Zeit geschuldet.

In jedem Fall beeindruckend ist jedoch Searles präzise Herausarbeitung der Grundtatsache, dass „human beings can create reasons for actions and act on this“; und die auf diese Weise kollektiv erzeugten „status functions“ produzieren Macht, die wiederum Rückwirkungen auf den Einzelnen hat: Denn durch diesen Vorgang entstehen nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten, die wir anerkennen müssen. Wenn auf diese Weise zum Beispiel Eigentum performativ deklariert wird, so ergibt sich sogleich daraus die Verpflichtung, die Eigentumsrechte zu wahren; konkret heißt dies z. B., dass es unzulässig ist, dieses Eigentum unerlaubt zu nutzen oder gar zu entwenden. Auch die oben erwähnte Deklaration einer Person zum Inhaber eines politischen Amtes wie dem des Präsidenten der Vereinigten Staaten impliziert die grundsätzliche Pflicht, den Anordnungen dieses Amtsträgers Folge zu leisten. Dies resultiert eben aus den ‚deontischen Prozessen‘, von denen oben schon die Rede war. So gesehen basiert die Gesellschaft auf höchst erstaunliche Weise auf deontischen Begriffen. Anders ausgedrückt: „der Faden der Gesellschaft [hängt] ganz und gar an einer wundersamen sprachlichen Fähigkeit von uns“ (Hartmann, ebd.).

Diese Grundtatsache ist mithin nicht nur für SprachphilosophInnen, sondern auch für SprachwissenschaftlerInnen von oberster Bedeutung. Allerdings müssen gerade SprachwissenschaftlerInnen stets bedenken, „that you require more than language but institutional powers“. Doch wenn somit „a lot of other institutional and legal structure (beyond the semantic structure)“ in die Betrachtung einzubeziehen ist, resultiert daraus dann nicht auch die begrenzte Reichweite einer isolierten, rein formalen Sprachbetrachtung?

Zweifellos sind Searles Erkenntnisse gerade auch für die Linguistik von grundlegender Bedeutung. Dies verdient uneingeschränkte Anerkennung, auch wenn ein gewisses Cowboy-Gebaren den einen oder anderen hierzulande befremden mag – wie überhaupt seine Ignorierung kontinental-europäischer Sozialphilosophie [3].  Seine eindimensionale Verwurzelung in der rein empirisch-analytisch orientierten angelsächsischen sprachphilosophischen Tradition ist jedenfalls (trotz allen anti-reduktionistischen Anspruchs) unübersehbar. [4]

[1] Martin Hartmann, „Der Cowboy unter den Philosophen. John Searle wird 80 und arbeitet weiter am Aufbau der sozialen Welt“, in: DIE ZEIT, 26.7.2012, Nr. 31; hier zitiert nach der Online-Version unter http://www.zeit.de/2012/31/L-John-Searle-Soziale-Welt/komplettansicht (eingesehen am 7.5.2013)
[2] Siehe http://sciencev1.orf.at/science/news/151686 (eingesehen am 11.5.2013).
[3] Man denke in diesem Kontext auch an sein rigoros ablehnendes Verhalten in der Auseinandersetzung mit Derrida.
[4] Diese wissenschaftstheoretische Rahmenproblematik kann hier allerdings nur angedeutet werden, zumal sich der vorliegende Bericht konkret nur auf die erste der drei Kölner Veranstaltungen beziehen kann. – Demnächst sollen übrigens sämtliche Lehrveranstaltungen ungekürzt ins Netz gesetzt werden (siehe hierzu: http://amp.phil-fak.uni-koeln.de bzw. www.amp.uni-koeln.de), so dass man sich – über die obigen impressionistischen Hinweise hinaus – ein umfassendes Bild machen kann.

Zurück