„Sprachenpolitik und wirtschaftliche Entwicklung in Südafrika“ von Neville Alexander

Bericht über den Vortrag vom 09. Mai 2012 an der Universität Bonn

von Reiner Küpper

Artikel als PDF tl_files/icons/pdficon.jpg

 

Der in den repräsentativen Räumen der ehemaligen Vertretung des Landes Rheinland-Pfalz stattfindende Vortrag ist einzuordnen in den Rahmen der Veranstaltungsreihe „Nachhaltige Entwicklung und Risikomanagement in der internationalen Zusammenarbeit“ und des „Deutsch-Südafrikanischen Jahres der Wissenschaft 2012/13“.

Der Rektor der Universität Bonn, der Germanist Jürgen Fohrmann, schneidet in seinem ‚Grußwort’ bereits das Kernproblem an, nämlich insbesondere die Dominanz des Englischen als lingua franca in Südafrika; darüber hinaus sind Niederländisch bzw. Afrikaans von überregionaler Bedeutung, so dass von der Vorherrschaft dreier europäischer Sprachen zu sprechen ist. Die große Mehrheit der südafrikanischen Bevölkerung ist jedoch von diesen drei dominanten Sprachen – und damit auch vom wirtschaftlichen Erfolg – ausgeschlossen. Diese Kernproblematik ist stets in ihren globalen Zusammenhängen zu diskutieren, wobei auch gemeinsame Ansätze und Projekte mit der Europäischen Union von Bedeutung sind.

Der 1936 in der östlichen Kap-Provinz geborene Neville Alexander, Sohn einer aus Äthiopien stammenden Lehrerin, studiert an der Universität Kapstadt Germanistik und Geschichte. Seine Magisterarbeit schreibt er über das schlesische Barockdrama (Andreas Gryphius und Daniel Caspar von Lohenstein). Anschließend erhält er ein Alexander-von-Humboldt-Stipendium und promoviert 1961 an der Universität Tübingen mit einer Arbeit über Gerhard Hauptmann. Nach seiner Rückkehr nach Südafrika ist er, zusammen mit Nelson Mandela, einer der Mitbegründer der National Liberation Front (NLF). 1963 wird er verhaftet und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Zusammen mit Nelson Mandela wird er auf der berüchtigten Gefängnisinsel Robben Island interniert. Nach der Abschaffung des Apartheidregimes beschäftigt Alexander sich verstärkt mit Erziehungsfragen und multilingualen Projekten in Südafrika. Für seine Verdienste um die Linguistik und die multilinguale Erziehung erhält er 2008 den Linguapax-Preis. Gegenwärtig ist er Mitglied des Vorstands der „African Academy of Languages“ (ACALAN) sowie Direktor des „Project for the Study of Alternative Education in South Africa“ (PRAESA). Das Projekt setzt sich für eine Bildungs- und Sprachpolitik ein, die der multilingualen Gesellschaft Südafrikas (mit elf offiziellen und insgesamt 27 lebenden Sprachen) gerecht zu werden versucht. Alexander versteht dieses Engagement als grundlegenden Beitrag zur Demokratisierung seines Landes,[1] wobei er gerade auch eine Korrelation zwischen Sprachenpolitik und wirtschaftlicher Entwicklung sieht: Es geht Alexander prinzipiell darum, Sprachenvielfalt nicht nur als Problem, sondern gerade auch als eine Ressource anzusehen. Eine entscheidende Frage hierbei ist jedoch, wie der Multilingualismus in Afrika gefördert werden kann, ohne das wirtschaftliche Wachstum zu unterminieren.

In seinem auf Deutsch gehaltenen Vortrag hebt Neville Alexander einleitend die Brisanz seiner Thematik hervor: Afrika steht am Ende der internationalen wirtschaftlichen Entwicklung; zwar gibt es in bestimmten Sektoren Grund zu Optimismus, das allgemeine Bild stimmt jedoch pessimistisch. In diesem Kontext erhofft sich der Referent eine Verbesserung der internationalen Position Afrikas durch verstärkte Blockbildung. Neben der OAU ruhen seine Hoffnungen auf der NEPAD.[2] Übergreifendes Ziel ist ein gerechteres Verhältnis zwischen Norden und Süden. Wie dieses Ziel zu erreichen ist, wird freilich im Einzelnen kontrovers diskutiert.[3] Eine Grundthese von Alexander gerade auch zum Verhältnis zwischen Sprachgebrauch und Ökonomie ist jedoch, dass der Begriff ‚Entwicklung‘ stets auch Sprache umfasst: Entwicklung kann nicht ohne Sprache realisiert werden; hierbei müssen auch lokale Sprachen integriert werden. Von den in Afrika dominanten Sprachen Englisch, Französisch und Portugiesisch können jedenfalls nur die Eliten, bestenfalls noch die Mittelklassen profitieren; die große Mehrheit der Bevölkerung südlich der Sahara ist definitiv von diesen drei ‚Machtsprachen‘ – und damit auch von der wirtschaftlichen Entwicklung – ausgeschlossen.

Alexander zufolge sollten die einzelnen Regierungen die indigenen Sprachen fördern; eine solche Sprachpolitik werde enorme Kreativitätspotentiale erschließen. Die afrikanischen Intellektuellen seien aufgerufen, ihren Beitrag zu leisten, damit eine ‚falsche Dekolonialisierung‘ vermieden wird. Speziell die aufstrebende afrikanische Mittelklasse, der die Wachstumsrate ausschließlich zugute kommt, dürfe sich nicht von der Mehrheit der Armen abwenden; vielmehr gelte es, den ‚Sichtwinkel der Armen‘ einzunehmen. Denn die Bevölkerungsmehrheit habe keine Einsicht in die Logik von Programmen, die z. B. auf Englisch oder Französisch verfasst bzw. konzipiert sind. Die Integration in indigenes Wissen sei hier nötig; es gelte, sich in die ‚Spielwelt‘ der Zielgemeinde einzufinden. (Alexander spricht hier sogar von ‚verheiraten‘.) Jedenfalls dürfe die indigene kulturelle Ordnung nicht untergraben werden; überhaupt könne man an den indigenen Sprachen nicht vorbeigehen, denn die afrikanischen Sprachen bilden Alexander zufolge die Grundlage für jede ökonomische Entwicklung. Der Vortragende räumt zwar ein, dass diese Ansicht womöglich ‚romantisch‘ anmute; die grundsätzliche Bedeutung der indigenen Sprachen als (auch wirtschaftliche) Ressource stehe jedoch zweifelsfrei fest.

Freilich könne eine in diesem Sinne angemessene Sprachpolitik allein nicht die Lösung für Rückständigkeit sein: Sprache sei nicht der Schlüssel für alle Probleme, aber Sprache ist der Strang, der alles zusammenhält. D. h. konkret, dass Englisch (oder eine der anderen dominanten europäischen Sprachen) auf keinen Fall das alleinige Kommunikationsmittel am Arbeitsplatz sein darf.

Afrika sei überdies auch kein ‚Babelturm ‘der Sprachen, sondern viele Länder seien quasi monolingual; aber Angola und Südafrika z. B. sind sehr multilingual. Die Meinungen über das Ausmaß der afrikanischen Sprachenvielfalt gehen auseinander:  Manche sagen, es gebe über 2000 Sprachen in Afrika, andere gehen von ca. fünfzehn Kernsprachen aus. In diesem Zusammenhang weist Alexander auf die christliche Mission hin, in deren Folge Ethnien geradezu erfunden worden seien (‚creation of tribalism‘). Demgemäß sei es auch sozusagen zur Erfindung von Sprachen gekommen. Dieser Problematik seien sich die Missionare nicht bewusst gewesen; denn sie hätten

unwillkürlich ihre europäische Vorstellung von nationalen Gruppen auf Afrika übertragen.

Eine weitere heikle Frage, über die eine lange Diskussion möglich ist, sei die der ‚geeigneten Form der Sprache‘. Nach Alexander sind Standardformen jedenfalls nicht zu vermeiden. Auf diese Weise könne (unter Nutzung des ‚Panafrican Master’s and PhD Project in African Languages and Applied Linguistics (PAMAPAL)‘[4]) der ‚Tower of Babel‘ in ‚the Power of Babel‘ transformiert werden. Denn ohne jeden Zweifel können auch die indigenen afrikanischen Sprachen für wissenschaftliche Zwecke verwendet werden.

Jedenfalls ist nach Alexander die verbreitete These vom Widerspruch zwischen Mehrsprachigkeit und wirtschaftlicher Entwicklung fragwürdig; denn die moderne, formelle Erfassung der Wirtschaftsleistung erfasse ca. 70 % der afrikanischen wirtschaftlichen Tätigkeit nicht. Schaut man sich die informelle Ökonomie Afrikas indes genauer an, enthüllt sich ein ganz anderes Bild: nämlich das der Tüchtigkeit Afrikas. Sogar am Rande der Existenz wird die wirtschaftliche Dynamik noch aufrechterhalten. Die ‚zweite Ökonomie‘ – im Übrigen ein höchst fragwürdiger Begriff – am Rande der Kernwirtschaft ist mit modernen statistischen Methoden nicht zu erfassen. Indigenen Sprachen kämen, so der Referent, auch bei einer angemessenen Repräsentation der afrikanischen Arbeitsleistung (die sich zu ca. 60 % aus selbstständiger Erwerbsarbeit und ca. 30 % aus Lohnarbeit zusammensetzt) eine zentrale Rolle zu. Ein Problemsektor in diesem sprachlichen Kontext ist freilich die Exportwirtschaft. Grundsätzlich seien die afrikanischen Sprachen in allen afrikanischen Ländern de facto von zentraler Bedeutung.

Abschließend wirft der Vortragende die Frage auf, was es somit zu tun gibt. Speziell seien Forschungen nötig über die Wechselwirkung zwischen Sprachgebrauch und Sprachpolitik am Arbeitsplatz; hierbei seien auch die psychologischen Auswirkungen einzubeziehen. Insbesondere ergeben sich hier auch Auswirkungen auf das Bildungssystem. Schon jetzt sei durch entsprechende Untersuchungen unbezweifelbar nachgewiesen, dass die ‚learner performance‘ bei der Erziehung bzw. Ausbildung in einer Fremdsprache als Unterrichtssprache deutlich geringer sei (bzw. ein um 50 % höherer ‚drop out‘ zu beklagen sei) als bei der Ausbildung in der jeweiligen indigenen Sprache. Diesbezüglich spricht Alexander nicht nur von einer ‚impliziten Geldverschwendung‘ bei den Kosten für das (Fremdsprachen-)Lehrpersonal, sondern konstatiert auch eine ‚Dominowirkung auf die Hochschulpolitik‘. Es sei jedenfalls besser, die verfügbaren Gelder primär für den muttersprachlichen Unterricht zu verwenden. Eine mehrsprachige Politik koste zweifelsfrei weniger als eine rein fremdsprachenorientierte Sprachpolitik. Die Ausarbeitung eines nach diesen Prinzipien konzipierten Sprachplans werde somit positive wirtschaftliche Auswirkungen zeitigen. Diese Planungsaufgabe werde jetzt erfüllt, wobei allerdings nicht zu erwarten sei, dass alle Regierungen diesen Rat annehmen. Konsequent sollte jedoch dem Prinzip ACALANs, wonach Kolonialsprachen und indigene Sprachen am besten nebeneinander gedeihen, Folge geleistet werden.

Im Anschluss an den Vortrag werden unter anderem folgende Fragen gestellt: Zunächst die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Ethnien und Raum. Auf dem Hintergrund der zunehmenden Bevölkerungsbewegungen seien die einzelnen Ethnien nicht mehr lokalisierbar, Zweisprachigkeit dann also nicht mehr durchführbar.

Sodann gibt Prof. Reckwitz (Essen) trotz aller grundsätzlichen Befürwortung der Vielsprachigkeit zu bedenken, dass der Sog zur Einsprachigkeit enorm sei. Die Realisierung des ehrenwerten Anliegens des Referenten müsse man sich deshalb als sehr schwierig vorstellen.

Neville Alexander entgegnet hierauf, dass das Paradigma der Mehrsprachigkeit von der politischen Führung akzeptiert werden sollte (in diesem Kontext komme auch der AU große Bedeutung zu). Wenn der politische Wille zur Einheit des Kontinents gegeben sei, dann müssten auch im kulturellen Bereich bestimmte Strategien lanciert werden. Selbstverständlich müsse in einer Großstadt wie Johannesburg Englisch benutzt werden, aber grundsätzlich seien auch die indigenen Sprachen zu unterstützen; die hierzu erforderlichen Methoden seien inzwischen ausgearbeitet.

Reiner Küpper



[1] Vgl. hierzu: Neville Alexander: Südafrika. Der Weg von der Apartheid zur Demokratie. Aus dem Englischen von Christian Grüny. C. H. Beck Verlag, München 2001.

[2] „The New Partnership for Africa's Development (NEPAD) is a programme of the African Union (AU) adopted in Lusaka, Zambia in 2001. NEPAD is a radically new intervention, spearheaded by African leaders to pursue new priorities and approaches to the political and socio-economic transformation of Africa. NEPAD's objective is to enhance Africa's growth, development and participation in the global economy.“ Siehe http://www.nepad.org/ (Zugriff am 12.05.12).

[3] Vgl. hierzu auch den Bericht der United Nations Conference on Trade and Development über „ECONOMIC DEVELOPMENT IN AFRICA 2008. Export Performance Following Trade Liberalization: Some Patterns and Policy Perspectives“, eingesehen am 12.05.12 unter http://unctad.org/en/docs/aldcafrica2008_en.pdf oder „Growth and Social Development in Africa in 2008 and Prospects for 2009“, eingesehen am 12.05.12 unter http://www.uneca.org/era2009/chap2.pdf. – Vgl. ferner die Beiträge von Patrick Bond, eingesehen am 12.05.12 unter http://www.polis.leeds.ac.uk/research/events/democratization-africa/keynote-speaker.php.

Zurück