„'In jeder Stunde Demokratie!' – Diskursgeschichte – Sprachgeschichte – Demokratiegeschichte des 20. Jahrhunderts als linguistisches Projekt" von Heidrun Kämper (IDS Mannheim)

Bericht über den Vortrag im Linguistischen Kolloquium am 22.05.12 an der Uni Duisburg-Essen

von Reiner Küpper

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Einleitend stellt Ulrike Haß (Essen) die Referentin vor: Die Kollegin Kämper ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Lexik des IDS und apl. Professorin an der Universität Mannheim. Die Forschungen der Referentin, die stets von aktuellen Bezügen ausgehen, konzentrieren sich auf die Diskurs-, Mentalitäts- und Gesellschaftsgeschichte. Im Vordergrund stehe hierbei der lexikographische Aspekt.

Heidrun Kämper bezieht sich zunächst exemplarisch auf drei Diskurse, die sozusagen Schübe der deutschen Demokratiegeschichte des 20. Jahrhunderts repräsentieren:
a) Die Auseinandersetzungen in der frühen Weimarer Republik, die brennpunktartig zum Ausdruck kommen in der Rede, die Reichskanzler Wirth am 25.06.22 (einen Tag nach der Ermordung des Außenministers Walther Rathenau) vor dem Reichstag hielt.
b) Die grundsätzlichen Ausführungen zu den Begriffen ‚Demokratie‘ und ‚Mitschuld‘, die Adolf Grimme in einer 1946 gehaltenen Rede macht.
c) Die sich gegen Ende der 1960er Jahre verstärkende Diskussion um die ‚Erneuerung der Demokratie‘ mit dem Schwerpunkt auf Begriffen wie ‚Öffentlichkeit‘, ‚Kontrolle‘ und ‚Transparenz‘.
In diesen Stellungnahmen geht es stets um ‚Demokratie‘, also um die politisch-gesellschaftliche Grundidee des 20. Jahrhunderts. Man könnte deshalb von ‚Umbruchsdiskursen‘ sprechen, die folgende Umbrüche markieren:
-    1918/19: Umbruch von der autoritären Herrschaft der Kaiserzeit zur Weimarer Demokratie,
-    Nach 1945: Einleitung einer zweiten Phase der Demokratie,
-    Ab 1968 (bis hin zur Vereinigung): Veränderung des Demokratiebewusstseins.
Wichtig ist festzuhalten, dass das Jahr 1933 somit nur bedingt einen sprachlichen Umbruch markiert.  Es gibt so gesehen keine zwangsläufige Entsprechung zwischen sprachlichen Repräsentationen und gesellschaftlichen Umbrüchen.
Unter sprachlichen Repräsentationen versteht die Vortragende alle sprachlichen Manifestationen, insbesondere lexikalisch-semantische, die für die Diskurslexikologie von Relevanz sind. Im Rahmen einer Konzeptgeschichte von Diskurslexikologie sind demnach die Strukturen des Demokratie-Diskurses herauszuarbeiten. Der Referentin zufolge besteht der Diskurs aus Serien öffentlicher, themenkohärenter, kommunikativer Akte; er organisiert und aktualisiert somit Wissensbestände und verdichtet sich in Leitkonzepten, die durch Diskursbeteiligte realisiert und in spezifischen lexikalischen Beständen repräsentiert werden. (In diesem Kontext bezieht sich die Vortragende auf Michel Foucaults Publikation Ordnung des Diskurses, Paris 1972 [dt. 1974]. ) In der hier intendierten politischen Sprachgeschichtsschreibung wird mithin nach Demokratie als Leitkonzept gefragt; konkret danach, mit welchen lexikalischen Einheiten dieses Leitkonzept zum Ausdruck gebracht wird. Bei diesem Ausdrucksprozess fügt der Wissensrahmen der Beteiligten einzelne Elemente zusammen, die zueinander in netzförmiger Beziehung stehen. Die politische Mitte spricht dabei von ‚parlamentarischer Demokratie‘, die Linke von ‚Diktatur des Proletariats‘ und die Rechte vom ‚starken Staat‘ (gemeint ist hier meist die Staatsform einer quasi diktatorisch ausgerichteten Monarchie). Der sprachliche Umbruch erscheint somit als ‚Musterbruch‘; es kommt zu einer ‚agonalen Thematisierung der Musterstörung‘ und schließlich zur Etablierung eines neuen Musters.
Bezüglich des Kategoriensystems, das die Untersuchung heranzieht, ist zunächst zwischen ‚latentem‘ und ‚aktualisiertem‘ Wissen zu unterscheiden. Latentes Wissen ist in Wörterbüchern kanonisiert und geschichtsphilosophisch vorgeprägt; herausragende literarische Bearbeitungen (als Beispiel wird Fontanes Stechlin genannt) dringen in das kollektive Gedächtnis ein.
Unter aktualisiertem Wissen ist das tatsächlich vorhandene Wissen zu verstehen; hier geht es konkret um die ‚institutionelle‘, ‚ethische‘ und ‚ideologische‘ Dimension des Redens über Demokratie. ‚Institutionelles Wissen‘ ist rein denotativ-deskriptiv ausgerichtet. Die ‚ethische‘ Dimension des Wissens beinhaltet die Legitimation des Sachverhalts ‚Demokratie‘: Hier sind Begriffe wie die Würde des Menschen, Gerechtigkeit und Freiheit zentral. ‚Ideologiegebundenes Wissen‘ impliziert die parteiabhängige Bewertung des Sachverhalts ‚Demokratie‘: Hier stehen Begriffe wie ‚wahre Demokratie‘ und ‚echter Sozialismus‘ im Zentrum der Diskussion.

Im zweiten Teil ihres Vortrags legt die Referentin die Erkenntnisziele sowie die (bisherigen) Ergebnisse der von ihr am Institut für Deutsche Sprache (IDS) geleiteten Forschungsprojekte näher dar. Das übergeordnete Erkenntnisinteresse liegt in der Darstellung neuer Konzeptelemente sowie deren sprachgeschichtlicher Bewertung: Vorgenommen wird sowohl eine ‚synchrone‘ als auch eine ‚diachrone‘ Prüfung der traditionsbildenden Potenz zentraler Konzeptelemente.
Bei der ‚synchronen‘ Ergebnisdarstellung wird im Kontext der ‚institutionellen Dimension‘ die Feminisierung exemplarisch hervorgehoben (vgl. hierzu Art. 22 WRV sowie die konstitutionell normierte Ergänzung des GG von 1991, mit der neue Grundelemente der Demokratie eingeführt werden). Für die ‚ethische Dimension‘ der ‚synchronen‘ Ergebnisdarstellung ist stets ein ausgesprochener Legitimationsdruck zu konstatieren: Speziell in einem deutlichen ‚Schub‘ ab 1919 werden der Demokratie ausdrücklich ethisch-moralische Werte zugeschrieben.  Im Rahmen der ‚ideologischen Dimension‘ ist auf der politischen Rechten das Empfinden der ‚Instabilität‘ vorherrschend,  während auf Seiten der Spartakusgruppe die Grundhaltung entschieden von Misstrauen gegenüber dem Weimarer Demokratiebegriff geprägt ist.
Auf der Ebene der ‚Diachronie‘ ist der Referentin zufolge ein Unterschied zu machen zwischen dem kurzlebigen Wissen auf der einen und dem kontinuierlichen kulturellen Gedächtnis im Sinne einer festen Tradition auf der anderen Seite. Ein sprachlicher Umbruch ist nur dann zu konstatieren, wenn ein Übergang von der Ebene des Ereignisses auf die Ebene der Tradition, der Kontinuität, auszumachen ist. Die lexikographischen Ergebnisse zu diesem Fragenkomplex sind vorerst, wie die Vortragende einräumt, noch sehr fragmentarisch: Es lässt sich jedoch schon jetzt festhalten, dass die ‚ethische Dimension‘ erst in der frühen Weimarer Zeit in die Wörterbücher Eingang findet: Z. B. wird ab 1918/19 mit ethischer Absolutheit von der „sittlichen Würde der Demokratie“ gesprochen. Für die Zeit nach 1945 wird in den Lexika als Staatsziel auch die „Menschenwürde“ benannt. Ab 1967/68 wäre darüber hinaus von ‚emanzipatorischer Ethik‘ zu sprechen, in dem Sinne, dass „Demokratie mündige Menschen verlangt“.

Im letzten Teil des Kolloquiums verweist die Referentin auf das ‚Online-Wortschatz-Informationssystem Deutsch (OWID)‘ des IDS,  in dessen Rahmen unter anderem ‚Sprachliche Umbrüche des 20. Jahrhunderts‘, und zwar der Demokratiediskurs 1918–1925,  der
Schulddiskurs 1945–1955  und der Protestdiskurs 1967/68  lexikalisch erfasst wurden. Speziell bezieht sie sich auf das Diskurswörterbuch 1945–1955,  das 85 Haupt- und über 200 Unterstichwörter zum Schulddiskurs umfasst. Diese Wortartikel beschreiben diejenigen Wörter, die gleichsam das lexikalische Gerüst des Schulddiskurses darstellen. Die Einträge wurden nach lexikographischen Prinzipien aus einem breit angelegten Korpus von Texten erstellt, die in den Jahren 1945 bis 1955 erschienen sind. Zunächst war also ein Inventar aus der Diskursanalyse zu generieren. Die aufgebauten Archive von Inhalts- und Ausdruckseinheiten wurden sodann dazu herangezogen, diskursive Verdichtungen zu belegen. Untersucht wird mithin die Summe der regelmäßigen Beziehungen der lexikalischen Diskurselemente. Dementsprechend sind die Prinzipien, nach denen das Diskurswörterbuch konzipiert ist, folgende:
-    das Diskursrelevanzprinzip (das Diskurswörterbuch ist, wie die Vortragende ausdrücklich betont, kein Schlagwörterbuch, sondern bezieht sich auf den gesamten, breit angelegten diskursrelevanten Wortschatz, bezieht also auch Wortbildungsmorpheme ein, wie z. B. das Morphem ‚mit‘, dem eine große Rolle im Frauenrechtsdiskurs zukommt; hingegen ist für den Umbruch von 1968 das Wortbildungsmorphem ‚gegen‘ typisch),
-    das Kontextprinzip,
-    das Korpusprinzip (wobei sich die Analyse nicht ausschließlich auf Zeitungstexte erstreckt, sondern auch Parlamentsreden, Tagebucheinträge, etc. einbezieht; diese breite Ausrichtung leitet sich aus der Vorgabe her, dass der Diskurs als kommunikatives gesellschaftliches Phänomen zu definieren ist) und
-    das Netzprinzip (herauszuarbeiten ist hier die semantische Ordnungsstruktur wie sie z. B. in den Argumentationsstrukturen zum Ausdruck kommt; aufschlussreich ist in diesem Kontext auch die Onomasiologie).

Zum ‚typologischen Ort‘ des Diskurswörterbuchs ist anzumerken, dass es zwar einen niedrigeren Allgemeingültigkeitsgrad als ein allgemeinsprachliches Wörterbuch, gleichzeitig aber einen höheren als ein Spezialwörterbuch aufweist. Damit ist das Diskurswörterbuch zwischen Standard- und Spezialwörterbuch zu verorten.
Aufgebaut ist das Wörterbuch nach dem Lemma-Ansatz: konkret bedeutet dies hier, dass nicht eigentlich auf den Täter- und Opferdiskurs, sondern genau genommen auf den ‚Nichttäterdiskurs‘ abgehoben wird. Zunächst werden allgemeine Informationen mit eingearbeiteten Verweisen gegeben (als Beispiel wird auf den Artikel ‚Antifaschist‘ verwiesen); danach folgen Literaturangaben; als Nächstes folgt eine genauere Darstellung, in der nach den beiden politischen Systemen Ost und West unterschieden wird.  Im Text erfolgt auch eine Verortung in Bezug auf andere Lemmata, die mit den jeweiligen Artikeln verlinkt sind, so dass ein virtuelles Netz entsteht.  Im Wörterbuchartikel werden dann Belege angeführt, die man sich nach Wunsch vollständig in chronologischer Reihenfolge auflisten lassen kann. Zur genaueren Verifizierung ist zudem ein Quellenverzeichnis vorgehalten.

In der sich anschließenden DISKUSSION hebt die Referentin auf Rückfrage hervor, dass – hinausgehend über die lexematische Ebene – auch Mehrworteinheiten für das vorliegende Projekt bedeutsam sind; es handele sich aber stets um Verdichtungen. Hierzu werden in Kürze Untersuchungen vorgelegt. – Bezugnahmen auf Ansätze Dieckmanns (1975) und Kleins (1989) zur Ideologiesprache  werden im Projekt zwar bewusst ausgeklammert; die Vortragende betont aber, dass die Funktion des Wortgebrauchs gerade bei wertenden Aussagen im Bereich der ethischen Dimension (man denke an die Betonung der ‚sittlichen Würde der Demokratie‘) ausdrücklich ausgewiesen wird. Ideologisches Reden rekurriere zwar auf einen bestimmten Wortschatzbereich, dennoch gehe es hierbei nicht um einzelne Wörter, sondern um den (tendenziösen) Gebrauch. Ein grundsätzliches Problem ergibt sich damit auch aus der Unterscheidung von positiven und negativen (respektive ‚legitimierenden‘ und ‚ideologischen‘) Belegen. Die Referentin räumt ein, dass diese Unterscheidungen keineswegs stichfest seien; eine alternative Verfahrensweise zeichne sich aber bislang nicht ab. – Kritisiert wird die direkte Anknüpfung an den Umbruch von 1918/19; denn ab Frühjahr 1933 sei kein positiver Bezug auf die parlamentarische Demokratie mehr möglich. Für die Anfang der 30er Jahre immer stärkeren Zulauf findenden Kreise der extremen Rechten, die sich nie durch positive Bezugnahmen auf die parlamentarische Demokratie auszeichneten, kann allerdings nicht von einem generellen sprachlichen Umbruch gesprochen werden, so dass insofern eine Perspektive der Kontinuität einzunehmen ist.  – Um ein Umbruchsphänomen methodisch korrekt und im Detail zu fassen, sei auch ein Vergleich mit anderen Textsorten unerlässlich. So zeige sich, dass Mitte der 20er Jahre zwar eine Stabilisierung eingetreten sei, für 1918/19 mit der Etablierung der parlamentarischen Demokratie jedoch ein entschiedener (auch linguistischer) Umbruch zu konstatieren sei, wie auch U. Haß herausgestellt habe.  – Weiterhin merkt die Referentin an, dass die Projektstruktur arbeitsteilig ist, insofern als z. B. eine Kollegin über den Frauendiskurs schreibt; allerdings sind hierzu vorerst noch keine abschließenden Ergebnisse zu erwarten. – Gleichwohl werden zu anderen Aspekten dieses ‚Dreischrittprojekts‘ zur Demokratiegeschichte des 20. Jahrhunderts schon in einigen Wochen, wie U. Haß in ihrem Schlusswort hervorhebt, weitere Ergebnisse verfügbar gemacht werden.
Reiner Küpper

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