Chomsky - gesehen und abgehakt?

von Reiner Küpper, Jan Hendrik Boland, Beatrix Fehse und Anna Tkachenko

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„Willst du auch zum Chomsky-Vortrag?“ – „Ja, … soll aber schon ziemlich voll sein.“ „Wenn du Glück hast, wirst du noch rein gelassen!“ Mit diesen mahnenden Worten in den Ohren hastet an diesem schwül warmen Montagabend so mancher angehender Chomsky-Schüler durch das Kölner Universitätsviertel, hoffend, noch rechtzeitig Einlass zu finden, zu ihm, zu Prof. Noam Chomsky, der als der meist zitierte Intellektuelle der Gegenwart gilt. Als solchen begrüßt ihn dann kurze Zeit später Prof. Andreas Speer, Rektoratsbeauftragter der Universität zu Köln für die Albertus Magnus Professur, der den dreiundachtzigjährigen US-Amerikaner für insgesamt zwei öffentliche Vorlesungen und ein Seminar gewinnen konnte. Und die Universität zu Köln freut sich auf ihren neuen Albertus Magnus Professor: Davon zeugen nicht nur die unzähligen Plakate in Uni-Buchhandlungen, sondern auch die große LCD-Tafel im Eingangsbereich des Hauptgebäudes, die ihn, für alle sichtbar, als Linguisten, Kognitionswissenschaftler und politischen Aktivisten ankündigt.

Unde venis, Chomsky, et quo vadis? Dein Gang ist schon etwas schlurfend und doch kommst du beschwingt die Treppe zur Bühne herauf, um deine Urkunde entgegenzunehmen und den überwältigenden Applaus, den dir die Jugend hier in der Aula begeistert spendet. Wir sind zu Tausenden gekommen, um dich für dein Lebenswerk zu ehren und weil wir dich wegen deiner umfassenden linguistischen Forschung und deiner kühnen, unabhängigen (du selbst nennst sie ‚anarchistischen‘[1]) Äußerungen so sehr schätzen. Auf jeder Stufe sitzen wir, hängen in Trauben an den Türen, wollen uns nicht abdrängen lassen in die Aula 2, wo du nur virtuell auf einer egal wie großen Leinwand zu sehen bist. In deiner Rede ist von deinem Alter nichts zu spüren. Du hast uns viel zu sagen. Die fünfzig angekündigten Minuten reichen dafür nicht aus. Was du von dir gibst, ist kompakt, sachlich, nicht frei von scharfer Kritik an der Position, die nicht die deinige ist, die nach dir kam, deine Ideen durchkreuzte und derzeit dominiert. „Existiert die Sprache oder existiert sie nicht?“, rufst du zurück. „Natürlich existiert sie“, wollen wir dir sofort zurufen. Aber zuerst müssen wir dir zuhören, denn wir wissen ja noch gar nicht, was du uns mit deiner These sagen willst. 

1. Vorlesung

Chomskys Leitfrage in der Vorlesung lautet: Was ist das Spezifikum der Sprache? Hierauf sind seine These ‚Sprache existiert‘ und deren Gegenthese ‚Sprache existiert nicht‘ bezogen. Was die Positionen voneinander unterscheidet, veranschaulicht er über zwei Bilder. In der Existenz-These ist die Sprache einem Schneekristall vergleichbar. Sie ist ein Organismus mit einer klaren, jedoch nicht auf Anhieb erkennbaren Struktur. So wie in jedem Schnee der Kristall steckt, baut Chomsky zufolge jede Sprache auf der linguistischen Kernfähigkeit des Menschen auf. Hier wie dort lägen strukturierte Module vor, die naturwissenschaftlich zu untersuchen seien. Er selbst umreißt die linguistische Kernfähigkeit des Menschen mit seiner Universalen Grammatik [UG]. Doch wird ihr Vorhandensein von den Vertretern der Nichtexistenz-These bestritten. Sie verstehen die Sprache als Resultat des Zusammenwirkens ganz unterschiedlicher neurosensorischer Systeme und damit als ein kernloses unüberschaubares Gesamtphänomen. Chomsky zufolge sehen sie in der Sprache etwas Ähnliches wie das Wetter von heute, welches rein zufällig an einem bestimmten Ort freundlich, regnerisch oder wechselhaft ist und kein Naturwissenschaftler je erforschen würde. Die Vertreter der Nichtexistenz-These betrieben absurde Forschungen, denn die Sprache sei keineswegs eine Ansammlung von Einzelheiten, die von äußeren Faktoren bestimmt werden. Ist die Sprache für Chomsky deshalb auch nichts von dem, was Wittgenstein in seinen philosophischen Untersuchungen entdeckte?
Einen gewissen Aufschluss über diese Frage erhält man, wenn man weiterhört, wie Chomsky die Entwicklung der Nichtexistenz-These in der Philosophie und der Sprachwissenschaft nachzeichnet. Er wendet sich dabei u. a. gegen einen Text von N. J. Enfield, der den Titel ‚Without Social Context?‘[2] trägt und dem ein Foto beigefügt ist, das drei Babys zeigt. Unübersehbar kommunizieren sie miteinander – ganz ohne Syntax. Enfield hätte auch drei Bakterien abbilden können, bemerkt Chomsky bissig und bringt sein Auditorium zum Lachen. Will sagen: Vielerlei reagiert völlig syntaxfrei aufeinander, doch handelt es sich dabei nicht um Sprache. Enfield fokussiere die menschliche Kommunikation, die freilich kontextabhängig sei, aber doch von dem, was Sprache im Wesentlichen ausmache, unterschieden werden müsse. Insofern prallt die im Laufe der Jahre immer häufiger gegen Chomsky vorgebrachte Kritik, er müsse in seine Analysen Kontextuelles mit einbeziehen, von ihm ab. Er analysiert nicht die aus seiner Sicht linguistisch periphere menschliche Kommunikation, sondern etwas, was er als das linguistische Basissystem versteht. An dem Beispielsatz ‚Er fragte sich, ob die Mechaniker die Autos repariert hatten‘ macht er sein Anliegen konkret. Er hat ihn sich ausgedacht. Der Satz ist an keinen bestimmten Kontext gebunden, für Chomskys Analyse aber geeignet, denn ihn interessiert allein die ihm inhärente Regelstruktur. Chomsky führt vor: Wenn man Anschlusssätze konstruiert, sind bestimmte Verstöße gegen das Regelsystem (wie etwa die Island- bzw. ECP-Violation) aufschlussreich.
Das heißt, Chomsky distanziert sich von der linguistischen Richtung, die in der Tradition Wittgensteins den, wie er es nennt, kommunikativen Aspekt der Sprache untersucht, da diese Richtung seiner Meinung nach keine wissenschaftlichen Analysen betreibt. Er selbst nimmt sich stattdessen die naturwissenschaftliche Forschung zum Vorbild und fordert, dass in ihrem Sinne die Linguistik fortzuführen sei. Physiker kämen auch nicht auf die Idee, ihre in den letzten 1.000 Jahren gewonnenen Erkenntnisse über Bord zu werfen und statt z. B. herunterrollende Bälle zu beobachten, aus dem Fenster zu schauen, um sichere Prognosen darüber abzugeben, was dort draußen als Nächstes passieren werde.
Wer glaubt, in dem Vortrag ginge es bloß um eines von vielen interessanten Themen im Rahmen der Linguistik, irrt. Chomsky zeigt die Entzweiung der Sprachwissenschaft an einer Grundsatzfrage auf, er positioniert sich selbst klar und greift seine Kontrahenten scharf an – aber ohne dass seine Stimme dabei laut und seine Gesten groß würden. So ist er. Prosit, Chomsky!

Nach der Vorlesung verlassen wir nachdenklich die Aula 1. Chomsky bleibt noch eine Weile stehen, umgeben von den Organisatoren der Veranstaltung und seinen Anhängern. Wir gehen, aber unsere Gedanken kreisen um all die Dinge, die gerade angesprochen wurden. Wochen werden vergehen, aber wir werden uns immer noch so eifrig an diese Ideen erinnern. Wir werden Bibliotheken durchstöbern, um die Zusammenhänge besser zu verstehen. Wir werden mit unseren Freunden und Kollegen sprechen und keine Ruhe mehr finden. Und genauso wird es auch vielen anderen gehen, die diese wunderbare Begegnung mit einem der größten Linguisten der Welt genießen konnten – sei es auch nur bei einer öffentlichen Vorlesung, die  trotz ihrer Informationsdichte nur ein kleiner Teil von dem ist, was Chomsky geleistet hat.
Wie eine gigantische Kugel, die auf eine andere Kugel stößt, wie ein Planet und ein Meteor, die im Weltall aufeinandertreffen – unsere Flugbahn ist für immer verändert, seitdem Chomsky ins Rampenlicht der modernen Geisteswissenschaften getreten ist. Ja, dies ist deine Mission, lieber Chomsky – du provozierst gerne und gibst tausende Denkanstöße. Nein, die Sache ist sicherlich nicht abgehakt – ab jetzt sind wir für immer in Bewegung. Und du, Chomsky, quo vadis?

Seminar

In dem so genannten Seminar vom 08. Juni gibt NC folgende Antworten auf Fragen, die sich auf die linguistische Vorlesung vom 06. beziehen. Zunächst betont er in etwa sinngemäß: Über den evolutionären Prozess ist zu wenig bekannt. Auch über das Gehirn weiß man nicht genug. Nur elektrische Aktivität bzw. höherer Blutdruck können gemessen werden: Es gibt also wenig direkte neurologische Evidenz. Dementsprechend sind nur vage Rückschlüsse möglich.
An einem bestimmten Punkt der Evolution („small window“/ „blink of an eye in evolutionary terms“) haben die Menschen etwas erworben, das den Tieren fehlt. Die Veränderung fand zunächst in einem Individuum statt, vererbte sich in nachfolgenden Generationen jedoch in den zunächst kleinen Gruppen, denn der Selektionsvorteil kann zu mehr Reproduktion führen. (In den letzten 50.000 Jahren hat es allerdings keine diesbezügliche evolutionäre Weiterentwicklung mehr gegeben.)
Die Sprache war in diesen kleinen Gruppen zunächst „designed for thought“, nicht für „speech“. Die Sprache scheint ein „thought-system“ zu sein. Die sprachliche Struktur wird durch „thought“ modifiziert. Zurzeit gibt es keine Alternative zu der These, dass das Denken ein sprachbasiertes System ist. Das Denken ist die wirkliche Sprache, auch wenn nicht alles Denken sprachlich ist.
Einem/r intelligenten SprecherIn („some smart guy“) dürfte dann irgendwann aufgegangen sein, dass es nützlich ist, Sprache zu externalisieren. Die Verschiedenheit der Sprachen kann auf eine Vielzahl von Externalisierungen zurückgeführt werden. Das Externalisierungs-System ist ein sekundäres System. Man lernt Oberflächenphänomene, weshalb die Sprachen notgedrungen komplex sind. Dennoch lernen Kinder schnell. Sie müssen also über ein primäres oder Kern-System verfügen [das Chomsky „Universal Grammar“ (UG) nennt].
Die Sprachaneignung erfolgt nach minimalistischen Grundsätzen. [Chomsky räumt allerdings ein, dass hier der Ausdruck „minimal“ irreführend ist.] Das sog. minimalistische Programm ist eine Fortführung dessen, was immer schon gemacht wurde: also nur eine unterschiedliche Forschungsstrategie. Ideal erscheint aus heutiger Sicht ein Programm, das die Parameter entschieden vereinfacht. Diese Parameter gibt es aber nur in dem externalisierten System. In dem Kern-System gibt es überhaupt keine parametrische Variation. Es gibt zwei ganz unterschiedliche Parameter: Mikro- sowie Makro-Parameter. Die Frage ist, ob Makro-Parameter zum Kern-System oder zur Externalisierung zählen. Um die Gruppen-Identität zu bewahren, könnten – um die Adressaten zu hintergehen – unterschiedliche Makro-Parameter gewählt worden sein. Hierfür gibt es aber wenig Belege.
Die Sprache (im Sinne des Kern-Systems) hat sich nicht verändert, nur der Sprachgebrauch (der dem sekundären / externalisierten System zuzuordnen ist). Da gibt es keinen Zusammenhang. Sprache ist ein Werkzeug, z. B. ein Hammer, wobei es irrelevant ist, wofür man dieses Werkzeug benutzt (beispielsweise für den Hausbau). Das Deutsche kann als Beispiel herangezogen werden: Der Sprachgebrauch hat sich in den letzten 100 Jahren fundamental geändert, aber die Veränderungen, die das linguistische Kern-System erfuhr, sind minimal. Fast alles basiert auf angeborenen Faktoren bzw. Strukturen. Die Grammatik selbst war zunächst rein angeboren. Ob die Erfahrung die Grammatik veränderte, ist reine Spekulation. Die Erfahrung hat allerdings eine Auswirkung. Es muss ein grammatisches Kern-System geben, sonst ist die Erfahrung unzusammenhängend. Es muss also ein vorgeformtes, angeborenes System geben. Aber, wie gesagt, man weiß darüber wenig.
Musik wie auch Tanz scheinen universal zu sein. Teilweise scheint Musik auf Sprache (im Sinne des Kern-Systems) zu basieren. Auch die Rechen-Fähigkeit ist typisch menschlich, auch wenn sie erst in jüngster Zeit – und dazu nur von einer kleinen Anzahl von Menschen – genutzt wurde (sie kann jedenfalls nicht selektiv gewirkt haben). Es gibt also eine Vielzahl von unterschiedlichen Systemen (vgl. z. B. auch das Kommunikationssystem der Bienen). Es handelt sich also um eine sehr komplexe Angelegenheit. Bezüglich der meisten Fragen der Kommunikation hängen wir also wieder in der Luft. Beim Menschen scheint es aber eine genetische Restriktion zu geben: Wie könnten sich sonst Kinder auf der Grundlage von minimaler Erfahrung so schnell einen Stil aneignen?
Die Aneignung von Sprache ist jedoch nicht auf ein bestimmtes (frühes) Alter begrenzt. Freilich muss jede angeborene Fähigkeit in einem bestimmten Alter implementiert werden. Auch wenn es sich um ein angeborenes System handelt, so muss es doch stimuliert werden, sonst wird diese Fähigkeit verkümmern. Die kindliche Sprachaneignung ist zwar repetitiv, aber es gibt Unterschiede. Die neuronalen Unterschiede hängen davon ab, wie die Eltern mit ihren Kindern sprechen: Ohne angemessene Stimulationen kommt es zu keiner normalen kognitiven Entwicklung. Es gibt sogar Lernen im Uterus: Ein Neugeborenes kann die Sprache der Mutter von der anderer Personen unterscheiden. Ein identifizierbarer Teil des menschlichen Gehirns sucht die Umwelt daraufhin ab, ob etwas berührt oder gehört werden kann. Bereits im Alter von zehn Monaten hat ein Kind die grundlegenden Unterschiede erfasst. Bereits im Alter von 18 Monaten ist eine Muttersprache existent. Eine kritische Periode ist natürlich auch die Pubertät. Piagets Phaseneinteilung ist jedoch wohl falsch. Generell gilt, dass stets die gleiche Art von Einflüssen bzw. Stimulationen relevant ist.
Ob es in dem Kern-System auch eine lineare Ordnung gibt, ist die Frage. Die lineare Ordnung rührt wohl von der Externalisierung her: Es handelt sich hier um einen Reflex des senso-motorischen Systems. Nur in der Gebärdensprache kommt Parallelverarbeitung vor.
Die Frage, ob die Syntax inzwischen ihren autonomen Status eingebüßt hat, beruht auf einem Missverständnis. Bei Frege bzw. Peirce meint Syntax nur Symbol-Manipulation. Das gilt nach wie vor. Die Frage, ob die Syntax auch vom Lexikon abhängig ist, wird wie viele andere Fragen (wie „feature inheritance“) noch intensiv untersucht.
Rückblickend lässt sich festhalten, dass die Vorstellung von Sprache in den 50er Jahren sehr unterschiedlich von der heutigen war. In den frühen Ansätzen stellte die TG ein Format von Grammatik dar, das eine unbegrenzte Anzahl von Möglichkeiten zuließ. Später gelang eine erfolgreiche Reduktion der TG: In den 80er Jahren wurden diese infiniten Optionen durch ein produktives Forschungsprogramm (cf. Minimal Program, etc.) auf eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten zurückgeführt (vgl. auch „internal and external merge“, etc.). Freilich gibt es nach wie vor offene Fragen.
Die Sprache ist ein Naturphänomen. Deshalb sollte die Linguistik nicht von den Naturwissenschaften getrennt werden. Die Humanwissenschaften dürfen nicht alles und jedes, das zu den erhobenen Daten in Widerspruch steht, einfach ausklammern: Dieses Vorgehen ist irrational. (Positivbeispiel Astronomie: Als Abweichungen von den zu erwartenden eliptischen Umlaufbahnen bestimmter Planaten festgestellt wurden, gingen die Astrophysiker nicht hin und verwarfen die bisherigen Theorien (bis hin zu Keppler), sondern stellten genauere Untersuchungen an, die u. a. zur Entdeckung des Planeten Pluto führten.) Eine rein datenbasierte Forschung ist [nach Chomsky] ohnehin problematisch; zu viele Daten bewirken unter Umständen nur, dass der Blick für das Entscheidende verloren geht: „You have to ask the right questions!“ Wie man sicherstellt, dass die entscheidenden Fragen gestellt werden, macht Chomsky allerdings nicht deutlich; es bleibt nur der Eindruck, dass hierzu ein gerüttelt Maß an Genialität gehört. Doch wie ließe sich Genialität szientistisch fassen? ...

[1] Siehe „Studenten sollen Anarchisten werden“ in DIE ZEIT Campus, Nr. 4, Juli/August 2011 (S. 30 – 31)
[2] Siehe das Download unter <http://www.mpi.nl/publications/escidoc-527132/@@popup>.


Reiner Küpper, Jan Hendrik Boland, Beatrix Fehse, Anna Tkachenko

Abbildungsnachweise:
Abb. 1, 5, 6, 7 u. 8: Anna Tkachenko
Abb. 2: © Eva Seidenfaden: <http://www.paraselene.de?125964>
Abb. 4: Alice Lechleitner (Ausschnitt)

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