Bericht über den Vortrag "Die Epigrammatik der Stadt" von I.H. Warnke im Linguistischen Kolloquium an der Uni DuE

von Reiner Küpper und Anna Tkachenko

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Ingo H. Warnke (Bremen): Die Epigrammatik der Stadt

Vortrag im Linguistischen Kolloquium am 29. Januar 2013

Abstract: „Zu den neueren stadtbezogenen Entwicklungen der Soziolinguistik gehört die Erforschung von Linguistic Landscapes, also von Schriftlichkeit im öffentlich wahrnehmbaren Raum der Stadt. In der Regel werden im Rahmen dieser Forschungen Mehrsprachigkeitsverhältnisse in urbanen Kontexten untersucht. Mit dem variationslinguistischen Ansatz der Linguistic Landscape-Forschung sind aber die linguistisch relevanten und interessanten Aspekte der Beschilderung und Beschriftung des öffentlichen Raums keineswegs erschöpft. Der Vortrag befasst sich entsprechend mit Daten der Linguistic Landscape außerhalb der engeren Variationslinguistik und interpretiert diese als Formen einer epigrammatischen Schriftlichkeit. Kennzeichen der Literalität im urbanen Raum sind dabei unter anderem grammatische Formen mit indexikalischen Raumbedeutungen, die exemplarisch vorgestellt werden.

Der Vortrag, der sich dem Forschungsfeld der Urban Linguistics zuordnet und in der Diskurslinguistik verankert ist, wird zeigen, dass mit der grammatisch ausgerichteten Untersuchung von Schrift in den Oberflächen der Stadt eine dreifache konzeptionelle Erweiterung linguistischer Praxis verbunden ist: 1. Hinsichtlich des Gegenstandes konzentriert sich die Erforschung von Linguistic Landscapes nicht weiter auf die üblichen diskurslinguistischen Massendaten, sondern nimmt singuläre Phänomene in den Blick. Gegenstand entsprechender Forschungen sind Formen singulärer Schriftlichkeit in öffentlich wahrnehmbaren Kommunikationskontexten. 2. Das theoretische Interesse an entsprechenden Phänomenen schließt an aktuelle Diskussionen zur kommunikativen Ortsherstellung an. 3. Methodisch wird schließlich das Mobilitätsparadigma der Urban Studies aufgegriffen.

Die Epigrammatik der Stadt ist damit ein linguistisch reichhaltiger Gegenstand, der zu dichter Beschreibung auffordert. Der Vortrag darf als Schritt in diese Richtung verstanden werden.

tl_files/bilder/Veranstaltungen/Warnke_Bild_1.jpgIngo H. Warnke (Zeichnung: Anna Tkachenko), Professor für Deutsche Sprachwissenschaft und Interdisziplinäre Linguistik an der Universität Bremen. Zu seinen aktuellen Forschungsschwerpunkten zählen neben der Erforschung des Sprachgebrauchs in der deutschen Kolonialzeit im Rahmen des Bremischen Forschungsschwerpunktes "Koloniallinguistik" die Urban Linguistics. Ingo H. Warnke ist Koordinator des internationalen und interdisziplinären Forschungsnetzwerks USRN (Urban Space Research Network), einer gemeinsamen Initiative der Universitäten Bremen und Heidelberg.

Im hier zu referierenden Vortrag, in dessen Titel zwei Bedeutungen mitschwingen, wird der Aspekt der ‚Grammatik‘ fokussiert: Dem Referenten ist es um eine grammatisch orientierte Analyse von Schriftoberflächen im öffentlichen Raum zu tun. Es geht um eine ethnographisch relevante Schriftlichkeit. Diese Perspektive ist im Rahmen der ‚linguistic landscape‘-Forschung durchaus ungewöhnlich.

Diskurslinguistisch liegt der Fokus auf dem Gentrifizierungs-Diskurs; konkret werden singuläre Vorkommen von Aussagen untersucht: Dies ist ein neuer Weg der Diskursanalyse.

Als akademisches Konzept wird ‚gentrification‘ in der Regel einer eher kritischen Betrachtung unterzogen. So definiert Ruth Glass (in: London Aspects of Change (1964), London: MacGibbon & Kee) ‚gentrification‘ als einen Vorgang, in dessen Verlauf urbane Wohngebiete der Unterschicht von der Mittelklasse besiedelt werden, was die Autorin letztendlich als Invasion versteht: „once it starts in a district it goes on rapidly until all or most of the original working class occupiers are displaced“ (ebd.). Die implizierte Bedrohung aus Sicht der ursprünglichen Bewohner wird im akademischen Diskurs durch die Schlüsselwörter „invaded/displacement/change“ zum Ausdruck gebracht.

Der positive Aspekt der Gentrifizierung wird hingegen gerne von Stadtpolitikern vertreten, wobei hier mit der Erhaltung der Städte durch wirtschaftliche Vorteile, die die Besiedlung durch die Mittelklasse mit sich bringt, argumentiert wird.

In der kritischen Geographie wird Gentrifizierung als ein Teil der aggressiven, revanchistischen Ideologie beschrieben, die sich die Zurückgewinnung der Städte für die Mittelklasse als Ziel setzt und in diesem Sinne als akademische Kritik an der positiven Reaktion von Stadtpolitikern zu verstehen ist (vgl. Loretta Lees (2008), „Gentrification and social Mixing: Towards an Inclusive Urban Renaissance?“ Urban Studies 45, 2449-2470).

Worin besteht nun der Zusammenhang mit Sprache bzw. Linguistik? – Zunächst hebt der Referent hervor, dass Gentrifizierung ein semantischer Kampfbegriff um Deutungshoheit ist. Dieses Faktum erhellt aus der massenmedialen Protest-Kommunikation (wie sie beispielsweise in Blogs geführt wird). Im Kontext dieses massenmedialen Diskurses über die Stadt liegt der Schwerpunkt hier auf dem Aspekt der Verdrängung sozial schlechter Gestellter durch eine gehobene Schicht. Dieser Streit wird sprachlich ausgefochten. Es liegt mithin eine diskursive Formation mit linguistischer Relevanz vor. Gentrifizierung ist somit auch als diskursives Ereignis einzustufen. Die Frage erhebt sich nun,  wie der Gentrifizierungs-Diskurs analytisch zu erfassen ist. Eine Möglichkeit der Annäherung an den Gentrifizierungs-Diskurs, die sich anbietet, wäre (im Sinne von z. B. Noah Bubenhofer) korpusbasiert auf der Grundlage großer Korpora nach sprachlichen Indikatoren Ausschau zu halten. Eine andere Möglichkeit besteht nach Ansicht des Referenten darin, singuläre Aussagen bzw. Daten zu untersuchen.

Zu 1.: Hier liegt die Analyse von Zeitungskorpora nahe. Derlei korpusbasierte Analysen zeigen, dass im deutschsprachigen Gentrifizierungs-Diskus die taz führend ist; der räumliche Fokus liegt eindeutig auf Hamburg und Berlin. In den USA boten insbesondere die New York Times sowie die Washington Post der Gentrifizierungs-Kritik weiten Raum; nach der Pleite von Lehman Brothers bricht der amerikanische Diskurs jedoch ein. In Frankreich wandten Zeitungen wie Libération diesem vom Anspruch her  ‚linken‘ Thema viel Aufmerksamkeit zu. Wegen der heute weit vorangeschrittenen Segregation in Paris kommt diesem Diskurs mittlerweile viel geringere Bedeutung zu. Internationale Vergleiche sind aber aufschlussreich.

Zu 2.: Der Referent geht vom ‚Mobility-Paradigma‘ aus, womit der Anspruch verbunden ist, sich im Sinne einer teilnehmenden Erhebung durch die Stadt zu bewegen mit dem Ziel, die ‚linguistic landscape‘ zu erfassen. Die ‚Epigrammatik der Stadt‘ – als Opposition zu Land – ist folglich soziolinguistisch ausgerichtet: Es besteht ein Interesse an der Ermittlung schriftlicher Aussagen als singulären, ethnographisch relevanten Schriftdaten und an der Mehrsprachigkeitssituation im öffentlichen Raum der Stadt (vgl. hierzu R. Laundry & R. Y. Bourhis (1997): “Linguistic Landscape and Ethnolinguistic Vitality: An Empirical Study”, Journal of Language and Social Psychology 16(1), 23-49).

Das ‚linguistic landscape‘-Konzept impliziert auch die Sprachbewertung in multilingualen Settings (man denke an Städte wie Jerusalem). Weniger im Zentrum dieses Konzepts steht jedoch (Loretta Lees zufolge) die ‚self-segregation‘ der neuen Mittelschicht, wobei die ‚self-segregation‘ hier als ein seitens der Teilnehmenden erwünschter Prozess dargestellt wird. In Deutschland sind die Gentrifizierungs-Areale eher monolingual ausgerichtet; deshalb kann der Ansatz der ‚linguistic landscape‘ hier nur zum Teil aufgegriffen werden, bzw. ist sogar zu kritisieren. Jedenfalls ist die Annäherung an das Epigramm nichts Neues, zumal es sich beim Epigramm um ein uraltes Phänomen handelt.

Nach einem Exkurs zur Epigrammatik des 19. Jahrhunderts geht der Referent auf das Konzept ‚Epigrammar of Inscription‘ (EOI) ein. Die Erläuterung dieses Ansatzes zur Aufschrift resp. Inschrift im öffentlichen Raum wird mithilfe eines poetologischen Textes über das Epigramm von Guillaume Colletet von 1658 (New Edition 1965) eingefädelt. Colletet gibt nicht nur eine Definition des Epigramms, sondern beschreibt auch dessen signifikante Merkmale: Erstens wird stets die materielle Dimension beschrieben; zweitens geht es beim Epigramm typischerweise um Bewertungen (und damit um eine funktionale Bestimmung); drittens wird immer auf Kontexte abgehoben. Dementsprechend differenziert die EOI zwischen drei Ebenen: der materiellen, der funktionalen und der Erzählung von Ereignissen (Kontextualität). Diese drei Ebenen sind nach Ansicht des Referenten bei der Bestimmung eines adäquaten Grammatik-Begriffs in den Blick zu nehmen. Unter Umständen laufen diese Überlegungen auf einen engeren Grammatik-Begriff hinaus als in der Linguistik üblich. Diese Problematik wird an einem konkreten Beispiel vorgeführt. Jedenfalls müsse die Materialisierung, so der Referent, eine grammatische Relevanz besitzen; zweitens müsse eine spezifische Funktion vorliegen: nämlich im Sinne des ‚linguistic landscape‘-Konzepts die Funktion des ‚placemaking‘ (womit Raum und Ort, nicht einfach ‚space‘ gemeint ist: also die spezifische Bebauung, die belebte Sprache (Handlung)); drittens geht es stets um Erinnerung (‚places‘ sind immer erinnerbar, wobei auch Emotionen ins Spiel kommen). Gesichtslose ‚Nichtorte‘ (wie Shopping Malls, etc.) sind hingegen ohne spezifischen Ortscharakter. Damit wird deutlich, dass Orte zu Orten gemacht werden (funktionale Ebene). (Vgl. hierzu John Friedmann (2010), „Place and Place-Making in Cities. A Global Perspective“, Planning Theory & Practice, vol. 11, no. 2, 149-165). – Die Gentrifizierung ist auf der dritten Ebene angesiedelt.

Auf das heutige Berlin bezogen bietet sich der Stadtteil Prenzlauer Berg als Untersuchungsfeld an. Im Sinne seines Ansatzes der Analyse singulärer Beispiele rekurriert der Referent auf vorzufindende Aufschriften wie:

  ein öffentlicher   Spielplatz

 

 

Laut formaler Negationsanalyse belegt die Entfernung des initialen ‚K‘, dass eine Interaktion stattgefunden hat: Als Befund aus teilnehmender Beobachtung ist mithin eine Negationseliminierung zu konstatieren, die einen deontischen Gehalt aufweist; die Paraphrase könnte lauten: ‚soll ein öffentlicher Spielplatz sein‘. Bei diesem Phänomen handelt es sich nicht um einen Einzelfall, der aber nicht in Massenmedien aufgegriffen wird, sondern verstreut vorkommt. Aus linguistischer Sicht ist freilich zu konstatieren, dass die auf dem Schild erkennbaren Klebereste keine herkömmlichen linguistischen Daten darstellen. Dennoch ist die Entfernung des Grafems ‚K‘ als Aktion im sozialen Kampf zu bewerten – hier komme also die Materialität ins Spiel. Konkret geht es um das Verbot der öffentlichen Nutzung eines privaten Spielplatzes, mithin handelt es sich bei der beschriebenen Interaktion um eine Negation der Negation, also um einen metalinguistischen Kommentar, der durch eine pragmatische Negationsanalyse im Spannungsfeld von möglich und notwendig zu verorten wäre. Ein deontisches Moment ist damit unübersehbar; denn der eingeforderte Ort überschreibt die ursprüngliche Deklaration des Orts. In der metalinguistischen Negation (vgl. Laurence Horn, 1985 und Matti Miestamo (2009)) wird das Schild als Schild negiert. Es geht letztlich um die Art und Weise, wie hier Schilder aufgehängt werden. Außer dem Aspekt der Materialität und der Negation ist auch das ‚placemaking‘ involviert: Der Streit um die Frage, wem die Stadt gehört (also um ‚displacement‘ und ‚segregation‘), wird hier auf ganz kleiner Ebene ausgehandelt.

In der an den Vortrag anschließenden Diskussion betont der Referent, dass im Sinne einer Triangulierung die korpuslinguistische Aufbereitung mit der beschriebenen Mikroanalyse gekoppelt werden sollte. Die Mikroebene wäre somit im Kontext von massenmedialer Darstellung zu untersuchen. Aber auch diese Mikroebene gelte es genauer in den Blick zu nehmen. Die Gefahr, die mit diesem Vorgehen verbunden ist, besteht freilich darin, dass sich der hohe Aufwand kaum bzw. sich erst bei vielen Einzelfällen lohnt.

Der Referent verfügt über eine größere Belegsammlung aus dem Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, der ein diskursiv weit thematisiertes Feld darstellt. Die großen Straßen Berlins bilden sozusagen Isoglossen, die große Areale begrenzen. Die Straßennamen sind Toponyme, die gerade auch historisch ausgerichtet sind. Es geht folglich um die Gesamtkartierung eines Areals. Indem der teilnehmende Beobachter sich den erhobenen Daten aussetzt, schält sich eine Diskurskonstellation heraus. Durch Benennung wird jedenfalls immer auch Macht markiert, was am Beispiel der oben geschilderten Überklebung nachvollziehbar wird. (Im Stadtteil Prenzlauer Berg ist überdies der Gendereffekt wichtig, was das Beispiel negierter Kinderwagen-Schilder belegt).

Es schließt sich eine Kontroverse über den zugrunde gelegten Grammatikbegriff an: Der Referent beharrt darauf (unter anderem unter Verweis auf die Konstruktionsgrammatik), dass es sich bei dem von ihm beschriebenen Phänomen um ein grammatisches Phänomen handelt: Was er vorgeführt habe, sei eine modale Paraphrase – und Modalität sei ein klassisches grammatisches Phänomen (wie im übrigen auch Negation). Überhaupt gehe es ihm um einen integrativen Ansatz, der nicht auf Kosten der Lexikologie konzipiert ist. (Zur Abrundung weist der Referent noch auf ein originär lexikologisches Phänomen hin, nämlich die ‚Wiedergeburt des Fräuleins‘, speziell bei Benennungen von Cafés - was einen Eindruck von Nostalgie erweckt.)

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