Deutsch diachron – eine Einführung in den Sprachwandel des Deutschen

Berlin: Erich Schmidt Verlag 2012 (326 S.; Preis: € 19,95)

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Einführungen und Darstellungen zur deutschen Sprachgeschichte gehören seit jeher zum festen Kanon der Lehrbücher im Germanistikstudium. Namen wie Peter von Polenz oder Wilhelm Schmidt sind eng mit ihnen verbunden. Seit einigen Jahren jedoch konzentriert sich die Sprachgeschichtsforschung mittels korpuslinguistischer Methoden ebenso auf Erklärungen bestimmter Sprachwandelprozesse. Es ist nicht mehr nur das Was von Interesse, sondern auch das Warum und Wie, wodurch auch Tendenzen der Gegenwartssprache erklärt werden können. Mit ihrem 2007 herausgegebenen und zuletzt 2010 neu aufgelegten Lehrbuch Historische Sprachwissenschaft des Deutschen – eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels hat Damaris Nübling eine gewisse Pionierarbeit geleistet. Klaus-Peter Wegera und Sandra Waldenberger folgen nun mit Deutsch diachron – eine Einführung in den Sprachwandel des Deutschen, die in der Reihe Grundlagen der Germanistik des Erich Schmidt Verlages erschienen ist, dieser Linie und setzen eigene Akzente.
Ausgehend von Beschreibungen und Zielsetzungen der historischen Linguistik, Grundlagen der Vatl_files/bilder/Publikationen-Rezensionen/Sonstige Archivrezensionen/Wegera_Deutsch_Diachron.pngrietätenlinguistik und schließlich der klassischen Periodisierung (S. 9–21) werden im zweiten Kapitel Sprachwandeltypen vorgestellt (S. 22–61). Auf diesen Grundlagen aufbauend widmen sich Wegera/Waldenberger dem Bereich der Schrift und Orthographie (S. 62–93). Allein schon die Berücksichtigung und übersichtliche Darstellung von Sprachwandeltheorien und -prozessen in Verbindung mit den darauf fußenden Teilbereichen der Sprache ist als sehr begrüßenswertes und nötig gewesenes Novum bei Einführungen zur historischen Linguistik zu betrachten.
Innerhalb des Kapitels zur Schrift werden die Etablierung des Zeicheninventars und die Herausbildung der Orthographie und Interpunktion im Spektrum von Hören und Lesen besprochen.
Von der Schrift gehen die Autoren im darauf folgenden Kapitel zur lautlichen Beschreibung bzw. zum Lautwandel über (S. 94–139), wobei sie einen Großteil der Silbenstruktur widmen.
Das fünfte und umfangreichste Kapitel (S. 140–207) beschäftigt sich mit einem Bereich, der bis heute und gerade heute zu kontroversen Diskussionen im Fokus von Sprachpflege bzw. (grammatischer) Norm einerseits sowie Anzeichen eines möglichen Sprachwandels im Gegenwartsdeutschen andererseits führt: Gemeint sind Flexionsmorphologie und Syntax im Spiegel synthetischen und analytischen Sprachbaus. Dass viele Prozesse wie Flexionsabbau respektive die tendenzielle Entwicklung zu einem eher analytischen Sprachbau des Deutschen keine neue Entwicklung darstellen, wird anhand dieses Kapitels unter Berücksichtigung von Genitiv, Präpositionen, Abbau starker Verbalflexion etc. deutlich.

Das letzte Kapitel schließlich (S. 208–261) behandelt Aspekte des Wortschatz- und Bedeutungswandels, die (ähnlich wie Morphologie und Syntax) so stark miteinander verbunden sind, dass eine gemeinsame Besprechung sinnvoll erscheint. Bezüglich der Lexik liegt ein Schwerpunkt auf der Wortentlehnung, wobei auch hier im Hinblick auf das Gegenwartsdeutsche deutlich wird, dass je nach soziokulturellem Hintergrund bestimmte Entlehnungswellen ebenfalls keine Neuheit sind. Der letzte Teil des Kapitels ist Gesichtspunkten des semantischen Wandels wie Bedeutungserweiterung, -verengung, Metaphorisierung usw. gewidmet. Ein Glossar sowie die Vielzahl an Graphiken und weiterführenden Literaturhinweisen in jedem Kapitel runden den Einführungscharakter ab.

Anders als z.B. bei Nübling (2007) fehlt jedoch bei Wegera/Waldenberger der explizite bzw. tiefergehende Bezug zur Rolle der Pragmatik. Pragmatik kann innerhalb der Sprachgeschichte zunächst in dreifacher Hinsicht betrachtet werden: einmal als erste Stufe von Sprachwandel (Sprachverwendung), die je nach Konstanz mehr und mehr Einfluss auf das Sprachsystem nehmen kann; ferner im Zuge sogenannter Pragmatikalisierungsprozesse, bei denen grammatische Funktionswörter vermehrt diskurssteuernde Funktionen übernehmen, wie beispielsweise beim Gebrauch von weil als Diskursmarker im gegenwärtigen mündlichen Sprachgebrauch. Und schließlich kann Pragmatik auch als eher konventioneller Sprachgebrauch in interaktionalen Kontexten gemäß einer historischen Pragmatik verstanden werden, wie z.B. Sprechakte diachron, Anredekonventionen usw. Auf Letzteres gehen Wegera und Waldenberger nicht ein. So verwundert es beispielsweise auch nicht, dass Aspekte des Text(sorten)wandels überhaupt nicht berücksichtigt werden, obgleich (oder vielleicht gerade weil) dieser Bereich weitgehend noch ein Desiderat der Forschung darstellt. Hierbei sowie beim Sprachwandel generell könnte ebenso eine differenziertere Betrachtung und stärkere Berücksichtigung des Mündlichkeits- und Schriftlichkeitspols, deren Unterscheidung die Autoren allerdings als problematisch ansehen (S.10), mit den zugrundegelegten Korpustexten einhergehen. Vilmos Ágel und Mathilde Hennig zeigen nämlich anschaulich und exemplarisch in ihrem 2006 herausgegebenen Sammelband Grammatik aus Nähe und Distanz – Theorie und Praxis am Beispiel von Nähetexten 1650-2000, dass dies nicht unmöglich ist. Der Einbezug all dieser Aspekte ist nach nunmehr 40 Jahren kommunikativ-pragmatischer Wende auch in der Sprachgeschichte dringend erforderlich und wäre in einem eigenen Kapitel bei Wegera/Waldenberger wünschenswert gewesen.

Für den systemlinguistischen Bereich unter Einschluss der Semantik lässt sich jedoch insgesamt sagen, dass diese Einführung aufgrund ihres Aufbaus, ihrer übersichtlichen und abbildungsreichen Darstellung, ihrer klaren Sprache sowie ihrer Nähe zu authentischem Korpusmaterial für die universitäre Lehre als gelungen und empfehlenswert bezeichnet werden kann.

Rezensiert von Kevin Ch. Masalon

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