Heidrun Kämper: Aspekte des Demokratiediskurses der späten 60er Jahre. Konstellationen - Kontexte - Konzepte.

(=Studia Linguistica Germanica 107). Berlin/Boston: de Gruyter 2012, 344 S.; ISBN 978-3-11-026342-8.

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Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche scheinen auch immer Zeiten sprachlicher Umbrüche zu sein, zumindest sind in ihnen Werte und Wertvorstellungen, Traditionen, Ziele, Visionen nicht nur tagespolitisch, sondern vor allem sprachlich umstritten, in der Politik ebenso wie in der Medienöffentlichkeit. Überraschend ist dabei vielleicht, dass mit Ausnahme der sogenannten ‚Wende‘ 1989/90 sprachliche Umbrüche zwar als sprachhistorische Phänomene (Reformationszeit, Dreißigjähriger Krieg oder Französische Revolution), nicht aber als Phänomene der jüngeren Sprachgeschichte wahrgenommen wurden. Die Untersuchung der Sprachgebrauchsweisen und ihrer Veränderungen in Umbruchssituationen und die „Epochengrenzen an s i c h“ (S. 39; Hervorhebung im Original) stellen eines der wesentlichen Forschungsfelder von Heidrun Kämper dar. Nach ihrer Darstellung der frühen Nachkriegszeit in der 2005 erschienenen Monographie Der Schulddiskurs in der frühen Nachkriegszeit. Ein Beitrag zur Geschichte des sprachlichen Umbruchs nach 1945 legt sie nun gleichsam den Nachfolgeband vor, der die nächste große Umbruchsphase der Bundesrepublik Deutschland bearbeitet – die späten 60er Jahre. Wie bereits im Vorgängerband handelt es sich jedoch nicht um eine Momentaufnahme innerhalb einer größeren Sprachgeschichtsschreibung oder um den Versuch, die sprachlichen und kommunikativen Verhältnisse und ihre Texte und sonstigen sprachlich-kommunikativen Handlungen überblicksartig nachzuzeichnen. Somit handelt es sich auch nicht, wie die Verfasserin zu Beginn des 3. Kapitels schreibt, in dem sie ihre theoretischen Grundlagen formuliert, um einen „weiteren Beitrag zu dem globalen linguistischen ‚Phänomen 68‘“ (S. 19). Im Mittelpunkt steht vielmehr der diesen Zeitraum dominierende Demokratiediskurs, ihr Vorgehen ist demzufolge ein diskurssemantisches: „Der Fokus des Erkenntnisinteresses ist auf den Beitrag des kritischen Diskurses der späten 1960er Jahre zur sprachlichen Demokratiegeschichte des 20. Jahrhunderts gerichtet, genauer: auf die Fundierung eines konsequenten Demokratiekonzepts durch die Kritische Theorie, auf die Rezeption (Aneignung und Radikalisierung) dieses Konzepts durch die studentische Linke, sowie auf die diskursiv repräsentierte Kommentierung dieser Rezeption durch die intellektuelle Linke.“ (ebd.)

Das Vorgehen ist ein (weites) diskursanalytisches, das – wie die Autorin – deutlich macht, vor allem des spezifischen Erkenntnisinteresses wegen einen Methodenpool darstellt, in dem die wesentlichen, etablierten linguistischen Instrumentarien für das Untersuchungsziel nutzbar gemacht werden: „Unter Diskurs verstehen wir einen Komplex seriell repräsentierter topikalisch kohärenter, kollektiver kommunikativer Akte, die von einer Gruppe von Diskursbeteiligten realisiert und textuell bzw. medial heterogen repräsentiert werden.“ (S. 21) Diese Trias – Topik, Beteiligte und Texte – bestimmt auch das konkrete Herangehen an den zu untersuchenden Diskurs. Als diskursive Grundfigur für die späten 60er Jahre bestimmt Kämper Demokratie (S. 23). Unter den am Gesamtdiskurs beteiligten Gruppen spielen zwei eine herausragende Rolle, die intellektuelle Linke um Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Jürgen Habermas, Ludwig von Friedeburg, Alexander Mitscherlich sowie Wolfgang Abendroth, Johannes Agnoli, Peter Brückner, Furio Cerutti und Hans-Magnus Enzensberger, um die wichtigsten Akteure zu nennen (S. 26), und die studentische Linke, als deren wichtigste Wortführer (neben den Vertretern anderer studentischer Organisationen) Rudi Dutschke, Hans-Jürgen Krahl, Bernd Rabehl und Wolfgang Lefèvre anzusehen sind (S. 27). Die Genannten sind es auch, die den größten Teil jener ‚Diskurstexte‘ liefern, die die beeindruckende  Materialbasis (in ihrer ganzen Vielfalt von Flugblättern, Hörfunkinterviews, Reden und Erinnerungen, Zeitschriftenbeiträgen und Dokumentationen und vielem mehr auf S. 31f. skizzenhaft präsentiert) der Untersuchung bilden und selbst in ihrer notwendigen Ausschnitthaftigkeit eine Fundgrube für weitergehende Forschung zum Thema darstellen. Positiv sei in diesem Zusammenhang auch hervorgehoben, dass die Autorin einen großen Teil des Belegmaterials in Fußnoten präsentiert und dadurch die Lesbarkeit des Haupttextes sicherstellt. Erwähnt sei auch noch, dass parallel zur Untersuchung ein Online-Wörterbuch unter dem Titel Protestdiskurs 1967/78 (http://www.owid.de/wb/disk68/start.html) zur Verfügung steht, dessen Wortartikel diejenigen Lexeme beschreiben, die das lexikalische Gerüst des Demokratiediskurses bilden. Mit diesem ‚Diskurswörterbuch‘ steht ein komplexes und überaus ergiebiges Nachschlagewerk zur Verfügung, das über eine ‚Ergänzung‘ zur vorliegenden Untersuchung hinaus eine reiche Materialbasis für künftige Arbeiten zum ‚Protestdiskurs 67/68‘ bietet.

Ein zentrales Element der Untersuchungen zur politischen Kommunikation stellt traditionellerweise das Wort bzw. Lexem (oft in Form eines Schlagworts) und der Slogan oder die Parole als Mehrwortäußerung dar.  So stehen Schlagwörter oft im Zentrum der einzelnen Subdiskurse, ohne dass diese darauf zu beschränken wären. Die diskurssemantische Betrachtungsweise erfordert eine Erweiterung dieser stark wortbezogenen Perspektive: „Mit der Überzeugung jedoch, dass die Klassifizierung einer rein ‚wortorientierten Analyse‘ defizitär ist […], ist die lexikalisch-semantisch fokussierte Diskursanalyse im Folgenden nicht als Erklärung einzelner Wörter und ihres Gebrauchs im Diskurs angelegt, sondern als kontextgebundene Konzeptanalyse zu verstehen.“ (S. 32) Was unter Konzeptanalyse zu verstehen und wie diese auf den Untersuchungsgegenstand konkret anzuwenden ist, wird auf den folgenden Seiten erläutert.
Im Zentrum der Untersuchung stehen fünf Handlungskonzepte, die als die wesentlichen den Demokratiediskurs konstituierenden zu verstehen sind. Dabei handelt es sich im Einzelnen um

  • Identifizieren: Die Diskursbeteiligten als Redegegenstand (S. 41-104)
  • Kritisieren: Kritik als Philosophie und Lebensform (S. 105-144)
  • Entdemokratisieren: Das Faschismussyndrom (S. 145198)
  • Legitimieren: Aufhebung des Praxisdefizits (S. 199-250)
  • Modellieren: Partizipationsdemokratien (S. 251-297)

In der ersten Perspektivierung sind es die beiden den Diskurs maßgeblich konstituierenden Gruppen, die intellektuelle und die studentische Linke. Als sprachliche Phänomene rücken dabei die Selbst- und Fremdzuschreibungen der beteiligten Gruppen in den Vordergrund, wobei diese die Form sprachlicher Stereotype annehmen (S. 41). „Die Konstitution des Selbst- und des Feindbildes im Rahmen des politischen Diskurses Ende der 1960er Jahre erscheint insofern als essentiell, als sie die diskursiven Bedingungen schafft, unter denen die Beteiligten des Diskurs führen und sprachlich realisieren.“ (S. 42) Neben dem Generationenstereotyp, das gerade in diesem Diskurs eine zentrale Rolle spielt, sind es durchweg politische Stereotypen, die den Diskurs durchziehen, und die von Kämper detailliert vor ihrem politischen Hintergrund und im Rahmen der jeweiligen diskursiven Strategien dargestellt werden. Zu den bemerkenswerten Diskurs-Phänomenen zählt hier auch die Perspektivierung der Studenten als den „Juden der Gesellschaft“ (S. 98), entsprechend der studentischen Sicht, die die Bundesrepublik als „postfaschistischen Nachfolgestaat Nazideutschlands“ (S. 99) anstelle einer Nachkriegsdemokratie etikettiert.

Eine zentrale Rolle im Diskurs nimmt auch die Kritik ein, sowohl als Schlagwort als auch als eigener Subdiskurs: „Indem wie ‚Kritik‘ als Modus der Weltperzeption und als Subdiskurs des Demokratie-Diskurses, und indem wir Kritik/kritisch als eine lexikalische Konstituente des Demokratie-Konzepts Ende der 1960er Jahre verstehen, beziehen wir uns natürlich ausdrücklich auf das Demokratie-Konzept der Kritischen Theorie“ (S. 106), welches von der studentischen Linken aufgegriffen, dann aber gegen ihre Urheber gewendet wird. Auf die verschiedensten Verwendungsweise von Kritik/kritisch, wie sie Kämper detailliert nachweist, kann hier nicht weiter eingegangen werden (schließlich soll und kann die Lektüre des Werkes nicht durch die Lektüre einer Rezension ersetzt werden). Eine spezifische Ausprägung erfährt Kritik als „Kommunikationskritik und kommunikative Praxis“ (S. 113), wobei Nevermann zufolge „Diskutieren und Kritisieren als primär demokratische Verhaltensweisen“ (ebd.) postuliert werden. Eben deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass innerhalb des Diskurses Sprachkritik (vor allem in Hinblick auf ‚NS-Vokabular‘) an Bedeutung gewinnt – und dies sei ergänzend gesagt, den Ausgangspunkt für eine langsam sich entwickelnde Forschungsrichtung der Politolinguistik bilden –, aber auch die Kritik an der Sprachkritik eine Grundhaltung vieler Diskursbeteiligten darstellt.

Beinhaltet das sprachkritische Denken der späten 1960er Jahre den Gedanken der ‚Herrschaft durch Sprache‘, so spielt der ‚Faschismus-Vorwurf‘ eine zentrale Rolle vor allem im diskursiven Agieren der studentischen Linken. Anknüpfend an die genannte Sichtweise auf die Bundesrepublik als postfaschistischer Staat ist „Faschismus (mit der Wortfamilie) in diesem Kontext als dieses Segment [Entdemokratisieren; HD] verdichtende Interpretationsvokabel zu beschreiben.“ (S. 145) Dass im Grunde genommen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit allenfalls in Ansätzen stattfindet und nur am Rande des Gesamtdiskurses ihren Platz hat, zeigt sich auch in der Verwendung des Faschismus-Lexems. So wird für Faschist die „Lesart ‚Repression ausübende, autoritäre Person‘“ (S. 149) zur dominierenden und belegt die Ausweitung des Gebrauchs weit über seine historische Fundierung hinaus, was wiederum der Enthistorisierung Vorschub leistet. Faschismus, autoritärer Staat, der Staat als Gewaltmaschinerie, manipulierte Gesellschaft und das System sind die Diskurs-Stränge, die sich hier anschließen.

„Wir hätten es nicht mit einer aktionistischen Bewegung zu tun, wenn nicht ihr Demokratiekonzept in hohem Maße auch als sprachliche Repräsentation eines Handlungskonzepts darzulegen wäre. Gegenstand dieses Diskurssegments ist die Thematisierung sprachlichen und nichtsprachlichen Handelns, dessen Legitimation die Auseinandersetzung mit der Referenztheorie der Frankfurter Schule herstellt und damit einen neuen Praxisbegriff schafft. Dieser ist die semantische Bewertungsfolie widerständischen politischen Handelns, und zwar (seitens der studentischen Linken) bis hin zur Legitimierung von Provokation, Aktion und Gewalt – im Sinn einer offenen Semantik.“ (S. 199) Vieler Aktionen der studentischen Linke sind spektakulär und vor allem umstritten. So bestimmt die Frage nach der Legalität vieler Aktionen die Mediendiskurse dieser Zeit, womit sprachlich das Muster des Legitimierens eine wichtige Funktion erfüllt. Besonders der Begründungszusammenhang von Theorie und Praxis, das machen vieler der Belege deutlich, ist hochgradig umstritten (S. 203f.). Gerade in diesem Diskurssegment wird auch das deutlich, was man als Kampf um die Deutungshoheit bezeichnen könnte. Wenn die studentische Linke von demokratischem Widerstand spricht und Provokationen als legitim verteidigt (S. 211f.), finden sich auf Seiten ihrer Gegner Bezeichnungen wie Terror und linker Faschismus. Dass die Verfasserin auch wichtige mit dem Demokratiediskurs verbundene Diskurse nicht außer Acht lässt, zeigt die ausführliche Analyse des Aufsatzes Vom Protest zum Widerstand der damaligen konkret-Autorin Ulrike Meinhof, der am 11. April 1968 erscheint. (S. 244ff.)

Im letzten der herausgearbeiteten Subdiskurse geht es um die Frage der politischen Gegenentwürfe: „Modellieren: Partizipationsdemokratien“ (S. 251ff.). Doch trotz einer Vielzahl von Schlagwörtern, die jedoch in großer Zahl der Abgrenzung von der herrschenden Klasse (S. 257) dienen, bleiben die Gegenentwürfe, das „Modellieren von Demokratiekonzepten“ (S. 268), eher blass. Krämer präsentiert beispielhaft drei Modelle, Adornos Der mündige Mensch (Stichwort „Pädagogisieren“; S. 269ff.), Habermas‘ Herrschaftsfreier Dialog (Stichwort „Idealisieren“; S. 275ff.) und letztlich Dutschkes Konzept der direkten Rätedemokratie (Stichwort „Radikalisieren“; S. 282ff.).

Am Ende ihrer Untersuchung wendet sich die Verfasserin noch einmal der Frage zu, wie sprachliche Umbrüche diskurssemantisch zu ermitteln, zu beschreiben und theoretisch zu modellieren sind. Ihr Ergebnis: „Umbruch, und erst recht sprachlicher Umbruch, kann nicht nur verstanden werden als eine plötzliche umfassende Veränderung, als schlagartiger Wandel von Bestehendem, von sprachlichen Traditionen. Umbruch kann vielmehr auch sein, und dies sei die Lesart, mit der die Erkenntnisse der Untersuchung zu bewerten sind, ein Bündel von Strömungen verstärkenden, Impuls gebenden, Vorhandenes aufnehmenden gesellschaftlichen Handlungen bzw. Praktiken“ (S. 300). Ein solcher Umbruch findet in den späten 60er Jahren zweifellos statt.

Ernsthaft zu kritisieren gibt es an der vorliegenden Untersuchung nichts, zu wünschen hingegen – vor allem nach der Lektüre – so manches: die Weiterführung über den engen Zeitraum der späten 60er Jahre hinaus (Stichworte: Studentenbewegung der 70er Jahre, Friedensbewegung, aber auch die RAF, um nur einige ‚Kinder‘ des genannten Diskurses zu betrachten), Betrachtung der politischen Gegner von intellektueller und studentischer Linke, die in dieser Zeit keineswegs verstummt und in der medialen Öffentlichkeit eine gewichtige Rolle spielt, eine genauere Betrachtung der sich verändernden medialen Öffentlichkeit und sicher noch einiges mehr. Doch diese Fragen zu sehen und entsprechende Untersuchungen vielleicht zukünftig anzustellen, ist ein wichtiges Verdienst – neben vielen anderen – der vorliegenden Monographie, die einen profunden und tiefschürfenden Einblick in die Diskursgeschichte der späten 60er Jahre gibt, und die auch beweist, dass eine moderne Geschichtsschreibung nicht auf LinguistInnen und ihr linguistisches Instrumentarium verzichten kann und darf.

Auch das Folgeprojekt steht offensichtlich schon fest. Es handelt von der Umbruchsphase in der frühen Weimarer Republik, um damit die großen Umbrüche des 20. Jahrhunderts abzuschließen. Zuerst aber sollte jede Linguistin und jeder Linguist, die/der sich für die (politische) Diskursgeschichte der Bundesrepublik Deutschland interessiert, die vorliegende Monographie lesen.

Von Prof. Dr. Hajo Diekmannshenke
Institut für Germanistik
Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz
Universitätsstr. 1
56070 Koblenz
E-Mail: diekmann@uni-koblenz.de

 

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