Protokoll des 1. Linguistik-Tages am 22.11.2002 im Casino der Universität Essen

Pillen, Yvonne; Rutkowski, Nicole; Stollberg, Sonja; Vosskamp, Patrick (2002)

 

TeilnehmerInnen:

Yvonne Breyer, Elisabeth Cölfen, Barbara Fröhlich, Oliver Goebel, Caroline Gosselke, Jens Husmann-Driessen, Alexandra Heising, Silke Klos, Svetlana Kourilova, Kai Loebbert, Julia Müller, Vera Nielewski, Yvonne Pillen, Ralf Pörings, Nicole Rutkowski, Hiltburg Sanders, Ulrich Schmitz, Daniela Schwarz, Thomas Sent, Sonja Stollberg, Gabriele Trappmann, Patrick Voßkamp

Inhalt:

1. Frustration als Motivation: Idee und Hintergrund des Treffens
2. Projektberichte
3. Danksagung

1. Frustration als Motivation: Idee und Hintergrund des Treffens

Auf Initiative von Prof. Dr. Ulrich Schmitz fand sich am 22.11.2002 eine kleine Schar linguistisch interessierter Doktoranden, Examenskandidaten, Dozenten, Mitarbeiter des Fachbereichs 3 und Studenten im Casino der Uni Essen ein, um aus laufenden Projekten zu berichten, zu diskutieren und auch einmal Zeit für persönliche Gespräche zu finden.

Die Idee für dieses Treffen entstand aus der Tatsache, dass im Studienfach Germanistik ein dramatisches Missverhältnis von rund 4200 Studierenden gegenüber 18 Dozenten besteht. Daraus muss zwangsläufig ein hoher Grad an Anonymität und regelrechter „Vermassung" resultieren. An dieser Stelle sollte der Linguistik-Tag ein Zeichen setzen und den TeilnehmerInnen Gelegenheit geben, sich außerhalb des üblichen Uni-Betriebes auszutauschen.

Aus eben dieser Idee heraus entstand schon 1995 der Linguistik-Server LINSE. Zunächst war die LINSE als Diskussionsplattform angelegt, entwickelte sich jedoch schnell weiter. Es kamen vielfältige Rubriken hinzu, und das Angebot wuchs stetig. Heute dient die LINSE als weltweit genutzte Fundgrube für viele interessante Informationen rund um das Thema Linguistik, bietet aber auch Möglichkeiten für Linguistik-Studenten, erste Rezensionen und Hausarbeiten zu veröffentlichen. Elisabeth Cölfen und Ralf Pörings gaben eine Einführung in das Web-Angebot. Als Beispiel seien jüngst hinzu gekommene multimediale Lernmodule aus dem Projekt „L;nkolon" genannt.

2. Projektberichte

Svetlana Kourilova stellt die Arbeit an ihrer Dissertation "TV-Werbeslogans in Deutschland und Russland" vor, die eine interessante Synthese aus den Bereichen Linguistik, Psychologie und Marketing versucht. Die Arbeit wird durch ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt.

Zunächst gibt Kourilova in einem Exkurs einen Einblick in die noch junge Geschichte der russischen TV-Werbung, die erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann. Zuvor sei keine Werbung nötig gewesen, da auf Grund des allgemeinen Mangels keine Produktkonkurrenz vorhanden gewesen sei. In ihrem Exkurs weist die Doktorandin auf zwei weitere Aspekte in Russland hin. So stehe die "heile Welt der Fernsehwerbung" in großer Diskrepanz zur geringen Kaufkraft des Großteils der Bevölkerung. Daher sei Werbung in Russland negativ konnotiert. Dies gelte vor allem für ältere Menschen, die der Werbung zunächst uneingeschränkt vertraut hätten, bevor sie sich nach einem ersten Kaufrausch enttäuscht gezeigt hätten.

Die Notwendigkeit ihrer Untersuchung belegt Kourilova mit einem Zitat aus der Werbung in den 60er Jahren: "Wenn sie kein Coca - Cola Schild mehr sehen, haben sie die Grenzen der Zivilisation erreicht." Anhand eines umfangreichen aktuellen Korpus untersucht sie den Einsatz von Slogans innerhalb von Fernseh-Werbespots. Sie nähert sich ihrem Thema dabei auf zwei Wegen. Zum einen durch Praktika in deutschen und russischen Werbeagenturen. Zum anderen durch Interviews mit Jugendlichen / Konsumenten. In ihrer Korpusanalyse interessiert sie ferner der Bereich der Wortbildung, etwa bei solchen Wörtern wie "Milchjieper", "schokoladig" oder "Genuss-Molkerei". In einem weiteren Kapitel will sie eine kulturelle Analyse der russischen und deutschen Werbespots vornehmen: "Slogans spiegeln die Mentalität eines Volkes wider." So sei etwa für Deutschland charakteristisch, dass sinnliche Genüsse mit Logik angegangen würden: "Praktisch - quadratisch - gut." Generell will Svetlana Kourilova in ihrer Dissertation die Rolle der Slogans genauer definieren und darüber die russische und die deutsche Mentalität reflektieren.

heisingAlexandra Heising stellt ihr Dissertations-Projekt „Methoden zur Öffnung des sprachwissenschaftlichen Deutschunterrichts in der gymnasialen Oberstufe" vor und weckt das Interesse der Zuhörer mit einer Gruppenarbeit, in der die nötigen Hintergründe zum Verständnis des Themas „Offener Unterricht" im Gegensatz zum Frontalunterricht geschaffen werden. So setzen sich die TeilnehmerInnen gemeinsam mit den Bereichen fächerübergreifender Unterricht, Methodenlernen, Binnendifferenzierung, Handlungs- und Produktionsorientierung und interkulturelles Lernen auseinander.

Heisings Dissertation ist in zwei Teile gegliedert, wobei der erste, theoretische Teil bereits ausgearbeitet ist, während der zweite, praktische Teil das bisher noch ausstehende didaktische Modell zum „Offenen Unterricht" liefern soll. Dieses soll dazu beitragen, den laut Curriculum geforderten sprachwissenschaftlichen Anteil des Deutschunterrichts besser zu begründen und zu etablieren.

Vera Nielewski stellt ihre Arbeit zum Thema „Das Argument-Linking-System im Indonesischen" vor. Inspirationen für ihre Arbeit sammelte sie einerseits während eines dreimonatigen Aufenthalts in Indonesien, andererseits durch ihre Teilnahme an der internationalen linguistischen Sommerschule 2002 der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft und der Linguistic Society of America. Hier besuchte sie gemeinsam mit weiteren 215 Teilnehmern Kursangebote zum Thema „Formal und functional linguistics" an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität.

Unter insgesamt 6000 verschiedenen Sprachen, die auf der Welt existieren, gehört die Bahasa Indonesia (Indonesisch) zur austronesischen Sprachfamilie und ist seit 1945 die Amtssprache der Republik Indonesien. Nielewski geht der Frage nach, wie transitive und intransitive Verben auf der morphologischen und syntaktischen Ebene gekennzeichnet sind. Im Gegensatz zum Deutschen gibt es in der Bahasa Indonesia keine Deklinations- und Konjugationsformen, keine Tempora und Genera. Stattdessen findet der Ausdruck dieser Funktionen auf der semantischen Ebene statt. Anhand zahlreicher Beispiele liefert Nielewski interessante Einblicke zum indonesischen Sprachgebrauch. So benutzt die einfache Bevölkerung keinerlei Affigierung.

Thomas Sent setzt sich mit der Korrespondenz von Aussagen und Tatsachen in Bertrand Russells „Philosophie des logischen Atomismus" auseinander. Das Interesse daran entstand aus dem eigentlichen Ziel Thomas Sents, Russells Theorie widerlegen zu können. Dass dem jedoch ein Verständnis der ursprünglichen Theorie vorausgehen muss, verstehe sich von selbst.

Da eine detaillierte Darstellung dieser Theorie im Rahmen des Linguistischen Tages nicht möglich sei, stellt Thomas Sent in seinem Vortag die Grundlagen des „Philosophischen Atomismus" in reduzierter Form dar. Das Ziel des logischen Atomismus sei gekennzeichnet durch das Ergründen der Bestandteile von Dingen, Tatsachen und Relationen in der Welt mithilfe des logischen Verständnisses. Insofern unterscheide sich die Bedeutung des Begriffes „Atomismus" bei Russell auch von der klassisch naturwissenschaftlichen: es werden zwar Bestandteile untersucht, welche jedoch nicht durch bloßes Anschauen erschlossen werden, sondern durch Erkenntnis.

Besondere Aufmerksamkeit solle auf Russells Aussage gelegt werden, dass es ein proportionales Verhältnis von Struktur der Tatsachen in der Welt und der Struktur sprachlicher Äußerungen gebe. Es finde also eine Spiegelung der Komplexität der Welt in der Sprache statt. Russell unterscheide hierbei zwischen atomaren Aussagen (ein Satz) und molekularen Aussagen (mehrere Sätze), wobei molekulare Aussagen auf wenigstens zwei atomaren Aussagen basierten, welche einen Verweis auf wahrheitsgemäße oder nicht wahrheitsgemäße Tatsachen in der Welt darstellten.

Abschließend bemerkt Sent, dass Russell teilweise Begriffe neu definiert und sich daher auch veränderte Aussagen ergeben: Dinge oder Menschen seien beispielsweise nur dann als Eigennamen zu bezeichnen, wenn sie in irgendeiner Form real „herbeizuschaffen" seien. So bestehe für Russell ein klarer Unterschied etwa zwischen „Sokrates" und „Heizung": „Sokrates" ist eine Beschreibung, kein Eigenname; „Heizung" ist jedoch aufgrund realer Existenz ein Eigenname.

Jens Husmann-Driessen untersucht in seiner Dissertation die „Ideologiesprache der etablierten Parteien in der BRD". Ehe er seine bisherigen Ergebnisse und die Gliederung seiner Forschung vorstellt, bittet er die TeilnehmerInnen, selbst eine Definition des Begriffs ‚Ideologie’ zu formulieren. Anschließend gibt er einen Einblick in den aktuellen Stand der Ideologiediskussion, in der er soziologische, philosophische und linguistische Definitionen voneinander abgrenzt.

Im zweiten Teil seiner Untersuchung beschäftigt sich der Doktorand mit der „Semantischen Theorie zur politischen Sprache" . Hierbei werden die politische Sprache als eigene Fachsprache vorgestellt und ihr spezifischer Wortschatz analysiert. Daneben lenkt Husmann-Driessen den Blick auf das Ideologievokabular: vom politischen Schlagwort über Euphemismen bis zu Wahlslogans und ihren Funktionen. Ferner behandelt er den „Politischen Kampf um Wörter" unter der von Kurt Biedenkopf geprägten Formulierung des „Besetzens von Begriffen". Im dritten und vierten Abschnitt seiner Dissertation widmet er sich den etablierten bundesrepublikanischen Parteien. Neben der Entwicklung von CDU, SPD, FDP und Grünen stellt er deren Parteiprogramme in den Mittelpunkt, die er als eigene Textsorte vorstellt. Anschließend sollen in seiner Forschung die Grundsatz- und Wahlprogramme von 1949 bis 2002 untersucht werden.

Initiiert worden sei seine Arbeit durch den Bundestagswahlkampf 1998. Schröders Wahlkampf, so Husmann-Driessen, widerspreche dem Grundsatzprogramm der Sozialdemokraten. Als These formuliert er, dass der Neoliberalismus gesiegt zu haben scheine und dass sich die etablierten Parteien einander annäherten.

3. Dank

Besonderer Dank an die Referenten und an all jene, die mit Selbstgebackenem der Veranstaltung die persönliche Note gaben. Ein herzliches Dankeschön gilt vor allem Frau Sanders, die sich stets liebevoll um ausreichenden Kaffee- und Tee-Nachschub kümmerte. Und nicht zuletzt vielen Dank an Herrn Schmitz als Initiator der Veranstaltung.

Fotos: Elisabeth Cölfen

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