Noam Chomsky in Oldenburg

Schmidtmann, Britta (2004)

Noam Chomsky - „[…] arguably the most important intellectual alive."

(The New York Times: 11-02-03)

Bericht über die Podiumsdiskussion nach der Auszeichnung Chomskys durch die Stadt Oldenburg mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis im Mai 2004

Am Sonntag, 23. Mai, erhielt der amerikanische Linguist und Politikwissenschafter Noam Chomsky von der Stadt Oldenburg den Carl-von-Ossietzky-Preis. Dieser Preis wird alle zwei Jahre an Personen vergeben, die sich im Sinne Carl von Ossietzkys, eines politischen Publizisten und Pazifisten zur Zeit der Weimarer Republik, mit Politik und Zeitgeschichte befassen.

Am folgenden Tag fand eine öffentliche Podiumsdiskussion im Audimax der Universität Oldenburg statt. Teilnehmer der Diskussion waren neben Prof. Dr. Noam Chomsky Michael Schiffmann (deutscher Übersetzer der Chomsky-Werke), Prof. Dr. Ernst Hinrichs (emeritierter Geschichtsprofessor der Universität Oldenburg), Prof. Dr. Michael Sukale (Philosoph und Dekan des Fachbereichs der Universität) sowie Dr. Michael Jeismann (Chefredakteur des Feuilletons der FAZ).

Die Nachfrage, Noam Chomsky tatsächlich live zu sehen, war anscheinend größer als erwartet, denn das Audimax war bereits vor Beginn der Veranstaltung geschlossen worden, und man bekam keinen Zutritt mehr, es sei denn, man hatte Plätze reserviert. Das Ereignis wurde aber auch auf einer Leinwand in der unteren Etage des Hörsaalzentrums übertragen. Die Bild- und Tonqualität entsprach allerdings nicht den Anforderungen der ca. 500 Menschen, die die Diskussion auf der Leinwand verfolgten.

Durch einen glücklichen Zufall (oder war es einfach nur Hartnäckigkeit den Ordnern gegenüber in Anbetracht der Tatsache, dass ich zuvor 2 ½ Stunden Fahrtzeit auf mich genommen hatte und mich nicht einfach damit abfinden wollte, das Ereignis nun „nur" auf einer Leinwand zu verfolgen? J) erhielt ich dann doch noch nach relativ kurzer Zeit Zutritt zum Audimax.

Die Podiumsdiskussion wurde unter dem Titel „Macht und Medien – Demokratie und soziale Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung" angekündigt.

Zunächst gab die Bürgermeisterin der Stadt, Germaid Eilers-Dörfler, eine kurze Einführung zum Anlass der Preisverleihung. Dabei sprach sie mehrmals von der Verleihung des „Carl-von-Olschewski- Preises" am Vortag J und wählte auch sonst ihre Worte teilweise so unpassend, dass selbst Chomsky ein wenig schmunzeln musste. Danach begann die eigentliche Veranstaltung mit einem Kurzvortrag von Prof. Hinrichs, dem Leiter der Podiumsdiskussion, in dem er Chomskys Lehren und Erfolge skizzierte.

Im Folgenden hielt Chomsky einen einleitenden Vortrag über den weltweiten „modernen" Terror. Seine Ausführungen begannen mit einer Anekdote über „Pirates and Emperors". Piraterie im Kleinen würde schon seit jeher als eine terroristische Form bezeichnet, die Feldzüge eines großen Mannes jedoch, hier wurde das Beispiel Alexander des Großen gewählt, als Eroberung. Für Chomsky sind beide, der Pirat und der Eroberer, Terroristen. Aus heutiger Sicht würde die breite Masse die Kriege der westlichen Welt wohl kaum als terroristisch bezeichnen. Eben genau diese Unverhältnismäßigkeit kritisierte Chomsky.

Er trug seine Ansichten völlig frei und ohne Zuhilfenahme von schriftlichen Aufzeichnungen vor, was angesichts der sprachlich hohen Qualität und Länge seiner Ausführungen sehr bemerkenswert war. Seine Einführung war darüber hinaus gekennzeichnet von einer erstaunlichen Gelassenheit, so dass man ihm als Zuhörer gut folgen konnte.

Als kurzes Fazit dieses Vortrags bleibt festzuhalten, dass Chomsky den Kampf gegen den Terrorismus innerhalb und außerhalb seines Landes als bloße Farce der Mächtigen betrachtet, um die eigentlich noch verheerenderen terroristischen Machenschaften der Regierung zu verdecken. Er führte diesbezüglich mehrere Beispiele an, wie z.B. die Unterstützung Israels durch die USA.

Die nachstehende Diskussion entspann sich zunächst ausschließlich zwischen den Podiumsteilnehmern und Chomsky. Im weiteren Verlauf der Veranstaltung erhielten aber auch die Zuschauer die Möglichkeit, direkte Fragen an Chomsky zu richten.

Das Themenspektrum an dem Abend war breit gefächert: Es ging aber in erster Linie um die amerikanische Außenpolitik und die Entwicklung der Globalisierung in der heutigen Zeit.

Kritisiert hat Chomsky allerdings nicht die Globalisierung als solche, sondern die Entwicklung derselben bis zu ihrem heutigen Tage. Chomsky zitierte Adam Smith als „echten" Liberalen und gab zu erkennen, dass er dem, was heute als Liberalisierung bezeichnet werde, nicht viel abgewinnen und dass er keinerlei Zusammenhänge zwischen Smiths Vorstellung des Liberalismus und dem Neo-Liberalismus erkennen könne. Weitere Kritik übte er am ´North American Free Trade Agreement` (NAFTA): „First of all they are not free, second they are not about trading, and third they are no agreements."

Er selbst sieht sich als Anarchisten der heutigen Zeit, der sich aber eher mit klassischen (konservativen?) Liberalismus-Ansätzen identifizieren kann als mit der gegenwärtigen Ausprägung des Begriffs „liberal".

Doch auch Themen wie die EU-Erweiterung blieben nicht unbeachtet. Hier antwortete er allerdings mit einer gewissen Vorsicht z. B. auf die Frage, ob die Türkei Mitglied der EU werden solle oder nicht, da er nach eigener Aussage die politische Situation Europas nur bedingt kennte; er wisse aber nicht, was dagegen spräche, die Türkei in die EU aufzunehmen.

Es gab weitere Fragen seitens des Publikums, das im Übrigen sehr gemischt war: unter anderen waren Dozenten, Lehrer sowie zahlreiche Studenten im Audimax vertreten.

Eine Frage aus der Zuhörerschaft bezog sich auf eventuelle Verschwörungstheorien des Weißen Hauses in Bezug auf die Terroranschläge vom 11. September 2001, die Chomsky aber als nicht haltbar abtat.

Leider blieben die Fragen oder Beiträge der Teilnehmer etwas unscharf, so dass zunächst keine wirkliche Diskussion zustande kam. Dies wurde von Michael Jeismann, der Chomsky im Verlauf des Abend selbst als Konsensmaschine (so hatte sich Chomsky einmal über die Medien geäußert) bezeichnete, wohl auch zu Recht kritisiert.

Selbst auf derartige Angriffe reagierte Chomsky gelassen, er beantwortete die Fragen in der Regel ausführlich und so objektiv wie möglich. Er stellte klar, dass er nicht der „Liebe Gott" sei und keine Wahrheiten erzähle (denn man hatte in der Tat den Eindruck, als wären einige der Zuhörer seine „größten Fans", die genau das dachten).

Die Diskussion endete gegen 23:30 Uhr, obwohl das eigentliche Ende schon früher angesetzt war. Chomsky hatte den Bitten des Auditoriums freundlich zugestimmt, die Diskussion noch eine Weile zu verlängern. Nach dem Ende des offiziellen Teils wurden alle Teilnehmer, die während der Diskussion nicht zu Wort gekommen waren, eingeladen, mit Noam Chomsky persönlich noch ein paar weitere Worte zu sprechen. So hatte man die Möglichkeit, dem wichtigsten noch lebenden Intellektuellen, wie er einmal in der New York Times genannt wurde, gegenüberzutreten und persönliche Fragen an Chomsky zu richten, der währenddessen bereitwillig Autogramme gab.

Für mich persönlich war der Abend eine sehr interessante Erfahrung. Chomsky selbst hat auf mich durch seine ruhige, präzise, wissenschaftliche, aber doch witzige Art („[…] weapons of mass *deception* […]") sehr viel Eindruck hinterlassen.

Eine interessante Persönlichkeit.

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