29th LAUD SYMPOSIUM: The language of politico-social ideologies

Husmann-Driessen, Jens (2002)

 

Tagungsbericht

über das
29. LAUD SYMPOSIUM
University of Koblenz-Landau (Germany)
25. – 28. March 2002

 

Zum zweiten Male wurden die Tagungsräume des Parkhotel Landau zu einem Treffpunkt der internationalen Linguistik. Organisiert von Martin Pütz und seinem engagierten Team der Universität Koblenz-Landau diskutierten 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 18 Ländern und fünf Kontinenten in 13 Plenarveranstaltungen und in über 40 Arbeitsgruppen, die in drei Sektionen eingeteilt waren, über das Beziehungsverhältnis zwischen Sprache und politisch-sozialen Ideologien.

Die erste Sektion befasste sich mit der Frage, ob eine konzeptuelle Verbindung zwischen Sprache und Ideologie besteht, ob Sprache verantwortlich ist für die Entstehung, den Bestand und die weitere Verbreitung von politisch-sozialen Ideologien (Ist Sprache ein Kernelement jeder Ideologie?).
In der zweiten Sektion wurde die Art und Weise untersucht, wie politisch-soziale Ideologien in Schrift- und gesprochener Sprache auftreten, welche bewussten oder unbewussten sprachlichen Mittel Ideologien begünstigen und welche Funktionen sie erfüllen.
Die dritte Sektion stellte die Grammatik einer Sprache als kulturelles Identitätsmerkmal einer Gemeinschaft in den Mittelpunkt der Untersuchungen. Dabei wurde die Frage kritisch diskutiert, ob Sprache ein Mittel sein kann, wertfrei die eigene Kultur und die der anderen zu reflektieren oder ob Sprache vielmehr so unter dem Einfluss der eigenen Kultur steht, dass dies nur noch schwer möglich ist.

Von den zahlreichen und thematisch vielfältigen Vorträgen sollen hier einige genannt werden, um einen groben Überblick zu geben:

Jim Martin

Jim Martin (Sydney) stellte am Beispiel des Streites zwischen Indigenen und Einwanderern in Australien, Neuseeland und Südafrika den interpersonalen Charakter von Ideologien als soziale Praktik heraus, mit der Menschen ihre Gemeinschaft bestimmen.

Tim Rohrer (San Diego) legte mit seiner provokativen These "Language: It's a virus." den Schwerpunkt auf die weitgehend unterhalb der bewussten Aufmerksamkeit liegenden konzeptuellen Metaphern und ihre Funktionen für die Verbreitung von ideologischem Denken. Konzeptuelle Metaphern beziehen sich auf die Sprachgewohnheiten einer Gesellschaft und sprechen tiefe Gefühlsmuster der Erfahrenswelt an, die konstitutiv für das logische Denken in politisch-sozialen Ideologien sind. Rohrer bezog sich z.B. auf die von George Bush verwendete Kriegsmetaphorik während des Golfkrieges 1991.

 

Norman Fairclough

Norman Fairclough (Lancaster) arbeitete den Zusammenhang zwischen Semiotik, nicht-semiotischen Aspekten des sozialen Lebens und Ideologien auf den Ebenen der sozialen Strukturen, sozialer Praxis und konkreter sozialer Ereignisse heraus. Um die dialektischen Zusammenhänge zu konkretisieren, zog er u.a. Tony Blair als Repräsentant des neoliberalen Diskurses heran.

E.F.K. Koerner

E.F.K. Koerner (Ottawa) zeigte in seinem Vortrag "Ideology, 'Resonanzbedarf', and linguistic-philological scholarship", dass auch die Wissenschaften weitgehend nicht wert-neutral sein können, da sich auch die Gelehrten an den zeitgenössischen Vorstellungen der gebildeten Öffentlichkeit orientieren mit dem Ziel der Anerkennung ihrer Arbeit, also auch sie dem Resonanzbedarf und damit der vorherrschenden Ideologie unterliegen.

Teun van Dijk

Teun van Dijk (Amsterdam) erläuterte in seinem Vortrag "Discourse, Knowledge and Ideology: Reformulating old Questions" das Beziehungsverhältnis zwischen Wissen / Kenntnis und Ideologie. Ist Wissen bzw. Kenntnis immer objektiv und Ideologie immer befangen, irregeleitet, falsch? "WE have knowledge, and THEY have ideologies." – Diese Aussage umreißt anscheinend das gesamte Ideologieproblem im gesellschaftlichen Diskurs. Teun van Dijk erörterte, dass es zwar einen Common Ground (also das gemeinsam geteilte Basiswissen innerhalb einer Kultur) gebe, welches innerhalb der eigenen Kultur nicht ideologisch sei, dass aber erhebliche Teile des Gruppenwissens auf ideologischen Fundamenten basieren (also Axiome einer sozialen Gruppe sind), die von anderen sozialen Gruppen nicht geteilt werden.

Gunther Kress

Gunther Kress (London) forderte dazu auf, die übliche Ideologieanalyse (Text / Rede) zu überdenken und andere Formen ideologischer Repräsentation (z.B. Gestik, Mimik, Musik, Bilder, Layout, Farben usw.) verstärkt ins Blickfeld zu rücken, da Sprache nicht mehr notwendigerweise die zentrale Art und Weise der ideologischen Botschaft ausmache. Dies erfordere die Entwicklung von Konzeptionen grammatikähnlicher Organisationen der nonverbalen Darstellungsformen, die funktional spezialisiert sind.

John Baugh (Stanford) berichtete über die Ergebnisse von Experimenten mit Telefongesprächen, in denen die Mehrheit der Versuchspersonen dazu neigte, die Rasse, das Geschlecht und die Intelligenz aufgrund des Klangs der Telefonstimme zu klassifizieren. Hierbei stimmten die linguistischen Evaluationen mit den Urteilen überein. Der Nichtbeherrschung der jeweiligen Standardsprache gehen häufig soziale und rassistische Diskriminierungen auch und gerade in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen einher. Daher forderte Baugh eine größere Unterstützung und Assistenz der Lehrer durch Linguisten bei dem Umgang mit dieser Problematik.

Ruth Wodak (Wien) widmete sich in ihrem Vortrag der europäischen Identitätsbildung auf nationaler und transnationaler Ebene sowie deren Legitimierung, wobei sie sich auf zwei zentrale Dimensionen der Identitätsbildung konzentrierte: a) die Legitimierung Europas durch die 'Idee' und Substanz Europas und b) die Legitimierung durch Verfahren bezogen auf die organisatorische und institutionelle Dimension Europas.

John Edwards

John Edwards (Antigonish, Kanada) lieferte zu der ökolinguistischen Theorie und Ideologie eine kritische Perspektive und ergriff die Gelegenheit, die sogenannte neue Ökolinguistik und ihre Forderung nach sprachlicher Varietät (Forderung nach einem stabilen Bilingualismus und / oder stabiler Diglossie) auf ein erweitertes argumentatives Fundament (moralisch, ästhetisch, ökonomisch, wissenschaftlich usw.) zu stellen.

Terry Crowley

Terry Crowley (Waikato Hamilton, Neuseeland) stellte die Frage auf, was Linguisten für die indopazifischen Sprachen tun können. Er wies darauf hin, dass Minderheitensprachen von dominanten Weltsprachen wie Englisch (linguistischer Imperialismus?!) bedroht werden, und zeigte Möglichkeiten auf, wie Linguisten Minderheitensprachen in ihren ursprünglichen Zustand rekonstruieren, bedrohte Sprachen schützen und künftige Bedrohungen verhindern können.

Bruce Hawkins

Bruce Hawkins (Illinois) stellte seine systematische semantische Konzeption zur Untersuchung von ikonographischen Zeichen und ihrer Referenzbezüge vor. Demnach seien ikonographische Bildnisse hierarchisch organisiert. Am Beispiel von Osama bin Laden und George W. Bush erläuterte er die propagierte hierarchisch geordnete Krieger-Ikonographie: Hero (Bush), Victim (People), Villain (bin Laden).

In einer gesonderten Plenardiskussion standen zwangsläufig die Ereignisse des 11. Septembers 2001 und seine Folgen für den ideologischen Diskurs im öffentlichen Sprachgebrauch im Vordergrund. Es wurden unter anderem die Fragen erörtert, was diese Ereignisse von anderen im öffentlichen Diskurs unterscheidet, worin die ideologischen Implikationen im Umgang mit den Ereignissen lagen bzw. liegen, welche funktionale Rolle die Massenmedien in diesem Zusammenhang inne hatten bzw. haben und welche Aufgaben der Linguistik zukünftig zukommen sollten.

Besonders hervorgehoben werden muss – neben der optimalen Organisation – die ausgesprochen aufgeschlossene, freundliche, einander zugewandte und interessierte Atmosphäre des Symposiums, in der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterschiedlichster Herkunft arbeiteten und einander kennen lernten. Die von einem pfälzischen Winzer liebevoll gestaltete wine tasting party begünstigte und vertiefte das gute Klima der Konferenz. Aus der Tagung werden mehrere Publikationen hervorgehen. Traditionsgemäß wurden zahlreiche Vorträge vorab gedruckt von der Linguistic Agency LAUD (www.linse.uni-essen.de).

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