Grundschultag '96 an der Universität GH Essen

Reuen, Sascha (1996)

 

Die Rolle des Lehrers hat sich geändert. Keine Schulform ist derzeit so beliebt wie die Primarstufe. Freilich sieht sich die Grundschule von heute auch vor immer neue und nicht gerade leicht zu lösende Aufgaben gestellt. Unter dem Motto "Die Zukunft beginnt in der Grundschule" fand am 20. November der Grundschultag der Universität GH Essen statt, bei dem es einen ganzen Tag lang um die Primarstufe ging. Eingeladen hatten dazu die Fachschaft Primarstufe, die Lernwerkstatt der Universität Essen sowie Dozentinnen und Dozenten aus dem Fachbereich 2.

Im Mittelpunkt stand ein Vortrag von Gabriele Faust-Siehl, Professorin an der Universität Frankfurt. Sie machte in ihrem Referat auf die veränderten Bedingungen aufmerksam, unter denen die Grundschule heute stehe. Zwar sei die Primarstufe vor allem bei Eltern inzwischen zur angesehensten Schulform geworden. Die immer knapperen Finanzmittel, die für den Bildungsbereich bereitgestellt würden, machten es jedoch nicht leicht, innovative Veränderungen zu verwirklichen. Neben der steigenden Klassenstärke werde auch die Zusammenstellung der Schülerschaft immer heterogener. Dies erschwere die Integration aller Schüler und stelle höhere Anforderungen an die Lehrer. Doch nicht allein die knappere Finanzlage beeinträchtige die Arbeit in der Schule; häufig fehle auch das nötige Engagement, gute Ideen letztendlich zu verwirklichen. Es müsse nicht nur pädagogisch, sondern auch bildungspolitisch gearbeitet werden. Insofern sei es wichtig, vor allem jene Einrichtungen zu unterstützen, die sich für Reformen in der Grundschule stark machen. Die Grundschule habe bislang enorme Reformarbeit geleistet, sagte Professor Tassilo Knauf (Uni Essen). Man dürfe sich darauf jedoch nicht ausruhen; vielmehr sei auch in Zukunft eine offensive Vorgehensweise gefragt, wie Knauf forderte.

Horst Bartnitzky vom Arbeitskreis Grundschule sprach in einer anschließenden Podiumsdiskussion von einer überholungsbedürftigen Schule. So sei beispielsweise das Notensystem häufig der Grund dafür, daß Schüler das Interesse an der eigentlichen Sache verlören und vermehrt in ein Leistungsdenken gedrängt würden. In der traditionellen "Stundenschule" sei dringend ein "Strukturwandel" nötig.

Äußerst kontrovers wurde über den bedarfsdeckenden Unterricht diskutiert - ein Thema, das in jüngster Zeit immer häufiger für Gesprächsstoff sorgt. Frau Hohlwein, Leiterin des Essener Studienseminars für die Primarstufe, sagte, daß schon bald kein Weg am bedarfsdeckenden Unterricht vorbeiführen werde. Hohlwein sieht ebenso wie Bartnitzky in diesem Modell eine große Chance für Referendarinnen und Referendare. Dieser Standpunkt stieß jedoch auf heftigen Widerstand. Starke Kritik übten vor allem anwesende Studenten und angehende Grundschullehrer, die im Vorbereitungsdienst stehen. Was als "pädagogisch wertvoll" bezeichnet werde, sei in Wirklichkeit nichts anderes als die Folge von Stellenkürzungen, hieß es.

Beatrix Lumer, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Essen, sagte, es sei wichtig, sich bereits während des Studiums ein "realistisches Bild" von der Schule zu machen. Die Grundschule von damals sei keineswegs mehr mit der heutigen vergleichbar. Gerade die Rolle des Lehrers habe sich gewaltig verändert. Es gehe heutzutage nicht so sehr um die Vermittlung von Fachwissen, vielmehr komme es darauf an, das Menschenbild des Schülers zu stärken. Hier sei die Grundschule mehr gefragt als je zuvor, wie auch Rektor Herbert Mamat aus Essen betonte.

Der Grundschultag 1996 war sehr abwechslungsreich gestaltet, unterschiedliche Workshops boten interessierten Besuchern Einblicke in praxisorientierte Themen. Hier standen beispielsweise Ideen für die Klassenraumgestaltung oder für jahrgangsübergreifendes Lernen auf dem Programm. Große Resonanz herrschte auch bei den Verlagspräsentationen. Zahlreiche Schulbuchverlage und Hersteller von Lernmaterialien stellten auf einer großen Fläche eine Auswahl ihrer Produkte aus. Aus dem Bereich 'Neue Medien'(Computereinsatz in der Schule, Lernsoftware etc.) war jedoch ­ bis auf einen kommerziell orientierten Anbieter von Software-Schulungen für Kinder ­ nichts zu sehen, obwohl doch gerade das Motto des diesjährigen Grundschultags sicherlich eine passende Gelegenheit dazu geboten hätte.

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