Formal and Functional Linguistics. Linguistische Sommerschule 2002 in Düsseldorf

Nielewski, Vera (2002)

 

Heinrich Heine-Universität Düsseldorf (Germany)
14.7 bis 03.8.2002

Gemeinsam organisiert vom amerikanischen (Linguistic Society of America) und deutschen Linguistenverband (Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft), fand von Mitte Juli bis Anfang August 2002 die erste spezielle Sommerschule in Düsseldorf statt.

Rund 215 Studenten, Doktoranden und Interessierte aus dem In- und Ausland reisten nach Düsseldorf, um dort an der Heinrich Heine-Universität ihre linguistischen Fachkenntnisse zu erweitern und zu vertiefen. Renommierte Sprachwissenschaftler aus Europa und den USA boten zahlreiche Einführungs- und spezielle Kurse zur formalen und funktionalen Linguistik an:

Einführungskurse

Morphology

Mark Aronoff, Stony Brook

Typology

Walter Bisang, Mainz

Sociolinguistics

Florian Coulmas, Duisburg

Introduction to the Nonlinear Phonology

Tracy Alan Hall, Leipzig

Psycholinguistics

Peter Indefrey, MIP Nijmegen

Introduction to the Formal Semantics

Gerhard Jäger, Berlin

Lexical Semantics    

Sebastian Löbner, Düsseldorf

Field Methods

Marianne Mithun, Santa Barbara

Constraints in Syntax

Gereon Müller, IDS Mannheim

Language Contact

Pieter Muysken, Nijmegen

Pragmatics

Jef Verschueren, Antwerp

Spezielle Kurse

Optimality Theory and Typology

Judith Aissen, Santa Cruz / Joan Bresnan, Stanford

Information Structure

Daniel Büring, UC Los Angeles

Spoken Language Comprehension

Anne Cutler, MIP Nijmegen

Advanced Semantics

Kai von Fintel, MIT

Syntactic Structures of German

Hubert Haider, Salzburg

The Nature of  Explanation in Linguistics: Formal and Functional Approaches

Martin Haspelmath, MIP Leipzig / Frederick J. Newmeyer, Seattle

Dynamic Syntax: The Flow of Language Understanding

Ruth Kempson,  King’s College London

Phonological Theory

Armin Mester / Junko Ito, Santa Cruz

Approaches to Language Chance

April McMahon, Sheffield

Approaches to L2 Acquisition

Clive Perdue, Paris

The Syntax-Discourse Interface and

Language Contact    

Ellen F. Prince, University of Pennsylvania

Acquisition Evidence for Fundamental Operations within a Minimalist Framework

Thomas Roeper, Amherst

The Syntax-Semantic-Pragmatics Interface

Robert D. Van Valin, Jr., Buffalo

Theories of the Lexicon

Dieter Wunderlich, Düsseldorf

Die Kontroverse zwischen Formalisten und Funktionalisten galt als übergreifendes Thema dieser Sommerschule. Die formale Linguistik geht davon aus, daß linguistische Strukturen angeboren sind (genetisch determiniert). Sprache wird mit Hilfe formaler Repräsentation und  Rekonstruktion struktureller Eigenschaften von Sprachen beschrieben. Funktionalisten hingegen beschreiben und erklären linguistische Strukturen bezüglich ihrer Funktion. Demnach sind linguistische Strukturen das Resultat partieller Funktionen von Sprache: Sprache als Kommunikationsmittel. Aus der funktionalistischen Sichtweise gibt es keine genetisch determinierten Fähigkeiten, die mit Sprache in Verbindung gebracht werden könnten.

Leider können von dem reichhaltigen Kursangebot hier nur stellvertretend vier Kurse ein wenig näher erläutert werden:

Kursbeschreibungen:

Typology (Walter Bisang)

Was unterscheidet Sprachen voneinander? In welcher Hinsicht folgen sie universalen Strukturen?

Einführend war die Diskussion über formale und funktionale Vorstellungen bezüglich der Sprachuniversalien. Methoden, die in der Typologie-Forschung üblich sind, wurden anschließend vorgestellt. Word order, Argumentstruktur sowie die morphosyntaktische Darstellung waren Ausgangspunkt der folgenden Diskussionen. Ziel des ersten Abschnittes war es zu zeigen, daß es mit keiner linguistischen Theorie möglich ist, Verallgemeinerungen über die Struktur möglicher menschlicher Sprachen zu äußern. In der zweiten Hälfte des Kurses wurden Motivierung, die kognitiv und Motivierung, die pragmatisch und diskursbezogen begründet ist, näher beleuchtet.

Psycholinguistics (Peter Indefrey)

Grundlegende Fakten und Theorien der gesprochenen und geschriebenen Sprache wurden behandelt. An ausgewählten Beispielen und Experimenten wurden die in der Psycholinguistik relevanten Methoden vermittelt. Vor- und Nachteile sowie die Grenzen der verschiedenen Forschungsmethoden wurden ebenfalls diskutiert.

Sprachproduktion, Sprachrezeption gesprochener Sprache und Lesen bildeten die Schwerpunkte des Kurses.

The Syntax-Semantics-Pragmatics Interface (Robert D. Van Valin)

Verben und ihre Argumente sowie die Fokusstruktur waren Thema der einführenden Sitzungen. Die Schnittstelle von Semantik und Pragmatik wurde diskutiert und an einfachen Sätzen, mit dem Schwerpunkt auf Kasus und Genus der Verben untersucht. Mit der besonderen Betonung auf Constraints wurden auch komplexere Sätze analysiert.

Theories of the Lexicon (Dieter Wunderlich)

Die Architektur des mentalen Lexikons war Thema der ersten Sitzungen. Lexikale und funktionale Kategorien, lexikale Dekomposition, Argumentstruktur und die konzeptuelle Flexibilität von lexikalen Items bildeten die Schwerpunkte der ersten Woche. In der zweiten Woche wurden Nomen-Verb-Unterscheidung, Kausativ, Resultativ und andere komplexe Prädikate besprochen und diskutiert. Morphologisch komplexe Wörter (Paradigmen), beginnend mit flektierten Features und der Struktur von Paradigmen, waren das Hauptthema der dritten und letzten Woche. Vertieft behandelt wurden OT-Morphologie, und (Kasus)-Synkretismus.

Neben dem thematisch vielfältigen Kursangebot wurden auch abendliche Veranstaltungen zur formalen und funktionalen Linguistik angeboten.  Im Vorfeld konnten sich Studenten und Doktoranden für die sogenannten „Student Sessions“ bewerben. Den angenommenen Teilnehmern bot sich dann an drei Abenden die Gelegenheit, ihre eigenen Forschungsprojekte, mit anschließender Diskussion, vorzustellen.

In ungezwungener Atmosphäre wurde die Sommerschule am 14. Juli im Sparkassenforum in Düsseldorf eröffnet.  Bei einem Getränk nach Wahl bot sich die Gelegenheit, erste Kontakte zu knüpfen. Nach den ersten Small Talks sprach der Rektor der Heinrich Heine-Universität, Prof. Dr. Dr. h.c. Gert Kaiser, erste Begrüßungsworte aus. Weitere Grußworte folgten von der Ministerin für Schule, Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Frau Gabriele Behler; von dem Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Düsseldorf, Herrn Joachim Erwin, vom Generalkonsul der Vereinigten Staaten von Amerika, Herrn Daniel E. Harris, von der Präsidentin der DGfS, Frau Prof. Dr. Angelika Redder, und abschließend vom Präsidenten der Linguistic Society of America. Im Anschluß an die Begrüßungen hielt Herr Prof. Dr. Manfred Bierwisch (Humboldt-Universität, Berlin) einen Plenarvortrag über „Human Linguistic Ability: Structure, Biology, Culture“. Der nachfolgende  Stehempfang ließ die Eröffnungsveranstaltung in angenehmer Atmosphäre ausklingen.

Einer der Höhepunkte der Sommerschule war sicherlich das Special Event über „Evolution of Language“. Herr Prof. Dr. Hans-Joachim Freund (Düsseldorf), Herr Prof. Dr. Charles N. Li (Santa Barbara) und Herr Prof. Dr. Dieter Wunderlich (Düsseldorf) versuchten, dem womöglich größten Rätsel der Menschheit - dem Ursprung der Sprache - nachzugehen:

Sensory-motor Neural Circuitries and the Evolution of Language (Hans-Joachim Freund)

Freund arbeitete in seinem Vortrag heraus, weshalb seiner Meinung nach die Evolution der Sprache, also die Benutzung von Symbolen zur Verständigung, als ein biologisches Kontinuum angesehen werden kann und nicht durch eine sprunghafte Veränderung (Mutation) aufkam. Evidenzen für diese gewagte These stammen aus der Neuropsychologie (Mirror-Neuron-Hypothese) und von Taubstummen: Zeichensprache (visuell-gestische und mimische Kommunikation) kann sämtliche Spitzfindigkeiten von vokaler Sprache vermitteln; folglich ist Sprache (stimmhafte Kommunikation) alleine ausreichend, aber nicht notwendig.

Mit dem aufrechten Gang veränderte sich die Motorik drastisch. Die Hände konnten für manuelle Fertigkeiten wie zum Beispiel für die Werkzeugherstellung und für die Ausarbeitung einer Gebärdensprache benutzt werden. Vermutlich ist der Ursprung der Sprache an jenem Zeitpunkt anzusiedeln, als die Gebärden der ersten Hominiden Träger von Bedeutungen wurden, d.h. als Zeichen semantisch und syntaktisch interpretiert werden konnten. Die stimmhafte Kommunikation entwickelte sich im Anschluß an die Gestik, und es bestand die Möglichkeit, die Gebärdensprache vollständig zu ersetzen. Dieser Prozeß verlief sehr langsam und allmählich, und obwohl die stimmhafte Kommunikation immer mehr an Dominanz gewann, finden sich selbst in der Gegenwart  beide Kommunikationsmöglichkeiten wieder.

Ein sehr bemerkenswerter Evolutionsprozeß war die sogenannte Lateralisierung bestimmter Großhirnfunktionen: eine Verfeinerung des Hierarchieprinzips auf eine der beiden Hemisphären. Generell versorgt die rechte Hemisphäre sensorisch und motorisch die linke Körperhälfte und umgekehrt. Über den „Corpus callosum“ (Nervenfaserbündel) stehen die beiden Hemisphären im Informationsaustausch. Die dominante Hemisphäre ist sowohl für die Sprache als auch für manuelle Fähigkeiten primär zuständig. Diese hierarchisch höchsten Gehirnstrukturen zeigen unter bestimmten Bedingungen eine erstaunliche Plastizität. Verliert ein rechtshändiges Kind (vor Eintritt in die Pubertät) zum Beispiel aufgrund einer unilateralen Hirnhautentzündung seine linkshemisphärisch lokalisierte Sprachregion, überträgt sich die Sprachfunktion im Laufe weniger Monate auf die rechte Hemisphäre, bei normaler Entwicklung.

Daten von Patienten, die Gehirnverletzungen erlitten, beweisen, daß Denken ohne Sprache  möglich ist. Sprache und Denken zu trennen und nicht als zusammengehörende kognitive Fähigkeit anzusehen, unterstützt die Annahme, daß die Sprachentwicklung dem kommunikativen Zweck dienlich war und sich die Ausreifung des abstrakten Denkens  davon unabhängig entwickelte.

Evolution of Language (Charles N. Li)

Li betonte direkt zu Beginn seines Vortrags, daß es einen essentiellen Unterschied zwischen der Kommunikation der prähistorischen (Ur)-Menschen und der menschlichen Kommunikation, deren Fundament die Sprache ist, gibt.

Grundlage für Veränderungen des prähistorischen Kommunikationsverhaltens ist die Gewährleistung des Lebens und des Fortpflanzungserfolgs auf der Basis der natürlichen Selektion. Veränderungen der menschlichen Sprache hingegen sind ausschließlich sozial und kulturell bedingt. Im Vergleich zu anderen evolutionären Veränderungen sind linguistische Veränderungen wesentlich schneller und stehen in keinerlei Zusammenhang mit anatomischen oder genetischen Mutationen.

Die Entwicklung der prähistorischen Sprache steht in enger Verknüpfung mit der Größenzunahme des Gehirns, der Reduktion des Gastrointestinal-Trakts, der Vergrößerung des vertebralen Kanals und der Herabsenkung des Larynx. Diese und andere Mutationen führten zu einer verlängerten ontologischen Entwicklung und sind in frühen Entwicklungsstadien noch zu erkennen (Neotonie).

Tierische und menschliche Kommunikation sind strikt voneinander abzugrenzen. Tiere verfügen über ein zeichenhaftes Repertoire, während Menschen sich einer Symbolsprache bedienen, welche nach dem Prinzip der funktionalen Referenz funktioniert: Die Signale sind produktionsspezifisch, haben eine bestimmte Struktur und sind vom Kontext unabhängig. Tierische Kommunikation ist laut dieser Definition nicht symbolisch und im Gegensatz zur menschlichen Sprache ist Tieren „Bedeutung“ unbekannt. Bedeutung ist ausschließlich der menschlichen Sprache zuzuordnen.

Major steps in the Evolution of Language (Dieter Wunderlich)

Fundamentales Wissen über die Evolution der Sprache resultiert nur aus den letzten 10.000 Jahren, derweil jegliche Behauptungen aus vorangehenden Perioden rein spekulativer Natur sind.

Wunderlich argumentierte aus der Sicht der theoretischen und typologischen Linguistik. Drei gewagte Behauptungen durchziehen seinen Vortrag:

  1. Die Integration von Gebärden und vokaler Kommunikation, die sich unabhängig voneinander entwickelt haben, ist ein entscheidendes Charakteristikum der frühen Homo-Spezies.
  2. Die Innovation von lexikalischen Kategorien wie Verben und Nomen stellt den letzten Schritt zur menschlichen Sprache dar.
  3. Trotz ihrer vielfältigen Vorteile hat sich die Syntax erst nach der Separierung in Sprachfamilien etabliert und durchgesetzt.

Um die Entwicklung der Sprache nachvollziehen zu können, zieht Wunderlich, ebenso wie Li, einen Vergleich zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Primaten. Bei Menschenaffen kann eine Art von Gebärdensprache beobachtet werden. In bestimmten Kontexten machen sie auch bestimmte ritualisierte Ausrufe. Jedoch können die Gebärden, im Gegensatz zu den Ausrufen, wesentlich flexibler genutzt werden. Dies ist ein großer Unterschied zu den menschlichen Primaten, deren Gebärden kontext-unabhängig sind. Bevor sich bei den Homo-Spezies eine eindeutige Präferenz für die vokale Kommunikation herausbildete, wurden Gebärdensprache und vokale Kommunikation parallel genutzt. Gebärden sind an „Face-to-face“ Situationen gebunden, vereinnehmen die Hände, vokale Kommunikation nicht.

Die Unterscheidung zwischen Verben und Nomen ist die entscheidende Innovation für die Herausbildung der sogenannten Protosprache, basierend auf proto-morphosyntaktischen Prinzipien. Die Protosprache kann als die erste „richtige“ Sprache angesehen werden, von der alle modernen Sprachen abweichen; alle vorangegangenen Stufen bis zum Erlangen der Protosprache werden als archaische Sprachen bezeichnet. Alle gegenwärtig existierenden Sprachen stammen in der einen oder anderen Hinsicht von der Protosprache ab (Universalgrammatik). Bedeutungsrelevante Zeichen wurden von den Urmenschen im Lexikon gespeichert. Nachdem die Lexikoneinträge auf rund 100 angestiegen waren, war es vermutlich effizienter, die Einträge zu dekomponieren. Immer wiederkehrende phonetische und konzeptuelle Elemente stellten dabei einen Motivationsfaktor dar.

Proto-Morphosyntax ist ein System, bei dem Verben zusammen mit referentiellen Zeichen gebraucht werden können. Lautliche Veränderungen und Prädikatsnomen können vermutlich in Verben inkorporiert sein. In der Protosprache gibt es keine Differenzierung zwischen der Wortstruktur und dem Satzbau. Syntaktische Prinzipien kristallisierten sich erst nach dem Aufkommen der Protosprache - unabhängig in jeder Sprache - heraus. Sprachen entwickeln sich mittels Traditionen, nur wenige Features der Protosprache sind angeboren.

Erste Differenzierungen in Morphologie und Syntax kamen vermutlich im Zuge der Kolonien-Gründung (vor rund 100.000 bis 10.000 Jahren) auf. Syntax ist in vielerlei Hinsicht effizienter als Morphologie:

In einer kleineren Population ist der Gebrauch von bekannten und festen Items sinnvoll, da sie schneller abrufbar sind. In größeren Populationen (über 2000 Menschen) bzw. in einer Population mit vielen Kontakten ist die Kennzeichnung von Topik und Fokus notwendig, der Gebrauch von festen Items dagegen kaum vorteilhaft.

In der anschließenden Plenardiskussion hob Bierwisch hervor, daß eine strikte Trennung von Phylogenese und kulturell bedingten Veränderungen eingehalten werden muß. Menschen besitzen eine Symbolsprache, während tierische Kommunikation funktionell und ikonisch ausgerichtet ist. Menschliche Sprache ist Kommunikation, und gleichzeitig verkörpert sie den Ausdruck von Gedanken.

Die Sommerschule bot die Gelegenheit, viele bekannte Sprachwissenschaftler kennenzulernen. Bekanntes Wissen konnte von einem anderen Blickwinkel aus neu aufgearbeitet und überdacht werden. Gemeinsames Nachdenken und internationaler Wissensaustausch in angenehmer Atmosphäre waren kennzeichnend für diese Sommerschule.  Trotz des gefüllten Stundenplans fand sich noch genügend Zeit, an einigen Abenden bei einem Glas Wein gemütlich über verschiedene Themen zu diskutieren. Das vom Summerschool-Team organisierte „Get Together“ in einem Düsseldorfer Biergarten wird bestimmt jedem Teilnehmer als ein schöner Ausklang der Sommerschule in Erinnerung bleiben.

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