"Fabelhaft" – das Internet [als Recherchemedium] im Deutschunterricht der Klasse 6b

Reuen, Sascha (2000)

Internet und Deutschunterricht — zwei ferne Welten? Keineswegs! Im Deutschunterricht haben wir, die Klasse 6b, uns vor Kurzem etwas ausführlicher mit dem weltweiten Computernetz beschäftigt und gleichzeitig versucht, es möglichst sinnvoll in unserem Fachunterricht einzubinden.

Dabei stellte sich für uns 31 Schülerinnen und Schüler zunächst die grundsätzliche Frage: Was ist das "Internet" überhaupt? Das Wort ist zwar in aller Munde; tagtäglich begegnet man zahlreichen Adressen, die mit den drei ominösen Buchstaben "www" beginnen — doch so recht erklären, wie dieses Internet entstanden ist und wie es funktioniert, das konnte auf Anhieb keiner von uns. Mit dieser Fragestellung sind wir in die Thematik (und in unsere neue Unterrichtsreihe) eingestiegen und haben uns schlau gemacht. Herausgefunden haben wir, dass das Internet ein aus Telefonleitungen bestehendes Verbindungsnetz für Computer ist. Angefangen hatte alles im Jahre 1969, als das US-Verteidigungsministerium für militärische Zwecke das so genannte ARPAnet entwickelt hatte. Allmählich wurde das Computernetz des Militärs dann auch für wissenschaftliche Zwecke genutzt und auf diese Weise einer immer größer werdenden Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Im Jahre 1993 wurde schließlich das "World Wide Web" (mit der bekannten Abkürzung www) erfunden, das heute fälschlicherweise mit dem Internet selbst gleichgesetzt wird. Das WWW ist jedoch nur ein Bestandteil des Internets, mit dessen Hilfe sich kinderleicht Informationen unterschiedlichster Art (Texte, Bilder, Musik, Videoclips) abrufen lassen. Bereits Anfang 1998 speicherte das WWW rund 312 Millionen Seiten mit Informationen aus allen Lebensbereichen, davon allein 15 Millionen aus Deutschland. Doch was — so mag man sich fragen — hat das Ganze mit Deutschunterricht zu tun, auf unserem Lehrplan stand doch das Thema "Fabeln"?

Unser Fach- und Klassenlehrer, Herr Reuen, hatte die Idee, das Internet als unendlich große Datenbank für unser Unterrichtsthema zu nutzen — unter den Millionen Seiten müsste sich doch auch etwas zum Thema Fabeln finden lassen. Und so war es auch.

Für einige von uns war es das erste Mal, mit dem Internet in Berührung zu kommen, dementsprechend spannend war es auch, als wir mit 31 Schülerinnen und Schülern den Informatik-Raum stürmten und uns zu zweit an den Rechnern verteilten. Den größten Flattermann hatte offensichtlich unser Lehrer: Er sagte uns, wir müssten beim Start ein Passwort eingeben, an das er sich jedoch leider nicht mehr erinnern konnte. War das etwa schon die erste große Pleite? Von wegen: Schnell stellte sich nämlich heraus, dass wir zum Eintritt ins World Wide Web gar kein Passwort benötigten.

Was nun folgte, erinnerte sehr stark an eine gewaltige Informations-Rallye in einer schier endlos großen Bibliothek — nur alles eben viel schneller, komfortabler (Mausklick statt Lauferei) und spannender. Mit Hilfe so genannter Suchmaschinen (wie z.B. "fireball", "lycos" oder "yahoo" wurden dann umfangreiche Recherchen gestartet. So machten wir uns nun im virtuellen Raum auf die Suche nach Fabeltexten des griechischen Antikendichters Aesop, nach Informationen über das Leben des Dichters sowie über grundsätzliche Merkmale und Eigenschaften von "Fabeln".

Doch so einfach und unproblematisch, wie es einem beispielsweise im Fernsehen öfter vorgemacht wird, ist die Suche nach brauchbaren Materialien im Internet nicht. Das fängt schon bei der Bedienung der Suchmaschinen an, denn die Eingabe der Suchbegriffe muss exakt stimmen — falsch eingetippte Begriffe verzeiht der Rechner nicht. Gibt man im Suchfeld beispielsweise ,Das Leben des Aesop‘ ein, weil man doch etwas über diesen merkwürdigen Herrn erfahren möchte (oder muss!), so kann es einem passieren, dass der Rechner jedes Wort einzeln und nicht im Zusammenhang sucht. Dass der Artikel "das" in der deutschen Sprache nicht selten vorkommt, haben manche von uns in zeitraubender Aktion erleben dürfen. Anders verläuft die Suche, wenn man das Wort "Aesop" verknüpft mit "Leben" eingibt — mit etwas Glück kann man auf diese Weise fündig werden.

Viele Informationen, die man im Netz finden kann, waren für unser Internet-Projekt "Fabeln" häufig wertlos, weil sie zunächst zwar vielversprechend klangen, beim genaueren Hinsehen aber sehr oberflächlich, zum Teil auch widersprüchlich und falsch oder ganz einfach merkwürdig waren. So etwa in folgendem Fall: Ein charakteristisches Merkmal für Fabeln ist, dass in ihnen (in der Regel) Tiere wie Menschen denken, sprechen und handeln (also vermenschlicht werden) und somit häufig — wie ein Spiegelbild — menschliches (Fehl-) Verhalten aufzeigen. Nicht selten spielen in Fabeln Bären mit, sodass es schon fast auf der Hand liegt, auch etwas über Bären in der wirklichen Welt zu erfahren. Also: Suchmaschine aufgerufen, Suchbegriff "Bären" eingegeben und mit "OK"-Taste bestätigt. Was der Bildschirm kurz darauf an Ergebnissen präsentierte, war für uns schon mehr als rätselhaft: "Auch starke Bären brauchen gelegentlich Liebe und Zärtlichkeit. Regelmäßiges Treffen im Bärenclub...", und dann folgte noch eine Frankfurter Adresse. Auf die Frage zweier Schülerinnen, ob das möglicherweise auch eine Fabel sein könnte, schritt unser Lehrer etwas irritiert ein und versicherte uns, dass dies ganz gewiss nichts mit unserem Thema zu tun habe und man die Suche getrost aufs Neue angehen könne. Nun gut...

Schon nach kurzer Zeit waren alle mit Suchmaschinen und Hyperlinks (das sind spezielle Verweise auf andere Textstellen und Dokumente, zu denen man sich mit der Maustaste quasi "durchklicken" kann) vertraut, und mit zunehmender Routine wurden die Recherchen auch erfolgreicher. Brauchbare Materialien wurden schließlich über den Drucker am Lehrerplatz ausgedruckt und auf Papier gebracht, um es in den weiteren Unterrichtsstunden nutzen zu können.

Im Klassenraum haben wir dann anschließend — in Gruppenarbeit —Wandzeitungen zu ausgewählten Fabeln erstellt. Die Informationen aus dem WWW haben wir dazu ausgewertet und überarbeitet. Jede Wandzeitung teilte uns etwas über eine spezielle Fabel von Aesop, deren Aufbau, Merkmale und Inhalt, über das Leben des Dichters (von dem man im Grunde kaum etwas Genaueres weiß), aber auch über unsere eigenen Erfahrungen im Umgang mit dem Internet mit.

In einer Nachbesprechung trugen wir gemeinsam noch einmal jene Vor- und Nachteile zusammen, die uns während des Internet-Projektes aufgefallen sind. Zur Sprache kam dabei unter anderem, dass es nicht zu allen Themen wirklich brauchbare oder zuverlässige Informationen gab und man gelegentlich auf Lexika zurückgreifen musste. Die Arbeit mit dem Internet hat uns allen sehr viel Spaß und um wertvolle Erfahrungen reicher gemacht. Auch um diese: Auf Nachschlagewerke und Bibliotheksbesuche kann man im Zeitalter des Internet nicht immer verzichten. Zumindest heute noch nicht.

Übrigens: Unser Internet-Projekt zum Thema "Fabeln" soll im kommenden Jahr in einer Fachzeitschrift für den Deutschunterricht ("Praxis Deutsch") als Unterrichtsmodell vorgestellt werden.

Daniel Demers, Steffen Lützenkirchen, Jacqueline Kirschbaum, Stephanie Dresen, Lea Schlösser, Carina Grob, Anna Rabien, Judith Gibbert, Vanessa Mörsch, Kirsten Geller, Anita Fischenich, Sascha Reuen

Norbert-Gymnasium Knechtsteden (NGK)

siehe auch:

  • Aufsatz: "Fabelhaft – Internet-Recherche im Deutschunterricht der Klassen 5 bis 7
  • Link-Liste: "Ausgewählte Links für das Unterrichtsmodell "Fabeln""

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