Konversation im Überfluss. Grices Maximen missachten die wirklichen Sprecher (oder umgekehrt?)

Schmitz, Ulrich (2008)

Aachen: Shaker 2008, S. 81-97.

1. Kurzum

„Mit der Ausbreitung der Wissenschaft schrumpfte das geistige Fassungsvermögen.“ So urteilt Whitehead (1978: 65) über das 19. Jahrhundert mit dessen Spezialisierung und dem vermeintlichen Verlust des Verständnisses großer Zusammenhänge. Doch vorschnelle Verallgemeinerung auf Kosten des Blicks für die Besonderheiten der empirisch einzelnen Fälle kann zum gleichen Ergebnis führen: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ (Kant 1956: 98=B 75)
Paul Grice gehörte zu einer Gruppe Oxforder Philosophen, die es darauf angelegt hatten, mit möglichst wenigen Publikationen möglichst berühmt zu werden. Das ist ein löbliches Unterfangen - verschwendet das umgekehrte Ziel, welches auf dem europäischen Kontinent eher verfolgt wird, doch ungeheure Mengen sowohl von Papier als auch geistiger Ressourcen, die anderweitig möglicherweise nutzbringender (ebenso gut allerdings auch destruktiver) eingesetzt werden könnten. Grice darf wohl als der unbestrittene Sieger dieses intellektuellen Wettstreits gelten. 14 Aufsätze mit zusammen 292 Seiten Umfang1 brachten ihm (nach einer persönlichen, von jederfrau leicht wiederholbaren Erhebung) den zweiten Platz unter den Top Ten der unter Linguistik-Studierenden sowohl meistbekannten als auch meistzitierten Wissenschaftler ein - hinter Noam Chomsky, der dafür jedoch viele Tausend Seiten schreiben musste.2 Zugleich modellierte Grice sich damit zum lebenden Beispiel für die von ihm formulierten (je nach Betrachtungsweise: entdeckten oder aufgestellten) und zu Recht nach ihm benannten Konversationsmaximen, deren Kern - wie wir noch sehen werden - auf die Höflichkeitsmaxime aus der Frühzeit der Telefonzellen hinausläuft, die da lautet: „Fasse dich kurz!“

                    Abb. 1: Schild „Fasse dich kurz!“3

Trotz ihres Ruhmes, ihrer intuitiven Überzeugungskraft und ihrer sachlichen Eleganz sind sie jedoch falsch in dem Sinne, dass sie weder die normativen Ansichten der Sprecher noch die sprachliche Realität zutreffend beschreiben. Das - und nur das - soll im Folgenden gezeigt werden. (Insbesondere wird der Nutzen des - anders eingebetteten - Konzepts von Konversationsmaximen für die Beschreibung konversationaler Implikaturen nicht bezweifelt, also für das Hauptziel von Grice 1993.)
Teilweise wurden ähnliche Einwände gegen Grices Konzept schon früher vorgetragen. Rolf (1994:62-89) erörtert sie zusammenfassend. Meine Argumentation läuft darauf hinaus, dass derartige Einwände, schreibt man Grices Konversationsmaximen empirische Geltung zu wie er selbst, dazu zwingen, dem Kooperationsprinzip entweder zahllose präzisierende Sonderbedingungen, einschränkende Ausnahmen und komplizierende Kautelen zur Seite zu stellen oder aber es derart zu verallgemeinern, dass es trivial, nichtssagend oder leer wird. Beide Varianten widersprächen sowohl Grices Kooperationsprinzip als auch seinen erklärten Absichten.
 

2. Im Brunnen

Grice (1993: 252) bezeichnet sich als „Rationalist“. So betrachtet er „Rede als einen Spezialfall oder eine Spielart zweckhaften, ja rationalen Verhaltens“ (ebd. 251).4 Deshalb erwarteten alle Teilnehmer von sich und den anderen die Beachtung des Kooperationsprinzips: „Mache deinen Gesprächsbeitrag jeweils so, wie es von dem akzeptierten Zweck oder der akzeptierten Richtung des Gesprächs, an dem du teilnimmst, gerade verlangt wird.“ (ebd. 248) Grice unterstellt, dass dieses Prinzip und die Konversationsmaximen, die sich daraus ergeben,5 nicht (oder nicht nur) ideale Normen seien, denen man eigentlich zu folgen hätte, sondern dass Gesprächsteilnehmer „im allgemeinen (ceteris paribus und in Abwesenheit von Hinweisen aufs Gegenteil) in der von diesen Prinzipien vorgeschriebenen Weise vorgehen“ (ebd. 251).6 Gerade weil das sachlich so klarerweise zutreffe, hält er es fast für überflüssig, noch einmal eigens zu bemerken, es sei „einfach ein wohlbekannter empirischer Sachverhalt, daß Menschen sich nun einmal so verhalten“ (ebd. 251). Sie hätten das als Kinder gelernt, und diese „Gewohnheit“ sei geblieben (ebd.).
So kommt es, wenn Philosophen von empirischen Sachverhalten sprechen. Im Blick zu den Sternen bleibt ihnen verborgen, was ihnen zu Füßen liegt. Thales von Milet, so die Legende, fiel darüber in den Brunnen und wurde von einer Magd dafür ausgelacht.7 Wie Whitehead (1978: 70) - nun ja, ein Mann aus Cambridge ;-) - sagt: „Die Philosophen sind der Versuchung ausgesetzt, ein Märchen über die Regulierung von Faktoren zu erfinden und dann im Anhang den Begriff der Vereitelung als sekundären Aspekt einzuführen.“ Grices märchenhaftes Kooperationsprinzip wird im Alltag dauernd Lügen gestraft und auf diese Weise oft praktisch vereitelt.8
Endloses (autistisches oder interaktionsbestrebtes) Geplapper und ausgedehnte sprachspielerische Betätigung von Kindern9 mag Grice ja als Ergebnis wegzuerziehender irrationaler Unreife unfertiger Menschen abtun, obwohl das zu bedauern wäre. Folgt aber auch erwachsenes menschliches Verhalten in den meisten Fällen rationalen Prinzipien?10 Bietet nicht die gesamte Weltgeschichte und -gegenwart Myriaden von Gegenbeispielen im Kleinen und Großen? Und sind entsprechend bei sprachlicher Interaktion, um die allein es hier ja geht, Verstöße gegen Maßstäbe der Vernunft wirklich die seltenen, besonders markierten Ausnahmen?
Was ist der ,akzeptierte Zweck‘ von small talk (falls es einen gibt)? Entweder formuliert man ihn so, dass das Kooperationsprinzip trivialerweise (oder per definitionem, also tautologisch) immer stimmt, etwa in dem Sinne von „Die Leute sprechen so miteinander, wie sie miteinander sprechen.“ Oder man erkennt sprachliche Kommunikation um ihrer selbst willen, also ohne externen Zweck an. Die Motive derart nicht-instrumenteller Kommunikation wären dann Interaktionslust, Angst vor Einsamkeit, Zeitvertreib oder dergleichen und ihr Zweck deren Befriedigung.
Der Zweck von Konferenzen und Gremiensitzungen (keineswegs nur, aber insbesondere etwa in Universitäten, die der Vernunft bekanntlich in ausgezeichneter und dafür eigens bezahlter Weise verpflichtet sind) dürfte darin liegen, zu Entscheidungen zu gelangen, welche der Institution dienlich sind. Jeder Beobachter oder Teilnehmer solcher erklärtermaßen zweckorientierter Gespräche weiß, dass in der Regel weit mehr als die Hälfte der Gesprächsbeiträge diesem Zweck nicht dienen oder ihm geradezu entgegenlaufen - sei es aus Mangel an Bereitschaft, Professionalität oder Klarheit des Verstandes, sei es aus Disziplinlosigkeit, Egoismus oder (seltener) bösem Willen.
Der Zweck von Mediation oder Streitschlichtung, um eine weitere explizit vernunftorientierte Gesprächssorte heranzuziehen, liegt ausdrücklich darin, auf möglichst rationale Weise einen vernünftigen Kompromiss zu finden, mit dem alle Beteiligten gleichermaßen zufrieden leben können. Ein erheblicher Teil der Beiträge jedenfalls der Streitenden nicht nur zu Beginn solcher Gespräche ist gerade darauf angelegt, Kooperation zu stören oder ganz verhindern. Ähnliches gilt häufig für Tarifverhandlungen, Vermittlungsgespräche mit Bankräubern, Erpressern oder Suizidanten, Scheidungsprozesse und viele sprachliche Interaktionen mehr, in denen mindestens einer der Beteiligten tatsächlich oder dem Scheine nach mindestens phasenweise kein Interesse an Kooperation hat.
Was ist der Zweck der Gespräche in Talkshows? Geld verdienen? Überraschende Effekte produzieren? Unterhaltung? Demonstrative Lust an der (teils gespielten) Unfähigkeit zu oder dem Zusammenbruch von Kooperation? Vielerlei Spielarten kommen vor, keineswegs alle Situationen folgen dem Kooperationsprinzip.
Kurzum: Es gibt genügend Beispiele, auf deren Grundlage man behaupten könnte, es sei einfach ein wohlbekannter empirischer Sachverhalt, dass Menschen sich in zahllosen Fällen nun einmal nicht so verhalten, wie es das Kooperationsprinzip verlangt. In vielen, wenngleich nicht allen, Fällen mag es dann immer noch als ethische Norm gelten, der man eigentlich zu folgen hätte. Die Gesprächsteilnehmer würden das, vielleicht murrend, wohl auch anerkennen. In ihrem tatsächlichen Verhalten folgen sie ihm aber nicht: menschlich, allzu menschlich.
 

3. Get rid of informative and cooperative examples!

Schauen wir die Griceschen Konversationsmaximen genauer an (Grice 1993: 249 f.). Sie ergeben sich aus dem allgemeinen Kooperationsprinzip. Kurz gefasst [lieber Leser ;-) ] geht es darum, (1) einen Gesprächsbeitrag so informativ wie für die Gesprächszwecke nötig zu machen und nicht informativer (Quantitätsmaxime), (2) nichts zu sagen, was man für falsch hält oder wofür angemessene Gründe fehlen (Qualitätsmaxime), (3) relevant zu sein (Relationsmaxime) und (4) klar zu sein, d.h. Dunkelheit und Mehrdeutigkeit des Ausdrucks sowie Weitschweifigkeit zu vermeiden und alles der Reihe nach anzuordnen (Modalitätsmaxime).
Dieser letzte Satz selbst zum Beispiel sollte die genannten Maximen hoffentlich vollständig erfüllen. (1) Es steht nicht mehr drin als hier nötig, (2) es wird genau das referiert, was Grice schreibt, (3) es ist im Rahmen dieses Aufsatzes von zentraler Relevanz, und (4) es ist jedenfalls nicht weniger klar formuliert als bei Grice, aber noch kürzer, und folgt genau seiner (vielleicht fragwürdigen?) Reihenfolge. Doch schreiben und reden wir immer so klinisch rein und konversationspolitisch korrekt?
Grice selbst zum Beispiel bemerkt unmittelbar hinter den referierten Passagen: „Und möglicherweise braucht man noch andere.“, ohne diesen Satz näher zu erläutern (ebd. 250). Das ist elliptisch kurz (4) und sicher nicht falsch (2), wegen des „möglicherweise“ allein schon aus logischen Gründen, denn „möglicherweise“ kann es zu allem und jedem stets Erweiterungen oder Alternativen geben.11 Just dieses „möglicherweise“ wirft aber Fragen nach der Relevanz (3), Klarheit (4) und Informationsmenge (1) auf. Warum lässt Grice den Leser im Regen stehen und macht sich nicht selbst die Mühe, entweder möglichst viele andere Maximen aufzuspüren oder aber zu erklären, wieso seine Liste unvollständig sein und was da vielleicht noch fehlen könnte? Wieso also dieser Satz hier relevant sein könnte (3)? Weil er das nicht tut, vermutet der kooperative Leser einen Grund. Er könnte ihn etwa in einer sympathischen Bescheidenheit finden oder in Vorläufigkeit oder didaktischer Absicht oder Faulheit, Unfähigkeit oder Bösartigkeit. Das bleibt unklar; insofern ist der Ausdruck gerade in seiner Kürze ebenso dunkel wie mehrdeutig (4), und zwar weil nicht genügend Informationen zu seinem vollständigen Verständnis gegeben werden (1). Insbesondere ist im Zusammenhang des ganzen Textes nicht einmal klar, ob man lediglich „noch andere“ Untermaximen zu der an dieser Stelle gerade behandelten Kategorie der Modalität (4) braucht oder möglicherweise weitere Hauptkategorien zusätzlich zu den vier bis zu dieser Stelle genannten.
Man sieht also, dass die vier Maximen in einem Spannungsverhältnis untereinander stehen. Es kann sein, dass je mehr eine bestimmte Maxime beachtet wird, desto mehr eine oder mehrere andere verletzt werden. Wer dem zugrunde liegenden Kooperationsprinzip folgen will, steht also vor einer schwierigen Aufgabe: Er (oder sie) muss auf möglichst kunstfertige Art die teilweise gegensätzlichen Anforderungen der vier Maximen in eine möglichst gute Ausgewogenheit bringen. Allein schon aus diesem Grunde ist es falsch zu sagen, dass Sprecher normalerweise „in der von diesen Prinzipien vorgeschriebenen Weise vorgehen“ (ebd. 251); höchstens könnten sie so vorgehen wollen und das auch gegenseitig voneinander verlangen.
Grice tritt nicht als Dogmatiker auf, sondern stellt (wie es auch von seinem persönlichen Auftreten überliefert wird) alles zur Diskussion. Er bringt auch selbst Zweifel an, um sie möglichst wieder auszuräumen. So könnte „Überinformativität“ (1) keine Überschreitung des Kooperationsprinzips bedeuten, „sondern bloß Zeitvergeudung“ (ebd. 249). Und die Relationsmaxime „Sei relevant“ sei zwar kurz, ihre Formulierung verdecke aber „eine Menge von Problemen, die mich ganz schön plagen“ (ebd.). Damit erfüllt sie erklärtermaßen also die dritte Untermaxime („Sei kurz“) der Modalitätsmaxime (4), verstößt aber gegen deren erste („Vermeide Dunkelheit des Ausdrucks“).12
Weiterhin relativiert er die Geltung einiger Maximen und gibt damit zu, dass die Sprecher ihnen keineswegs immer folgen: „wer sich übermäßig13 weitschweifig ausdrückt, wird im allgemeinen milderer Kritik ausgesetzt sein als jemand, der etwas sagt, das er für falsch hält.“ (ebd. 250)
Noch radikalere Konsequenzen, die er selbst aber nicht zieht, hat sein Hinweis, er habe seine Maximen hier so formuliert, „als bestünde dieser Zweck [der Konversation; U.S.] in maximal effektivem Informationsaustausch“ (ebd.). Tatsächlich folgten Kommunikationsteilnehmer aber auch anderen Zwecken „wie der Beeinflussung oder Steuerung des Handelns anderer“ (ebd. 250). Was geschähe denn mit seinem System, wenn man es, wie er (ebd.) fordert, entsprechend „verallgemeinert“? Liefe etwa die Qualitätsmaxime für einen Manipulateur darauf hinaus, dass zu diesem Zweck „angemessene Gründe“ ihm erlaubten, etwas zu sagen, was er für falsch hält? Und zielte die Relationsmaxime in diesem Fall nicht auf „Relevanz“ des Beitrags allein für den Urheber, nicht für den Empfänger? Und würden dann nicht zumindest diese beiden Maximen völlig wertlos? Gälte ähnliches bei genauer Betrachtung nicht auch für die anderen Maximen? Härter noch: Im Verlauf der Lektüre von Grices Aufsatz (gerade weil der gutwillige Leser dem von Grice formulierten Kooperationsprinzip tatsächlich folgt) schien es so, als fordere dieses Prinzip, dass beide Seiten den Zweck des Gesprächs akzeptieren müssten. „Verallgemeinert“ man nun dieses System aber so, dass auch nicht-kooperative Zwecke wie Manipulation, Fremdbestimmung etc. gelten (die tatsächlich ja oft verfolgt werden), verliert das Kooperationsprinzip seinen Gehalt (oder dient ideologischer Verdeckung und widerspricht damit sich selbst): Jede(r) spricht so, wie sie oder er spricht - in der Tat eine „Gewohnheit“, die wir als Kinder gelernt haben (ebd. 251).
Alle solche Abweichungen14 vom reinen Kooperationsprinzip (wie man es zuerst verstanden hatte) sind für Grice nebensächliche Varianten, die zugunsten des klaren Grundgedankens vernachlässigt werden können: „ceteris paribus und in Abwesenheit von Hinweisen aufs Gegenteil“ (ebd. 251). Grice erzählt also tatsächlich - um Whiteheads (1978: 70) bereits zitierte Redeweise aufzunehmen - eine philosophische Geschichte über abstrakte Regeln, die im niederen Alltag von Fall zu Fall durch irgendwelche sekundären Einflüsse behindert oder vereitelt werden. Insofern entspricht Grices Denken dem von John Searle (1982) und nicht dem von John Austin (1972). Ersterem geht es um ein allgemeines Regelsystem, das menschlicher Kommunikation zugrunde liege. Letzterer führt performativ vor, wie die Suche nach einem derartigen A-priori-Regelsystem scheitert.15 Beide Denklinien setzen lange Traditionen fort, die sich immer wieder produktiv aneinander reiben. Vor zweitausend Jahren etwa unterstellten die Analogisten unter den griechischen Grammatikern einen logisch-systematischen Aufbau der Grammatik, während die Anomalisten eine derart konsistente Regelhaftigkeit von Grammatik bezweifelten.16 Im 20. Jahrhundert widerlegte der späte, einzelfallorientierte Wittgenstein (1960b) den frühen Systemdenker Wittgenstein (1960a).
Was würde aus Grices Konversationsmaximen, wenn er so anomalistisch vorginge wie Austin? Wenn er auf den tatsächlichen Sprachgebrauch (a posteriori wie die Thrakerin) schaute statt auf vermutete Regeln, die a priori („im Himmel“) gelten?17

4. Wie sprechen Sprecher wirklich?

Prüfen wir zunächst die Quantitätsmaxime. Natürlich gibt es Fälle, in denen Sprecher fast nur das Nötigste sagen, sei es aus Notwendigkeit (z.B. zwischen Arzt und Patient wegen Kostendeckelung), kultureller Gewohnheit (z.B. in traditionell bäuerlicher Umgebung)18, inniger Empathie (z.B. unter Liebenden)19, Mangel an Empathie (z.B. unter langjährigen Ehepartnern), Peinlichkeit (z.B. in der Kinderbeichte) oder Faulheit (z.B. im Deutschunterricht) oder einer Mischung aus diesen Faktoren wie in folgender (vollständig aufgezeichneter) Alltagsbegegnung im Vorübergehen20:

A: Hi!
B: Wie geht`s?
A: Muss!

Betrachtet man dieses Beispiel streng nach Grice (1993: 251) als einen Fall „zweckhaften, ja rationalen Verhaltens“, erscheint es als sehr fraglich, ob beide Partner die Konversationsmaximen beachten. So scheint etwa A gegen das Relevanzprinzip zu verstoßen, da er die Frage nicht beantwortet. Von Klarheit des Ausdrucks (Modalitätsmaxime) kann auch nicht unbedingt die Rede sein. Doch beide Gesprächspartner scheinen zufrieden mit der Situation. So gesehen stehen wir hier also vor einem Beispiel gelungener Kommunikation trotz beiderseitiger Missachtung der Konversationsmaximen.
Ähnliche Fälle knapper Kommunikation21 kommen häufig in SMS und E-Mails vor, selten auch in Interviews22:
Journalist: Herr Minister, haben Sie ein Wort für die Presse?
Politiker: Ja.
Journalist: Welches?
Politiker: Dieses.
Aus der Sicht des Politikers kann man die Konversationsmaximen gar nicht perfekter erfüllen: Er äußert nur das erbetene eine Wort, nichts Falsches oder Unbegründetes, genau das hier Relevante, klar und eindeutig. Der Journalist kann sich nicht beklagen (und ist nach dem letzten Wort des Ministers deshalb zum Schweigen verurteilt), weil all seine formulierten Erwartungen in glasklarer Präzision erfüllt sind. Grice müsste dieses Gespräch als ein Musterbeispiel „zweckhaften, ja rationalen Verhaltens“ anerkennen. Dennoch wissen beide Gesprächspartner und wir alle, dass das Kooperationsprinzip genial missachtet wird. Denn beide Seiten verfolgen gegensätzliche Zwecke. Der Journalist möchte möglichst viel wissen, der Minister möglichst wenig sagen. Vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes haben wir hier also - genau umgekehrt wie im vorigen Fall - ein Beispiel misslungener Kommunikation trotz beiderseitiger Beachtung der Konversationsmaximen. Das ist deshalb möglich, weil Grice nicht untersucht, ob und wie ein gemeinsam akzeptierter Zweck oder eine gemeinsam akzeptierte Richtung des Gesprächs überhaupt zustande kommen.
Vielerlei Gespräche, Gesprächsbeiträge, Ellipsen23 bis hin zu völligem kommunikativem Schweigen 24erfüllen Grices Quantitätsmaxime optimal; und jeder kennt zahllose Beispiele für mehr oder weniger angemessen informationshaltige Gespräche (z.B. bei der Telefonauskunft, bei der polizeilichen Fahrzeugkontrolle, bei der häuslichen Verabschiedung am frühen Morgen etc. pp.). Doch schon für alle genannten Gesprächssorten finden sich auch gegenteilige Exemplare. Und ganz allgemein gibt es keinerlei Indizien dafür, dass Menschen sich normalerweise so kurz fassen wie möglich (oder auch nur wie nötig).25 Ganz im Gegenteil überwiegen sowohl in SMS und E-Mails als auch in fast sämtlichen anderen Kommunikationsformen Gespräche und Texte, die Wiederholungen, Paraphrasen, Abschweifungen, Floskeln, Leerformeln, Schnörkel, kurz: Redundanz und kommunikativen Zierrat im Überfluss aufweisen. Geschwätzigkeit, Interaktionslust und Kommunikationssucht prägen den größten Teil zwischenmenschlichen Austausches. Massenmedien sind auf Pausenlosigkeit und externe wie interne Anschlusskommunikation geradezu angewiesen.26 Der allseits diagnostizierte information overload 27
verstößt elementar und systematisch gegen die Quantitätsmaxime (und überhaupt gegen das Kooperationsprinzip).
Ähnliches gilt für die anderen drei Maximen: Man beachtet sie (oder eine Auswahl davon) je nach obwaltenden Umständen von Fall zu Fall in mehr oder minder starkem Maße oder auch gar nicht. Wie oft wird gelogen (Qualitätsmaxime), überflüssiges oder irrelevantes Zeugs geredet und geschrieben (Relationsmaxime), unklar, mehrdeutig oder weitschweifig formuliert (Modalitätsmaxime)? Wird gegen diese Maximen tagtäglich möglicherweise nicht sogar häufiger verstoßen, als man ihnen wenigstens einigermaßen folgt? Wahrscheinlich ist es angemessen zu sagen, dass die meisten Menschen in den meisten Situationen, würden sie darüber nachdenken, diesen Maximen einigermaßen recht und schlecht zumindest folgen wollen und das eigentlich auch von ihren Mitmenschen irgendwie erwarten. Im großen Stil empirisch untersucht hat selbst das aber noch niemand, und man muss das vielleicht auch nicht tun. Man soll aber nicht kontrafaktische Behauptungen als empirisch richtige ausgeben (Qualitätsmaxime).
Sicher verfolgt jeder Kommunikationsteilnehmer mehr oder weniger bewusst einen bestimmten Zweck oder auch mehrere. Das sind aber nicht immer rationale Zwecke, und sie werden auch nicht immer mit rationalen Mitteln verfolgt oder auch nur erreicht. Sie oder er will zum Beispiel seine Ruhe haben, sich gegen den Partner wehren, ihn übers Ohr hauen, bitten, trösten, bemuttern, informieren oder desinformieren. Ob die oder der andere diesen Zweck jedoch teilt oder wenigstens bereit ist, sich darauf einzulassen oder darüber zu verhandeln, steht auf einem ganz anderen Blatt. Wie kommt ,der akzeptierte Zweck oder die akzeptierte Richtung des Gesprächs‘, auf die Grices (1993: 248) Kooperationsprinzip gründet, zustande? Wird die gemeinsame Akzeptanz stets gemeinsam gewollt, also unter den Bedingungen dieses Kooperationsprinzips selbst ausgehandelt und aufrechterhalten? Oder sind Zweck und Ziel nicht oft strittig, fragil, wechselhaft und/oder für mindestens eine der beiden Seiten unklar, verborgen oder vertuscht?
 

5. Folgt wenigstens schriftliche Kommunikation Grices Maximen?

Machen wir die Probe aufs Exempel. Man sollte meinen, dass in vielen schriftlichen Textsorten die Konversationsmaximen stärker beachtet werden als in mündlicher Kommunikation.28 Denn in der Regel haben die Verfasser mehr Zeit und achten stärker auf kommunikative Zweckmäßigkeit und formale Korrektheit ihrer Äußerungen. Abstracts wissenschaftlicher Aufsätze zum Beispiel sollten sämtlichen Konversationsmaximen in geradezu idealer Weise folgen können und müssen. Allerdings weiß jeder Redakteur wissenschaftlicher Zeitschriften, dass die Verfasser keineswegs immer dazu in der Lage sind. In stärkerem Maße gilt das für wissenschaftliche Aufsätze und Bücher, studentische Examens- und Seminararbeiten, Portfolios und Protokolle - um nur Textsorten aus dem als besonders rational geltenden akademischen Bereich anzuführen.
Folgen Steuerformulare diesen Maximen in allen oder wenigstens den meisten Punkten? Gesetze? Verordnungen der Europäischen Union? Gebrauchsanweisungen? Beipackzettel? Werberundschreiben? Massendrucksachen? Kann man sagen, dass Spam-Mails relevant sind? Oder dass Romane Weitschweifigkeit vermeiden, wenn sie wie Gontscharows „Oblomow“ oder Maupassants „Stark wie der Tod“ auf Hunderten langatmiger Seiten ausufernd beschreiben, wie jemand morgens nicht aus den Federn kommt bzw. sein Altern schmerzhaft erfährt? Oder dass Celans Gedichte Dunkelheit und Mehrdeutigkeit des Ausdrucks vermeiden? Wie steht es mit Litaneien (Quantität), Lügengeschichten (Qualität), der Fülle unterschiedlichster Informationen in Massenmedien (Relevanz) und der Reihenfolge in Hypertexten (Modalität)? Die Liste kann endlos weitergeführt werden; wir verzichten darauf nur zwecks Beachtung der Quantitätsmaxime.
Die allermeisten Texte (und umso mehr auch Gespräche) folgen Grices Maximen nur in mehr oder oft minder starkem Maße, unter Umständen über längere Strecken auch gar nicht. Grices Maximen mögen unter bestimmten Umständen29 zur Beurteilung ihrer kommunikativen Qualität herangezogen werden (normativ). Sie taugen aber nicht zur empirischen Beschreibung dessen, was Kommunikationsteilnehmer tatsächlich tun (deskriptiv). Es ist sogar fraglich, ob die meisten (oder gar alle) Menschen diese Maximen als geltende Normen für die meisten (oder gar alle) Kommunikationssituationen anerkennen würden. Zumindest hat das bisher niemand untersucht.
 

6. Wie strikt gelten die Konversationsmaximen?

„Es gibt keinen Grund für die Annahme, daß Unordnung weniger grundlegend ist als Ordnung.“ (Whitehead 1978: 71) Zweckfrei pure Kommunikationslust, nicht enden wollender Redefluss, Redundanzen, Abundanzen, kommunikativer Überfluss, Schwatzhaftigkeit, Geschwätzigkeit30, Dummheit31, Bescheuertheit32, versehentlich, absichtlich oder systematisch verunglückende Gespräche33, Verweigerung und Unterminierung von Kooperation bis hin zu aggressivem Schweigen - alles kommt vor, und zwar nicht als seltene, besonders markierte Ausnahmen vom alltäglichen Normalfall gelingender Verständigung, sondern als durchaus gewöhnlicher Alltag. In vielen Fällen geschehen derlei kommunikative Turbulenzen sogar, ohne dass ihre Urheber geächtet würden. Manchmal ist selbst das Gegenteil der Fall; dann kann jemand etwa als einsilbig (Quantität), phantasielos oder zu direkt (Qualität, Relevanz oder Modalität) gelten.
Nun könnte man derart laschen Umgang mit den Konversationsmaximen (also stillschweigende Duldung oder offene Förderung von Verletzungen bzw. Missbilligung ihrer strikten Beachtung) von Fall zu Fall jeweils als besonders tolerante Beispiele für Kooperation deuten. In vielen derartigen Situationen versuchen die Teilnehmer ja, einander so zu beeinflussen, dass Kommunikation möglichst ohne Verdruss erreicht oder fortgeführt wird. Erstens aber würde Grices Kooperationsprinzip auf diese Weise vollends verwässert. Es liefe auf die tautologische Feststellung hinaus: Wo kommuniziert wird, wird kommuniziert. Und zweitens sind gerade in den genannten Fällen häufig recht egoistische Interessen im Spiel, die auf Kosten der Partner gehen. Fairerweise sollte man das dann nicht ,Kooperation‘ nennen.
Grice (1993: 251 f.) meint, Menschen folgten dem Kooperationsprinzip schon allein aus Bequemlichkeit. Es würde „ein gerüttelt Maß Anstrengung erfordern, von dieser Gewohnheit radikal abzugehen. Es ist beispielsweise viel einfacher, die Wahrheit zu sagen, als Lügen zu erfinden.“ Darauf kann nur ein unbedarfter Programmierer idealer Welten kommen. Hat Grice nie gelogen? Wäre es in diesen Situationen nicht sehr viel schwieriger (vielleicht auch sprachlich aufwendiger) gewesen, die Wahrheit zu sagen? Fordert es nicht gerade besondere Anstrengungen, dem Kooperationsprinzip möglichst gut zu folgen?
Die strengere Praxis [der Auslegung; U.S.] geht davon aus, daß sich das Mißverstehen von selbst ergibt und das Verstehen auf jedem Punkt muß gewollt und gesucht werden.“ Schleiermacher (1977: 92) bezog sich mit diesem Diktum auf die Lektüre von Texten. Grundsätzlich gilt sie aber für jegliche Art von Kommunikation. Rede ist nicht an sich ein „Spezialfall […] rationalen Verhaltens“ (Grice 1993:251). Allerdings gibt es viele Situationen, in denen man sich darum bemühen sollte.
Was bleibt von Grice? Sollen seine Konversationsmaximen empirischen Bestand haben, also beschreiben, „daß Menschen sich nun einmal so verhalten“ (Grice 1993: 251), dann reduzieren sich ihre Grundlagen (das Kooperationsprinzip) auf eine tautologische und eine triviale Feststellung. Der tautologische Teil verlangt: „Kommuniziere so, wie du kommunizierst.“ Der triviale Teil lautet: „Und bemühe dich meistens darum, dass deine Mitmenschen deine Botschaft verstehen und möglichst auch akzeptieren.“ Das nennen wir das verschmitzte Kommunikationsprinzip. Als kommunikationsethische Forderung - das ist aber etwas ganz anderes - könnte man hinzufügen: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ (Festschriften zum Beispiel.)

Literatur
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Fußnoten
1 Rolf 1994: 14 f.
2 Ähnlich sieht es bei der Präsenz im Internet aus. <www.google.de> findet am 11.1.2008 um 20.00 Uhr rund 1.310.000 Vorkommen von „Grice“ verglichen mit 7.510.000 Vorkommen von „Chomsky“ und 1.210.000 Vorkommen von „Saussure“. „Ungeheuer“ bringt es auf 1.730.000 Vorkommen, doch werden dabei Adjektive, das „Ungeheuer von Loch Ness“ und dergleichen mitgezählt; wenn wir uns auf „Gerold“ konzentrieren, bleiben 15.400 übrig. „Schmitz“ bringt natürlich noch vor „Chomsky“ rund 7.620.000 Vorkommen, darunter mit „H. Walter“ immerhin noch stattliche 5.340.
3 <www.blech-schilder.de/strasse.htm>(11.1.2008). Vgl. <http://de.wikipedia.org/wiki/Fasse_dich_kurz!> Natürlich geht es nicht darum, möglichst wenig zu sagen, sondern darum, sich kurz zu fassen, also nicht um Kürze als Selbstzweck, sondern um Prägnanz in Bezug auf die kommunikativen Absichten.
4 Zur Diskussion von Rationalität bei Grice vgl. auch Rolf 1994: 156-162.
5 Levinson (1990: 104) sagt, dass die Konversationsmaximen zusammen das allgemeine Kooperationsprinzip „ausdrücken“.
6 Erst an zweiter Stelle wünscht sich Grice (1993: 252) diesen empirischen Tatbestand auch als ethische Norm (die allerdings, weil schon erfüllt, eigentlich ja überflüssig wäre; U.S.): „Ich würde die normale Kommunikationspraxis gerne nicht nur als etwas auffassen können, woran sich die meisten oder alle de facto halten, sondern als etwas, woran wir uns vernünftigerweise halten, was wir nicht aufgeben sollten.“
7 In der Fassung von Platon (1958: 140 = 174a]: „Wie auch den Thales, o Theodorus, als er, um die Sterne zu beschauen, den Blick nach oben gerichtet, in den Brunnen fiel, eine artige und witzige thrakische Magd soll verspottet haben, daß er, was im Himmel wäre, wohl strebte zu erfahren, was aber vor ihm läge und zu seinen Füßen, ihm unbekannt bliebe.“ Vgl. Blumberg 1987.
8 Levinson (1990: 105) akzeptiert diesen Einwand nicht. Grices Punkt sei „subtiler: Er gibt gerne zu, daß Menschen diese Richtlinien nicht buchstabengetreu befolgen. Vielmehr orientiert man sich bei der allgemeinen Rede an diesen Prinzipien. Wenn dann das Gespräch nicht nach ihren Spezifikationen verläuft, nehmen die Hörer an, die Prinzipien würden, auch wenn es nicht so aussieht, doch auf einer tieferen Ebene befolgt.“ Ich bestreite nicht, dass Hörer (in der Regel ja unbewusst) so tun, als gälten die von Grice formulierten Maximen, damit sie sonst unverständliche Beiträge als sinnvoll Gemeinte verstehen können. (Und vielleicht gilt umgekehrt Analoges für Sprecher.) Dass Grice auf diesem Wege Konversationsimplikaturen systematisch aufzudecken erlaubt, ist sein großes Verdienst. Doch abgesehen von dieser Als-ob-Lesart nimmt Levinson Grice mehr in Schutz, als dessen Wortlaut das zulässt. Um ,buchstabengetreues‘ Befolgen geht es auch nicht; und was sollte man sich unter ,allgemeiner Rede‘ vorstellen?
9 Vgl. Andresen 2002, Andresen/Januschek (Hg.) 2007.
10 Vielleicht um einer solchen Frage die Spitze zu nehmen, schränkt Rolf (1994: 14) den Geltungsbereich der Griceschen Maximen auf assertiven Sprachgebrauch ein. Was immer das (im Gegensatz zu assertiven Sprechakten) genau sein mag, beansprucht Grice jedenfalls umfassende Gültigkeit. Auch folgen assertive Sprechakte keineswegs immer rationalen Grundsätzen.
11 Selbst dann, wenn der Autor das erklärtermaßen ausschließt (wie zum Beispiel Searle (1982:50) bei der Liste seiner fünf Klassen von Sprechakten).
12 Wie sein Wort „verdeckt“ (Grice 1993: 249) in dankenswerter Klarheit offen legt.
13 Also gibt es ein Mehr oder Weniger an Weitschweifigkeit. Und ein geringes Maß verstößt noch nicht gegen das Kooperationsprinzip? Also wird der Grad an Verstoß in der Situation interaktiv ausgehandelt? Demzufolge könnten Verstöße nicht, wie Grices Aufsatz suggeriert, von einer neutralen Außenperspektive her beurteilt werden?
14 Ähnlich ebd. 253 f., wo es um „Irrelevanz und Dunkelheit“ geht und um andere Weisen, „daß ein an einem Gespräch Beteiligter eine Maxime nicht erfüllt“.
15 Vgl. den Kommentar von Krämer 2001: 55-73 bzw. 135-153.
16 Namen z.B. bei Coseriu 2003: 113; vgl. Arens 1974: 20-30.
17 „denk nicht, sondern schau!“ (Wittgenstein 1960b: 324 = § 66).
18 Beispiel bei Cölfen 1990: 121 f.
19 „Bei Gleichartigkeit der Gedanken der Gesprächspartner, bei gleicher Bewußtseinslage sind sprachliche Äußerungen auf ein Minimum reduziert. Aber dennoch verstehen sie sich fehlerlos.“ (Wygotski 1969: 332)
20 Essen, 12. April 2006.
21 Vgl. Baldauf 2002.
22 Das folgende Beispiel mit einem sowjetischen Politiker ohne Beleg aus dem Gedächtnis zitiert nach einem Zeitungsbericht aus den 1980er Jahren.
23 Schöne „empraktische“ Beispiele bei Bühler 1934: 155-158.
24 Z.B.: „ […] Schweigen gilt als Annahme des Antrags“ (§ 362 HGB).
25 Die empirisch begründete Prognose von Hoyle 1990, dass Texte, Sätze und Wörter immer kürzer werden bis zum endgültigen Verschwinden der Sprache (zugunsten nonverbaler Kommunikation), hat sich zumindest bisher nicht bewahrheitet.
26 Vgl. z.B. Holly/Püschel/Bergmann (Hrsg. 2001). - Luhmann (1996: 34) zufolge haben die neuen Informationsverbreitungstechnologien seit dem Buchdruck ein System entstehen lassen, das ohne Anwesenheit von Kommunikationspartnern auskomme und sich selbst reproduziere. Es unterscheide Information von Nichtinformation (ebd. 36), greife erstere auf und verwandele sie damit in letztere (ebd. 41). Dadurch zwinge es sich selbst, „ständig für neue Information zu sorgen. Mit anderen Worten: Das System veraltet sich selber.“ (ebd. 42) Im schnellen Kreislauf von Erinnern und Vergessen „dienen die Massenmedien der Erzeugung und Verarbeitung von Irritation.“ (ebd. 35, 46; vgl. 174). Sie produzierten Objekte, die in der weiteren Kommunikation vorausgesetzt werden können: „Objekte ergeben sich aus dem rekursiven Funktionieren der Kommunikation ohne Verbot des Gegenteils.“ (ebd. 178). „Unter modernen Bedingungen wird dies Riskieren von Dissens, dies Testen von Kommunikation durch Kommunikation geradezu enthemmt.“ (ebd. 179) Wirkt unter solchen Bedingungen das Gricesche Kooperationsprinzip, selbst wenn deren Befolgung in vielen Einzelfällen geradezu inszeniert werden mag, nicht hoffnungslos altmodisch?
27 Rund 1,25 Millionen Fundstellen für dieses Stichwort in <www.google.com> am 18.1.2008 um 18.00 Uhr.
28 Grice bezieht auch schriftliche Interaktionsformen ein, z.B. Briefeschreiben (Grice 1993: 253), ohne diesen Unterschied zu betonen.
29 Aber keineswegs für alle Gesprächs- und Textsorten, zum Beispiel nicht bei Small Talk, Talkshows, Romanen und Gedichten.
30 Schmitz 1995.
31 Geyer 1954.
32 Paris 2008.
33 Reilly (ed.) 1987, Weinbuch 2006.

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Dieser Aufsatz erschien in:

Eschbach, Achim/ Halawa, Mark A./ Loenhoff, Jens (Hg. 2008): Audiatur et altera pars. Kommunikationswissenschaft zwischen Historiographie, Theorie und empirischer Forschung. Festschrift für H. Walter Schmitz. Aachen: Shaker, S. 81-97

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