Das Interview zum Interview - Fragen über Fragen an Frank Plasberg. Oder: Wenn Theorie auf Praxis trifft.

Voßkamp, Patrick (2008)

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie.
Und grün des Lebens goldner Baum.
(Goethe)
Wenn das Primat der Praxis,
und damit der ökonomischen Verwertbarkeit,
jedoch zur alleinigen Maxime wird,
dürfte das die Entwicklung der Wissenschaft
eher behindern als verbessern
(taz)


Zum Verhältnis von Theorie und Praxis

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Die Diskussion über eine eher theoretisch oder eher praxisorientierte Geisteswissenschaft soll an dieser Stelle nicht fortgeschrieben werden. Ob Germanistik und Co als verträumt und „weltenfern - als eine skurrile Lebensphase, in der altmodische Bildungsideale liebevoll gepflegt werden“ (taz 4.1.2001, 11) angesehen werden oder „durch das Primat der Praxis“ (taz 10.11.2000, 11) erodieren, mag als Pro- und Contra-Debatte von anderen geführt werden. An dieser Stelle geht es vielmehr darum, Theorie und Praxis als zwei Seiten derselben Medaille zu sehen, nicht als unvereinbare Gegensätze. Warum diese Sichtweise wichtig ist, soll zunächst an einem TV-Format verdeutlicht werden, das vor einigen Monaten intensiv in den (Print-)Medien diskutiert wurde: Die Polit-Talkshow.

Bei dieser Diskussion ging es um Zirkuspferde und Starqualitäten (vgl. FOCUS, 23.06.2006), darum, ob „Anne oder Frank die neue Sabine?“ (taz, 24.10.2007) wird oder ob Frank Plasberg vielleicht „zu hart für den Sonntag“ (ebd.) ist. Dabei macht gerade das letzte Zitat deutlich, dass in Plasbergs Polit-Talk Hart aber fair eine Art Gegenpart zu anderen Formaten gesehen wird, der am Besten in der Gegenüberstellung zu Sabine Christiansen verdeutlicht werden kann. Deren Kritiker scheinen sich geradezu an den „Hypothesen zu Gestaltung und Funktion politischer Fernsehinterviews“, wie sie Hoffmann (1982, 25ff.) formuliert hat, zu orientieren: 
  • In der Regel besteht das Interview im Abspulen eines relativ kohärenten Fragenkatalogs, es mangelt an flexibler Gesprächsführung durch den Interviewer. […]
  • Das politische Fernsehinterview leistet in dieser Form einer fragwürdigen Personalisierung politischer Entscheidungen Vorschub. […]
  • Es dient im wesentlichen der Selbstdarstellung von Spitzenpolitikern. (Hoffmann 1982, 27)
So ist, um nur ein Beispiel zu bringen, über Sabine Christiansen auf Zeit.de folgendes zu lesen:

Ein echtes Gespräch kommt, anders als es die Idee einer Talksendung eigentlich verspricht, selten zustande. Das liegt im wesentlichen an der Gesprächsführung der Ex-Stewardess Sabine Christiansen: Als reine Stichwortgeberin verteilt sie die Wortmeldungen und unterbricht regelmäßig die Diskutanten, wenn es interessant oder lebhaft zu werden verspricht. So spiegelt die Sendung einen Trend wieder [sic!] […]: die Verflachung der politischen Diskussionskultur. (zeit.de, 23.06.2006)

Gänzlich anders fällt die Beurteilung von Hart aber fair und seines Moderators aus. Durften laut FOCUS (23.06.2006) bei Christiansen „Politiker ungebremst ihre Eitelkeiten ausleben“, meint die taz (24.10.2007), dass Plasbergs Sendung „ein für dieses Genre durchaus ungewöhnliches hohes Maß an Substanz“ bietet, die Sueddeutsche urteilt am 25.10.2007 „[e]r hat zudem genug Courage, anschwallende Bockgesänge rasch zu unterbinden und einem Populisten wie Gysi zu sagen: ‚Noch stelle ich hier die Fragen!’“. Die FAZ ist der Meinung, er wirke „wie ein freundlicher Revoluzzer und nicht wie ein kalkulierender Biedermann“ (FAZ, 21. Oktober 2007), während der Stern schlicht „Gnadenlos gut“ titelt (Stern, 18.10.2007). Es scheint demnach der Polit-Talk im Allgemeinen und das Interview im Speziellen doch noch mehr zu sein als „some humbug of a hack politician and another humbug of a reporter.“ (Roshco, 1975, 36, zit. n. Hoffmann 1982, 1)
Wobei sich bei der Lektüre dieser positiven Berichterstattung die Frage einstellt, ob hier nicht jemand dafür gelobt wird, dass er als Journalist einfach seinen Job macht. Es wirkt ja in den Beurteilungen der Medienjournalisten beinahe so, als sei es eine Tabuverletzung, Politiker während ihrer Statements zu unterbrechen oder sie an die gestellte Frage zu erinnern. Anders formuliert: Wie ist es um die Lage des Polit-Talks im deutschen Fernsehen bestellt, wenn ein solches Vorgehen eines Fernsehjournalisten derart auffällig ist?

Unabhängig davon, zu welcher Antwort man selber kommt und welcher Beurteilung man zustimmen möchte, kann man am authentischen Material einiger Hart-aber-fair-Folgen vieles über die Wirkungsweisen des Fernsehens lernen und verdeutlichen: von Mehrfachadressierung (vgl. Kühn 1995) über Sprache in modernen Medien (vgl. Schmitz 2004) bis zur Funktion von Interviews (vgl. Burger 1984, 87ff.) in Talkshows (vgl. Cölfen 2003, 197ff.).


Nun ist es das eine, etwas theoretisch und im Rahmen eines Proseminars zu lernen. Etwas anderes ist es, wenn man versucht, einmal mit jemandem aus der Praxis über die genannten Punkte ins Gespräch zu kommen. Solche Möglichkeiten sollte die Angewandte Linguistik (vgl. Ehlich 1995, 35) schaffen. Schließlich setzt sie sich „mit allen Aspekten des öffentlichen Kommunikationsprozesses“ (Klemm 2004, 230) auseinander, ist sich gleichzeitig ihrer eigenen Grenzen bewusst, übernimmt daher Anregungen aus Nachbardisziplinen (vgl. ebd., 231) – und sollte eben auch, möchte man ergänzen, immer wieder versuchen, sich mit Praktikern auszutauschen. Denn deren Sicht der Dinge kann neue Interpretationsspielräume und Perspektiven eröffnen. Kurzum: Praxis braucht selbstverständlich Theorie. Diese Theorie sollte ihre Erkenntnisse aber auch selbstbewusst den Praktikern präsentieren – und gegebenenfalls auch kritisch diskutieren und hinterfragen (lassen) (vgl. Ehlich 1995, 35).



Von der Theorie zur Praxis


Doch wie schafft man es, sich im Verlauf eines Proseminars, das sich mit Fernseh-Interviews beschäftigt, mit der Praxis auszutauschen? Indem man in einem Anflug von Größenwahn an bekannte Fernsehjournalistinnen und –journalisten schreibt und diese um ein Interview zum Thema Interview bittet. Wenn man Glück hat, erhält man dann a) überhaupt eine Antwort, und wenn man noch mehr Glück hat, b) die Zusage, dass ein Praktiker für ein solches Gespräch zur Verfügung steht. Ein solcher Glücksfall trat im Wintersemester 2007/2008 ein, als Frank Plasberg, Moderator des ARD-Polit-Talkmagazins Hart aber fair, sich zu einem Gespräch mit Studierenden bereit erklärte.

Zunächst hatte das Treffen mit dem mehrfach ausgezeichneten Journalisten – Deutscher Fernsehpreis, Grimme Preis, Bayerischer Fernsehpreis – neben dem der Theorie-Praxis-Verknüpfung einen weiteren Vorteil für die Arbeit im Seminar, nämlich einen nicht zu unterschätzenden motivationalen Faktor. Plötzlich erscheint auch kleinschrittige Transkriptarbeit unmittelbar einsichtig. Diese Arbeit eignet sich besonders für die Analyse von Fernsehinterviews, da durch sie „auch solche Gesprächsphänomene sichtbar [werden, PV], die sich anderen Dokumentationsformen entziehen.“ (Becker-Mrotzek/ Brünner 1992, 14) Daher war diese Methode sowohl für die Arbeit im Seminar wertvoll als auch zur Vorbereitung auf das Treffen mit dem Moderator, der von sich sagt: „Jeder wird so lange Auskunft geben müssen, bis die Frage wirklich beantwortet ist". So beschäftigten wir uns mit einigen Hart-aber-fair-Folgen, betrachteten verschiedene Frageformen (vgl. Barth 1998), speziell geladene Fragen (vgl. Bucher 1993), und analysierten dann insbesondere das Interview, das Plasberg am 10. Oktober 2007 in der Folge „Comeback für den Kuschel-Staat“ mit dem NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers führte.

Doch was ist es genau, was den Interview- bzw. Fragestil von Frank Plasberg auszeichnet? Was unterscheidet seine Sendung von anderen politischen Gesprächsrunden? Ist es wirklich so etwas wie ein inszenierter Tabubruch?
Vor allem, das brachte die Transkriptarbeit zutage, fällt bei Plasberg die häufige Verwendung geladener Fragen auf. An denen konnte im Seminar verdeutlicht werden, weshalb Präsuppositionen in Fragen eine wichtige Bedeutung zukommt. Denn nur so kann erkannt werden, „dass Fragen manipulativen Charakter haben können, dass in der Form einer Frage etwas unterstellt und seine Anerkennung durchgesetzt werden kann.“ (Bucher 1993) Zumal diese Unterstellungen in den von uns untersuchten Sequenzen des Hart-aber fair-Einzelgesprächs mit Rüttgers stets durch die - oft mit einem ironischen Unterton versehenen - Einspielfilme verstärkt wurden. Hier Beispiele aus dem Interview Plasberg-Rüttgers:

Plasberg [v]: hmm gönn sie sich doch einfach n grinsen ähm wenn sie diesn film sehn ähm oder wollen sie krampfhaft bescheiden sein?

Oder:

Plasberg [v]: habn sie eine ahnung warum trotz der harten fakten die für sie sprechen bei ihnen als als sozialem mahner immer ein fragezeichen dahinter steht?



Ist das noch fair?

Doch nicht allein die häufige Verwendung geladener Fragen, sondern auch (provozierende) Vergleiche führten zu Diskussionen im Seminar darüber, inwiefern das Verhalten des Moderators noch fair genannt werden kann. Dem folgenden Turn ging ein Einspieler voraus, der Bezug nahm auf das von der NRW-Landesregierung 2007 veranstaltete Kinderforum. In dessen Verlauf waren dem Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers abgesprochene Fragen gestellt worden:  

Es habe im Vorfeld der Veranstaltung eine «Vorbesprechung» mit dem «Kindermoderator» gegeben, sagte ein Ministeriumssprecher am Freitag in Düsseldorf. Bei dem Moderator habe es sich um den neunjährigen Sohn des Chef-Pressesprechers von Schulministerin Barbara Sommer (CDU) gehandelt. Der Junge habe dafür ein «Taschengeld» bekommen. (netzzeitung.de, 27.09.2007)

Nach dem Einspieler, in dem dieser Vorfall noch einmal beleuchtet wurde, führte Plasberg wie folgt das Interview mit Rüttgers fort:

Plasberg [v]: habn eigentlich gedacht dass der letzte deutsche politiker der so abgekartete fragen nötig hat dass der honecker hieß.

Unabhängig von der mehr als peinlichen Fragestunde während des Kinderforums wurde von den Studierenden diskutiert, ob ein Vergleich eines demokratisch gewählten Politikers mit dem ehemaligen DDR-Staatsratvorsitzenden gerechtfertigt sei. Kurzum: Die positiven Bewertungen von Plasberg und seiner Sendung passten, dies wurde im Verlauf unserer Gespräche im Seminar immer deutlicher, nicht zu unseren, hier nur in aller Kürze skizzierten, Analyseergebnissen. Genügend Gründe für eine intensive Vorbereitung, um Plasberg zu seiner Sicht auf diese Ergebnisse hin zu befragen.

Also informieren wir uns: Lesen vom „Gesinnungs-Gallier“ (Segler 2007, 290ff.), arbeiten uns durch „Der Inlandskorrespondent – Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft“ (Frings/ Plasberg 2007), nehmen die BILD-Schlagzeile „ARD-Star Plasberg - Ehe kaputt“ (25.10.2007) zur Kenntnis, betrachten ebenso die Geiselnahme in Gladbeck und sammeln daneben im Seminar Fragen an Plasberg. Ein Tag vor dem Treffen wird von uns so etwas wie eine Redaktionskonferenz veranstaltet: Die Fragen werden gesichtet, diskutiert und sortiert, eine Gliederung erstellt, verschiedene Antwortalternativen durchgespielt, bis schließlich unser Interviewkonzept steht.


Das Treffen mit Frank Plasberg


So vorbereitet führt uns der Weg nach Düsseldorf, zur Firma „Ansager und Schnipselmann“ - auch Plasberg hat sich, wie seine Kollegen Christiansen, Beckmann oder Jauch, selbstständig gemacht. Es ist ein unscheinbarer grauer Bau, der früher einmal Kneipe, dann christlich-koreanische Kirche und nun Sitz der Hart-aber-fair-Redaktion ist. Vom Flair des Medienhafens ist hier, direkt an einer Autobahnauffahrt, keine Spur. Innen geht es an diesem Tag relativ ruhig zu. Das liegt weniger am Aschermittwoch als daran, dass es eine sendefreie Woche ist, in der wir in den Besprechungsraum geführt werden. Hier, wo sonst die Redaktionsmitglieder bei der Themensuche „wie früher am Lagerfeuer“ (Frings/ Plasberg 2007, 97) zusammensitzen, begrüßt uns zunächst nicht der Moderator, sondern Golden Retriever Helle, der Redaktionshund. Dann kommt der Chef, gibt jedem die Hand und nimmt am Kopfende des Konferenztisches Platz. Mit dabei ist Klaus Frings, freier Journalist, Autor, Produzent und Berater für verschiedene öffentlich-rechtliche Fernsehredaktionen sowie Co-Autor von „Der Inlandskorrespondent“.

„Hier stehen zwei Zwischenprüfungen, macht zusammen ein abgeschlossenes Studium“, stellt Plasberg sich und seinen Partner vor. Dann wird allerdings schnell deutlich, dass Plasberg, anders als Helle, keine Streicheleinheiten will; und auch keine verteilt. Aus dem von uns geplanten Interview – wir zeichnen das Gespräch auf, wir stellen die Fragen und Plasberg antwortet – wird nichts. „Ohne Aufzeichnung kann ich offener sprechen und es ist für Sie auch eine gute Übung, einen Text ohne Quotes zu schreiben“ – so verschwindet das Aufnahmegerät genauso schnell vom Konferenztisch wie die direkte Rede aus diesem Text. Dies hat allerdings auch Vorteile: Statt der geplanten 60 Minuten werden es schließlich zwei schweißtreibende, aber auch spannende Stunden mit einem offenen, glaubwürdigen und – wie Plasberg wahrscheinlich selbst sagen würde – authentischen Moderator. Der gibt allerdings das Redevergaberecht nur ungern aus der Hand, lässt das Gespräch zeitweise atmosphärisch zwischen Interview und Prüfungsgespräch schwanken. Ob Gysi sich auch so gefühlt hat?

‚Authentizität’ – dieser Begriff geht Plasberg ohne den Hauch eines Stotterns über die Lippen. Diese Botschaft hat er in den vergangenen Monaten oft wiederholt, als er vor dem Wechsel vom WDR in die ARD zahlreiche Interviews gegeben hat. Auch heute fällt er häufig, soll hervorheben, dass hier ein Moderator sein Handwerk verrichtet, der im Fernsehen genau so wie im Privaten auftritt. Dazu gehört wohl auch, dass er, der lieber selber interviewt als interviewt zu werden, keinen Hehl daraus macht, wenn ihm Fragen nicht richtig gestellt scheinen. So unterbricht er uns ebenso authentisch wie in seiner Sendung die Gäste, stellt Gegenfragen und lässt eine Antworttechnik erkennen, die offensiv und, vor allem in der ersten Stunde, häufig auch von einem ironischen Unterton begleitet ist. Und bei der sich die Frage stellt, ob ein Gast in seiner Sendung damit gute Karten hätte.

Jetzt erklärt Plasberg erst einmal, wie wir unsere Frage besser hätten formulieren können. Schließlich sei das Führen von Interviews ein Handwerk, das durch harte Arbeit und Fleiß erlernt werden könne. Dazu gehöre, Fragen möglichst kurz, präzise und prägnant zu formulieren. Aber ebenso, deshalb das ‚fair’ im Titel seiner Sendung, dem Gesprächspartner ausreichend Zeit für eine Antwort zu geben. Daher seien Vorabsprachen bei ihm nicht üblich – und auch nicht nötig: „Man fragt, was man will, man antwortet, was man will – es ist ein Pingpong-Spiel der Argumente“. Dass seine Ausübung dieses Handwerks von der Presse bis dato überaus wohlwollend kommentiert wird, wundert und freut das Duo Plasberg-Frings zugleich. Das Erfolgsrezept des Formats sei die Versöhnung von Qualität und Quote gewesen und, ergänzt Frings, die Tatsache, dass man alle Möglichkeiten des Mediums nutze: vom Call-in über die Einspielfilme bis zu den Fragen, die die Zuschauer per E-Mail einreichen können.


Vor allem scheint aber seiner Redaktion sowie der Planung von Fragen eine zentrale Bedeutung zuzukommen: Wichtig sei deren genaue Vorbereitung – für Improvisationen bleibe da wenig Raum. Und Plasberg genießt es, die Zeit für solche Planungen, für Formulierungen zu haben und nicht mehr tagesaktuell arbeiten zu müssen. Dies betont er auch mit Blick auf den oben transkribierten Honecker-Vergleich. Während wir uns kurz wundern und zur Diskussion stellen, ob dieser wirklich gut überlegt war, erklärt Frings, dass der Vergleich legitim sei, da die Analogie stimme. Wir wollen dennoch wissen – auch mit Blick auf die geladenen Fragen –, ob dies noch etwas mit Fairness zu tun habe. Natürlich, so Plasberg. Aber eben nur dann, wenn man seinem Gegenüber genügend Zeit für die Beantwortung der Frage lasse.



Von Verantwortung und Alpha-Tieren


Daraufhin fragen wir in bester Hart-aber-fair-Einspieler-Manier: „Herr Plasberg, wir haben da mal eine Frage: Wären Sie eigentlich gerne in ihrer eigenen Sendung zu Gast?“ Der Satz ist noch nicht zu Ende formuliert, da schnellt der Ansager, der gerade noch lässig mit hinter dem Kopf verschränkten Armen am Tisch saß, nach vorne: „Natürlich!“ Und wir fragen uns, weshalb wir diese Frage überhaupt gestellt haben, können dafür aber auch einmal ironisch werden, „gestern haben wir die Frage zur Vorbereitung durchgespielt und sind genau zu dieser Antwort gekommen.“

Doch dann gibt Plasberg eine Begründung, die überrascht: Er trete nicht nach, wenn er einen Gast im Einzelgespräch gestellt habe. Er wisse, wie weit eine Schraube gedreht werden dürfe. „Dieses Gespür dafür, wie man vorhandene Risse sichtbar macht, ohne mit dem Finger drin zu pulen, zeichnet Plasberg aus“, beschreibt Niggemeier dieses Verhalten in der FAZ (24.10.2007). Plasberg wiederholt solche Zitate gern. Überhaupt vermittelt er den Eindruck, dass er die Berichterstattung über sich sehr genau zur Kenntnis nimmt. Im Übrigen ebenso genau wie die Manöverkritik seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach einer Sendung.

Daneben betont er auch seine Verantwortung den Gästen gegenüber. Hier spricht Plasberg in erster Linie von den „normalen Bürgern“, die in seiner Sendung häufig mitdiskutieren – nicht am Katzentisch, sondern auf Augenhöhe mit Politikern:

Die Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft ist sehr ungleich verteilt. Diejenigen, die Politik machen, werden sorgfältiger beobachtet als die, die sie zu ertragen haben. Es diene der Machtkontrolle, heißt es, Politikern genau auf die Finger zu sehen. Wer wollte das bestreiten? Aber könnte es nicht auch der Machtkontrolle dienen, mehr und Genaueres über „ganz normale Bürger“ zu wissen? (Frings/ Plasberg 2007, 16)

Mit ihnen, den normalen Bürgern als Gästen, müsse er selbstverständlich anders umgehen als mit Polit-Talk-Profis. Und bei ihnen auch die Erwartungshaltung, dass ein Hart-aber-fair-Auftritt das Leben zum Besseren wende, dämpfen.

Plasberg und Frings schmeißen sich nun die Bälle zu: Wer hat gerade was über wen bei spiegel-online oder sueddeutsche.de gesagt oder gelesen, welcher Moderator trete inzwischen genauso auf wie Politiker, welches Zitat stammt aus welcher Talkshow usw. - man könnte es Tratsch und Klatsch unter Medienschaffenden nennen. Aber er ist unheimlich amüsant und er ist auch aufschlussreich, dieser unverstellte Blick hinter die Kulissen des Medienbetriebs: Wer aus welcher TV-Redaktion mit wem aus einer anderen Redaktion verwandt ist, wie auf diese Art Berichterstattung betrieben und gesteuert wird. Schließlich wird auch Privates angesprochen und der Preis, den Plasberg für seinen Erfolg zu zahlen bereit ist und welchen er zahlen muss; etwa, dass Privates ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt wird (vgl. BILD 25. Oktober 2007). Er wirkt in der Tat authentisch – auch, als er über die Gäste spricht, die er nicht mehr bei sich begrüßen möchte (vgl. Schmidt und Pocher vom 07.02.2008) oder welche Themen nicht bei Hart aber fair behandelt werden können (vgl. Frings/ Plasberg 2007, 97ff.).


Ob er ein „Alpha-Tier“ (vgl. Weichert/ Zabel 2007) ist, das die Droge Journalismus braucht (vgl. Sendung vom 24.01.2007 „Amt als Droge. Macht als Rausch“) und sich damit nicht wesentlich von Politikern unterscheidet? Hier lernen wir zunächst eine neue Antwortform kennen, die so genannte „taktische Antwort“, die er im Übrigen auch bei der Frage nach der Objektivität von Journalisten anwenden wird. Plasberg lässt uns den Eindruck gewinnen, dass Journalisten im Allgemeinen nicht gänzlich unanfällig zu sein scheinen für diese Droge (vgl. Weischenberg 2006). Wenngleich er betont, sich dieser Gefahr bewusst zu sein: 

Hintergrundgespräche führe ich immer noch lieber mit denen, die von Politik betroffen sind, als mit denen, die sie machen. Eine Art Selbstschutzmaßnahme, weil ich mir gar nicht dabei zusehen möchte, wie sich auch bei mir so ein Dazugehörigkeitsgefühl einschleicht. (Frings/ Plasberg 2007, 15)

Bleibt nach zwei gemeinsamen Stunden am Konferenztisch mit einem engagiert diskutierenden Medienmenschen die Frage, welchen Frank Plasberg wir nun erlebt haben: Einen glaubwürdigen, kantigen, offen und/oder ehrlichen? Den authentischen. Vermutlich den authentischen.
Sicher aber einen Moderator, der Interesse hat, sich mit Theoretikern auszutauschen und sich über Ergebnisse und Interpretationen zu streiten. Von solch einem Gespräch haben (vermutlich) beide Seiten etwas. Wir auf jeden Fall – und wenn es die Erkenntnis ist, vermeintliche Traumberufe noch einmal zu überdenken.


Offene Fragen


Doch bleibt eine andere Frage offen: Stellt die Linguistik wirklich die geeigneten Methoden bereitet, bei der Optimierung von massenmedialen Produkten zu helfen? Dass wir Möglichkeiten haben, diese Produkte zu verbessern, ist richtig und wurde schon vielfach unter Beweis gestellt. Nur inwiefern diese Aussage speziell auf den TV-Bereich zutrifft, darüber muss an anderer Stelle hart und ebenso fair gestritten werden; das soll, kann und darf nicht anhand eines zweistündigen Gespräches beantwortet werden. Die Stärke der Angewandten Linguistik liegt nicht in der schnellen Erarbeitung von Ergebnissen. Unsere Stärke liegt in der Reflexion und Analyse – und die braucht Zeit. Zeit, die einem der Medienbetrieb selten lässt. Doch wurde bei dem Treffen, bei dem Theorie auf Praxis traf, eines deutlich: Es lohnt, (sich) solche Fragen zu stellen und mit Praktikern zu diskutieren. Denn solche eine Diskussion eröffnet neue Perspektiven für Reflexion und Interpretation.





Dank an Matthias Bock, Susanne Döhmen, Steve Drehsen, Dennis Kaiser, Janine Koppe, Anastasia Paweltschuk, Aida Smajic und Iris van Wickern als hartnäckige FragestellerInnen sowie an die TeilnehmerInnen des Proseminars für deren Diskussionsfreudigkeit - und natürlich an Frank Plasberg und Birgit Schneidereit aus der Hart-aber-fair-Redaktion.



Literatur:
Barth, Christof (1998): Politische Fernsehdialoge zwischen Information und Unterhaltung: Eine sprachwissenschaftliche Analyse des Interviews in ZAK. In: Klingler, Walter; Roters, Gunnar; Zöllner, Oliver (Hrsg.) (1998). Fernsehforschung in Deutschland: Themen, Akteure, Methoden. Baden-Baden: Nomos, S. 333-346. (Hier finden Sie die Online-Publikation)

Becker-Mrotzek, Michael/ Brünner, Gisela (1992): Angewandte Gesprächsforschung: Ziele – Methoden – Probleme. In: Fiehler, Reinhard; Sucharowski, Wolfgang (1992): Kommunikationsberatung und Kommunikationstraining. Anwendungsfelder der Diskursforschung. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 12–23.

Bucher, Hans-Jürgen (1993): Geladene Fragen. Zur Dialoganalyse in Fernsehinterviews mit Politikern. In: Löffler, Heinrich von (Ed.), Dialoganalyse IV. Arbeitstagung Basel 1992, Teil 2. 97-107.
(Hier finden Sie die Online-Publikation)

Burger, Harald (1984): Sprache der Massenmedien. Berlin, New York: de Gruyter.

Cölfen, Hermann (2003): Vom Dialog zum Geräusch. Über den Verlust der Sprache im Spektakel der Talkshows. In: Schmitz, Ulrich/Wenzel, Horst (Hrsg.) (2003): Wissen und neue Medien. Bilder und Zeichen von 800 bis 2000. Berlin: Erich Schmidt, S. 197-214.

Ehlich, Konrad (1999): Vom Nutzen der „Funktionalen Pragmatik“ für die angewandte Linguistik. In: Becker-Mrotzek, Michael/Doppler, Christine (Hrsg.) (1999): Medium Sprache im Beruf. Eine Aufgabe für die Linguistik. Tübingen: Günter Narr (= Forum für Fachsprachen-Forschung; Bd. 49), S. 23-36.

Frinks, Klaus/ Plasberg, Frank (2007): Der Inlandskorrespondent. Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Hoffmann, Rolf-Rüdiger (1982): Politische Fernsehinterviews. Eine empirische Analyse sprachlichen Handelns. Tübingen: Max Niemeyer.

Holly, Werner (1993): Zur Inszenierung von Konfrontation in politischen Fernsehinterviews. In: Grewing, Adi (Hrsg.) (1993): Inszenierte Information. Politik und strategische Kommunikation in den Medien. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 164-197.

Klemm, Michael (2004): Öffentlich kommunizieren. In: Knapp, Karlfried et al. (Hrsg.) (2004): Angewandte Linguistik. Lehrbuch. Tübingen und Basel: A. Francke, S. 229-232.

Kühn, Peter (1995): Mehrfachadressierung: Untersuchungen zur adressatenspezifischen Polyvalenz sprachlichen Handelns. Tübingen: Max Niemeyer (=Reihe Germanistische Linguistik; 154).

Segler, Daland (2007): Der Gesinnungs-Gallier. In: Weichert, Stephan/ Zabel, Christian (Hrsg.) (2007): Die Alpha-Journalisten. Deutschlands Wortführer im Porträt, Köln: Halem, S. 290-297.

Schmitz, Ulrich (2004): Sprache in modernen Medien. Einführung in Tatsachen und Theorien, Themen und Thesen. Berlin: Erich Schmidt (=Grundlagen der Germanistik; 41).

Weischenberg, Siegfried (2006): Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz: UVK.


Zeitungen:
BILD, 25. Oktober 2007, Titelseite.

taz, 01. Januar 2001, S. 11.

taz, 10. November 2000, S. 11.



Online-Ressourcen:
www.faz.net

www.focus.de

www.medienwissenschaft.de - geladene Fragen

www.medienwissenschaft.de - politische Fernsehdialoge

www.netzzeitung.de


www.spiegel.de


www.stern.de

www.sueddeutsche.de

www.taz.de

www.wdr.de - Hart-aber-fair-Homepage

www.wdr.de - Interview Plasberg-Rüttgers

www.wdr.de
- Geiseldrama in Gladbeck

www.zeit.de - über Sabine Christiansen

www.zeit.de - über Anne Will


[Letzter Zugriff jeweils am 14.02.2008]

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