Auf dem Rücken der Schwächsten. Schulbücher nach der Rechtschreibreform

Ickler, Theodor (2002)

Die sogenannte Rechtschreibreform ist handstreichartig eingeführt worden. Einen Tag nach der Unterzeichnung der "Wiener Absichtserklärung" lag das neue Bertelsmann-Wörterbuch in den Buchhandlungen, und auch die ersten umgestellten Schulbücher waren gedruckt, so daß im Sommer 1996, also zwei Jahre vor dem geplanten Inkrafttreten der Neuregelung, in den Schulen der meisten Bundesländer mit der Einführung begonnen werden konnte. Von der angekündigten Erprobungsphase war keine Rede mehr, die Umstellung galt als endgültig. Die Kultusministerien gaben denn auch bekannt, Schulbücher in bisheriger Rechtschreibung ab sofort nicht mehr genehmigen zu wollen.

Zu diesem Zeitpunkt lag das amtliche Regelwerk noch nicht in seiner endgültigen Fassung vor, es fehlte auch noch das amtliche Wörterverzeichnis, ganz zu schweigen von bitter nötigen Kommentaren, die das ungemein schwerverständliche Paragraphendickicht erläutert hätten. Die Schulbuchverlage versuchten notgedrungen, sich einen Reim auf die neuen Regeln zu machen. Mißverständnisse und Übertreibungen konnten nicht ausbleiben. Wenn sogar die erfahrene Dudenredaktion zu dem Schluß kam, "wiedersehen" und zahlreiche ähnliche Wörter – durchweg von hoher Gebrauchshäufigkeit – würden nunmehr getrennt geschrieben, dann ist es kein Wunder, daß die schlechter informierten Schulbuchbearbeiter entsprechende Änderungen vornahmen. Es dauerte Jahre, bis dieser Irrtum behoben werden konnte.

Vielfach wurde die neuen Getrenntschreibung übergeneralisiert: Wasseramseln, so erfahren wird aus dem Gymnasiallehrwerk des Klett-Verlags, "ernähren sich von Wasser bewohnenden Insektenlarven" (Natura. Klett 1998).

Aber auch und gerade da, wo die Neuregelung "korrekt" angewandt ist, leidet der Sinn: Im Geschichtsbuch I (1997) des Cornelsen-Verlags heißt es, daß "sich die Menschenaffen und die Menschenvorfahren auseinander entwickelt hatten" - als hätten sich die einen aus den anderen entwickelt, während sie sich in Wirklichkeit in verschiedene Richtungen, also "auseinanderentwickelt" hatten.

Im ersten Übereifer strichen die Verlage eine Unmenge von Kommas, die nicht mehr stehen müssen, aber durchaus noch stehen dürfen und um der Lesbarkeit willen auch stehen sollten. Dabei trafen sie manchmal das Richtige, oft aber auch nicht.

"Es war, wie Fanny, das Kindermädchen, sagte, Platz in der Hölle um die ganze Stadt Wien und alle ihre Menschen zu verschlingen." (Canetti in Sprachbuch 9, Bayerischer Schulbuch-Verlag 1997) – "Warum weigern Sie sich nicht Licht anzudrehen, wenn Sie von Elektrizität nichts verstehen?" (Dürrenmatt in Kennwort 10, Schroedel Verlag 1997) - "Nie hatte ich den Mut meine Absichten und Wünsche euch zu sagen, denn ich wusste, dass sie mit den euren nicht übereinstimmten." (Hermann Hesse in Verstehen und Gestalten 10, Oldenbourg Verlag 1996, auch die Kleinschreibung der Anrede ist neu.)

Aber auch die eigenen Texte der Schulbuchautoren leiden unter der Kommastreichung, selbst wo sie jetzt als "korrekt" gilt: "Um weitere Bruderkriege unter den Stämmen zu vermeiden griffen Abu Bakr und sein Nachfolger Umar auf den Plan Mohammeds zurück den islamischen Staat nach Norden zu erweitern." (Geschichtsbuch 1, Cornelsen 1997) - "Da haben wir in Anbetracht unserer höchsten Milde und im Hinblick auf unsere immerwährende Gewohnheit allen Menschen Verzeihung zu gewähren geglaubt diese Nachsicht auch auf die Christen ausdehnen zu müssen." (ebd.)
Ebenso häufig wurden Kommas getilgt, die nach wie vor verbindlich sind: "Nun aber fürchteten sie ihr König würde nie ans Ziel kommen." (Geschichtsbuch I, Cornelsen 1997.) - "Nachdem Marius zum Konsul gewählt war erhielt er den Auftrag Krieg gegen den Numiderkönig Jugurtha zu führen." (ebd.)

Nach einem "hinweisenden" Wort muß der Infinitiv neuerdings selbst dann durch Komma abgetrennt werden, wenn er nicht erweitert ist: "Er haßt es, zu arbeiten." Anfangs hielten viele, darunter das Bayerische Innenministerium, aber auch der einflußreiche Schulbuchautor Gerhard Schoebe gewisse Wortgruppen für solche kommapflichtigen Elemente: "Die Anwältin rief zu dem Zweck, noch rechtzeitig zur Verhandlung zu kommen, ein Taxi herbei." (Grammatik kompakt, Oldenbourg 1997) - Das ist jedoch ebenso unrichtig wie die von Schoebe vermutete Weglaßbarkeit des Kommas in: "Wie gesagt es war mitten im Winter." Solche Irrlehren durchziehen jetzt die Deutschbücher, die zudem auch ihre Wortschreibung durch die Reform bis zum grammatisch Fehlerhaften entstellt haben: "Die meisten Verbzusätze sind gleich lautend (!) mit einer Präposition oder einem Adverb." (Schoebe)

Das vollkommen überflüssige, jetzt aber obligatorische neue Komma als drittes Satzzeichen nach wörtlicher Rede wurde zunächst oft vergessen, zum Beispiel in Erstlesebüchern: "'Es hat geschneit!'" ruft sie. (Williams: Mein Schneemann friert. Carlsen 1996) – "'Seid ihr sicher?'" fragt Bauer Huber. (Nagel: Zwei Ferkel stehen Kopf. Carlsen 1996) Inzwischen findet man diesen Fehler in Büchern seltener, wohl weil dieses Komma leicht programmierbar ist. Schüler vergessen es natürlich fast immer; auf diese neue Fehlerquelle hatten Pädagogen schon früh, aber vergeblich hingewiesen.

Die fakultativen Kommas vor erweitertem Infinitiv sind unter genau gleichen Bedingungen einmal gesetzt und dann wieder weggelassen, ohne erkennbaren Grund. Selbst wenn neuerdings dauernd vom "stilistischen Komma" gesprochen wird - wie soll sich ein Gefühl für den Wert dieses Kommas ausbilden? Eine entsprechende Anfrage beantwortete der Ernst Klett Grundschulverlag so: "Dass unter nahezu gleichen Bedingungen einmal ein Komma steht und das andere Mal nicht, lässt sich kaum vermeiden, so lange (sic) die Wahlmög-lichkeit besteht. Und an dieser Situation kann ein Verlag leider nichts ändern." (Brief vom 30. 9. 1997)

Was die literarischen Texte aus neuerer Zeit betrifft, die in den Sprach- und Lesebüchern abgedruckt sind, so ist mit ihnen eine urheberrechtliche Frage verbunden. An einigen Beispielen war bereits zu erkennen, daß die Bearbeitung zu gewissen Veränderungen von Stil und Bedeutung führt. Sehen wir uns noch einmal die veränderte Kommasetzung an: "Törleß seufzte unter diesen Gedanken und bei jedem Schritte, der ihn der Enge des Institutes näher trug, schnürte sich etwas immer fester in ihm zusammen." (Musil in Sprachbuch 10, Bayerischer Schulbuch-Verlag 1997, Komma nach "Gedanken" gestrichen) – "Ich versprach ihm daher auch nur kurz mir noch überlegen zu wollen, was mit ihm geschehen werde." (Musil ebd., Komma nach "kurz" gestrichen)
Ist hier nur eine gewisse Undeutlichkeit die Folge, so muß man bei Christa Wolf schon von einem ernsten Anschlag auf ihren eigentümlichen Stil sprechen: "Damals, im Sommer 1971, gab es den Vorschlag doch endlich nach L., heute G., zu fahren und du stimmtest zu." (ebd., zwei Kommas gestrichen) - "Nimm bloß den Sonnenplatz, dessen alten Namen du nicht ohne Rührung ins Polnische übersetzt auf den neuen blauen Straßenschildern wieder fandest." (ebd., Kommas vor und nach "nicht ohne Rührung" gestrichen, die Aufspaltung von "wiederfandest" ist ein zusätzlicher Schnitzer)

Besonders rücksichtlos gingen die Bearbeiter gegen Thomas Mann vor. Dessen "Krull" beginnt nun so: "Indem ich die Feder ergreife um in völliger Muße und Zurückgezogenheit – gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde (sodass ich wohl nur in kleinen Etappen und unter häufigem Ausruhen werde vorwärts schreiten können), indem ich mich also anschicke meine Geständnisse in der sauberen und gefälligen Handschrift, die mir eigen ist, dem geduldigen Papier anzuvertrauen beschleicht mich das flüchtige Bedenken, ob ich diesem geistigen Unternehmen nach Vorbildung und Schule denn auch gewachsen bin." Abgesehen von der Änderung bei der Wortschreibung – "sodass" und "vorwärts schreiten" – sind drei Kommas gestrichen. Weiter heißt es: "Hier blühen ... jene berühmten Siedlungen, ... hier Rauenthal, Johannisberg, Rüdesheim und hier auch das ehrwürdige Städtchen, in dem ich wenige Jahre nur nach der glorreichen Gründung des Deutschen Reiches das Licht der Welt erblickte." Im Original stehen nach "ich" und "Reiches" Kommas; durch ihre Beseitigung werden Stil und Rhythmus völlig verändert.

Als diese folgenschweren Eingriffe bekannt wurden, erklärten zahlreiche bekannte Autoren, u. a. Aichinger, de Bruyn, Grass, Sarah Kirsch, Kunert, Kunze, Hermann und Siegfried Lenz, Muschg und Walser, daß sie jede Anwendung der Rechtschreibreform auf ihre Texte ablehnen. Die Verlage und die Inhaber der Autorenrechte untersagten den Schulbuchverlagen solche eigenmächtigen Veränderungen und verpflichteten sie zur Rücknahme in den nächsten Auflagen. Das "Sprachbuch 10" zum Beispiel wurde daraufhin nochmals überarbeitet und aufs neue herausgebracht. Übrigens setzen die Reformer selbst die Kommas wie bisher, und die führenden Schweizer Mitglieder der Rechtschreibkommission haben schon 1996 in ihrem "Handbuch Rechtschreiben" gefordert, die bisherige Kommasetzung im wesentlichen beizubehalten.

Bekannte Merkverse wurden für die neuen Sprachbücher umgeschrieben: "Aber, Atem, Eber, eben, Osten: Buchstaben so ganz allein, liebes Kind das darf nicht sein." Daraus wurde: "A-ber, E-ber, e-ben, O-fen, U-fer: Vokale stehen auch allein, das finden sie besonders fein." - Eine eigene Pointe besteht darin, daß die "besonders feinen" neuen Trennungen nicht einmal von der Reformkommission benutzt werden; nur an den Schulen sollen sie "keine Fehler" mehr sein.

Doch mit alldem nicht genug. Die Rechtschreibkommission hat unterderhand einen großen Teil der neuen Regeln bereits wieder zurückgenommen. Damit sind die umgestellten Schulbücher schon jetzt überholt. In "Verstehen und Gestalten" Bd. 7 (Oldenbourg 1997) wird erwartet, daß die Schüler "hochbegabt" und "vielversprechend" getrennt schreiben; inzwischen ist aber laut neuestem Duden (22. Auflage), der in Absprache mit der Kommission verfaßt und von dieser für zuverlässig erklärt wurde, die Zusammenschreibung auch wieder möglich, oft sogar unumgänglich. Rund 15 Millionen gerade erst angeschaffte (oder von Bertelsmann geschenkte) Wörterbücher können von Lehrern nicht mehr benutzt werden, da sie für Korrekturzwecke untauglich sind.

Am meisten leidet die Sprachfähigkeit der Kinder. Wie hatte der führende Reformer, Gerhard Augst, im Jahre 1982 gesagt, als er sein Unternehmen noch nicht im Ernst als "Erfolg versprechend" ansehen durfte? "Eine Änderung geltender Konventionen und Normen über den Schüler zu erreichen, ist zwar verlockend und wäre, wenn es gelänge, auch am erfolg-versprechendsten, aber sie setzt an am schwächsten Glied in der Kette." Dem ist nichts hinzuzufügen.

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