Seminar Ulrike Haß

Seminar Ulrike Haß: Der Diskurs um die Verfassung Europas - Medien, Textsorten, Strategien, Schlüsselwörter (WS 2005) 

 
Kleine Essener Stichwortsammlung zum Diskurs um die europäische Verfassung

entstanden im Hauptseminar Germanistik/Linguistik

"Der Diskurs um die europäische Verfassung"

geleitet von Ulrike Haß, im Wintersemester 2005/2006 an der Universität Duisburg-Essen

Anlass und Ziel

Der Vertrag über die Verfassung für die Europäische Union (Text in 21 Sprachen unter http://europa.eu.int/constitution/index_de.htm) ist zwar von der Bevölkerung zweier Staaten (Frankreich und den Niederlanden) abgelehnt, von 13 weiteren Staaten aber angenommen worden. So liegt die Verfassung, verstanden als (angestrebter) Zustand und verstanden als Text auf Eis, aber die Debatte um ihre Zukunft geht munter weiter. Schon die vorwiegend in und mittels der Medien geführte Diskussion im Vorfeld der Volksreferenden 2004 und 2005 hat ein Bild der Verfassung entstehen lassen, in dem der Text selbst eher eine untergeordnete Rolle spielt.

Für den derzeitigen EU-Ratspräsidenten, den österreichische Bundeskanzler Schüssel, ist der "zwischen zwei Nein- und 13 Jasagern festgefahrene Text der EU-Verfassung erst einmal nebensächlich, der Kontext zählt: "Es geht dabei nicht nur um einen Text. Es geht um sehr viel mehr: Es geht um unsere Identität; was verbindet uns, was hält uns zusammen? ... Was soll Europa tun können und müssen?" (zit. in Die Zeit, 26.1.2006, S. 12). Hier wird deutlich, dass Identitäten, Zusammenhalt und Wertekonsens aber über den Text hinaus gehend kommuniziert werden müssen. Deshalb betonen mittlerweile viele europäische Politiker die Bedeutung der Kommunizierbarkeit des Verfassungstextes und dass man für die demokratische Debatte um seine inhaltliche Ausgestaltung Zeit und Aufmerksamkeit braucht.

Für eine Verfassung, insbesondere die Europäische, gilt mehr noch als für andere Texte, dass der Kontext die Interpretation des Textes prägt, ja: steuert – man kann auch sagen: den Text allererst hervorbringt. Dieser Kontext wird hier wegen seiner Dynamik, seiner Vielsprachigkeit und Vielstimmigkeit und prinzipiellen Unbegrenztheit Diskurs genannt. Ziel des Seminars war es daher, Einflussfaktoren, Mitspieler und Deutungsmuster herauszuarbeiten, die die Wahrnehmung der Verfassung und letztlich: der Europäischen Union ganz allgemein konstituierten und dies weiterhin tun. Die TeilnehmerInnen des Seminars erarbeiteten sich wesentliche Züge des Verfassungsdiskurses mithilfe der Schlüsselwortanalyse in Anlehnung an die Methode der 'Düsseldorfer Schule' (Stötzel, Wengeler, Böke, Jung, Eitz und andere). Das Ergebnis wird hier als kleine Schlüsselwort-Sammlung präsentiert. Wer die Artikel, kleine Essays mit Textbelegen, liest, kann Strategien, Meinungspositionen und Funktionalisierung von Wörtern entdecken.

Zum Aufbau der Schlüsselwortartikel

Die Auswahl der Stichwörter folgte keiner vorgängigen Systematik; jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer wählte sich ein Schlüsselwort selbst – nach erwarteter Interessantheit. So willkürlich die Liste daher auch ist, so spiegelt sich in ihr doch ein Stück des allgemeinen Interesses am Verfassungsdiskurs.

Die Texte folgen einem vom Seminar selbst erarbeiteten Textmuster, das einzelfall­spezifische Abweichungen nicht ausschließt. Die gliedernden Abschnitte seien nachfolgend kurz erläutert.

1. Die Vorgeschichte des Worts: Nur selten wird ein Begriff[1] und seine lexikalische Realisierung im Verfassungsdiskurs geboren; meist wirken in die Gegenwart Traditionen hinein, die hier bewusst gemacht werden sollen.

2. Bezeichnungsvarianten: Oft wird ein Begriff mit ähnlichen, aber nicht identischen Wortformen ausgedrückt, z.B. kann europäische Integration auch als Integration Europas und noch anders ausgedrückt werden; Recherche und Analyse beziehen sich auf alle vorkommenden Varianten, die hier aufgelistet werden. Hierzu können auch die im Verfassungstext selbst verwendeten Formen nachgewiesen werden.

3. Konkurrierende (oder alternative, kontroverse) Bezeichnungen für dieselbe Sache: Im Unterschied zu (2.) werden hier Lexeme und Syntagmen aufgelistet, die formal dem Schlüsselwort eher unähnlich sind und die sich insbesondere durch eine andere Sprechereinstellung oder sonstige pragmatische Markierungen von ihm unterscheiden, z.B. europäische Einverleibung anstelle von europäische Integration. Ausgewählte Belegbeispiele werden unter dem genannten Aspekt kommentiert. Hierzu können auch die im Verfassungs­text selbst verwendeten Bezeichnungen nachgewiesen werden, wenn sie kontrastierend zu diskurstypischen Ausdrücken verwendet werden.

4. Das Schlüsselwort wird abgegrenzt von: Im Unterschied zu (3.) werden hier Ausdrücke genannt und bei Bedarf kommentiert, die bzw. deren begriffliche Inhalte meist aus diskursstrategischen Gründen der Kontrastierung dem Schlüsselwort gegenübergestellt oder von ihm abgegrenzt werden.

5. Worauf wird mit dem Schlüsselwort Bezug genommen?: Hier geht es um die Referenz im linguistischen Sinne, d.h. um die Frage: was ist damit gemeint, was bedeutet die Bezeichnung im allgemeinen Sinne? Aufgabe war, die begrifflichen Inhalte des Schlüsselwortausdrucks aus den Belegen des Korpus herauszuarbeiten, und sei es die Tatsache, dass der jeweilige Inhalt eher vage und unbestimmt oder seine Exemplifizierungen durch Diskursbeteiligte mitunter sehr heterogen ausfallen.

6. Welche Sprechereinstellungen sind mit dem Schlüsselwort verbunden?: Hier interes­sierten nicht Individualmeinungen, sondern mögliche Meinungsgruppen und die Art und Weise, mit der diese jeweils ihre (politische) Haltung zu einem europäischen Thema ausdrücken. Dies kann in und mit der Wortwahl und Formulierung geschehen, aber auch – noch suggestiver – mittels wiederholter Kollokatoren (Attribute, Prädikatoren usw.)

7. Wer sind die Meinungs-/Wertungsgruppen?: Dieser Abschnitt erlaubt es, ggf. die Meinungsgruppen und deren Wortführer im Zusammenhang mit (6.) anzugeben und am Korpus nachzuweisen.

8. Welche Funktion hat der Ausdruck im Diskurs?: Was in den vorhergehenden Abschnitten herausgearbeitet wurde, wird hier in Beziehung zueinander gesetzt und unter kommunikativ-funktionalem und diskursstrategischen Aspekten eingeordnet.

9. Fazit: VerfasserInnen nutzen hier die Möglichkeit, losgelöst vom Textmuster eine Zu­sam­menfassung mit den ihnen notwendig erscheinenden Gewichtungen zu formulieren.

10. Angaben zu benutzten Korpora, und zur Literatur: Die Diskursanalysen wurden mithilfe diverser elektronischer Textkorpora (v.a. den Korpora des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, der erweiterten Suche von Google, der Textsuche search-inside von amazon und einigen kostenfrei zugänglichen online-Medienarchiven) durchgeführt, deren Nutzung, Auswahl und ggf. Ergänzung durch Sekundärliteratur hier transparent gemacht wird. "Der" Diskurs ist als solcher nicht erkennbar, nur Ausschnitte sind es; deren Interpretation sollte sich der Selektivität des benutzten Materials und der relativen Reichweite der Interpretationsergebnisse immer bewusst bleiben und den Lesern gegenüber auch offen legen. – Zu zwei Schlüsselwörtern sind unabhängig von einander mehrere Artikel entstanden. Man kann anhand der Quellenangaben und auch anhand der faktischen Belegauswahl vergleichen, zu welchen Übereinstimmungen und Abweichungen die gleiche Methode führen kann.

Schlüsselwort ist vernetzt mit: Hier werden interne "Links" gesetzt, wo es angebracht scheint, um die verfahrensbedingte Vereinzelung der Schlüsselwörter wieder ein Stück weit zu 'reparieren' und auf das mentale Netz aufmerksam zu machen, das der Diskurs eben auch ist.

Essen, Anfang Februar 2006, Ulrike Haß (ulrike.hass@uni-due.de)


[1]Begriff wird an dieser Stelle konsequent für die Inhaltsseite des Wortzeichen verwendet, nicht für dessen Ausdrucksseite oder das gesamte zweiseitige Zeichen.

INHALT

Ata Mehmet
Europäische Gemeinschaft
Ayas Julia
Europäische Union
Betcke Helen
Kerneuropa
Bückmann Volker Haus Europa
Bürgel Sabine
Europäische Integration
Clasen Marco
Europäische Identität
Falcone Rita
Festung Europa
Ferrarello Viola Europaparlament
Große-Geldermann Jan
Kerneuropa
Haß Ulrike
Europäisches Sozialmodell
Jüngling Matthias
Europhobie
Kauert
Sandra
Zusammenhalt
Koop,
Bornemann,
Daniel
Anne
Militarisierung/Militarismus
Lengkeit Jan
Festung Europa
Leurs Susanne
Grundrechtscharta
Lueg Ulrich
Unionsbürgerschaft
Möller Ursula
Europa ohne Grenzen
Möllmathe Christiane
Vereinigte Staaten von Europa
Monschan Helen
Europhorie
Melcher, 
Nimphius, 
Steffi
Marius
Europäische Verfassung
Royal Simon
Vereinigung Europas
Schierz Annika
(Europäischer) Staatenverbund
Stahlberg Saskia 
Tierschutz
Stark Britta
Unionsbürgerschaft
Strathausen Andrea
Europäische Mitgliedsstaaten
Haß Ulrike
Europäisches Sozialmodell
Vering Anna
Souveränität
Vlijt-Gomulia Claudia
Europäische Integration
Wilczek Sarah Europäische Identität
Zniszczol Anna
Marshall-Plan

 

 

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