AutorInnen:
Cölfen, Hermann

Aufsatztitel:
OBST 87: Brot und Spiele - Sprache, Kochen und Essen: Einleitung

Heftnummer:
87

Seiten:
9-13

Einleitung

Die Redaktion der Zeitschrift OBST hat seit dem ersten Heft im Jahre 1976 zahlreiche, nicht nur linguistisch, sondern auch gesellschaftlich relevante Themen diskutiert. Dabei spielten zeitgeschichtliche und gesellschaftspolitische Bezüge eine große Rolle. Bis heute hat die Redaktion das Ziel, aktuell diskutierte Themen aufzunehmen, aus der Perspektive der Linguistik zu analysieren und die Ergebnisse linguistischer Analyse und Reflexion möglichst vielen LeserInnen zu vermitteln. Vor einiger Zeit ist uns aufgefallen, dass das weite Feld von Essen und Kochen in OBST bisher noch nicht beackert worden ist. Vielleicht liegt es daran, dass es nicht unmittelbar einleuchtet, aus welchem Grund eine auf den ersten Blick rein handwerkliche Tätigkeit wie das Kochen für die Linguistik relevant sein soll. Es könnte auch sein, dass Essen und Kochen als basal und zugleich überzeitlich wahrgenommen werden: Was ließe sich darüber mit Blick auf die Sprache heute (noch) sagen?

So sehr die Linguistik das Kochrezept als Prototyp für den Begriff „Textsorte“ schätzt, so sehr unterschätzt sie bis heute den Wandel ebendieser Textsorte im Laufe der letzten 30 Jahre (vgl. Cölfen 2007). Weitgehend unbemerkt ist bislang auch die Vielfalt der Kommunikation und Kommunikationsformen rund um das Essen und Kochen in den Sprachwissenschaften geblieben. Mit Blick auf historische Kochbücher hat vor allem Trude Ehlert intensiv geforscht (vgl. Ehlert 1991, 1993, 2000), mit der Perspektive auf Wortbildung und Lexikologie Elke Donalies (vgl. Donalies 2010, 2011, 2012a, 2012b), mit Bezug zur Kulinaristik schließlich Bernd Spillner (vgl. Spillner 2010, 2011). Darüber hinaus gibt es durchaus einzelne Veröffentlichungen zum Thema, vor allem zu Kochshows (z.B. Meier 2007, Voigt 2009 oder im Promotionsprojekt von Beate Weidner o.J.). 

Ausgehend von der Bedeutung und den Formen der Kommunikation über Kochen und Essen soll der vorliegende Band einen ersten Versuch darstellen, über den Tellerrand der Linguistik zu schauen und dabei sowohl die schriftliche als auch die mündliche Kommunikation in den Blick zu nehmen. Hierbei haben die im Folgenden genannten AutorInnen mitgeholfen:

Ulrike Haß sieht das „Kochen als enzyklopädische Herausforderung“, indem sie untersucht, auf welche Weise Wissen übers Kochen in enzyklopädischen Lexika sprachlich zugänglich wird. Dazu bestimmt sie (a) das spezifische Potenzial des Themas Kochen, (b) die Textsorte „Enzyklopädie“ und (c) einen für diesen Kontext angemessenen Begriff von Wissen. Indem sie feststellt, dass „das Thema Kochen […] einen besonders interessanten Grenzbereich [darstellt], in dem sich alltägliches und fachliches, prozedurales und propositionales Wissen vermischen bzw. aufeinandertreffen“ (Beitrag in diesem Band, S. 10), wird schon im ersten Beitrag dieses Heftes klar, dass Kochen nicht nur handwerklich, sondern auch linguistisch komplexer ist, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Die im Beitrag ausgewerteten Lexika reichen von Zedlers Universal-Lexicon (1731-1754) bis hin zur aktuellen Wikipedia.

Maurice Kauffer analysiert in seinem Beitrag „Weißwein oder Rotwein? Zu den Adjektiven der Weinsprache“ die deutsche Weinsprache, um herauszufinden, wie deutsche Winzer ihre Weine beschreiben und den KonsumentInnen präsentieren. Gegenüber bereits publizierten Untersuchungen zum Wortschatz der Weinsprache nimmt er vor allem die Adjektive in der Weinsprache in den Blick. Dabei greift er auf sieben Websites deutscher Weingüter bzw. Winzervereine zurück, die sich in verschiedenen Weinbaugebieten befinden. Im Gegensatz zur pauschalen Kritik an der Weinsprache („vinobabble“, „meaningless language“) ist es Kauffers Ziel, „den Adjektivgebrauch und die Adjektivbildung in der Weinsprache zu untersuchen und besonders die Adjektive, die in sensorischen Texten zur Beschreibung der Weine verwendet werden“ (S. 57).

Bernd Spillner hebt in „Reden und Schreiben über Essen und Trinken“ die Bedeutung sprachlicher Kommunikation im Kontext von Gastlichkeit, Speisen und kulinarischen Genüssen heraus, wobei er alle denkbaren bzw. praktizierten Kommunikationsformen (sowohl mündlich als auch schriftlich) mit einschließt. Auch er stellt fest, dass im Bereich der Linguistik des Essens und Trinkens (in der kommunikativ orientierten Sprachwissenschaft) bis heute „eminenter Nachholbedarf“ besteht (S. 63). Im Gegensatz zu Kauffer beschreibt er die semantische Seite der Weinsprache unter Einbezug aller Wortarten. Im zweiten Teil seines Beitrags geht es um Restaurantkritik in Restaurantführern: Hier entdeckt er eine bisher noch kaum erforschte „thematisch, argumentativ, syntaktisch, textuell, stilistisch und in der kulinaristischen Grundauffassung sehr breit aufgestellte“ (S. 81) Textsorte und fordert dazu auf, hier künftig weiter zu forschen.

Claudia Schirrmeister untersucht als Kommunikationswissenschaftlerin in „Vermisste Reflektionen: Die Kochbuchrezension im Schatten des Kochbuchs“ die durch Blogs und Fachzeitschriften immer bedeutsamer werdende Textsorte der Kochbuchrezension. Nach einer kurzen Reflexion der Geschichte der Rezension allgemein seit dem 17. Jahrhundert und einer kulturwissenschaftlichen Einschätzung der Entwicklung und Bedeutung von Kochbüchern und deren Bewertung beschreibt sie Kochbuchrezensionen in ihren unterschiedlichen Repräsentationen und ihrer Bedeutung im Markt. Auch wenn sie feststellt, dass die Kochbuchrezension mit der Rezension wissenschaftlicher Werke oder der Literaturkritik durchaus einiges gemein hat, so stellt Schirrmeister schließlich die Besonderheiten der Kochbuchrezension klar heraus und leistet somit einen Beitrag zur Bestimmung dieser Textsorte.

Anna Wolanska klärt in „Das E-Kochrezept – Gegenwart oder immer noch Zukunft?“ die Bedeutung und Funktion von Kochrezepten in Neuen Medien (Apps oder offene Rezeptsammlung im Internet). Am Beispiel von Internet-Kochrezepten soll gezeigt werden, wie E-Kochrezepte aufgebaut sind und ob bzw. wie sie sich von Kochrezepten in Print-Medien unterscheiden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Auswertung „funktionaler Bausteine“, die in Grundbausteine und Erweiterungsbausteine weiter unterschieden werden. Man erfährt dabei nicht nur etwas über den unterschiedlichen Gebrauchswert der E-Rezepte, sondern auch über die jüngste Entwicklung dieser Textform. 

Thomas Vilgis illustriert als Physiker mit dem Forschungsschwerpunkt „analytische Theorie weicher Materie“ am Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz das Verstehen und Missverstehen bei der Wissensvermittlung an (naturwissenschaftliche) Laien. Am Beispiel der Brotproduktion zeigt er, welche Missverständnisse die Bezeichnungen bzw. der Umgang mit Bezeichnungen für Inhaltsstoffe und Prozeduren verursachen können, wenn Rezipienten die für das Verständnis erforderlichen Sachkenntnisse fehlen. Dabei geht er auf die oft (naturwissenschaftlich) sachlich nicht begründbaren Vorbehalte gegenüber Chemikalien bzw. deren Bezeichnungen ein und wirbt für eine mehr auf Sachverstand basierende Urteilsbildung. An dieser Stelle können LinguistInnen mit NaturwissenschaftlerInnen kooperieren und an Konzepten für eine verständliche Wissensvermittlung mit dem Ziel bestmöglicher Aufklärung arbeiten.

Beate Weidner schließlich untersucht mit Mitteln der Gesprächsanalyse in „prodesse et delectare wenn Lanz kocht! Kommunikative Verfahren der Herstellung von Infotainment in einer TV-Kochsendung“, wie populäre KöchInnen im noch vergleichsweise jungen Format des Infotainment agieren. Dabei analysiert sie mit einer modalitätsspezifisch erweiterten gesprächsanalytischen Perspektive, wie und unter Verwendung welcher Strategien Informationen und Entertainment bei der Vermittlung von Kochprozeduren zusammenwirken. Im Ergebnis zeigen sich dabei unterschiedliche kommunikative Praktiken und spezifische multimodale Sequenzorganisationsformen kommunikativer Aktivitäten.

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„Brot und Spiele – Sprache, Kochen und Essen“ soll die Diskussion in diesem Themenfeld (neu) eröffnen. Brot und Spiele waren nicht nur im antiken Rom zwei wesentliche ‚Aktivitäten des täglichen Lebens‘ – sie sind es auch heute (Essen und Trinken, Sich beschäftigen; Juchli, 1993). Die einzelnen BeiträgerInnen haben ja auf Desiderata hingewiesen und entsprechende Vorschläge und Wünsche formuliert, wie es hier künftig weitergehen könnte. Der Herausgeber dieses Heftes möchte dies unterstützen und dazu ermutigen, sich – gern auch mit Bezug auf die Angewandte Linguistik – dieser ohne Zweifel interessanten und mit Blick auf die Alltagskommunikation relevanten Themen anzunehmen. Lassen Sie sich das Heft schmecken!

Literatur

Cölfen, Hermann (2007): Vom Kochrezept zur Kochanleitung. Sprachliche und mediale Aspekte einer verständlichen Vermittlung von Kochkenntnissen. In: Essener UNIKATE 30: Essen im Blick – Ein interdisziplinärer Streifzug. Essen: UNIKATE Universität Duisburg-Essen/Wissenschaftsverlag SSC – Science Support Centre, Essen.

Donalies, Elke (2010): Sprache ist der beste Koch. Ein linguistisches Menü. Tübingen: Narr, 2010.

Donalies, Elke (2011): „Das Rezept war super! Es stand nur leider nicht dabei, ob die Kartoffeln roh oder gekocht verwendet werden sollten“. Sprachmanagement für Kochrezepte. In: Aptum 3/2011. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur. Bremen: Hempen, S. 193-223.

Donalies, Elke (2012a): Sich die Rosinen aus dem Kuchen picken. Vier Gründe für den Phrasemgebrauch. Teil I: Klar wie Kloßbrühe – Adjektivphraseme. In: Sprachreport 4/2012. Mannheim: Institut für Deutsche Sprache, S. 28-30.

Donalies, Elke (2012b): Man nehme … Verbformen in Kochrezepten. oder Warum das Prototypische nicht immer das Typische ist. In: Sprachreport 2/2012. Mannheim: Institut für Deutsche Sprache, S. 25-31.

Ehlert, Trude (1991): Essen und Trinken in Mittelalter und Neuzeit. Beiträge des interdisziplinären Symposions Gießen 10.-13.6. 1987. Hrsg. v. Irmgard Bitsch, T. E., Xenja von Ertzdorff. 2. Aufl. Sigmaringen: Jan Thorbecke Verlag.

Ehlert, Trude (1993): Zum Funktionswandel der Gattung Kochbuch in Deutschland. In: (Wierlacher, Alois, Neumann, Gerhard u. Teuteberg, Hans Jürgen): Kulturthema Essen. Ansichten und Problemfelder (= Kulturthema Essen 1). Berlin 1993, S. 319-341.

Ehlert, Trude (2000): Das Kochbuch des Mittelalters. Rezepte aus alter Zeit, eingeleitet, erläutert und ausprobiert von Trude Ehlert, 5. Aufl. Düsseldorf: Patmos.

Juchli, Liliane (1993): Ganzheitliche Pflege – Vision oder Wirklichkeit. 3. Auflage. RECOM. Basel. 1993.

Meier, Stefan (2007): „Der Topf ist rund, und nach der Vorspeise ist vor dem Hauptgang“. Vom kulinarischen Sportsgeist und Starkult im täglichen TV-Geflimmer. Eine Medienanalyse bekannter Kochshow. In: SIETAR Deutschland eV. (Hg.): Kulinarische Standorte – kulturelle Perspektiven, 13. Jahrgang, Heft 2/2007, 22-25.

Spillner, Bernd (2010): Gaumenschmeichler. Das Amuse-gueule oder Amuse-bouche. In: Palatum. Zeitschrift für Kulinaristik. Wissenschaft – Kultur – Gastlichkeit no. 2 (2010), Annweiler: Plöger, S. 67-68.

Spillner, Bernd (2011): Stätten der Gastlichkeit. Linguistische Methoden zur Kulinaristik am Beispiel des französischen Lexems ‚auberge‘. In: Wierlacher, Alois (ed.): Gastlichkeit. Zur Grundlegung einer kulinaristischen Gastlichkeitsforschung. Berlin: LIT 2011, S. 316-329.

Voigt, Dorrit (2009): Kochsendungen im deutschen Fernsehen. Zur medialen Inszenierung von Alltagskompetenz. Frankfurt am Main: Univ.-Bibliothek Frankfurt am Main

Weider, Beate (o.J.): Informieren, Belehren, Bewerten - Gesprächslinguistische Aktivitätsanalysen unter modalitätsspezifisch erweiterter Perspektive am Beispiel einer TV-Kochsendung. Laufendes Promotionsprojekt: <http://www.uni-muenster.de/Germanistik/Lehrende/weidner_b/projekte.html>.

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