AutorInnen:
Krämer, Sybille

Aufsatztitel:
Über die Handschrift: Gedankenfacetten

Heftnummer:
85

Seiten:
23-33

Gibt es überhaupt eine Schrift ohne die Hand? Schon die Abdrücke von Händen, welche auf paläontologisch erforschten Höhlenwänden mannigfach zu finden sind und zu den frühesten Spuren handgreiflicher Markierungsarbeit des Homo sapiens gehören, zeigen auf archaische Weise etwas sehr Grundsätzliches: Der Graphismus des Symbolischen, welcher Zeichnungen, Schriften, Diagramme, Graphen bis hin zu Tätowierung und Graffiti einschließt, ist und bleibt angewiesen auf die Hand. Ob der Griffel in weichen Ton babylonische Keilschriftzeichen oder auf Wachstafeln römische Lettern einritzt, ob der Meißel für die Steininschrift handwerklich exakt oder der Pinsel in der Kalligraphie kunstfertig fließend zu führen ist, ob der Gebrauch von Federkielen, Füllern und Bleistiften durch den Druck auf die Computertaste ersetzt wird oder ob schließlich der Touch-screen durch Fingerzeig und ‚Wischen‘ instruiert wird: Betrachtet in der Perspektive eines Schreibens, das angewiesen ist auf die Nutzung eines Schreibgeräts, sind Schriften ohne Gesten der Hand, also buchstäblich ohne Handlungen, nur schwer möglich. In diesem überaus elementaren Sinne ist jede Schrift immer auch: Handschrift. (…)

 

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