Autor:
Helmut Gruber

Aufsatztitel:
Funktionale Pragmatik und Systemisch Funktionale Linguistik – ein Vergleich

Heftnummer:
82

Seiten:
19-47

In diesem Beitrag wird die Funktionale Pragmatik, die seit den 1970er Jahren vornehmlich im deutschen Sprachraum betrieben wird und maßgeblich von den Arbeiten Konrad Ehlichs und Jochen Rehbeins geprägt wurde, mit der Systemisch Funktionalen Linguistik, die im gleichen Zeitraum im englischen Sprachraum durch die Arbeiten von Michael A. K. Halliday entstanden ist, verglichen und in ihren tatsächlichen und möglichen Bezugspunkten zur Kritischen Diskursanalyse diskutiert. Als tertium comparationis des Theorievergleichs dient dabei Karl Bühlers „Sprachtheorie“, von der beide Ansätze in je spezifischer Weise ausgehen. Ich zeige, dass die Funktionale Pragmatik den in der späteren Bühlerrezeption häufig vernachlässigten Handlungsaspekt seines Modells aufnimmt und in ihrer Theorie der sprachlichen Felder zu einer handlungstheoretisch fundierten Grundlage für grammatikorientierte und diskursorientierte Untersuchungen ausbaut, in dem sprachliche und kontextuelle Aspekte systematisch miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Die Systemisch Funktionale Linguistik hingegen rezipiert von Bühlers Sprachtheorie den (bekannteren) semiotischen Aspekt und verbindet ihn mit Elementen der Firthschen Linguistik und Konzepten aus Malinowskis Werken zur Kommunikation. Daraus entsteht eine Theorie miteinander verbundener semiotischer Systeme, in der die Sprache als semiotisches System zwar einen hervorgehobenen Charakter hat, aber fast vollkommen auf ihre zeichenhaften Aspekte reduziert wird. Insofern stellen die beiden Theorien komplementäre Sichtweisen sprachlicher Interaktion in den Mittelpunkt: Interaktion als sprachliche Handlung (in der Funktionalen Pragmatik) vs. Interaktion als Semiose (in der Systemisch Funktionalen Linguistik). Trotz dieser unterschiedlichen Perspektiven zeichnen sich beide Theorien durch eine systematische Berücksichtigung kontextueller Faktoren bei der Analyse von Kommunikation aus, wobei die Funktionale Pragmatik mit ihren Konzeptionen der Institution und des (sprachlichen) Handlungsmusters eine Ebene der theoretischen und empirischen Beschreibung besitzt, die der Systemisch Funktionalen Linguistik (in ihrer dominierenden Ausprägung) fehlt. Beiden Theorien ist auch gemeinsam, dass sie zur Kritischen Diskursanalyse ein eher indifferentes Verhältnis haben, obwohl sie beide großes theoretisches und methodisches Potential für Untersuchungen im Rahmen der KDA hätten.

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