Ästhetik der Sprache – Sprache der Ästhetik, Editorial

Autor:
Haueis, Eduard; Klotz, Peter

Aufsatztitel:
Ästhetik der Sprache – Sprache der Ästhetik, Editorial

Heftnummer:
76

Seiten:
5-11

Eine Auseinandersetzung mit Ästhetik gerät in ein Spannungsnetz, das – beim Wort beginnend – sich aufspannt zwischen anerkannt Schönem einschließlich aller absichtsvollen Antiformen und der Wahrnehmung, der „aisthesis“; ein Netz, das sich aufspannt zwischen der Illusion eines individuellen Geschmacks und dem gesellschaftlichen Druck, was als gut und schön zu gelten habe; das sich aufspannt zwischen einer Objektorientierung und einer Rezeptionsorientierung, zu der der Schaffende im Augenblick kritischer Distanznahme im Schaffensprozess hinzuzunehmen ist; das sich aufspannt zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit, zwischen Dynamik und Statik; das sich aufspannt zwischen verschiedenen Bildungsschichten, Ethnien und Begabungen.
Das Wort Ästhetik stammt aus dem griechischen Aisthetike Episteme und meint die Wissenschaft von der aisthesis, also der sinnlichen Wahrnehmung. Dies greift der Begründer der ästhetischen Wissenschaft, Alexander Gottlieb Baumgarten (1714-1762), auf. Für ihn ist die Ästhetik die Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis, was über den Begriff der Wahrnehmung hinausgeht und was als parallele, wenngleich inferiore Wissenschaft zur logischen Wissenschaft – Logike Episteme – gemeint ist:
Aesthetica (theoria liberalium artium, gnoseologia inferior, ars pulcre cogitandi, ars analogi rationis) est scientia cognitionis sensitivae. (Aesthetica § 1) / Die Ästhetik (als Theorie der freien Künste, als untere Erkenntnislehre, als Kunst des schönen Denkens) ist die Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis.
Der Titel dieses Heftes ist folglich nicht einfach zu verstehen, sondern auf drei Ebenen: Sprachästhetik bezieht sich zum ersten auf bewusst gewollte und mithin so gestaltete Sprache. Das Gestaltete in der Sprache ist Thema, also nicht beliebige parole, auch nicht nur zweckorientierte Äußerung, sondern Sprachform, die für sich in ihrer Gestaltetheit ebenso steht wie sie in irgendeiner spezifischen Weise ein aptum zu ihrem Gegenstand ist – dies kann es auch im ethisch negativen Sinne sein. Damit ergeben sich mittelbar auch Fragen in Bezug auf das System Sprache, auf die langue, nämlich inwieweit das Gestalthafte in der Sprache selbst als schon angelegt erscheint bzw. inwieweit es der Gestaltungswille der Schreibenden/Redenden und/oder der Lesenden/Hörenden ist; ja darüber hinaus fragt sich, inwieweit ästhetisch gestaltete Sprache arbiträre Konvention in verschiedenen historischen, soziokulturellen Gruppen ist, oder inwieweit sie überzeitlich und transkulturell ist. Letztgültige Antworten darf es auf solche Fragen nicht geben, da es wesentlicher ist, sie zu stellen und dem Bewusstsein (wieder einmal) zugänglich zu machen. Antworten in diesem Bereich sind Versuche, die nicht letzte Gültigkeit anstreben; sie wollen nicht die Dynamik einschränken, derer die Auseinandersetzung mit und um Ästhetisches bedarf.
Sprachästhetik meint auf einer zweiten Ebene nicht nur die Sprache selbst, sondern das sprachliche „Objekt“ als Ganzes, das formal sinnliche und kognitive Aufmerksamkeit auf sich zieht. Häufig ist dieses Objekt in einen literarischen Kanon eingeschrieben, und so stellt sich auf dieser Objektebene die Frage nach dem Faszinierenden am Faszinosum. Das bedeutet nichts anders als die Akzeptanz des Kanonischen als identitätsstiftend und Kritik fordernd im Sinne einer soziokulturellen Fortschreibung: Ist das Objekt noch faszinierend, oder ist es einzig museal? Auch diese Art der Fragen kann nicht allgemein oder gar gültig beantwortet werden, zeigt sich doch, dass selbst kanonische Texte, die prima vista museal erscheinen, bei näherer Beobachtung wieder ihr ästhetisches Leben entfalten. – Der Rezipient wird mithin immer wieder auf sich, seine Wahrnehmungsfähigkeit und seine Arbeit am Text, letztlich also auch auf seine Sprachsensibilität zurückgeworfen.
Auf einer dritten Ebene interessiert gewissermaßen die „Sache“, die dem sprachlichen Objekt zugrunde liegt. Es muss interessieren, welche Gegenstände, Ereignisse, Prozesse eine Sprachanstrengung bzw. eine Sprachlust evozieren, die selbst schön bzw. in unverwechselbarer Weise passend, stimmig sind. Mit anderen Worten, Sprachästhetik meint den Blick auf die Redeweisen über ästhetische Gegenstände. – Alles Benennen, alles Formulieren ist qualifizierende, wertende Sprachhandlung – freilich unter der Maßgabe sprachlicher Bewusstheit und sprachlichen Wissens. Insofern ist nicht darum herumzukommen, dass die ästhetische Ontogenese sozial virulent bleibt, und zwar auch durchaus in der Weise, dass sich fragt, wie Schule als Institution und Medien als artikulierende, oft auch modische Konventionsstifter die Öffnung für das (Sprach-)Ästhetische bewirken und entfalten – oder in verflachender Weise ins Gegenteil verkehren. 
Wer sich an solches Gebiet und an solche Fragen heranmacht, wird notwendigerweise interdisziplinär, ja es heben sich Schranken zwischen den Disziplinen Literaturwissenschaft und Linguistik, aber auch Schranken zwischen Sprachen – dem Deutschen und dem Arabischen hier in diesem Heft – ein Stück weit auf. – Mit anderen Worten, natürlich ist ein Heft „Sprachästhetik“ ein Wagnis, und die, die sich darauf eingelassen haben, wussten, dass Wagnisse einen oder mehrere offene Ausgänge haben, oft aber auch in Ummauerungen oder in Wüsteneien enden.
Sprache als mögliches Ästhetikon in ihrer Gestaltetheit findet allzu selten linguistisches Interesse, und die Rede über sprachliche Gestaltung wird gemeinhin der Literaturwissenschaft und in deren Folge den Feuilletons überlassen. - Die Künste Musik und Malerei hingegen verfügen offensichtlich bereits über eine längere und besser ausformulierte Tradition, um innerfachlich über Zeichenkonstellationen und deren Effekte zu reden. So gibt es z. B. eine „musikalische Rhetorik“ und ein Wissen darüber, das selbstbewusst tradiert wird. – Schon die Terminologie verweist auf die Herkunft dieser Theoriebestände aus der Beschreibung sprachlicher Gestaltungsweisen durch Rhetorik und Poetik. Deren Traditionen haben sich inzwischen in verschiedener Hinsicht aufgespalten. Zum einen ist die Einsicht in die Sprachlichkeit des Gestaltens in der Theoriebildung durch Literatur-, Text- und Stiltheorien in den Hintergrund getreten, zum anderen ist sie in Stilfibeln und populären Stilvorstellungen in normativer Erstarrung konserviert. Die sprachlichen „Schönheitskonventionen“, die ihnen zugrunde liegen, sind gleichwohl in einer sprachwissenschaftlichen Perspektive nicht einfach als obsolet zu verwerfen, sondern kritisch zu sichten und zu prüfen, insbesondere daraufhin, inwieweit sie mehr Wirkungspotential entfalten, als allgemein bewusst ist. Auch in der Malerei, überhaupt in der visuellen Kunst, gibt es eine starke und lebendige Auseinandersetzung mit der Nutzung und Wirkung ihrer Zeichen. – So mag sich nun doch ein wenig rechtfertigen, das Thema der Ästhetik für die Sprache wieder aufzunehmen, und zwar im Bereich der sprachlichen Kunst; sind doch Kunst-Werke im Sinne der Prototypentheorie beste Beispiele, auch wenn Jakobson (1960) zuzustimmen ist, dass poetifizierte Sprache auch im Alltag formuliert und genutzt wird, also etwa in der Werbesprache. Die Künste aber schaffen intentional ästhetische Wirklichkeiten, die im übrigen nicht ohne die alltäglichen Wirklichkeiten zu denken sind. Sprachgebung geschieht wohl fast nie so bewusst wie in der Literatur (– und gelegentlich in der Politik), weshalb Lyrik zunächst das Suchbild für sprachliche Ästhetik – wie die meisten Beiträge hier denn auch zeigen – bestimmen kann. Und tatsächlich werden häufig Kategorien des Lyrischen herangezogen, wenn es um ästhetisierte Sprache geht, so z. B. ist es bei den mittelalterlichen Epen, bei den klassischen Dramen oder bei der Prosa von Thomas Mann und Günter Grass. Klang, Prosodie, Rhythmus sind mithin erste Anzeichen ästhetischen Wollens; darüber hinaus sind es oft Sprachspielereien mit ihren Zitierweisen, Registerwechseln und/oder stilistischen Brüchen.
Sprachliche Ausdrucksformen folgen nicht nur der sprachlichen Systematik, sondern ihre Varianzbreite lässt markante Gestaltungen und Konstellationen zu. Die Kräfte aber, die Gestaltung ebenso fordern wie formen, sind vielfältig – nicht nur individuell. Die Bedingungen sprachlicher Gestaltung sind im soziokulturellen Raum auszumachen, sie unterliegen den historischen Konventionen in der Typik der Kulturen und deren Gegenbewegungen. Eine mögliche Annäherung an Sprachästhetik ist durch Vergleich der Kontexte gegeben, wie sie nämlich sprachliche Gestaltung (mit-)bestimmen bzw. welche Gestaltungsräume sie eröffnen.
Bezieht sich Ästhetik als aisthesis vor allem auf Wahrnehmung, so ist sie eine Weise der Erkenntnis und der Erfahrung von Form. Das erfordert Beschreibung, Erläuterung und letztlich wohl Wertung. – Bezieht „Ästhetik“ und „Ästhetisches“ sich auf die Kennzeichnung einer akzeptierten, „schönen“ Gestaltung kultureller Hervorbringungen, kommt Sprachliches in zweifacher Hinsicht in den Blick. Zum einen sind die sprachlichen Muster des guten, des besseren, des schönen Gestaltens zu bedenken, zum anderen die Verfahren, nach denen „schön gestaltete“ Objekte (auch Texte) sprachlich beschrieben und bewertet werden. Diese noch weiter zu konturierenden sprachlichen Muster lassen sich auf sechs bzw. sieben Komponenten der Sprachästhetik zu beziehen:
•    Auf das Zusammenspiel von Mikro- und Makrostrukur, wie es in der Gestalttheorie beschrieben wird,
•    auf sprachliche Optionen, die durch sprachliches Varianzpotenzial in Morphologie, Syntax und auch in graphemischer Aufbereitung gegeben ist,
•    auf soziokulturelle Konventionen,
•    auf Stimmigkeit (Harmonie?, und/oder soziokulturell erwartete Disharmonie),
•    auf die vielfältigen Redeweisen über Ästhetik und
•    auf mediale Verschränkungen und intermediale (Ver-)Bindungen.
•    Und Sprachästhetik bezieht sich auf sprachliche Wahrnehmung und somit auf Erkenntnis durch Sprache.
Diese Aspekte kommen nicht alle in den Beiträgen dieses Heftes zum Zuge. Sie stehen auch nicht als exemplarische Modelle für die Kooperation von Literaturwissenschaft und Linguistik. Vielmehr liegt uns daran, die beiden Aspekte von Sprachästhetik – die Merkmale ästhetisch gestalteter Sprache sowie das Sprechen darüber – möglichst facettenreich in den Blick zu bekommen. Deshalb präsentieren wir auch Beiträge aus Praxisfeldern, in denen die Beschäftigung mit gestalteter Sprache zum professionellen Alltag gehört. Daraus ergeben sich nun aufschlussreiche Konstellationen auch insofern, als einige „weiße Flecken“ auf den wissenschaftlichen Landkarten zutage treten. Es fällt nämlich auf, dass in den anwendungsbezogenen Diskursen über ästhetisch gestaltete Sprache theoretische Unzulänglichkeiten wohl wahrgenommen, die Lösungen dafür aber auf anderen Ebenen gesucht und angeboten werden können: in Veränderungen des didaktischen Arrangements oder im Wechsel der soziokulturellen Präferenzen für ästhetische Paradigmata. Thematisch befassen sich die Beiträge mit gestalteter Sprache in schriftlicher und mündlicher Artikulation, mit Sprächästhetik im Literaturunterricht, mit der soziokulturellen Variation sprachästhetischer Präferenzen und mit Problemen der theoretischen Fundierung von Sprachästhetik. Im Rezensionsteil steht die Besprechung von Eva Neulands Buch zur Jugendsprache durch Franz Januschek in einem losen Zusammenhang zum Rahmenthema dieses Heftes. 
Das Verhältnis von Schrift und ästhetisch gestalteter Sprache nehmen Abderrahmane Ammar und Eduard Haueis an Beispielen aus einem deutsch-arabischen Gedichtband in den Blick. Dabei lenken sie zum einen die Aufmerksamkeit auf eine Schriftverwendung, die der Ikonisierung von Wortbedeutungen dient, zum anderen analysieren sie vergleichend, auf welche Weise in der schriftlich fixierten Poesie rhythmische Überformungen der gesprochenen Sprache gestaltet sein können. – Annett Holzheid geht von der Beobachtung aus, dass in Kommunikationsformen der audiovisuellen zeitgebundenen Medien Schrift zunehmend in einer Weise verwendet wird, welche durch Inszenierung animierter Buchstaben die Signifikanten gegenüber dem Signifikat akzentuiert. Sie begründet aus genetischer Perspektive die These, dass sich seit der ästhetischen Moderne des frühen 20. Jahrhunderts ein Einstellungswandel im konzeptuellen Umgang mit Schrift abzeichnet, nämlich ebenfalls hin zu einer Ikonisierung.
Aus einem didaktischen Praxisfeld, in dem die Gestaltung gesprochener Sprache einen wesentlichen Anteil der Ausbildung hat, berichtet Helmut Becker, indem er seine Arbeitsprizipien bei der prosodischen Schulung von Schauspielstudenten erläutert. In Abgrenzung gegen die weit verbreitete Auffassung, es genüge, dem ersten Verstehen auf der Basis der stillen Lektüre mit stimmlichen Mitteln einen affektiven Ausdruck zu verleihen, entwickelt er durch Schulung prosodischer Parameter Sensibilität für das re-artikulierende Erfassen syntaktischer, semantischer und pragmatischer Kontexte.
Drei Beiträge befassen sich mit der Rezeption ästhetisch gestalteter Sprache in der Schule und in der Populärkultur. Hans Lösener, fragt nach den Gründen dafür. warum die Form-Inhalt-Interpretation alle hermeneutischen Krisen – jedenfalls was den Deutschunterricht anbelangt – unbeschadet überstanden zu haben scheint. Er geht den rhetorischen Mustern nach, die für die Fortdauer dieser für ihn ungewöhnliche Erfolgsgeschichte charakteristisch sind, und schlägt eine mögliche Alternative für den analytischen Umgang mit Gedichten im Unterricht vor. – Julia Knopf stellt auf der Basis empirisch erhobenen Materials den Lernerfolg beim Erwerb literarischer Kompetenz insbesondere im sprachästhetischen Bereich in Frage und skizziert einen bedenklichen Entwicklungsverlauf zwischen Kindergarten und Gymnasium. Im Laufe der Schulkarriere scheint eine klischeehafte Phrasenhaftigkeit zur Beschreibung sprachästhetischer Phänomene den Wahrnehmungs- und Verständnisprozess zu überlagern. – Am Beispiel einer populären Pop-Vertonung eines Gedichtes von Rainer Maria Rilke unternehmen Ralph Olsen und Maximilian Stoller den Versuch, das spezifisch Ästhetische dieses modernen Konglomerates herauszustellen. Sie stützen sich dabei auf einen Ästhetik-Begriff, der ‚alltagskulturelle‘ Phänomene, die weithin von den verschiedenen Wissenschaften ignoriert und sogar verachtet werden, in die Betrachtung aufnimmt, durchaus in einem literatursoziologischen und soziolinguistischen Sinn.
Am exemplarischen Fall Hugo von Hofmannsthals zeigt der Literaturwissenschaftler Hans-Georg von Arburg auf, wie die klassisch-romantische Tradition des Sprechens über das Schöne um 1900 in die Krise gerät und im Rückgriff auf historische Stimmungskonzepte mit ihrer Überwindung experimentiert wird. – Dem Verhältnis von Sprache und Ästhetik nähert sich Peter Klotz auf zwei Wegen. Dem einen zufolge geht er den philosophischen Aporien nach, die sich aus den Versuchen ergeben, das Wesen des Schönen zu bestimmen. Der andere Weg führt über prägnante Beispiele für sinnlich wahrnehmbar gestaltete Sprachwerke zu dem Punkt, von dem aus die Frage nach sprachlicher Schönheit - auch ohne Aussicht auf eine endgültige Antwort - immer wieder erfahren und deshalb aufs Neue sinnvoll erscheint und somit virulent bleibt.

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