Unterschiedliche Traditionen des sozialen und politischen Umgangs mit Mehrsprachigkeit in Europa

Autor:
Cichon, Peter

Aufsatztitel:
Unterschiedliche Traditionen des sozialen und politischen Umgangs mit Mehrsprachigkeit in Europa

Heftnummer:
74

Seiten:
21-31

‚Mehrsprachigkeit in Europa‘ kann man unter verschiedenen Aspekten diskutieren: innerstaatlich als historisch gewachsene territoriale Mehrsprachigkeit oder aber – als Folge von Arbeitsmigration – als nichtterritoriale Koexistenz von Sprachen, in einer stärker interstaatlichen Perspektive als Frage des Umgangs mit Bildungsmehrsprachigkeit und auf gesamteuropäischer Ebene als Frage der organisatorischen Bewältigung der Sprachenvielfalt der EU. Im Folgenden möchte ich den gesellschaftlichen und politischen Umgang mit territorialer Mehrsprachigkeit in einigen Ländern West- und Mittel-Ost-Europas miteinander vergleichen und dabei der Frage nachgehen, was man im Bemühen um den Erhalt sprachlicher Pluralität eventuell voneinander lernen kann. Eine so komplexe Fragestellung kann dabei natürlich nur in einigen Aspekten angesprochen und sicherlich nicht bündig beantwortet werden. Es ist zweifellos ein Teil des schlimmen Erbes des Zweiten Weltkrieges, dass Europa nahezu ein halbes Jahrhundert lang in zwei große politischideologische Blöcke geteilt ist, die einander auch sprachlich-kulturell stärker den Rücken zukehren, als dass sie miteinander kommunizieren – in west-östlicher Blickrichtung dabei wohl noch ausgeprägter als umgekehrt in ost-westlicher. Die Folge ist, dass trotz der politischen Wende von 1989 und trotz des sich damit verstärkenden Wieder-Aufeinander-Zugehens bis heute selbst unter direkten west-östlichen Nachbarländern (etwa zwischen Polen und Deutschland, zwischen Österreich und der Slowakei oder zwischen Slowenien und Italien) ein recht bescheidendes Wissen über die Mehrsprachigkeitssituation des Anderen existiert. Das wiederum führt bisweilen zu holzschnittartigen und stark kontrastiv gehaltenen Vorstellungen...

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