Deutsch als Wissenschaftssprache

Autor:
Glück, Helmut

Aufsatztitel:
Deutsch als Wissenschaftssprache

Heftnummer:
74

Seiten:
55-63

Die Spitzenforschung spricht Englisch, erklärte 1986 Hubert Markl, ein Naturwissenschaftler und Wissenschaftspolitiker. Inzwischen ist das auch in der Breitenforschung so, wenn man diese Metapher aus der Welt des Sports aufgreifen will: auch in den unteren Rängen, selbst auf den Abstiegsplätzen hat sich in vielen Fächern das Englische durchgesetzt. Wenn aber die gesamte Forschung Englisch spricht und schreibt, verdienen dann Forschungen noch ihren Namen, die auf Deutsch, Französisch oder gar Tschechisch publiziert werden? Kann solche Forschung mehr sein als provinziell oder „angewandt“? Soll man andere Sprachen als das Englische beim Vermitteln von Forschungsresultaten an Schüler und Studenten überhaupt noch verwenden? Ist das Deutsche, wie Günther Oettinger meinte, für die einheimischen Eliten nur noch eine „Feierabendsprache“, die sie zu Hause mit den Kindern, beim Sonntagsausflug und beim Schwätzchen über den Gartenzaun verwenden, sonst aber nicht? Der Vorzug einer weltumspannenden Wissenschaftssprache liegt darin, daß die Sprachbarriere zwischen den Wissenschaftskulturen der einzelnen Nationen wegfällt. Der chinesische Biochemiker kann sich direkt mit dem argentinischen Kollegen verständigen, der schwedische Astronom direkt mit dem ägyptischen. Dieser Vorteil wird außerhalb der anglophonen Länder dadurch erkauft, daß Wissenschaft in einer fremden Sprache betrieben werden muß. Viele glauben, das sei weiter kein Problem. Das ist im kleinen richtig: die Verständigung im Labor, in der Arbeitsgruppe funktioniert so, die Mitteilung aktueller Arbeitsergebnisse im Internet oder in der Fachzeitschrift geht im spezialisierten Schrumpf-Englisch des einzelnen Faches am raschesten, und je kleinteiliger die Forschung ist, umso überschaubarer ist die „community“, in der sie sich austauscht. Dieser Vorzug einer weltweiten Verständigungssprache ist unbestreitbar und nicht geringzuschätzen...

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