(Schrift-)Spracherwerb und Grammati(kali)sierung. Editorial

Autor:
Haueis, Eduard; Schallenberger, Stefan

Aufsatztitel:
(Schrift-)Spracherwerb und Grammati(kali)sierung. Editorial

Heftnummer:
73

Seiten:
5-13

Der Begriff der Grammatikalisierung, der thematisch im Mittelpunkt des vorliegenden Heftes steht, wurde zunächst in der diachronen Sprachwissenschaft gebraucht, um Phänomene zu umreißen, die in historischer Perspektive mit einem Funktionswandel von Lexemen verbunden sind, die sich von dominant semantisch bestimmter Einheiten bis hin zu grammatischen Morphemen entwickelt haben. Der Begriff „bezeichnet einen gerichteten und in der Regel unumkehrbaren Prozess ‚leading from lexemes to grammatical formatives (Lehmann 1995: VIII).“ (Feilke/Kappest/ Knobloch (2001): 3). So wäre ein Beispiel für eine Stufe der diachronen Grammatikalisierung die Herausbildung des Futurs im Französischen.
„Das Paradigma der Futurformen weist Suffixe auf, die den freien Formen des Präsens des Verbums avoir ‚haben‘ gleichen bzw. mit ihm identisch sind. Dieses flexivische Futur ist im Laufe der Zeit aus einer ehemals periphrastischen Konstruktion des Infinitivs mit einer Form des Verbs der Bedeutung ‚haben‘ entstanden.“ (Diewald (1997): 13) Heute zeigen sich im Formenparadigma des Verbs parler ‚sprechen, reden‘ im Futur I also bspw. die synthetischen Formen: parlerai, parleras, parlera, parlerons, parlerez, parleront. Dabei lautet der Indikativ Präsens des Verbs avoir ‚haben‘ folgendermaßen: ai, as, a, avons, avez, ont (nach Diewald (1997): 14).
Der Terminus geht auf A. Meillet (1912) zurück, die dahinterstehende Idee ist jedoch wesentlich älter. Schon Condillac, Horne Tooke, Schlegel und Humboldt arbeiteten mit diesem Konzept. Liedtke (1998: 27) führt überblicksartig aus: „So verglich Schlegel 1818 den Prozeß der semantischen Deprivation von Lexemen hin zu grammatischen Formativen mit der Entstehung des Papiergeldes, das ja auch keinen oder nur einen geringen Eigenwert hat. Humboldts Entwicklungsschema der Entstehung ‚grammatischer Bezeichnung‘, das als Agglutinationstheorie die folgende Diskussion bestimmte, unterstellt eine ‚verloren gehende Bedeutung der Elemente und Abschleifung der Laute in langem Gebrauch‘ (1822). Der prominenteste Anhänger der Agglutinationstheorie, Georg von der Gabelentz, führt Grammatikalisierungsprozesse auf zwei ‚Kräfte‘ zurück, die ‚des Bequemlichkeitstriebes, der zur Abnutzung der Laute führt, und des Deutlichkeitstriebes, der jene Abnutzung nicht zur Zerstörung der Sprache ausarten lässt.‘ (1901, 256) Meillet schließlich spricht explizit von ‚grammaticalisation‘ im Sinne einer ‚attribution du charactère grammatical à un mot jadis autonome.‘ (1912, 131, zitiert nach Liedtke, a.a.O.)“), also einer Art grammatischen Hinzufügung zu einem einstmals selbstständigen Wort.
Auch eine synchrone Perspektive auf das in der historischen Sprachwissenschaft beschriebene Phänomen der Grammatikalisierung lässt sich gewinnen, indem man die unterschiedlich grammatikalisierten Verwendungsweisen eines gleichzeitig auftretenden „sprachlichen Zeichens in verschiedenen Stufen zwischen lexikalischer und grammatischer Funktion“ (Diewald (1997): 5) in den Blick nimmt.
Inzwischen wird der Begriff „Grammatikalisierung“ in weiteren Anwendungsfeldern plausibel gebraucht. Es liegt nahe, ihn auch in Beschreibungen der Ontogenese des kindlichen Spracherwerbs zu verwenden. Auch hierbei geht es darum, wie ‚zunehmend‘ Grammatikalität (hier: in kindlichen Äußerungen) entsteht, um Rückschlüsse auf eine Entwicklung mentaler Grammatikstrukturen bzw. grammatischer Kategorisierung zu ziehen. So lässt sich das, was der linguistische Grammatiker mit Augenmerk auf das ‚fertige Produkt‘ als ‚den Komparativ‘ tituliert, im Erwerbsverlauf in verschiedenen Stadien als Abfolge von Rekodierungsprozessen beschreiben (vgl. Kappest (2001)). Wie Kappest zeigt, sind bereits im 24. Lebensmonat einige wenige Formen im Sprechen vorhanden, die der Grammatiker als ‚Komparativ‘ beschreiben könnte. Das sind fast ausschließlich unregelmäßig gebildete Komparativformen wie ‚mehr‘, ‚lieber‘ und ‚besser‘. Regelmäßig gebildete Komparativformen treten dann verstärkt im Laufe des vierten Lebensjahres hinzu. Nach Vollendung des fünften Lebensjahres kommt es erneut zu Veränderungen. Und der Erwerbsprozess – bis hin zu dem, was im ‚elaborierten‘ Sprechen angemessen in einer Funktion als grammatische Kategorie ‚Komparativ‘ beschreibbar wird – vollzieht sich in einer Kette von Entwicklungsschritten – bis hin zu einer uneingeschränkten Verfügbarkeit der grammatischen Form des Komparativs nach Vollendung des sechsten Lebensjahres. Zunächst ist eben ein „großer Teil der Möglichkeiten, die das grammatische System theoretisch bietet und die vom Erwachsenen auch genutzt werden, im Sprechen der Kinder nicht zu finden […]. Von Abweichungen und ‚Fehlern‘ in Bildung und Verwendung des Komparativs kann hingegen ausdrücklich keine Rede sein.“ (Kappest (2001): 97). Einer so gewonnenen Perspektive auf die Entwicklung nach verwundert es nicht mehr, dass kommunikativ bereits früh beherrschte sprachliche Strukturformen unbewusst und später ggf. bewusst als neues, praller aufgeladenes sprachliches Muster erscheinen – und daher kann berechtigt von Grammatikalisierungsprozessen gesprochen werden.
Schließlich etabliert sich eine Diskussion um Grammatisierungsphänomene sowohl bezogen auf die kulturhistorische Entwicklung der Schrift, um die morphematisch und syntaktisch bedingten Überformungen der Phonographie zu charakterisieren, als auch im Hinblick auf den Schrift(sprach)erwerb. Hier unterstützt der soziogenetische Entwicklungsgedanke zunächst Parallelthesen zur Ontogenese, bspw. im Schrifterwerb in der Grundschule, der ja auch zur Beherrschung aktuell gültiger orthografischer Normen führen soll. Das Lesen-und Schreibenlernen erfordert von Kindern, ähnliche Problemlösungsstrategien anzuwenden, wie sie im Laufe der Geschichte nötig waren, um Schriftsysteme zu entwickeln, wenngleich die Aneignung der Schrift in der Ontogenese nicht in genauer Parallele zur kulturgeschichtlichen Entwicklung verläuft. Hier ließe sich in einer Abgrenzung vom enger gebrauchten Grammatikalisierungsbegriff gut von „Grammatisierung“ sprechen, insofern es dabei nicht um eine Umwandlung einer lexikalischen Einheit zu einer grammatischen geht. Vielmehr sind dabei „Präsentation und Durchgliederung von Texten, die Schreibung von Wörtern, die markierende Verwendung von Majuskeln und [der] Gebrauch von diakritischen Zeichen“ (Haueis (2007): 105) betroffen.
Gemeinsam ist den verschiedenen Verwendungsweisen des Terminus freilich, dass sie die Genese grammatisch beschreibbarer sprachlicher Formen zum Gegenstand haben. Das gilt insofern auch für die synchrone Betrachtungsweise, als dort ja Stadien in der Ausdifferenzierung sprachlicher Mittel miteinander verglichen werden. Gleichwohl bringt das breite Spektrum der Anwendungen gegenüber der ursprünglichen Verwendung eine erhebliche Erweiterung des Begriffs mit sich, und dies nicht nur, weil neben der Sozio-auch die Ontogenese ins Spiel kommt, sondern auch deswegen, weil damit auch andere Formen der „grammatischen Genese“ zu untersuchen sind als der Übergang von der Lexik zur Morphosyntax. Das Spektrum des vorliegenden Heftes vermittelt daher einen Eindruck davon, inwieweit eine ausgedehnte Verwendung des Begriffs „Grammatikalisierung“ – hier auch der Form nach durch die Verwendung des Begriffs „Grammatisierung“ gelegentlich vom engen Konzept der diachronen Sprachwissenschaft abgegrenzt – sinnvoll ist. Soweit das im Augenblick einzuschätzen ist, gibt es Beispiele für „Entgrammatikalisierung“ – die auch, entgegen der Annahme reiner Unidirektionalität im Grammatikalisierungskonzept der diachronen Sprachwissenschaft, mit in den Blick gerückt werden sollten – vor allem im Schriftgebrauch, und da fast immer angestoßen durch gebrauchsexterne Eingriffe. In diesem Zusammenhang wird Grammatikalisierung auch im Hinblick auf das Verhältnis von Soziogenese, Ontogenese und Didaktik diskutiert.
Mit dem Spektrum der Beiträge, die sich im engeren, aber auch weiteren Umfeld der zuvor angerissenen Thematik bewegen, wollen wir verdeutlichen, dass die Verwendung des Begriffs und die allgemeinere Fassung des Konzepts der Grammatikalisierung als Grammatisierung und seine Anwendung auf Prozesse der Genese grammatischer Formen eine sinnvolle, begründete und brauchbare Forschungslinie entwirft. Die Anordnung der Beiträge im Heft geht von einer grundlegenden Begriffsklärung aus. Dann werden Forschungszusammenhänge im Bereich des schulischen Schriftspracherwerbs (Grundschule und Sekundarstufe (HS/RS)) detailliert skizziert. Es schließen sich systematische Überlegungen zur „Bedeutung der Silbe in der neueren rechtschreibdidaktischen Diskussion“ und zur „Grammatisierung beim Lesen“ an. Im letzten Part des thematischen Teils verortet ein Aufsatz zu Grammatikalisierungsprozessen im eigentlichen Spracherwerb diese nicht hermetisch im einzelnen Individuum, sondern gerade in der wechselseitigen Kommunikation, so in konkreten sprachlich-kommunikativen Situationen zwischen Eltern und Kind, in denen sie sich miteinander aufeinander bezogen auseinandersetzen. Mit diesem letzten Beitrag schließt sich auch die thematische Klammer, die mit der einleitenden grundsätzlichen theoretischen Diskussion des Begriffs Grammati(kali)sierung geöffnet wurde.
Eva Belke erörtert in ihrem Beitrag den Begriff ‚Grammatikalisierung‘ in unterschiedlichen Forschungszusammenhängen. Sie geht dabei von einer Begriffsverwendung im Zusammenhang des Sprachwandels aus, wo er fast ausschließlich die in der diachronen Sprachwissenschaft beschriebenen unidirektionalen Prozesse vom Lexem hin zum grammatischen Morphem betrifft. Als prozessuale Grundlagen dafür kommen psycholinguistisch beschreibbare Routinen in Betracht. So gehört auch ein quasi amalgamierter ‚Ableger‘ der Begriffsverwendung bezüglich des Spracherwerbs in der Ontogenese zur Traditionslinie der Begriffsverwendung. Hier, in Parallele zur soziogenetischen Grammatikalisierung, wird der ursprüngliche Begriff allerdings schon verändert gebraucht. Belke zieht eine Linie der Begriffsverwendung bezogen auf den Schriftspracherwerb und verdeutlicht sie orientiert an Stufen des Frith‘schen Erwerbsmodells. Denn die Aneignung orthografischer Regularitäten wird in der Literatur ebenfalls als eine Grammatikalisierung im Spracherwerb bezeichnet. Anders als ihr Pendant im Sprachwandel kann sie grundsätzlich sowohl „von unten“ durch die ungesteuerte Rekodierung der phonologischen Schreibungen als auch „von oben“ durch die Realisierung grammatischer Überformungen der Schriftsprache erfolgen. Belke zeigt differenziert auf, wie Kinder orthografische Strukturen beherrschen lernen. Ein Modell in Form eines Koordinatenkreuzes verdeutlicht schließlich Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider dargestellter Forschungslinien bzw. der diesbezüglich beschreibbaren (De-)Grammatikalisierungs- und (De-) Lexikalisierungsprozesse. In speziellerer Hinsicht wird dann ausgelotet, was das in Frage stehende Konzept für die Beschreibung des Zweitspracherwerbs in soziogenetischer und ontogenetischer Hinsicht zu leisten vermag. Relativ problemlos erwerben Kinder in einer Zweitsprache mit geringen sprachlichen Mitteln die Fähigkeit, sich im Alltag mündlichkommunikativ zu behaupten. Unerlässlich für einen Schulerfolg ist darüber hinaus der Erwerb formalsprachlicher Fähigkeiten innerhalb dekontextualisierter Verwendungszusammenhänge dieser Zweitsprache. Dieser stellt sich meist mit dem Schriftspracherwerb – verstanden als InBezug-Setzung von konzeptioneller Mündlichkeit und konzeptioneller Schriftlichkeit – in der Zielsprache ein und lässt sich als Grammatikalisierungsprozess mit spezifischen Hürden in unterscheidbaren Erwerbskontexten beschreiben.
Thematisch knüpft der empiriebasierte Beitrag von Stefan Jeuk hier an: Er diskutiert zunächst Sprachschwierigkeiten bei mehrsprachigen Kindern im Grundschulalter, die sich häufig als verdeckte Sprachschwierigkeiten darstellen, da sie im mündlichen Sprachgebrauch oft gar nicht auffallen. Umso mehr wirken sich Defizite im (mündlichen) Spracherwerb in einem auf konzeptionelle Schriftsprachlichkeit hin angelegten Deutschunterricht schließlich aus, denn in ihm sind sowohl morphologisch und syntaktisch bestimmte Rechtschreibkenntnisse zu erwerben als auch Auseinandersetzungen mit Sprache auf einer höheren Ebene zu leisten und komplexere Formen sprachlichen Ausdrucks zu verwenden. Jeuk beschreibt diese Sprachschwierigkeiten gemäß einer zweifellosen Reihenfolge des Erwerbs grammatischer Regularitäten in der Ontogenese, bevor als ein zentraler Bereich dann Probleme mehrsprachiger Kinder beim Gebrauch der Genera eingehender betrachtet werden. Hier finden sich neben einer Beschreibung des Untersuchungssettings Statistiken mit Ergebnissen der Untersuchung inklusive deren plausibler Deutung, die GrundschullehrerInnen auch Anhaltspunkte für eigene Beobachtungen liefern können. Festzuhalten sei, dass – entgegen den Gewichtungen in Lehrplänen und Unterrichtswerken -der normgerechte Gebrauch von Nomen und Pronomen in Genus und Kasus, insbesondere in Verbindung mit Präpositionen, besonderer Förderung bedarf.
Grammatisierung wird hier durchaus also verstanden im Blick auf den Erwerb typischer grammatischer Formen der Sprache in der Schriftaneignung. Jeuk dokumentiert und kommentiert des Weiteren exemplarisch Fortschritte im Bereich der Schrift, die Kinder im ersten Schuljahr machen, bevor er seine Überlegungen auch vor dem Horizont forschungstypischer Verwendungen des Begriffs Grammatikalisierung differenziert resümiert. So lautet ein für unsere Thematik spezifisches Fazit, dass die Kinder Schwierigkeiten bei der Aneignung der Morphosyntax gerade da hätten, wo es sich um grammatisierte lexikalisch bestimmte Einheiten handele. Begründete Forderungen an den Deutschunterricht an der Grundschule beschließen den Beitrag.
Ebenfalls empirisch basiert ist die Untersuchung von Cornelia Simmel, die mit Hilfe von Videoaufnahmen von Schülergesprächen über grammatische Probleme zu Einblicken in das implizite grammatische Wissen von Haupt- und Realschülern der Klassen 5 und 8 gelangt. Nach wie vor ist es problematisch, sich über grammatische Phänomene im Unterricht zu verständigen. Die Ziellinie für den Erwerb metasprachlichen Wissens über das vorgängige grammatische Knowing how hinaus liegt meist im Erwerb einschlägiger Terminologie. Das Untersuchungssetting sieht gerade von grammatischer Terminologie ab und zielt zunächst auf das Aktivieren syntaktischer Muster, um „(determiniertes) Nomen“ und „(finites) Verb“ jenseits leerer Begriffsverwendung inhaltlich zu erfassen. Eine minutiöse Transkription der Vorgehensweise bei der Bearbeitung der Aufgabe und deren deutende Kommentierung lässt erkennen, welche impliziten Erkenntnisse bezüglich der in Frage stehenden Wortarten jeweils vorliegen bzw. entwickelt werden. Hier zeigt sich, dass entdeckendes und forschendes Lernen, das den individuellen Lernvoraussetzungen der SchülerInnen entgegenkommt, gangbare Wege sind, um Sprachbewusstheit zu fördern. So bleibt denn als auch für HauptschullehrerInnen ermutigendes Fazit festzuhalten, dass SchülerInnen schlicht Gelegenheit bekommen sollten, sich über grammatische Phänomene auszutauschen, um schließlich auch grammatische Termini, „die tatsächlich begriffen wurden“, als große Hilfe bei der Verständigung zu nutzen.
Didaktisch gesehen handele es sich bei der Vermittlung silbischer Orthographiestrukturen um einen Prozess, der sprachsystematische Reflexion und damit Wissen über Sprache erfordere bzw. fördere. Insofern passen Anne Berkemeiers Überlegungen zur „Bedeutung der [artikulatorischen Einheit] Silbe in der neueren rechtschreibdidaktischen Diskussion“ sehr gut zu den hier versammelten Aufsätzen zum Problem der Grammatikalisierung und bereichern sie um eine systematische Überlegung hinsichtlich des Orthografieerwerbs im Schriftspracherwerb. Die Beschäftigung mit der Silbe ist in verschiedenen Disziplinen verortbar. Dabei kann Berkemeier durchaus auf die Gemeinsamkeiten verweisen, die hinsichtlich der beschreibbaren Struktureigenschaften von Silben bestehen. Bezüglich der orthographietheoretischen Bedeutung der Silbe lassen sich jedoch verschiedene Positionen unterscheiden. Einige Details dieser Debatte werden an Silbenspezifika skizziert. Ein Zwischenfazit unterstellt, dass Orthografie – als historisch gewachsenes Phänomen – durchaus als System zu verstehen sei. Gängige didaktische Umsetzungen werden im Vergleich angeführt und anschließend am Beispiel intuitiven bzw. andererseits theoretischen Silbenzugangs didaktisch konkretisiert. Etablierte Stufenmodelle des Schriftspracherwerbs müssten sicherlich bei methodischer Orientierung auf den silbenbasierten Ansatz modifiziert werden. Die methodische Orientierung auf silbische Schreibweisen, so ein für GrundschullererInnen zukunftsweisendes Fazit, hat sicher ihren Stellenwert und sollte weiter verfolgt werden, wenngleich vergleichende empirische Untersuchungen wie die von Swantje Weinhold weiteren Aufschluss über die Erfolge unterschiedlicher didaktischer Konzeptionen des Anfangsunterrichts geben werden. Perspektivisch wäre, so das Fazit, eine Integration oder gegenseitige Ergänzung erfolgreicher Konzepte und Langzeitstudien hilfreich, um Schrift- und Orthographieerwerb sinnvoll ineinander greifen zu lassen.
Wenn „orthografisches Schreiben eine Grammatisierung einschließt“, indem, im Sinne Maas‘, die grammatische Artikulation der Äußerung fixiert wird, lässt sich dann das Lesen „als ein Fixieren der grammatischen Struktur durch Lesende verstehen“? Und: was bedeutet „fixieren“ dabei? Das sind zu differenzierende Fragestellungen im Ausgang des Beitrags von Reinold Funke zur „Grammatisierung beim Lesen“. Eine denkbare didaktische Konsequenz aus der Beantwortung dieser Fragen wäre, dass eine „Grammatisierung beim Lesen“ – vorstellbar als gedankliches Festlegen – ebenfalls gelernt werden muss – eine Aufgabe des Sprachunterrichts, der Hinführung zur Sprachreflexion leisten soll?
Funke klärt in zwei Schritten ausführlich, was sinnvoll und empiriegestützt überhaupt unter „Grammatisierung beim Lesen“ verstanden werden kann. So wird erstens das Feld empiriegestützter Leseforschung mit ihren unterschiedlichen Untersuchungsverfahren und Ergebnissen detailliert vorgestellt. Zweitens wird die Formel, dass Grammatisierung beim Lesen so viel bedeute wie Identifikation syntaktischer Strukturen des Gelesenen präzisiert. Die Ergebnisse einer Aufgabe zum Leseverhalten von Achtklässlern, die analysiert und diskutiert werden, stützen hier die These, dass es eine kognitive Leistung der Identifikation syntaktischer Strukturen beim Lesen geben könne. Ein kurzes Fazit eröffnet schließlich auf dem Hintergrund des beackerten Feldes disparater Forschungsergebnisse den Horizont an Konsequenzen für die Deutschdidaktik – unterrichtspraktisch wie grundlegend.
Clemens Knobloch setzt den Akzent für Grammatikalisierungsprozesse im frühkindlichen Spracherwerb auf die Interaktion. In der psychologischen Perspektive auf Sprache, so eine erste Überlegung zur Forschungstradition, steckt die Paradoxie, einerseits sprachliche Fähigkeiten und Kenntnisse individuell zuzurechnen, andererseits unter ‚Sprache‘ das zu verstehen, was einer ganzen Kommunikationsgemeinschaft gehört. So betrachtet die Systemlinguistik auch frühes kindliches Sprechen aus der Perspektive des vom Linguisten modellierten fixen, fest strukturierten Sprachsystems. Einer alleinigen Betrachtungsweise vom fertigen Ergebnis her entspricht aber die „grammatische und interaktive Strukturierung des Sprechens in Echtzeit“ nicht, die „online, emergent gewissermaßen und sukzessiv“ vonstatten geht. Brauchbare Wegweiser aus den Aporien der Forschungen zum Spracherwerb liefert, so ein zweites Kapitel, die sozial-pragmatische Interaktionsforschung, die sich mit Tendenzen einer „‚intuitiven Didaktik‘ von Eltern“ befasst. Knobloch unterzieht im dritten Kapitel anhand von interessantem authentischem Sprechermaterial Phänomene der interaktiven und kooperativen Eltern-Kind Kommunikation und des ‚motherese‘ einer genaueren Betrachtung. Kapitel vier widmet sich der Semiotisierung grammatischer Optionen in der Interaktion. Auch hier wird sowohl unter Bezug auf aktuelle Forschungsergebnisse als auch auf Überlegungen anhand konkreter Beispiele der hohe Stellenwert der Interaktion für die Ausbildung grammatischer ‚Bedeutungen‘ im Spracherwerb ausgelotet. Kapitel fünf thematisiert in gleicher Manier die sozial-kommunikative Dimension der frühen Wortschatzexplosion. Das Fazit des Aufsatzes resümiert unter anderem die profunde Argumentation zum Thema Grammatikalisierungsprozesse im Spracherwerb: „Die Sprachfähigkeit des Individuums, so sollte gezeigt werden, lässt sich nacherzählen als schrittweise Emanzipation des Sprechens aus den Stützsystemen der interaktiv gesteuerten und ‚sympraktischen‘ geteilten Aufmerksamkeit. Was wir ‚Grammatik‘ nennen, zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass es selbst in der Regel nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, sondern mit den zentralen Gegenständen der Aufmerksamkeit ‚mitprozessiert‘ wird. “
Abschließend rezensiert Franz Januschek Wolfgang Steinig: Als die Wörter tanzen lernten. Ursprung und Gegenwart von Sprache. München (Spektrum) 2007. Dabei lässt sich, folgt man den Ausführungen Januscheks, Steinigs „evolutionsbiologisch“ angelegtes Buch mit ein bisschen Vorstellungskraft fast schon als thematisch gar nicht so weit ab der Auseinandersetzung um sprachwissenschaftliche Grammatikalisierungsphänomene verorten: „Hier liegt die zentrale Botschaft des Buches: Wenn man die Entwicklung der menschlichen Sprache erklären möchte, sollte man nicht nach dem Inhalt fragen, den sie – zum Überlebensvorteil der Spezies – auszudrücken erlaubte, sondern nach der komplexen grammatischen Form, durch deren Beherrschung als solche man sich als besonders geeigneten Partner im Spiel der sexuellen Selektion signalisieren konnte.“

Literatur
Diewald, Gabriele (1997): Grammatikalisierung. Eine Einführung in Sein und Werden grammatischer Formen. Tübingen: Niemeyer (Germanistische Arbeitshefte; 36)
Feilke, Helmuth; Kappest, Klaus-Peter; Knobloch, Clemens (2001): „Grammatikalisierung, Spracherwerb und Schriftlichkeit - Zur Einführung ins Thema.“ In: Feilke, Helmuth; Kappest, Klaus-Peter; Knobloch, Clemens (Hrsg.) (2001): Grammatikalisierung, Spracherwerb und Schriftlichkeit. Tübingen: Niemeyer: 1-28.
Haueis, Eduard (2007): Unterricht in der Landessprache. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Kappest, Klaus-Peter (2001): Rekodierungen auf dem Weg zum ‚Komparativ‘. In: Feilke, Helmuth; Kappest, Klaus-Peter; Knobloch, Clemens (Hrsg.) (2001): Grammatikalisierung, Spracherwerb und Schriftlichkeit. Tübingen: Niemeyer: 91-106.
Liedtke, Frank (1998): „Grammatikalisierung und Imperativ – eine historischvergleichende Skizze.“ In: Barz, Irmhild; Öhlschläger, Günther (Hrsg.): Zwischen Grammatik und Lexikon. Tübingen: Niemeyer. (Linguistische Arbeiten; 390): 27-35.

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