Ein Jetliner auf Schienen? Ein Praxisbericht zur Kommunikationsqualität von Online-Lernumgebungen

Autor:
Küpper, Reiner

Aufsatztitel:
Ein Jetliner auf Schienen? Ein Praxisbericht zur Kommunikationsqualität von Online-Lernumgebungen

Heftnummer:
72

Seiten:
147-161

Die oft euphorisch begrüßten schulabschlussbezogenen Online-Lernangebote bergen bei allen unbestreitbaren Vorteilen auch einige Nachteile. Denn bei Lernangeboten, die auf die Vermittlung eines staatlich anerkannten Schulabschlusses abzielen, kann es sich nur um geschlossene Systeme (closed sets) handeln, insofern als mehr oder weniger enge Vorgaben durch die verbindlichen Lehrpläne zu berücksichtigen sind. Für selbstgesteuertes Navigieren entlang von Assoziationspfaden im Sinne R. Kuhlens bleibt damit wenig Raum, zumal meist die Vermittlung so genannten Orientierungswissens im Vordergrund steht. Gerade auf dieser Ebene ist es fraglich, ob der Hypertext geeigneter ist als das herkömmliche (mittlerweile optimal modularisierte) Lehrbuch. Ebenfalls für das Lehrbuch spricht die größere Beschwerlichkeit der Lektüre am Bildschirm. Die so genannte „Schlüssellochperspektive des Nutzers“ (Jakobs/Lehnen) stellt einen weiteren Nachteil digitaler Lernmaterialien dar, zumal anspruchsvolle Lernthemen nicht beliebig modularisiert, also in die aus dem Journalismus bekannten ‚Schnipseltexte‘ zergliedert werden können. Eine entsprechend weit getriebene Modularisierung könnte sich deshalb – zumindest in Lernumgebungen für allgemeinbildende Fächer – als kontraproduktiv erweisen. Überdies verleiten die vielfach verwendeten ‚templates‘ zu einem linearen Durchklicken der Online-Materialien. Der am häufigsten verwendete Button ist demgemäß der Button ‚Weiter‘. Damit ist zumindest formal eine starke Parallelität zu herkömmlichen Lehrbüchern gegeben, die sich oft sogar auf der Inhaltsebene zeigt, unter anderem in den vorherrschenden Verweisen auf ‚Töchter‘ und ‚Schwestern‘ von Informationseinheiten. Auf diese Weise kann das Potential des Mediums ‚Hypertext‘ freilich nicht voll genutzt werden. So ist es fraglich, ob das Lernen mit digitalen Angeboten in closed sets automatisch effektiver ist als herkömmlicher Unterricht mit nicht-integrierten Medien. Im Falle von schulabschlussbezogenen Systemen kann die These einer generellen Überlegenheit nicht-linearer gegenüber linearen Medien somit nicht aufrechterhalten werden, zumal die rigide Abgrenzung zwischen Materialentwickler und Lerner allein schon „aus Gründen der Datenintegrität“ (Ansel Suter) nur im Ausnahmefall aufgehoben werden kann. Deshalb ist im Kontext des Online-Lernens bereits von einen „Perspektivwechsel“ (Dürscheid) gesprochen worden: Zunächst werden die neuen Möglichkeiten euphorisch begrüßt, erst nach einer gewissen Phase der Ernüchterung werden auch die Nachteile genügend wahrgenommen, die jedenfalls nicht ignoriert werden dürfen, gerade wenn der gegenwärtige Stand des Online-Lernens weiter optimiert werden soll.

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