Sprachvariation in Norddeutschland. Ein Projekt zur Analyse des sprachlichen Wandels in Norddeutschland

Autor:
Elmentaler, Michael & Joachim Gessinger, Jürgen Macha, Peter Rosenberg, Ingrid Schröder, Jan Wirrer

Aufsatztitel:
Sprachvariation in Norddeutschland. Ein Projekt zur Analyse des sprachlichen Wandels in Norddeutschland

Heftnummer:
71

Seiten:
159-178

Das im Folgenden beschriebene Forschungsprojekt greift einige der Fragestellungen auf, die in den letzten Jahren im Rahmen einer neuen Dialektologie formuliert worden sind. Die an sechs Standorten geplante Erhebung und Auswertung der Daten mit identischen Vorgaben erlaubt über die Vorteile der Bündelung von Forschungskapazitäten hinaus eine Synopse der sprachlichen Variation und der aktuellen regionalsprachlichen Entwicklungsprozesse im gesamten niederdeutschen Sprachraum. Die Anlage des Projekts führt diatopische, diastratische und pragmatische Aspekte zusammen, um die Herausbildung von regionalen Substandards aus der vorhandenen niederdeutsch-hochdeutschen Mehrsprachigkeit in den verschiedenen Teilräumen Norddeutschlands als kontaktinduzierten Wandel in seiner jeweils regional spezifischen Charakteristik angemessen beschreiben zu können.
Die sprachliche Variation in Norddeutschland in ihrer heutigen differenzierten Ausprägung ist bisher lediglich punktuell als Gegenstand der Forschung wahrgenommen worden. Zwar haben die Überlegungen zu einer ‚neuen‘ bzw. ‚kommunikativen‘ Dialektologie (vgl. Niebaum/Macha 1999, 6) bereits seit einigen Jahren einen Rahmen abgesteckt, der auch für den niederdeutschen Sprachraum eine erweiterte Perspektive erfordert - nämlich nicht mehr nur die Basisdialekte zu bearbeiten, sondern den Aufbau und den Wandel des gesamten Spektrums regionaler Sprachvariation (Schmidt 1998, 167) in den Blick zu nehmen. Eine solche systematische und regional übergreifende Analyse der Sprachsituation in Norddeutschland steht jedoch noch aus (vgl. Schröder 2004, 82).
Das Projekt ‚Sprachvariation in Norddeutschland‘ nimmt dieses Desiderat auf. Ziel des Projekts ist die Analyse des variativen sprechsprachlichen Spektrums zwischen hochdeutscher Standardsprache und Niederdeutsch als Ergebnis eines kontaktinduzierten Sprachwandels im gesamten norddeutschen Raum. Dabei sollen regionale und lokale Sprachlagenschichtungen ermittelt und in Hinblick auf situative Verwendungskontexte beschrieben werden. Um dieses Ziel zu erreichen, werden objekt- und metasprachliche Daten von Gewährspersonen aus 54 norddeutschen Erhebungsorten nach standardisierten Vorgaben gesammelt und ausgewertet.
Das Vorhaben zur Neuvermessung der Sprachkonstellation in Norddeutschland, das im Jahr 2003 zur Konstituierung einer Forschergruppe führte, wurde erstmalig auf der 117. Jahresversammlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung im Juni 2004 mit grundsätzlichen theoretischen und methodischen Vorüberlegungen vorgestellt (Elmentaler/Macha/Schröder/Wirrer 2004). Die weiterentwickelte Konzeption, die im Folgenden präsentiert werden soll, wurde von den Autoren dieses Beitrags gemeinsam erarbeitet. Durch die Beteiligung von nunmehr sechs Universitäten kann das ambitionierte Unternehmen, den gesamten norddeutschen Sprachraum diatopisch zu erfassen, auch forschungspraktisch umgesetzt werden.
Wir werden zunächst den Forschungsstand zur sprachlichen Situation in Norddeutschland umreißen und eine Verortung des Projekts in der variationslinguistischen Forschung vornehmen und im Anschluss die Zielsetzungen und Methoden des Projekts beschreiben. Dabei werden wir ein besonderes Augenmerk auf Fragen der Datenerhebung legen, die sich aus der Integration von diatopischen, diastratischen und pragmatischen Perspektiven ergeben.

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