Repräsentation, Wahrnehmung und Zeichenlehre im 18. Jahrhundert. Zeichen und Körper in Diderots Überlegungen zu Interaktion, Einbildungskraft und ästhetischer Illusion

Autor:
Gessinger, Joachim; Böhm, Manuela

Aufsatztitel:
Repräsentation, Wahrnehmung und Zeichenlehre im 18. Jahrhundert. Zeichen und Körper in Diderots Überlegungen zu Interaktion, Einbildungskraft und ästhetischer Illusion

Heftnummer:
70

Seiten:
217-238

In seinem ‚Brief über die Taubstummen‘ (Lettre sur les sourds et muets, 1751) versuchte Diderot, die unterschiedlichen semiotischen, ästhetischen und kommunikativen Eigenschaften von Gebärdensprache, redebegleitenden Gesten, Mimik und Pantomime herauszuarbeiten und sie auf die natürliche zeichengebende Fähigkeit des Menschen zu beziehen. Diderot überwand zumindest teilweise die spürbare Begrenztheit des von ihm als ‚metaphysische Anatomie‘ bezeichneten Verfahrens, das im Wesentlichen aus Gedankenexperimenten bestand, durch die Lektüre physiologischer und medizinischer Arbeiten, vor allem Hallers ‚Eléments de Physiologie‘, und ausgedehnter kunsthistorischer und kunsttheoretischer Studien vor allem der darstellenden Künste, also Malerei, Theater und Musik. Die Spuren lassen sich im ‚Paradox über den Schauspieler‘ (Paradoxe sur le comédien, 1770–1777) erkennen. Das alte Thema, der Zusammenhang von verbaler und nonverbaler Kommunikation, wird nun im Rahmen eines neuen Konzepts für die Bühnendarstellung diskutiert: Der Schauspieler sollte sich gleichsam verdoppeln und die künstlerische Verkörperung seiner Rolle durch den mit kühlem Verstand gesteuerten Einsatz seiner körpersprachlichen Mittel erreichen. Dieser Verdoppelung von realer und ästhetischer physischer Präsenz auf der Bühne entsprach die ‚Entdoppelung‘ dieser künstlerischen Illusion durch die Analyse der semiotischen Eigenschaften von Repräsentation und Wahrnehmung.

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