Mehrsprachigkeit – eine Herausforderung für die sprachwissenschaftliche Theorie

Autor:
Grießhaber, Wilhelm

Aufsatztitel:
Mehrsprachigkeit – eine Herausforderung für die sprachwissenschaftliche Theorie

Heftnummer:
69

Seiten:
77-99

Sprachwissenschaft ist nicht wertneutral, sondern eingebettet in gesellschaftliche Zusammenhänge, die Themen aufdrängen oder aus dem Blickfeld verschwinden lassen (siehe Gessinger 1988 am Beispiel der Entwicklung der deutschen Sprachwissenschaft). Dies lässt sich auch an einem gesellschaftlich derart sensiblen Thema wie der Mehrsprachigkeit deutlich sehen. Hat Humboldt 1836 ein Werk zur Sprache allgemein und zum Vergleich von Sprachen und ihren unterschiedlichen Vorgehensweisen vorgelegt, erfolgte dies in einem Umfeld der entstehenden oder sich konsolidierenden Nationalstaaten, die über ihre Kolonien auf die ganze Welt und deren Sprachen zugriffen. Sein idealistischer Ansatz dient rund hundert Jahre später Weisgerber als Basis seiner explizit nationalen Sprachwissenschaft, die nach dem verlorenen Weltkrieg für die Geltung der deutschen Sprache arbeitet. Schon vor der nationalsozialistischen Machtergreifung legt er die Grundlagen für eine völkische Sprachwissenschaft, die auch noch nach dem verlorenen zweiten Weltkrieg noch lange dominierte.
Nicht zuletzt gegen diese vom nationalen, zeitweise auch völkischen Geist durchzogene Sprachwissenschaft breitete sich der rein formale, ideologiefreie universalgrammatische Ansatz Chomskys aus. Auch sein Ansatz ist zeitgeistkonform; zunächst in der Entwicklung automatischer Übersetzungssysteme angesiedelt, ist er bis heute vom Fortschrittsglauben der fünfziger Jahre geprägt. Beide Ansätze verstehen sich als universell gültige und müssen demzufolge auch mit dem Tatbestand der menschlichen Mehrsprachigkeit angemessen umgehen können. Dies soll an Schlüsselpositionen überprüft werden. In einem Ausblick soll schließlich gezeigt werden, wie in der Weiterentwicklung von Bühlers Sprachtheorie der Mehrsprachigkeit analytisch angemessener Rechnung getragen werden könnte.

Zurück