Am Anfang war die deutsche Sprache

Autor:
Gessinger, Joachim

Aufsatztitel:
Am Anfang war die deutsche Sprache

Heftnummer:
69

Seiten:
45-75

Die Sprachgeschichtsschreibung des Deutschen oder der Deutschen hat seit den späten 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen bemerkenswerten Wandel erlebt, der mit Recht ein Paradigmenwechsel genannt werden kann. Nicht zufällig vollzieht sich dieser Wechsel zeitgleich mit der Etablierung einer vorwiegend angelsächsisch geprägten Linguistik an deutschen Universitäten. Von den einzelnen Teildisziplinen waren es zunächst vor allem Soziolinguistik und Pragmatik, Sprach- und Kommunikationstheorie sowie Sozialwissenschaften und andere empirisch orientierte Disziplinen allgemein, die neue Fragestellungen und Methoden prägten, später traten Text- und Diskurslinguistik, Grammatikschreibung, Morphologie und eine gleichfalls veränderte Dialektologie hinzu. Wer heute Sprachgeschichte studiert, wird sich kaum vorstellen können, daß vor noch nicht allzu langer Zeit in der Regel die sogenannten ‚älteren Sprachstufen‘ Gotisch, Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch mit ihren Form- und Textinventaren die dominanten Gegenstände des Lehrangebots innerhalb der ‚alten Abteilungen‘ waren.
Der folgende Beitrag soll der Rekonstruktion der Grundlagen des zumindest im akademischen Betrieb inzwischen überwundenen Paradigmas gelten und ist damit ein Stück Wissenschaftsgeschichte der Linguistik. Daraus zu schließen, das Folgende sei nur noch von musealem Wert, erscheint mir zumindest vorschnell, solange bei unterschiedlichen Anlässen das scheinbar Überwundene nicht nur wieder auftaucht, sondern wirkungsmächtig wird. So zeigt es sich in Debatten über Rolle und Geltung des Deutschen in deutschsprachigen Ländern, in den notorischen Klagen über den entweder durch die Jugend oder das Englische verursachten Verfall der deutschen Sprache und in der Haltung gegenüber sprachlichen Minderheiten und Migranten. In den Köpfen nicht nur von sprachwissenschaftliche Laien steckt immer noch die Vorstellung, die deutsche Sprache sei ein im wesentlichen monolithisches Gebilde, das von der Sprache einer Ethnie zur Nationalsprache wurde, im Laufe seiner Geschichte die heutige Form annahm und dessen varianter Teil die zunehmend obsolet werdenden Dialekte waren und sind.

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