Diagnose und Schrift II. Editorial

Autor:
Baumann, Monika

Aufsatztitel:
Diagnose und Schrift II. Editorial

Heftnummer:
67

Seiten:
5-8

Geschriebene Texte nimmt man meist wegen ihres Inhalts zur Hand. Sie werden gelesen, um zu wissen, was darin steht. Man kann durch Geschriebenes aber auch etwas über die Person erfahren, die es produziert hat. Um diesen Aspekt geht es in den beiden OBST-Heften „Diagnose und Schrift“, deren zweiter Band hier vorliegt. Die Beiträge in beiden Heften kommen aus unterschiedlichen Disziplinen, haben aber gemeinsam, dass schriftliche Daten analysiert werden, um Informationen zur schreibenden Person zu erhalten.

Im Heft „Diagnose und Schrift 1: Die Schreiber“ (OBST 66) ging es um die Diagnose von Eigenschaften der Schreibenden. Es enthält Beiträgeaus der forensischen Schriftvergleichung, der forensischen Linguistik, der psychologischen Handschriftenanalyse und der historischen Soziolinguistik. Die psychologische Handschriftenanalyse trifft Aussagen über charaktereigenschaften der Schreibenden. Im forensischen Bereich zielt die Diagnose ebenfalls auf Eigenschaften der Schreiber – meist mit dem „Fernziel“, diese Schreiber überhaupt erst zu ermitteln oder als Produzenten von Tatschreiben zu überführen. Die forensische Schriftvergleichung untersucht – mit gänzlich anderen Methoden als die psychologische Handschriftenanalyse – ebenfalls die Handschrift, z. B. zur Beantwortung der Frage, ob sie von einer Frau oder einem Mann stammt. Die forensische Linguistik versucht, durch die orthographische und grammatische Analyse schriftlicher Daten den Kreis der Personen zu beschränken, die ein Schriftstück geschrieben haben könnten. Im Beitrag aus der historischen Soziolinguistik wird berichtet, wie schriftliche Daten Informationen zur schriftsprachlichen Kompetenz und zum sprachlichen Wissen längst verstorbener Personen liefern. Dieser Beitrag kann als „Schnittstelle“ zum vorliegenden Band gesehen werden. Die untersuchten Eigenschaften der Schreiber sind – neben der Mehrsprachigkeit und der Sprachbewusstheit – deren Schreibfähigkeiten. Der dort betonte Aspekt der deutschen Orthographie als Vergegenständlichung des Sprachwissens findet sich indiesem Heft z. B. in Ossners Text wieder.

Im zweiten Heft „Diagnose und Schrift“ geht es in allen Beiträgen um die Diagnose von Schreibfähigkeiten. Anders als im ersten Heft sind die Schreibenden allerdings noch dabei, die Schriftsprache zu erwerben. Durch die Diagnose der Schreibfähigkeiten soll der Stand der Lernenden beim Schriftspracherwerb untersucht werden.

Ganz ausgespart bleibt dabei die Diagnose der Textkompetenz und der Vorgänge der Textherstellung anhand von schriftlichen Daten (z. B. Weinhold 2000). Es geht hier nicht darum, wie Lernende Textschreiben lernen (für einen Überblick z. B. Feilke 1996, 2003), sondern wie sie Rechtschreiben lernen. Die Beiträge kommen aus der Sprachdidaktik und der Psycholinguistik und analysieren Schrift auf der orthographischen Ebene. Hier zeigt ein Vergleich einiger Beiträge – von Ossner, Grießhaber und Cholewa – dass sich verschiedene Theorien über die deutsche Orthographie auch in teilweise anderer Bewertung nicht-regelkonformer Schreibungen niederschlagen. In Studien mit Lernenden, deren erste Sprache nicht die deutsche Lautsprache ist (Leuninger/Vorköper/Happ, Grießhaber), ist auch die grammatische Ebene – Wortwahl, Satzbau – wichtiger Gegenstand der Analyse.

Den Anfang macht ein Beitrag von Jakob Ossner, der als einziger nicht Schrift zum Gegenstand der Diagnose macht, sondern eine Vorläuferfertigkeit des Schrifterwerbs. Er stellt Testaufgaben vor, die die phonologische Bewusstheit von Lernenden prüfen. Die phonologische Bewusstheit, d.h. die Fähigkeit, die Lautseite der Sprache zu manipulieren, gilt als wichtigster Prädiktor für den Erfolg beim Schriftspracherwerb (z. B. Blässer 1994). Anders als das Bielefelder Screening (Jansen/Mannhaupt et al. 1999), das die phonologische Bewusstheit von Vorschulkindern untersucht, sind Ossners Testaufgaben für den Schulbeginn konzipiert. Er stellt empirische Befunde vor und diskutiert didaktische Konsequenzen.

Sabine Birck warnt in ihrem Beitrag allerdings davor, in der Förderung der phonologischen Bewusstheit ein „Allheilmittel“ beim Schriftspracherwerb zu sehen (vgl. z. B. das Würzburger Trainingsprogramm zur Vorbereitung auf den Erwerb der Schriftsprache „Hören, lauschen, lernen“, Küspert/Schneider 1999). Sie argumentiert, dass ein rein phonologisches „Training“ weder Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen noch Kindern mit hoher sprachlicher Kompetenz Fortschritte beim Schrifterwerb bescheren muss, weil dabei die Vielfalt der Aufgaben, die der Erwerb der Schrift beinhaltet, nicht berücksichtigt wird. Auf der Basis klassischer sprachtheoretischer Positionen beleuchtet sie das komplexe Spannungsverhältnis zwischen Schriftzeichen, abstrakten Lautwerten (Phonemen) und Wortbedeutung und -klang.

Angesichts der Bedeutung, die der phonologischen Bewusstheit gemeinhin für den Schriftspracherwerb beigemessen wird, stellt sich die Frage, wie man Schrift erwirbt, wenn man Lautsprache nicht hören kann. Helen Leuninger, Marc-Oliver Vorköper und Daniela Happ untersuchen in einer Fallstudie die Schriftproduktion eines Kindes, dessen erste Sprache die deutsche Gebärdensprache ist und das die deutsche Schriftsprache als Zweitsprache erwirbt. Die analysierten Schriftdaten lassen Rückschlüsse zu auf verwendete Strategien beim Schriftspracherwerb und sind auch interessant für die Zweitspracherwerbsforschung, z. B. bei der Frage des Transfers bestimmter Eigenschaften der Erst- auf die Zweitsprache.

Die Lernenden in Wilhelm Grießhabers Studie haben ebenfalls nicht Deutsch, sondern eine andere Sprache als erste Sprache. Es handelt sich dabei jedoch um eine Lautsprache. Anders als beim psycholinguistischen Beitrag von Leuninger/Vorköper/Happ ist Grießhabers Fragestellung eine didaktische. Ziel seiner empirischen Untersuchung ist die Diagnose des Stands des Schriftspracherwerbs bei nicht-deutschsprachigen Lernenden anhand von Schreibproben. Ihn interessieren bei seiner datenbankgestützten Analyse insbesondere mögliche erstsprachliche Einflüsse auf den Erwerb der deutschen Schriftsprache. Wie Ossner untersucht auch Grießhaber den beginnenden Schriftspracherwerb. Er resümiert, dass ein geeignetes Diagnoseinstrument für den Stand der schriftlichen Fähigkeiten von Lernenden nicht-deutscher Erstsprache noch entwickelt werden muss.

Anders sieht es für den Schriftspracherwerb unter monolingualen Bedingungen aus. Hier existieren eine Vielzahl von diagnostischen Verfahren, über die Karl-Ludwig Herné einen kenntnisreichen Überblick liefert. Nach einer Einführung in die Grundlagen der Testdiagnostik beschreibt er quantitative und qualitative, fehleranalytische Verfahren zur Diagnose der Rechtschreibfähigkeiten.

Ein psycholinguistisch fundiertes Fehlerraster stellt Jürgen Cholewa in seinem Beitrag vor. Basierend auf der qualitativen Analyse von Schreibfehlern sollen Hypothesen über den Entwicklungsstand kognitiver Aspekte des Schreibprozesses formuliert und eventuell spezifische Ausprägungen einer Schriftspracherwerbsstörung (Dysgraphie) erkannt werden. Als Basis dient das Routenmodell der kognitiven Neuropsychologie, in dem angenommen wird, dass ein Wort entweder über die phonologische Route oder über die lexikalisch-semantische Route oder aber lexikalisch (ohne Semantik) geschrieben werden kann. In Anlehnung an die neurolinguistische Forschung, in der erworbene Störungen der Schriftsprache mit Schwierigkeiten bei der Verarbeitung bestimmter Routen in Verbindung gebracht wird (für einen Überblick z. B. Caplan 1992), sollen die Schreibfehler von Lernenden aufzeigen, bei welchen Verarbeitungswegen Probleme bestehen.

Literatur

Blässer, Barbara (1994): Die Bedeutung der phonologischen Bewusstheit für das frühe Lesen und Schreiben. theoretische Fundierung und Förderungsmöglichkeiten. Diss. Würzburg.

Caplan, David (1992): Language. Structure, processing, and disorders. Cambridge, MA: Bradford.

Feilke, Helmuth (1996): Die Entwicklung der Schreibfähigkeiten. In: Günther, Hartmut/ Ludwig, Otto (Hg.): Schrift und Schriftlichkeit, Bd. 2, S. 1178-1190.

Feilke, Helmuth (2003): Entwicklung schriftlich-konzeptualer Fähigkeiten. In: Bredel, Ursula/ Günther, Hartmut/ Klotz, Peter/ Ossner, Jakob/ Siebert-Ott,

Gesa (Hg.): Didaktik der deutschen Sprache. Bd. 1. Paderborn u. a.: Schöningh, S. 178-192.

Jansen, Heiner/ Mannhaupt, Gerd/ Marx, Harald/ Skowronek, Helmut (1999): Das Bielefelder Screening (BISC). Göttingen: Hogrefe.

Küspert, Petra/ Schneider, Wolfgang (1999). Hören, lauschen, lernen. Sprachspiele für Kinder im Vorschulalter. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Weinhold, Swantje (2000): Text als Herausforderung. Zur Textkompetenz am Schulanfang. Freiburg: Fillibach.

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