Briefkommunikation im 20. Jahrhundert. Editorial

Autor:
Wyss, Eva Lia; Schmitz, Ulrich

Aufsatztitel:
Volltext:
Briefkommunikation im 20. Jahrhundert. Editorial

Heftnummer:
64

Seiten:
5-6

Der Sprachgebrauchswandel im 20. Jahrhundert ist geprägt von einer raschen Ausdifferenzierung von Text- und Gesprächsformen im Spannungsfeld zwischen konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit. An der Textsorte Brief lässt sich diese Entwicklung besonders gut nachzeichnen. Die Erleichterung des Briefeschreibens durch verschiedene neue Schreibmedien des 19. und 20. Jahrhunderts – von der Schreibmaschine über das Faxgerät bis zum Computer mit Internetanschluss – führt nämlich nicht nur zu einer Vervielfältigung der Textsorten, sondern auch zu einer Vermehrung und teilweise Veralltäglichung der Schreibtätigkeit. Doch nicht nur mediale, sondern auch soziale und politische Entwicklungen haben vor allem im 20. Jahrhundert zu einer Auffächerung in eine Vielzahl von Briefsorten in privaten und öffentlichen Handlungsbereichen geführt und durch immer schnellere Beförderungstechniken den Spielraum und Variantenreichtum zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, zwischen ritualisiertem und freiem Formulieren noch weiter erweitert. Diese Entwicklungen werden im vorliegenden Band an besonders prägnanten Beispielen und unter möglichst verschiedenen Perspektiven nachgezeichnet.

Nun ist das 20. Jahrhundert eine rein chronologisch und nicht von vornherein kulturgeschichtliche bestimmte Zeitspanne und kann deshalb nicht unhinterfragt bleiben. Wer sprachliche Phänomene unter einem historischen Blickwinkel betrachtet, bemerkt bald, dass das Jahr 1900 so wenig wie das Jahr 2000 als relevante Zäsuren angenommen werden können. Auch ragt besonders die Tradition des Briefeschreibens, die sich im 19. Jahrhundert in weiteren Kreisen ausgebildet hat, tief in das 20. Jahrhundert hinein, so dass immer schon von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen gesprochen werden muss.

Um diese historische Verbundenheit anzudeuten, stellen wir gerade die historisch-vergleichenden Fragestellungen an den Anfang dieses Bandes. Elspaß unternimmt anhand der Frage nach Schriftlichkeit und Mündlichkeit im Privatbrief einen Vergleich zwischen Schreibgewohnheiten der älteren Jahrhundertwende und der modernen E-Mail. Schwitalla vergleicht Telegramme des 19. Jahrhunderts in ihren typischen Textmerkmalen und Gebrauchsweisen mit SMS-Botschaften. Beide Autoren weisen in detailreicher Textanalyse auf Gleiches und Ungleiches hin, zeigen Invarianten in der Variation.

Eine andere Betrachtungsweise wählen Wyss, Diekmannshenke und Jones. Sie beschreiben jeweils eine ausgewählte Textsorte im historischen Vergleich. Wyss zeigt am Beispiel des Liebesbriefes die Ausdifferenzierung vor allem des Illokutionstyps Liebeserklärung im 20. Jahrhundert entlang von Medien- und Kommunikationsgeschichte. Vor historischem Hintergrund beschreibt Diekmannshenke die Postkarte mit ihren Pendants im Internet. Jones‘ Beitrag zum Feldpostbrief verknüpft in essayistischer Weise historische, ethnologische und sprachbezogene Untersuchungen.
Die dezidiert neue Briefkultur gegen Ende des 20. Jahrhunderts, wenn sie denn noch Brief-Kultur genannt werden kann, ist Gegenstand der Beiträge von Burger, Höflich und Ortner.

Burger zeichnet die strukturelle und sprachliche Verflechtung der Medien Fernsehen und Internet anhand des Internet-Gästebuchs zu der Fernseh-Beratungstalkshow Lämmle live, die sowohl im Fernsehen als auch im Internet auf großes Interesse stößt. Höflich fasst die Ergebnisse aus seiner Erfurter Studie zur Mediennutzung von Jugendlichen zusammen und bringt ein vielleicht kontraintuitives Resultat ans Tageslicht. Der Brief hat zwar an funktionaler Bedeutung verloren, doch ist sein Stellenwert im Ensemble der Kommunikationsmedien sehr hoch: als Kulturgut erfährt er bei Jugendlichen eine hohe Wertschätzung. Ortner fragt schließlich, ob es sich denn bei den SMS-Botschaften überhaupt um Texte einer in diesem Band hypostasierten Briefkultur handeln würde. Sodann illustriert sie anhand der SMS-Ratgeber, einem neuen Typus von Briefstellern, dass sich die Stilistik der SMS-Botschaften von derjenigen des Briefes in einigen Punkten deutlich unterscheidet.

Es wird interessant sein zu beobachten, ob und in welcher Weise die derzeit herrschende Konkurrenz zwischen herkömmlichem hand- bzw. computergeschriebenem Brief, Fax, E-Mail und SMS eher zu einer weiteren funktionalen Arbeitsteilung zwischen den Medien führt oder ob eines auf Kosten eines anderen die Oberhand gewinnt. In jedem Fall lässt sich an Briefen der enge Zusammenhang zwischen Medienwandel, Kulturwandel und Sprachwandel exemplarisch studieren.

Der vorliegende Band liefert einige Beiträge dazu.

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