Sprache an der Jahrtausendwende, Editorial

Sprache an der Jahrtausendwende

Editorial

Unsere Abonnenten werden dieses Heft am 31.12.1999 in ihren Briefkästen liegen haben. Dieses ist die erste und am leichtesten überprüfbare Prognose des vorliegenden sechzigsten OBST-Bandes. Schon manche haben sich an Gedanken und Vorhersagen über die Zukunft der Sprache versucht1, teils auch aus besonderem Anlaß wie etwa "1984".2 Aus einer Laune heraus befand die OBST-Redaktion, daß die Jahrtausendwende ein besonders hübscher Anlaß für solche Reflexionen sei. Herausgekommen ist nun ein Heft mit sieben Beiträgen, welche zukünftige Entwicklungen der Sprache, vor allem auch der deutschen Sprache, auf unterschiedliche Weise aus ihrer Vergangenheit und Gegenwart entwerfen.

Peter Braun nimmt Leibniz' "Unvorgreifliche Gedanken, betreffend die Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache" von 1693 zum Anlaß, verschiedene Beiträge zur Sprachkritik und Sprachprognose Revue passieren zu lassen und zukunftsweisende Tendenzen der aktuellen deutschen Gegenwartssprache zu beschreiben. Melanie Brinkschulte und Wilhelm Grießhaber untersuchen gestisches Sprechen bei der Arbeit an Computern. Joachim Gessinger ediert einen Erfahrungsbericht über Bildtelefonie aus dem Jahre 2024 dergestalt, daß auch heutige Leser ohne historische Vorkenntnisse ihn leicht nachvollziehen können. Eduard Haueis diskutiert, warum und unter welchen Umständen die Schule ein Ort des Sprachlernens bleiben kann oder werden soll. Franz Januschek überlegt, ob es ein Schrecken oder ein Segen für die Menschheit wäre, wenn alle Menschen zu LinguistInnen würden. Rüdiger Krüger und Jakob Ossner blicken auf die Geschichte der deutschen Rechtschreibung von 1995 bis 2020 zurück. Ulrich Schmitz verlängert Jacob Grimms "förmliche Berechnung über den progressiven Untergang der Flexionsfähigkeit" der deutschen Sprache von 1819 bis in die Gegenwart und ins dritte Jahrtausend.

Ausblicke laden immer auch zu Rückblicken ein. Deswegen haben wir diesem Heft eine bibliophile Rarität beigegeben3, nämlich eine vollständige digitale Reproduktion des ersten OBST-Heftes, das am Ende der linguistischen Gründerzeit - 1976 - in noch sehr kleiner Auflage erschien. Beim Vergleich beider Hefte mag die Leserin oder der Leser selbst entscheiden, wer sich schneller entwickelt: die Sprache oder die Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie ;-)

Anmerkungen

1. In den letzten Jahren z.B. Wolfgang Klein/ Brigitte Schlieben-Lange (Hg.): Zukunft der Sprache. (= Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi) 20 (1990), H. 79; sowie Friedhelm Debus: Entwicklungen der deutschen Sprache in der Gegenwart - und in der Zukunft? Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Abhandlungen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse, Jg. 1999, Nr. 2. Stuttgart: Steiner.

2. Harald Weinrich: Die Zukunft der deutschen Sprache. In: Carstensen, Broder/ u.a.: Die deutsche Sprache der Gegenwart. Vorträge gehalten auf der Tagung der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften Hamburg am 4. und 5. November 1983. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1984, S. 83-108.

3. Auf der beiliegenden CD finden Sie neben einem Faksimile von Heft 1 auch ein vollständiges Verzeichnis der bisher erschienenen Hefte mit allen Titelseiten und Inhaltsverzeichnissen. Alle Dateien sind im sogenannten "PDF"-Format gespeichert und lassen sich mit dem Programm Acrobat® Reader ab Version 4.x (kostenlos im WWW zu beziehen unter: http://www.adobe.com) einsehen. Installationsprogramme (für jeweils Apple OS und Windows) für die aktuelle Version (4.0) befinden sich auf der CD.

Die Redaktion, 22.11.1999

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