Rollende Sphären - Eine CD-ROM über Thomas Mann. Hypertext - Hypermedia - Multimedia?

1. Einleitung

"Indem ich die Tastatur heranziehe um in völliger Muße und Zurückgezogenheit - gesund übrigens, wenn auch - von der Buchmesse her: müde, sehr müde, indem ich mich also anschicke, meine Anmerkungen in der sauberen und gefälligen Schriftart, die meinem Rechner eigen ist, der geduldigen Datei anzuvertrauen, beschleicht mich das flüchtige Bedenken, ob denn selbst geneigte Leser verstehen können, wie ein literarisches Multimediaprojekt zum Gelingen geführt werden kann?"[1]

An diese Frage anschließend will diese Arbeit versuchen, zu untersuchen, wie dieses Projekt umgesetzt wurde.

Angesichts der Tatsache, daß Begriffe wie Hypertext, Hypermedia und Multimedia Schlagwörter der neunziger Jahre sind, soll in diesem Zusammenhang einmal untersucht werden, wie anwendbar diese Begriffe am konkreten Beispiel sind. Dabei nähert sich diese Arbeit eher von der (pragmatischen) Nutzerseite als von der (technisch orientierten) Autorenseite.

Um die Frage nach Klassifizierungsmöglichkeiten einer Software wie der Thomas-Mann-CD-ROM beantworten zu können, ist die Beschreibung der ihr zugrunde liegenden Strukturen sinnvoll.

Ein nicht-lineares Medium mit linearen Mitteln zu beschreiben, macht auch immer eine gewisse Ausführlichkeit in der Beschreibung notwendig. Exemplarische Beschreibungen sind aufgrund der Menge der Einzelaspekte unabdingbar. Je inkonsistenter die Struktur einer Software ist, desto mehr Beschreibungen sind notwendig, um dieser Struktur überhaupt einigermaßen gerecht zu werden. An einigen Stellen sollen Grafiken und Screenshots dieser CD-ROM dazu noch als Orientierungshilfen dienen.

Die an die interpretierenden Beschreibungen anschließenden Klassifizierungsversuche dienen in erster Linie der Beantwortung der oben formulierten Frage, inwiefern die Begriffe Hypertext, Hypermedia und Multimedia im allgemeinen und in diesem Fall funktionieren.

2. Beschreibung der CD-ROM / Aufbau und Inhalt

Diese 1995 erschienene CD-ROM "Rollende Sphären" behandelt das Leben und Werk des deutschen Autors Thomas Mann (1875 - 1955).

Inhaltlich bietet diese CD-ROM Textauszüge aus verschiedenen Werken Manns, Lesungen Thomas Manns aus einzelnen Romanen, sowie einige seiner Reden und Ansprachen, Interviews zu verschiedensten Anlässen von und über Thomas Mann, sowie verschiedenste Urkunden, Fotos, Pässe etc. aus dem Thomas-Mann-Archiv in Zürich.

Da es in dieser Arbeit nicht primär um inhaltliche Aspekte der CD-ROM geht, soll dies als Information zunächst genügen.

Bezüglich der Struktur eines Mediums wie dieser CD-ROM stellt sich zunächst, auch auf den Inhalt bezogen, die Frage nach der Herkunft der Daten.

Kuhlen unterscheidet diesbezüglich zwischen zwei Vorgehensweisen bei der Erstellung eines Hypertextes:

"(i) Rückgriff auf vorhandene Quelltexte, d. h. in der Regel auf konventionelle Druckwerke;

(ii) komplette Neuerstellung von Hypertexteinheiten ohne die Verwendung sequentieller Basistexte (sozusagen Neuaufbau "auf der grünen Wiese")."[2]

An dieser Stelle ist nicht geklärt, ob es sich bei dieser CD-ROM überhaupt um einen Hypertext handelt. Die Unterscheidung, die Kuhlen hier trifft, ist aber auch auf viele andere Medienformen anwendbar, eigentlich immer, wenn es um die Erstellung von Medieninhalten geht, ob das nun ein Buch, eine Fernsehsendung oder eben ein digitales Medium ist.

Die Fülle der in der CD-ROM verwendeten Dokumente verdeutlicht, daß es sich bei dieser CD-ROM in erster Linie um die von Kuhlen erstgenannte Vorgehensweise handelt. Da sich die gesamte CD-ROM chronologisch am Lebensweg Thomas Manns orientiert, ist auch die prinzipielle Freiheit in der Organisation der Ordnungsprinzipien zu einem großen Teil vorgegeben.

Alle wiedergegebenen Werke und Tondokumente ordnen sich dieser Chronologie unter.

Die CD-ROM kann in zwei große Bereiche unterteilt werden: Auf der einen Seite sind die "Rollenden Sphären", auf der anderen Seite ist der Buchteil.

Der erste Bereich, die "Rollenden Sphären", besteht aus einer Grafik in Form eines Panoramabildes, die das Leben Thomas Manns von seiner Geburt bis zu seinem Tod repräsentiert. Diese Grafik ist optisch aufgebaut wie eine Collage, als Hintergrund dient im unteren Drittel eine Graslandschaft, die oberen zwei Drittel bestehen aus Himmel. In diese Grafik sind wie bei einem Zeitstrahl die Jahreszahlen eingearbeitet, Ansichten von Häusern, Menschen oder Städten in durchscheinendem Grau, sowie Fotos aus Manns Leben und auf verschiedene Situationen bezogene Objekte (siehe Screenshot 1[3]).

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Der andere Teil ist der Buchteil, bestehend aus den einzelnen Themenbereichen "Historisch-biographisches"', "Werk" und "Tondokumente".

Der Themenbereich "Historisch-biographisches" bietet einen tabellarischen Lebenslauf Manns.

Im Themenbereich "Werk" findet man einige kürzere Texte Thomas Manns komplett (z.B. "Der Tod in Venedig"), aus den längeren Romanen sind Auszüge verfügbar (z.B. "Die Buddenbrooks" oder "Der Zauberberg").

Der dritte Teil sind die "Tondokumente", bestehend aus verschiedenen Lesungen aus seinen Werken, Ansprachen und Reden, von ihm selber oder aber Ausschnitte aus seinen Werken und Tondokumente über ihn von seinen Verwandten Golo, Frido und Erika Mann.

Jedem dieser drei Teile geht eine Inhaltsseite voran, auf der man sich über den Inhalt des aktuellen Themenbereichs informieren kann. Eine Seite, die Aufschluß über den gesamten Inhalt des Buchteils gibt, existiert nicht.

3. Bedienung der CD-ROM

Das Handbuch zur Bedienung umfaßt 38 Seiten, allein 15 Seiten davon beschreiben die Bedienung der Panoramagrafik und des Buchteils.

Der Programmstart dauert auf einem 486er DX 4-100 mit 16 MB RAM knapp vier Minuten. Es erscheint die Startseite mit dem Titel der CD-ROM, den Herausgebern, dem Autor, dem Gestalter und dem Entwickler der Software (siehe Screenshot 2).

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Auf den ersten Blick bieten sich dort keine Handlungsmöglichkeiten. Der Bildschirm hat keinerlei Verwandtschaft zu Windows-Oberflächen, es sind keinerlei Bedienelemente sichtbar.

Als Overlay erscheint eine Hilfe-Seite, die verrät, daß es auf dem Bildschirm zwei sensitive Bedienflächen gibt, den oberen und den unteren Rand. Der obere Rand verweist auf den Inhalt der CD-ROM, der untere Bildschirmbereich ist hier dem Programmende vorbehalten. Diese Hilfeseite muß vom User deaktiviert werden.

Über den oberen Rand startet man dann die Gesamtinhaltsseite der CD-ROM. Hier ist der Bildschirm in vier Bildschirmbereiche aufgeteilt. Von oben nach unten sieht man die Überschriften "Historisch-biographisches", "Werk", "Tondokumente" und "Rollende Sphären"[4] (siehe Screenshot 3).

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Die Einteilung der CD-ROM in zwei Bereiche erschließt sich an dieser Stelle durch die unterschiedlichen Typographien der Überschriften. Die Überschrift "Rollende Sphären" ist in Anführungszeichen gesetzt und in einer Serifen-Schrift wiedergegeben. Die Überschriften des Buchteils ("Historisch-biographisches", "Werk" und "Tondokumente") sind hingegen in einer serifenlosen Schrift und ohne Anführungszeichen dargestellt. Hier deutet sich auch an, daß es sich nicht nur inhaltlich um einen Unterschied handelt, sondern auch optisch, denn die "Rollenden Sphären" bedienen sich in der Hauptsache einer Grafik. Der Buchteil, der Name impliziert es, ist in erster Linie textorientiert.

Für die Bedienung der Panorama-Grafik und des Buchteils sind verschiedene Bedienungsarten erforderlich.

In der Panorama-Grafik bewegt man sich horizontal vor- oder rückwärts, indem man die linke Maustaste gedrückt hält und die Maus in die Richtung schiebt, in die man sich bewegen möchte. Beim Scrollen durch die Grafik verändert sich der Mauszeiger, sobald man ein sensitives Objekt streift. Es erscheint entweder ein Text-, ein Bild- oder ein Ton-Icon. Diese Icons sind Hinweise darauf, daß an dieser Stelle weitere Daten verfügbar sind. Unabhängig von diesen Links hat der Nutzer die Möglichkeit, mit der rechten Maustaste gesprochene Kommentare zu einzelnen Objekten der Panorama-Grafik zu aktivieren. Wie im Gesamtinhaltsverzeichnis der CD-ROM befindet sich am oberen Bildschirmrand der sensitive Bildschirmbereich "Inhalt", am unteren Rand der Bildschirmbereich "Ende" für das Beenden des Programms.

Der Buchteil besteht laut Handbuch zur CD-ROM aus den beiden Themenbereichen "Historisch-biographisches" und "Werk". Der Themenbereich "Tondokumente" wird hier der "Werk"-Ebene zugerechnet, obwohl er sowohl technisch als auch im Gesamtinhaltsverzeichnis einen eigenen Themenbereich darstellt und deshalb auch in dieser Arbeit als eigener Themenbereich behandelt wird.

Die Bedienung innerhalb des Buchteils ist soweit einheitlich.

Betrachtet man die einzelnen Themenbereiche des Buchteils als lineare Abfolge einzelner Seiten, ergibt sich folgende Struktur, die hier am Beispiel des Bereichs "Historisch-biographisches" aufgezeigt werden soll.

Das Inhaltsverzeichnis umfaßt acht Seiten, durch die man Seite für Seite steppen kann, sowohl vorwärts als auch rückwärts. Das Überspringen einzelner Seiten ist nicht möglich. Diese Inhaltsseiten folgen dem Aufbau eines tabellarischen Lebenslaufes, wobei die einzelnen Elemente den Überschriften der "Rollenden Sphären" folgen, also einen gewissen Grad an Wiedererkennung innerhalb der CD-ROM ermöglichen. Hier sind biographische Stationen Manns erfaßt, historische (politische, gesellschaftliche oder kulturelle) Verweise fehlen. Die einzelnen im Inhaltsverzeichnis aufgeführten Stationen bestehen aus Links, die auf Seiten mit weiterführenden Informationen verweisen. Auf diesen Seiten findet man Texte und Fotos, die das ausgewählte Thema näher beschreiben. Historische Hinweise finden sich hier auch nur, wenn sie für das Leben Manns eine direkte Bedeutung haben. Die Navigation auf diesen Seiten erfolgt über einen sensitiven Bildschirmbereich am unteren Rand. Dieser Bildschirmbereich ermöglicht den Sprung an die entsprechende Stelle in der Panorama-Grafik, das Blättern von Seite zu Seite oder von Kapitel zu Kapitel; er enthält ferner Bedienelemente für den Ton und das Vergrößern bzw. Verkleinern des Bildschirms und ein Feld für das Programmende (siehe Screenshots 4 und 5; 5 stellt die sensitive Bedienleiste dar und ist ein Detail aus 4 ).

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Man kann also einzelne Seiten direkt über das Inhaltsverzeichnis des aktuellen Themenbereichs anklicken oder sich auf dem linearen Weg so lange von Seite zu Seite steppen, bis man an die gewünschte Stelle gelangt. Die einzelnen Kapitel beispielsweise zum Thema "Zauberberg" umfassen mehrere Seiten, denen eine Titelseite vorangeht. Diese Titelseite bietet keine Handlungsmöglichkeiten außer vor- oder zurückzublättern. Man kann weder zur Inhaltsseite des aktuellen Themenbereichs noch zur Gesamtinhaltsseite der CD-ROM kommen noch das Programm beenden. Diese Möglichkeiten hat der Nutzer auch auf den Inhaltsseiten des aktuellen Themenbereichs nicht. Links zu den anderen Inhaltsseiten des Buchteils sind hier verfügbar. Die "Rollenden Sphären" erreicht man über die Gesamtinhaltsseite der CD-ROM.

4. Verweisstrukturen innerhalb der CD-ROM

Durch die Beschreibung des Inhalts und der Bedienung der CD-ROM ist deutlich geworden, daß es sich hier um ein sehr komplexes Medium handelt. Anhand der folgenden Grafik stellt sich diese Komplexität noch einmal bildlich dar:

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Betrachtet man die Grafik, ergeben sich einige Fragen, die im folgenden behandelt werden sollen.

Welchen Strukturen folgen die "Rollende Sphären" und der Buchteil intern und untereinander?

Wie sind die einzelnen Teile miteinander verknüpft?

Inwiefern und an welchen Stellen kann man von Hypertext, Hypermedia oder Multimedia sprechen?

4.1. Interne Strukturen in den "Rollenden Sphären" und im Buchteil

4.1.1. Verweisstrukturen in den "Rollenden Sphären"

Die Panorama-Grafik "Rollende Sphären" ist der ästhetische Kern der CD-ROM. Dem User soll durch den weiten Horizont im Hintergrund der Panorama-Grafik ein Eindruck von Tiefe und Dreidimensionalität vermittelt werden, durch den er, wie es in der Bedienungsanleitung vorgeschlagen wird, einen "Spaziergang"[5] unternehmen kann. Es gibt hier keine guided tour, die dem User einen schnellen Einblick in das Leben und Werk Thomas Manns gibt.

Diese Integration des Users in die virtuelle Landschaft auf dem Bildschirm soll die Distanz zwischen User und Medium verringern, sozusagen die Schnittstelle 'Bildschirmoberfläche' überwinden. Virilio spricht im Zusammenhang mit modernen Verkehrs- und Kommunikationsmitteln und dem stetig wachsenden Gebrauch durch die Menschen von einem Verlust der räumlichen Tiefe unserer geophysikalischen Umwelt zugunsten eines neu sichtbar werdenden Horizonts:

"de[m] virtuell sichtbaren Horizont, eine[r] Folge der optischen Erweiterung der natürlichen Umgebung des Menschen durch die Elektronik."[6]

Dieser Gedanke Virilios wird in der Thomas-Mann-CD-ROM im Ansatz verwirklicht. Der User soll nicht nur von außen den Lebensweg von Thomas Mann verfolgen können, sondern ein beobachtender Teil davon werden.

Die Form der Grafik, nicht nur die Erweiterung des sichtbaren Horizontes, sondern auch die Darstellung als Panorama, folgt der Tradition des Panoramas im 19. Jahrhundert, in dessen letzten Viertel Thomas Mann aufwuchs. In dieser Zeit wurde die Idee geboren, wie Gott allsichtig zu werden. Diese Allsichtigkeit wurde in der panoramatischen Darstellung realisiert. Hierin wurde auch eine visuelle Kontrollierbarkeit der Welt gesehen. Bolz formuliert es so:

"Das Panorama ist das erste technische Medium, das auf Allsichtigkeit zielt: Eroberung der Welt als integrales Bild."[7]

In diesem Fall ist es der Versuch, eine Allsichtigkeit und Eroberung der Welt von Thomas Mann als integrales Bild zu ermöglichen.

Hier ist ein enger Zusammenhang zwischen Form und Inhalt der CD-ROM hergestellt, bedenkt man zudem, daß die in der Grafik dargestellte weite Graslandschaft in ihrer nordischen Anmutung eine Entsprechung zum Leben Manns in Norddeutschland bildet. Und auch die intellektuelle Welt, in der Thomas Mann aufwuchs, ist somit in dem über einhundert Jahre nach Manns Geburt entstandenen Medium CD-ROM repräsentiert.

Diese in der Grafik "Rollende Sphären" implizierte Allsichtigkeit wird durch das von Ted Nelson angesprochene "framing problem"[8] gestört. Nelson spricht von dem Problem, daß der Bildschirm den physikalischen Rahmen vorgibt und all das, was hinter oder neben diesem Rahmen noch ist, nicht zu sehen und damit nicht präsent ist. Bolz spricht in diesem Zusammenhang vom blinden Fleck:

"Der allsichtige Bürger der Moderne kann nicht sehen, daß er nicht sehen kann, was er nicht sehen kann."[9]

Welchen Nutzen hat ein Panorama, wenn man nur Ausschnitte sehen kann? Daß hier eine der Grundschwierigkeiten der CD-ROM liegt, wird später noch deutlich, wenn es im Detail um die verschiedenen Verweisformen geht.

Zu dieser Allsichtigkeit, die durch das Panorama als linearem Objekt erzeugt werden soll, kommt die Möglichkeit hinzu, weitere Informationen aufzurufen. Abbildung 2 soll an dieser Stelle zur Veranschaulichung des internen Aufbaus der "Rollenden Sphären" dienen.

Abbildung 2:

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Die in Abbildung 2 dargestellten Ergänzungen zum lineraren Verlauf der Panorama-Grafik sind nicht als reine Hyperstrukturen zu betrachten, denn es handelt sich hierbei um Einbettungen, um embedded links, nicht um Links zwischen zwei Knoten. Man könnte hier auch von intrahyperstrukturellen Links sprechen, denn es werden zwei Bereiche innerhalb eines Knotens miteinander verbunden. Dabei sind die "Rollenden Sphären" als ein Knoten zu sehen. Die einzelnen Grafiken sind keine abgeschlossenen Informationseinheiten, denn sie könnten nicht für sich allein stehen und sind technisch von der Panorama-Grafik abhängig. Durch das Anklicken der embedded links mit den gesprochenen 'Bildunterschriften' und dem Blättern durch 'Fotoalben' ohne Kommentar oder Bildunterschrift verläßt man zwar scheinbar (besonders bei den Fotos) die Grafik, jedoch nicht den Knoten "Rollende Sphären".

Die Kommentare zu einzelnen Bildern und Fotos der Panorama-Grafik entstammen teilweise tagebuchähnlichen Aufzeichnungen Manns oder denen seiner Frau Katja. Teilweise sind es gesprochene Kommentare zu Fotos oder Lebenssituationen des Manns. Da sich die CD-ROM nur eines Sprechers bedient, wird lediglich aus den unterschiedlichen Perspektiven deutlich, ob es sich um einen Kommentar der CD-ROM-Autoren handelt (z.B. "er reiste...") oder um einen Kommentar von Thomas Mann oder seiner Frau (z.B. "ich reiste...").

Auch bei der Aktivierung eines Kommentars verläßt man die "Rollenden Sphären" nicht. Der Kommentar wird im Hintergrund eingespielt, die Grafik bleibt bestehen. Diese beiden beschriebenen Verweisarten, die embedded links, werden mit der rechten Maustaste aktiviert.

Für den Informationszugriff innerhalb der "Rollenden Sphären" steht keinerlei Suchmaschine zur Verfügung. Möchte der User beispielsweise wissen, wann Thomas Mann den "Zauberberg" geschrieben hat, muß er vom Beginn der Panorama-Grafik solange den Zeitstrahl entlangscrollen, bis er zu der entsprechenden Stelle gelangt.

Innerhalb dieser Grafik ist das Scrollen die einzige Navigationsmöglichkeit. Nutzt man die intrahyperstrukturellen Links, gelangt man immer wieder an die Ausgangsstelle, Ausgangs- und Zielpunkt sind hier gleich.

Technisch gesehen handelt es sich bei der Panorama-Grafik um eine 81MB große Toolbook-Datei, in die die einzelnen Grafiken eingebettet sind. Hier wird auch wieder deutlich, daß es sich um einen einzigen Knoten handelt und nicht um viele einzelne.

Da sich der Mauszeiger alle paar Zentimeter verändert, muß man den Bildschirm sozusagen abtasten, um alle zu einem Thema verfügbaren Informationen zu erhalten. Der User hat aber auch die Möglichkeit, frei durch die Grafik zu browsen, sich die vielen Fotos anzuschauen und sie sich an gewünschter Stelle kommentieren zu lassen.

Im Zusammenhang mit der Panorama-Grafik kann man nicht von Hypertext oder Hypermedia sprechen. In erster Linie handelt es sich hier um ein lineares Medium, welches intrahyperstrukturelle Links enthält; dies allein ist noch kein Grund, um von Hypertext oder Hypermedia zu sprechen. Die Basisdefinition von Gerdes zum Thema Hypertext und Hypermedia lautet folgendermaßen:

"Grundlegend für das Hypertext-Konzept sind zwei Begriffe: Knoten und Links. Knoten sind die atomaren Informationseinheiten von Hypertexten, die über Links auf nicht-lineare Weise miteinander verbunden sind."[10]

Folgt man dieser Definition, zeigt sich deutlich, daß die Grundbedingungen für Hypertext oder Hypermedia nicht erfüllt sind. Es handelt sich bei der Panorama-Grafik nur um einen einzigen Knoten, die internen Links der Panorama-Grafik sind intrahyperstrukturell.

4.1.2. Verweisstrukturen im Buchteil

In diesem Kapitel soll es nicht nur um die Verweisstrukturen in den einzelnen Themenbereichen des Buchteils gehen, sondern auch um die internen Verweisstrukturen im gesamten Buchteil.

Die internen Verweise in den einzelnen Themenbereichen des Buchteils sind Verweise zwischen den Links in den einzelnen Inhaltsverzeichnissen der Themenbereiche im Buchteil und den inhaltlich weiterführenden Seiten. Es sind unidirektionale Links, denn man kann zwar vom Inhaltsverzeichnis des aktuellen Themenbereichs zu den Seiten mit den ausführlichen Daten gelangen, aber nicht wieder zurück.

Die Strukturierung dieser Themenbereiche im Buchteil folgt in erster Linie einer hierarchischen Ordnung, im Grunde ähnelt hier der Aufbau dem in einem Buch. Anhand der Screenshots 6 bis 9 soll einmal beispielhaft der Weg vom Inhaltsverzeichnis des Themenbereichs "Historisch-biographisches" über die Titelseite und die erste Seite des Kapitels zum Thema "Zauberberg" dargestellt werden. Screenshot 9 zeigt diese Kapitelseite, auf der das Ton-Icon aktiviert ist .

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Bei den Verknüpfungen zwischen Inhaltsverzeichnis des Themenbereichs und den dazugehörigen Kapiteln handelt es sich um rein typisierte Verknüpfungen. Diese Verknüpfungen sind Beziehungen auf der semantischen Ebene, formal-syntaktische Beziehungen existieren nicht.

Innerhalb des Buchteils sind die einzelnen Themenbereiche wie drei synchron nebeneinander stehende lineare Folgen einzelner Seiten bzw. Cards angeordnet. An dieser Stelle kann man eher schon von Hypertext sprechen als bei den "Rollenden Sphären", denn hier sind Links zwischen einzelnen Informationseinheiten vorhanden. Als einzelne Informationseinheiten sind die einzelnen Kapitel der Themenbereiche zu sehen, denn diese stehen zwar in einem inhaltlichen Kontext zu den anderen Kapiteln, sind aber durchaus als abgeschlossene Einheiten zu betrachten.

Die oben angesprochene Synchronizität ergibt sich hier wie bei den "Rollenden Sphären" aus dem in allen drei Themenbereichen eingehaltenen chronologischen Aufbau.

Der Themenbereich "Historisch-biographisches" ist sehr stark an die Inhalte der "Rollenden Sphären" angelehnt. Die Überschriften im Themenbereich "Historisch-biographisches" entsprechen den Links bei den "Rollenden Sphären". Von allen drei Themenbereichen des Buchteils aus kann man die zeitlich entsprechende Stelle in den "Rollenden Sphären" über einen Link in der sensitiven Bedienleiste am unteren Bildschirmrand erreichen. Klickt man die mit einem Text-Icon hervorgehobene Überschrift in den "Rollenden Sphären" an, gelangt man wieder in das ausgewählte Kapitel im Themenbereich "Historisch-biographisches". Hier handelt es sich also um einen bidirektionalen Verweis. Von den Themenbereichen "Werk" und "Tondokumente" aus ist dies nicht direkt möglich. Man gelangt vom "Historisch-biographischen" zwar zu dem Bereich "Werk" und von dort aus auch zu der entsprechenden Stelle in den "Rollenden Sphären", der Rückweg muß jedoch über den Themenbereich "Historisch-biographisches" erfolgen.

Innerhalb des Buchteils ist die Navigation zwischen "Historisch-biographischem", "Werk" und "Tondokumenten" über "Wenn-Dann-Verknüpfungen" möglich. Das heißt, sind in den Bereichen "Werk" oder "Tondokumente" entsprechende Informationen verfügbar, wird dies dem User im Themenbereich "Historisch-biographisches" mit einem Text-, bzw. Ton-Icon angezeigt (siehe Screenshot 10, der ein Ausschnitt aus Screenshot 9 auf Seite 16 dieser Arbeit ist).

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Wählt man ein Text-Icon, betritt man den Themenbereich "Werk". Wählt man ein Ton-Icon, verläßt man den Themenbereich "Historisch-biographisches" nicht, der Ton wird im Hintergrund eingespielt. Da sich beim Anklicken der Icons ein Fenster mit Überschriften als Overlay öffnet, weiß man jedoch wenigstens, im Gegensatz zu den Kommentaren in den "Rollenden Sphären", worum es sich bei dem Tondokument handelt (vgl. Screenshot 9 auf Seite 16 dieser Arbeit) .

Die einzelnen Bereiche sind immer Full-Screen-Darstellungen und keine sich übereinander öffnenden Fenster. Die vom User beschrittenen Wege werden nicht dokumentiert (vgl. im Gegensatz hierzu die History-Funktion eines Web-Browsers). Die einzigen Möglichkeiten bestehen darin, den jeweils letzten Aufruf rückgängig zu machen bzw. zum Kapitelanfang zurückzukehren. So hat man sich schnell verlaufen.

Die Verweise auf der CD-ROM sind in erster Linie thematische Verweise, weniger funktionale. Sie folgen dem Lebenslauf Thomas Manns und sind damit rein typisierte Verknüpfungen, die sich auf hierarchische bzw. kontextuelle und damit pragmatische Beziehungen stützen und nicht einer formal-syntaktischen Logik und damit referentiellen Verknüpfungen folgen. Die Tatsache, daß ein Text-Icon in den "Rollenden Sphären" einen Verweis auf den entsprechenden Teil im Themenbereich "Historisch-biographisches" bildet, in diesem aber das gleiche Text-Icon ein Verweis auf den Themenbereich "Werk" ist, zeigt noch einmal, wie uneinheitlich die Formalia dieser CD-ROM sind.

Man kann, mehr noch als bei den "Rollenden Sphären", beim Buchteil von Hypertext bzw. Hypermedia sprechen, denn es sind durchaus die für einen Hypertext grundlegenden Bedingungen von Knoten und Links erfüllt.

4.2. Navigation / Suchen und Finden

Wie gezeigt, erfolgt die Navigation in den "Rollenden Sphären", indem man durch die Grafik scrollt.

Im Buchteil steppt man entweder von Seite zu Seite oder wählt einzelne Seiten über die Inhaltsverzeichnisse der einzelnen Themenbereiche.

Im Gegensatz zu den "Rollenden Sphären" bietet der Buchteil noch einige andere Navigationshilfen.

So kann man beispielsweise Lesezeichen setzen. Für die vergebenen Lesezeichen gibt es ein Fenster, das als Overlay auf dem Bildschirm erscheint und die Liste aller vergebenen Lesezeichen enthält. Zunächst ist jedoch immer nur die Seitenzahl des Buchteils angegeben, was die Auswahl bei mehreren vergebenen Lesezeichen und 3012 durchnumerierten Seiten im Buchteil nicht eben vereinfacht. Der User hat jedoch die Möglichkeit, der Seitenzahl in der Lesezeichen-Liste ein höchstens 24 Zeichen langes Stichwort zuzuweisen.

Als weitere Navigationshilfe existiert eine Suchmaschine, die die Volltextsuche im Buchteil ermöglicht. Bei der Angabe der Fundstellen gibt das Programm dann die Seitenzahl und den Themenbereich an, in der der gesuchte Text zu finden ist. In der Abfolge der Seitenzahlen im Buchteil der CD-ROM kommen zuerst die Seiten des Themenbereiches "Werk", danach die des Bereichs "Historisch-biographisches". Gibt man als Suchtext beispielsweise den Begriff "Zauberberg" ein, gibt das Programm 240 Fundstellen an, wovon aber die ersten 220 die einzelnen Seiten sind, auf denen die im "Werk" angegeben Kapitel aus Manns Roman "Der Zauberberg" reproduziert sind. Und da man in der Suchmaschine keinen Rollbalken zur Verfügung hat und mit den "Bild-auf"-/"Bild-ab"-Icons auf dem Bildschirm immer nur von Seite zu Seite steppen kann, ist die Suche nach einer Stelle im Themenbereich "Historisch-biographisches" mitunter eher zeitaufwendig als beschleunigend. Die Tastatur ist hier inaktiv, es ist nicht möglich, die "Bild-auf"-/"Bild-ab"-Tasten zum schnelleren Navigieren zu benutzen. Alle Bewegung muß per Mausaktion auf dem Bildschirm erfolgen. Damit werden selbst die grundlegenden Windows-Konventionen mißachtet, denn dieser Sechser-Tastenblock ist in den meisten anderen Anwendungen jederzeit nutzbar.

Außerdem ist es nicht möglich, einzelne Wortteile zu suchen. Die Suchmaschine sucht nur nach vollständigen Zeichenfolgen, nicht nach Wortteilen. Die Autoren dieser CD-ROM haben von einer Indexierung der Inhalte der CD-ROM abgesehen. Die Suchmaschine indexiert blind und macht keinen Unterschied zwischen Objekt- (Textkorpus) und Metasprache. Dies wird deutlich, wenn man versucht, die Suche zum Thema 'Zauberberg' einzugrenzen. Der User hat die Möglichkeit, zur Eingrenzung mehrere Wörter einzugeben, beispielsweise "Zauberberg + Entstehung", eine Suche, die auf Daten zum Thema "Entstehung des "Zauberbergs" abzielt. Das Programm gibt bei dieser Suche eine Fundstelle an, die jedoch mit der Entstehung des Romans nichts zu tun hat, sondern lediglich auf eine Stelle im Roman, also hier im Themenbereich "Werk", hinweist, in der Thomas Mann das Wort "Entstehung" benutzt hat. Die Funktion einer Suchmaschine, die dem User normalerweise Zeitersparnis und komfortables Navigieren ermöglichen soll, wird damit ad absurdum geführt.

Zuletzt bleibt noch das "Notizbuch" erwähnenswert. Auch hier erscheint ein Fenster als Overlay auf dem Bildschirm, in das der User Text schreiben oder einzelne Textpassagen kopieren kann, um sie später mit einer Textverarbeitung weiter nutzen zu können. Immerhin funktionieren hier die "cut & paste"-Tastenkombinationen, um Text in das Notizbuch zu kopieren. Die Inhalte des Notizbuches werden automatisch in einer Datei mit dem geheimnisvollen Namen "dwnbtm.txt" gespeichert. Dieser Dateiname steht für "Driftwood, Notizbuch, Thomas Mann", eigentlich ein logischer Name, wenn man seine Bedeutung einmal entschlüsselt hat. Sehr viel einfacher ist es, Textpassagen direkt per "cut & paste" in eine Textverarbeitung zu kopieren.

5. Klassifizierungsansätze

Die Begriffe Hypertext, Hypermedia und Multimedia behandeln nicht die gleichen Bereiche. Im modernen Sprachgebrauch werden sie nur allzuhäufig mißverständlich gebraucht. Geht man davon aus, daß die Begriffe Hypertext und Hypermedia in einer einheitlichen Tradition stehen, ist die Unterscheidung zwischen '-text' und '-media' für den weiteren Verlauf dieser Arbeit redundant. Es wird hier der Begriff Hypermedia weiterbenutzt.

Es soll nun einmal ein Erklärungsversuch erfolgen, der sich von der historischen Betrachtung, also der Erklärung durch die elementaren Begriffsentwicklungen von Vannevar Bush und Ted Nelson, entfernt[11]. Diese Erklärung nähert sich von einer pragmatischen Seite dem Problem.

'Hyper-' ist eine griechische Vorsilbe und heißt 'über'. Die Vorsilbe 'Multi-' hingegen entstammt dem Lateinischen 'multus-' und bedeutet 'viel'. Bliebe man bei der Benennung Neuer Medien bei Vorsilben einer Sprache, wäre nicht der lateinische Begriff 'Multi-', sondern die griechische Vorsilbe 'Poly-' hier der angebrachte. Warum aber gibt es diesen Unterschied? Betrachtet man einmal die Wortfelder, fällt folgendes auf:

'Hyper-': Hyperästhesie (Überempfindlichkeit), Hyperämie (vermehrte Durchblutung), Hyperakusie (krankhaft verfeinertes Gehör), Hyperalgesie (gesteigertes Schmerzempfinden)

'Poly-': Polyamid (Kunststoff), Polyeder (math. Figur), Polydaktylie (Mißbildung der Hand), Polyphrasie (krankhafte Geschwätzigkeit)

'Multi-': Multivitamin, Multivan, multinational, multilingual, Multipack
multifunktional

'Hyper-' und 'Poly-' sind Wortteile, die in erster Linie in technischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen Bereichen Verwendung finden, während 'Multi-' häufig auch von Marketingstrategen genutzt wird. Es kommt also darauf an, wer die Begriffe gebraucht.

Da wir es hier mit Software zu tun haben, ist eine Unterscheidung zwischen Programmierern (Autoren) und Nutzern sinnvoll. Die Unterscheidung ergibt sich aus dem zeitlichen Unterschied in der Beschäftigung beider Gruppen mit einer Software.

Der Programmierer erstellt zunächst die Codes für eine Software. Im vorliegenden Fall überführt er also die dieser CD-ROM zugrundeliegenden Dokumente und biographischen Daten in eine technisch-logische Struktur. Der Nutzer verändert diese Struktur nicht mehr. Zugegebenermaßen ist dies eine pragmatische Betrachtungsweise, die folgende Unterscheidung zwischen Hypermedia und Multimedia nahelegt.

Hypermedia bezeichnet die dem Programmierer zugewandte Seite, der Seite also, die sich mit der technischen Implementierung einer logischen Struktur beschäftigt.

Multimedia bezeichnet die dem Nutzer zugewandte Seite. Bei Multimedia werden verschiedene Einzelmedien unter einer Oberfläche zusammengefaßt und verfügbar gemacht. Zur Verdeutlichung kann man in diesem Zusammenhang auch den Begriff Frontend anführen. Das Frontend stellt dem Nutzer Werkzeuge zur Verfügung, mit denen er auf die Datenbasis zugreifen kann. Mit Bezug auf die Thomas-Mann-CD-ROM ist das die visuelle Oberfläche mit allen Navigationstools (z.B. allen sensitiven Bildschirmbereichen). Die in einer Multimedia-Software zusammengefaßten Einzelmedien (hier z.B. historisch-biographische Texte, Werke, Fotos und Tondokumente) werden also im Frontend visualisiert und nutzbar gemacht. Das Frontend funktioniert als Schnittstelle zwischen dem Konzept Multimedia und dem Nutzer.

Die technisch-logischen Strukturen dieser Einzelmedien intern und untereinander werden durch den Begriff Multimedia nicht erfaßt. Multimedia ist durch die Präsenz auf der Oberfläche beobachtbar.

Hypermedia-Strukturen sind hingegen nur indirekt erschließbar. Erst ein Blick auf die Dateistruktur der gesamten CD-ROM, z.B. im Datei-Manager, verdeutlicht, daß es sich bei den "Rollenden Sphären" um eine einzige Toolbook-Datei handelt. Für den Umgang mit der CD-ROM ist dies eine unerhebliche Information, nur Wissenschaftler und Programmierer setzen sich auf diese Weise damit auseinander.

Die Unterschiedlichkeit der Begriffe Hypermedia und Multimedia hat zur Folge, daß der Versuch einer ausschließenden Klassifizierung der Thomas-Mann-CD-ROM zugunsten einer perspektivischen aufgegeben werden muß. Eine ontologische Einordnung ist nicht sinnvoll.

Es wurde gezeigt, daß man die Thomas-Mann-CD-ROM durchaus mit beiden Begriffen bezeichnen kann. Die Einsicht, daß die Termini Hypertext, Hypermedia und Multimedia sich nicht ausschließen, sondern ergänzend nebeneinanderstehen können, ist anhand dieser CD-ROM einigermaßen schwergefallen. Dies hat folgende Gründe:

Die Thomas-Mann-CD-ROM weist die Bedingungen für Multimedia-Software auf, in der vorliegenden Ausführung zeigen sich jedoch erhebliche Inkonsistenzen.

Zunächst aber zu den Vorteilen von Multimedia. Nicholas Negroponte weist in diesem Zusammenhang auf folgendes hin:

"In der digitalen Welt verschwindet das Tiefe/Breite-Problem, so daß Leser und Autoren sich wesentlich freier zwischen allgemeiner Sach- und spezifischer Fachinformation hin- und herbewegen können."[12]

Die Daten, die in der Thomas-Mann-CD-ROM verarbeitet sind, würden in "der Welt der Atome", wie Negroponte es nennt, eine Menge Platz im Bücherregal einnehmen, wenn man bedenkt, daß allein der Buchteil dieser CD-ROM über 3000 Seiten stark ist. Selbst mit Bibeldruck ist das ein schwer zu handhabendes Buch. Die Darstellung der Panorama-Grafik der "Rollenden Sphären" ist auf Papier noch weniger handhabbar als ein Buch mit dem Inhalt des Buchteils dieser CD-ROM. Die Tondokumente wären noch am einfachsten auf einem Tonträger wie einer MC oder CD zu verwalten. Auch Norbert Bolz begrüßt die Möglichkeit, verschiedenste Medien unter einer Multimedia-Oberfläche zusammenspielen zu lassen. Wie Negroponte begrüßt Bolz die Möglichkeit der, im Gegensatz zu linearen Medien, größeren Freiheit des Nutzers in der Form der Wissensaneignung.

"Wir sollen uns in Informationsräumen genauso selbständig und eigensinnig bewegen können wie in unseren alltäglichen Lebensräumen."[13]

Das Ziel soll also eine Verringerung der Komplexität von Daten sein, und zwar zugunsten eines größtmöglichen Überblicks des Users über die vorhandenen Informationen. Informationen sollen mit Hilfe von Multimedia-Software schneller und leichter zugänglich gemacht werden. Hier treten aber schon die ersten Inkonsistenzen der Thomas-Mann-CD-ROM zu Tage. Übersichtliches Navigieren oder einfaches Browsen auf dieser CD-ROM könnte nur mit einem umfassenden Inhaltsverzeichnis und einer ordentlichen Indexierung funktionieren. Zumindest aber müßte bei einer solchen Fülle von Daten eine Suchmaschine existieren, der eine Indexierung zugrunde liegt. Nichts von alle dem macht die Thomas-Mann-CD-ROM in einer Form möglich, die für den Nutzer in puncto Handhabbarkeit und Zeitersparnis zur Zufriedenheit führte. Interaktivität ist das Stichwort. Die Möglichkeiten des Users, interaktiv zu handeln, sind bei dieser CD-ROM eher beschränkt und an vielen Stellen schlicht nicht brauchbar (bedenkt man etwa die in dieser Arbeit beschriebene Suche nach den Stichworten "Zauberberg" und "Zauberberg + Entstehung"). Das Maß an Interaktivität, das dem Nutzer dieser CD-ROM ermöglicht wird, ist geprägt von einer eigentümlichen Passivität des Nutzers. Dies scheint paradox, doch gibt diese CD-ROM lediglich die Möglichkeit, sich mehr oder minder "berieseln" zu lassen. Negroponte weist explizit auf die Nähe zwischen Multimedia-Software und dem Fernsehen hin, wenn diese Interaktivität nicht gegeben ist:

"Interaktivität ist die Voraussetzung für alle Arten von Multimedia. Wenn die voraussichtliche Erfahrung nur eine passive wäre, würden auch Fernsehprogramme mit Überschriften oder Filme mit Untertiteln dieser Definition einer Kombination aus Video, Audio und Daten entsprechen."[14]

Auch Booz, Allen und Hamilton bezeichnen die Interaktivität als wichtigen Bestandteil von Multimedia:

"Diese Merkmale [die von Multimedia] sind die integrative Verwendung verschiedener Medien sowie die Möglichkeit der interaktiven Nutzung."[15]

Die Tatsache, daß die Thomas-Mann-CD-ROM nur wenige Möglichkeiten zur Interaktivität bietet, macht eine Klassifizierung problematisch. Dies gilt vor allem auch vor dem Hintergrund, daß die Verpackung dieser CD-ROM eine "interaktive Biographie" und ein "herausragendes Beispiel für eine anspruchsvolle Multimedia-Produktion" verspricht.

Aber nicht nur die Frage nach der Interaktivität wird durch die Arbeit mit dieser CD-ROM eher unbefriedigend beantwortet, auch das Thema Integrativität verschiedenster Medien ist schwierig. In Zusammenhang mit Multimedia wird immer wieder von Animation, Simulation, Audio- und Videosequenzen gesprochen. Bis auf die Tonsequenzen (die Kommentare und die Tondokumente auf der Thomas-Mann-CD-ROM) ist von alle dem nichts vorhanden. Es ist eher, wie Negroponte es beschreibt:

"[...] die Tatsache, daß die meisten CD-ROM-Titel eine Menge Text - besonders ökonomisch aus der Sicht der Bits -, viele Einzelaufnahmen, wenig Ton und nur Bruchstücke von Videofilmen enthalten. Ironischerweise sind wir daher beim Betrachten einer CD-ROM gezwungen, nicht weniger, sondern mehr zu lesen." [16]

Wo liegen also die Vorteile der Thomas-Mann-CD-ROM hinsichtlich ihrer Multimedialität? Als Vorteil kann die Papierlosigkeit gesehen werden. Aber welcher Nutzer möchte den "Tod in Venedig" am Bildschirm lesen? Oder gar die wenigen Kapitel aus dem "Zauberberg"? Zumal hier seitens der Autoren der CD-ROM eine Begründung für die Auswahl gerade dieser Kapitel fehlt, genau wie Ergänzungen, die die Kapitel inhaltlich miteinander verbinden.

Allenfalls ein Literatur- oder Thomas-Mann-Kenner wird vielleicht wissen, warum gerade diese Kapitel ausgewählt wurden. Die Frage ist jedoch, ob so jemand eine

Thomas-Mann-CD-ROM zum Preis von DM 98,- kauft. Die Tatsache, daß die Werke Thomas Manns nur unvollständig auf der CD-ROM vertreten sind, hat nicht nur technische Gründe (Platzmangel), sondern hat auch mit den Veröffentlichungsrechten zu tun.

Die Kosten für die Veröffentlichung des Gesamtwerks Thomas Manns hätte wohl den Rahmen der CD-ROM-Produktion gesprengt oder den Verkaufspreis der CD-ROM noch mehr in die Höhe getrieben.

Ähnlich schwierig wie die Klassifizierung der CD-ROM als Multimedia fällt die Klassifizierung als Hypermedia.

Die technischen Möglichkeiten von Hypermedia wurden von den Autoren nur im Ansatz genutzt. Wie bei der Untersuchung zum Thema Multimedialität fallen auch hier erhebliche Inkonsistenzen auf. Zwar kann man, wie in dieser Arbeit geschehen, Hyperstrukuren feststellen, doch setzt Hypermedia gerade aufgrund der netzartigen und nicht-linearen Strukturen besonders übersichtliche und vor allem für den User durchschaubare Ordnungsstrukturen voraus. Bei dieser CD-ROM handelt es sich ja technisch gesehen um vier lineare Stränge ( "Rollende Sphären", "Historisch-biographisches", "Werk" und "Tondokumente"), die synchron nebeneinander herlaufen und der Chronologie des Lebensweges Thomas Manns folgen. Bewegt man sich nur intern in den einzelnen Strängen, ist die Bedienung handhabbar. Erst die interhyperstrukturellen Verweise zwischen diesen einzelnen Strängen bringen Verwirrung. Und gerade in der Freiheit der Navigationsmöglichkeiten des Nutzers liegt ja die eigentliche Leistungsfähigkeit von Hypermedia.

Die Verwirrung entsteht in erster Linie durch das Fehlen eines kompletten Inhaltsverzeichnisses, aber noch mehr durch die vielen verschiedenen Bedienungsarten. Wann man wie oft mit welcher Maustaste wohin klicken muß, damit verschiedene Dinge passieren, ist bei der Bedienung dieser CD-ROM eine Wissenschaft für sich. Man navigiert eher nach dem trial-and-error-Prinzip. Der User gerät dadurch öfter in Bereiche, in die er nicht wollte. Da aber auch die Rückwege nicht immer eindeutig sind, wird aus interessiertem Browsen auf dieser CD-ROM eine nervenaufreibende Anstrengung. Ein hohes Maß an Konzentration ist hier gefragt, um immer im Kopf zu behalten, wo man sich gerade befindet. Dieser hohe kognitive Aufwand bei der Bedienung dieser CD-ROM kann das Interesse am Thema schnell schmälern.

Die Autoren dieser CD-ROM waren durch die Chronologie des Lebensweges Thomas Manns in der Gestaltung der Ordnungsprinzipien nicht ganz frei. Die Idee der Synchronizität ist bei einem solch komplexen Thema wie dem Leben und Werk Thomas Manns sicher angebracht. Unkommentierte Fotos sowie ebenfalls unkommentierte Werkausschnitte und Audiosequenzen, die verschiedensten und nicht genannten Quellen entstammen und zudem auch noch von nur einem Sprecher gesprochen werden, sind dem Konzept Hypertext bzw. Hypermedia nicht besonders zuträglich. Das Konzept Hypertext bzw. Hypermedia wurde mit dieser Thomas-Mann-CD-ROM genau wie das Konzept Multimedia nur im Ansatz verwirklicht.

6. "Schwere Stunde" - Schlußbetrachtungen

"Nicht grübeln! Er war zu tief, um grübeln zu dürfen! Nicht ins Chaos hinabsteigen, sich wenigstens nicht dort aufhalten! Sondern aus dem Chaos, welches die Fülle ist, ans Licht emporheben, was fähig und reif ist, Form zu gewinnen. Nicht grübeln: Arbeiten! Begrenzen, ausschalten, gestalten, fertig werden (...)."[17]

Die Schwierigkeiten der Beschäftigung mit einem Thema, die Thomas Mann in seiner Erzählung "Schwere Stunde" beschreibt, haben sich die Autoren dieser CD-ROM nicht zu Herzen genommen. Durch die aufreibende Beschäftigung des Nutzers mit der Bedienung der CD-ROM treten inhaltliche Interessen in den Hintergrund.

Handelt es sich bei den strukturellen und navigationstechnischen Inkonsistenzen um Kinderkrankheiten? Die CD-ROM ist 1995 erschienen. Das ist zwar erst knapp drei Jahre her, die technische Entwicklung seither ist vergleichbar mit der Entwicklung vom Dampfradio zu Kabelradio und DAB (Digital Audio Broadcasting). Die Verarbeitung komplexer Themenbereiche in der Form, wie es bei dieser CD-ROM geschehen ist, hat sich bisher bei den Herstellern nicht durchsetzen können.

Um komplexe Themenbereiche wie das Leben und Werk Thomas Manns auf eine CD-ROM zu pressen, muß man die Kunst der Reduktion beherrschen. Sonst entsteht, was bei dieser CD-ROM entstanden ist: Eine relativ unübersichtliche Struktur, in der die Navigation sehr zeitaufwendig ist.

Um die Navigation zu vereinfachen, hätten die Autoren die CD-ROM mit einer umfassenden Indexierung versehen sollen und ein Inhaltsverzeichnis aller Quellen einfügen können. Besonders im Buchteil wäre die Navigation damit vereinfacht worden.

Auch ist fraglich, wie sinnvoll eine grafisch so aufwendig gestaltete Panorama-Grafik ist, wenn sie nicht übersichtlich ist. Da in dieser Grafik der Bildanteil im Gegensatz zu dem Textanteil deutlich im Vordergrund steht, ist der textbezogene Informationsgehalt der Panorama-Grafik auf Jahreszahlen und Stichworte beschränkt. Da ein übersichtlicher Zeitstrahl fehlt, muß man sich merken oder aufschreiben, wo im Leben des Thomas Mann man sich gerade befindet. Ein solcher Zeitstrahl, an einem der Bildränder positioniert, und zu jeder Zeit sichtbar, auch während der Navigation im Buchteil, hätte nicht nur den Überblick über die Materie erleichtert, sondern auch immer eine eine zeitliche Einordnung ermöglicht.

Auch die sensitiven Bedienelemente sollten an jeder Stelle der CD-ROM gleich aussehen und immer an der gleichen Stelle verfügbar sein. Zu oft muß man auf dem Weg von einem in einen anderen Bereich die Gesamtinhaltsseite anwählen.

Die an fast allen Stellen fehlenden exakten Quellenangaben erschweren das Arbeiten mit den Inhalten der CD-ROM, besonders bei der Suche nach weiterführender Literatur.

Alles in allem ist bei der Produktion der CD-ROM am falschen Ende gespart worden. Weniger detaillierte Daten und Informationen, die aber dafür übersichtlich gestaltet, wären einer lehrreichen und angenehmen Beschäftigung mit dem Leben und Werk Thomas Mann innerhalb und vielleicht weiterführend auch außerhalb einer solchen CD-ROM zugute gekommen.

Um noch einmal auf die Worte Thomas Manns aus seiner Erzählung "Schwere Stunde" zurückzukommen: Die Autoren der CD-ROM sind ins Chaos hinabgestiegen, sie haben nicht ans Licht hervorgehoben, was fähig und reif ist, an Form zu gewinnen. Vielmehr haben sie sich von der Fülle der Informationen überwältigen lassen, ohne eine offensichtlich sinnvolle Auswahl zu treffen, deren strukturelle Anordnung dem User über Thomas Mann letztlich mehr zeigen würde, als diese ungeheure Menge an Texten und Bildern, die auf dieser Thomas-Mann-CD-ROM präsentiert werden.

7. Literatur- und Medienverzeichnis

Bolz, Norbert: Am Ende der Gutenberg-Galaxis. Die neuen Kommunikationsverhältnisse. München 1993

Bolz, Norbert: Das kontrollierte Chaos. Vom Humanismus zur Medienwirklichkeit. Düsseldorf 1994

Booz, Allen & Hamilton: Zukunft Multimedia. Grundlagen, Märkte und Perspektiven in Deutschland. Frankfurt 1995

Bush, Vannevar: As we may think. In: Atlantic Monthly. July 1945. Seite 101-108

Gerdes, Heike: Lernen mit Hypertext: http://www.psychologie.uni-bonn.de/allgm/mitarbei/privat/gerdes_h/hyper/was.htm Datum des Downloads: 17.12.97

Hannemann, J. / Thüring, M.: Schreiben als Designproblem: kognitive Grundlagen einer Hypertext-Autorenumgebung. In: Kognitionswissenschaft. 1993. Seite 139-160

Kuhn, Heribert: Thomas Mann. Rollende Sphären. Eine interaktive Biographie. CD-ROM. München 1995

Kuhlen, Rainer: Hypertext. Ein nicht-lineares Medium zwischen Buch und Wissensbank. Berlin Heidelberg 1991

Negroponte, Nicholas: Total digital. Die Welt zwischen 0 und 1 oder Die Zukunft der Kommunikation. München 1995

Nelson, Ted: Literary Machines. Swathmore 1981

Tergan, Sigmar-Olaf: Hypertext und Hypermedia: Konzeption, Lernmöglichkeiten, Lernprobleme. In: Ludwig J. Issing, Paul Klimsa (Hrsg.): Information und Lernen mit Multimedia. Weinheim 1995, Seite 123-137

Virilio, Paul: Echtzeit-Perspektiven. In: Metropolis. Katalog zu Ausstellung in Berlin / Martin-Gropius-Bau. Hg. von Christos M. Joachimides und Norman Rosenthal. Berlin 1991

 

Endnoten

[1] Thomas-Mann-CD-ROM: Vorwort des Herausgebers

[2] vgl. R. Kuhlen: Hypertext, S. 78

[3] Dieser und alle in dieser Arbeit folgenden Screenshots sind der Thomas Mann CD-ROM entnommen.

[4] Die Verweise auf das Impressum und das Vorwort des Herausgebers sollen in dieser Arbeit keine weitere Beachtung finden.

[5] Handbuch zur Thomas-Mann-CD-ROM, S. 13

[6] Paul Virilio in: Metropolis - Katalog zur Ausstellung, S. 59

[7] Norbert Bolz: Am Ende der Gutenberg-Galaxis, S. 102

[8] Ted Nelson: Literary Machines 3/9

[9] Norbert Bolz: Am Ende der Gutenberg-Galaxis, S. 103

[10] H. Gerdes, zu finden im Internet, Adresse im Literaturverzeichnis dieser Arbeit

[11] Im Original nachzulesen : V. Bush: As we may think / T. Nelson: Literary Machines Übernommen z. B. von: J. Hannemann / M. Thüring: Schreiben als Designproblem, S.142; S. Tergan: Hypertext und Hypermedia: Konzeption, Lernmöglichkeiten, Lernprobleme, S. 123;
R. Kuhlen: Hypertext, an unterschiedlichen Stellen; N. Bolz: Am Ende der Gutenberg-Galaxis, u.a. S. 213-218.

[12] N. Negroponte: Total digital, S. 89

[13] N. Bolz: Das kontrollierte Chaos, S. 127

[14] N. Negroponte: Total digital, S. 91

[15] Booz, Allen und Hamilton: Zukunft Multimedia, S. 17 u. 27

[16] N. Negroponte: Total digital, S. 88/89

[17] Thomas-Mann-CD-ROM, Themenbereich "Historisch-biographisches" Link "Schwere Stunde"

Rezensiert von Dinah Junker.

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