Ollis Welt

NAVIGO Multimedia GmbH

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Die Software-Regale der Fachgeschäfte und Kaufhäuser sind mit sogenannten "Spiel- und Lernprogrammen" inzwischen prall gefüllt. Unter den zahllosen Angeboten, die in der mittleren Preisklasse liegen (also um die 80 Mark kosten), findet man auch Ollis Welt - ein multimediales Edutainment-Programm für Kinder zwischen drei bis acht Jahren.

Worum geht's?

"Ollis Welt ist ein interaktives Erziehungs- und Unterhaltungs-Softwarepaket für Kinder von 3-8 Jahren", so bezeichnet es der Hersteller. Olli, die Hauptfigur des Programms, ist ein sprechender Otter, der dem Kind bereits im Intro eine Menge Abenteuer ankündigt und mit ihm gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen möchte. Per Maus wird ein Wegweiser angeklickt, dem wiederum eine Landkarte folgt. Fünf Schauplätze stehen dem Kind für Abenteuer- und Entdeckungssuchen zur Verfügung: (1) Ollis Zimmer, (2) ein versteckter Zeltplatz im Wald, (3) ein Meeresstrand, (4) ein äußerst belebter Garten sowie (5) eine Tierklinik. Bevölkert wird Ollis Welt von seinen sprechenden, bunt gekleideten und netten Freunden - allesamt ebenfalls Tiere - sowie anderen, zu unterschiedlichen Graden vermenschlichten Tieren und Pflanzen.

Begibt man sich an einen der Schauplätze, so erscheint zunächst eine temporeiche und unterhaltsame Intro, die jedoch spätestens beim zweiten Sehen eine fieberhafte Suche nach Abbruchmöglichkeiten auslöst. Ein mit vielen bunten Objekten und Tieren ausgefüllter Bildschirm lädt nun zum Erkunden ein. Hinter nahezu jeder Figur und jedem Gegenstand verbirgt sich eine kurze, unterhaltsame Animation; so flattert beim Anklicken des Schornsteins etwa ein Vogel aus dem Nest und zaubert auf wundersame Weise ein Verkaufsschild (in Englisch!) hervor, das für wenige Sekunden auf dem Dach zu sehen ist und schließlich wieder verschwindet. Und klickt man im Garten auf den Kaktus, so reißt sich dieser einen Stachel aus und wirft ihn auf eine Zielscheibe.

Zeigt die Maus auf ein Objekt, hinter dem sich außer einer Animation auch ein Spiel oder Experiment verbirgt, so öffnet sich ein Schatzkästchen. Nun muß das Kind die Shift-Taste drücken (worauf mitunter mit französischem Akzent hingewiesen wird) und das Objekt gleichzeitig mit der Maus anklicken, und es folgt ein Spiel oder Experiment.

Bei den Spielen können Puzzlespiele, Suchbildspiele, Sortierspiele und Memoryspiele erscheinen. Jedes dieser Spiele verfolgt - laut Hersteller - ein spezifisches Lernziel. So soll beispielsweise das Sortierspiel, bei dem das Kind verschiedene Objekte bestimmten Kategorien zuordnen muß, die Fähigkeit zu kritischem Denken fördern.

Eine Einführung in "Wissenschaft und Ökologie", wie der Hersteller auf der Programmverpackung verspricht, gibt es bei den insgesamt 40 sogenannten "wissenschaftlichen Experimenten". Hier sollen die Kids beispielsweise lernen, wie man Kartoffeln anbaut, eine galaktische Weltraumparty gibt, mit Papas Gartenschlauch einen künstlichen Regenbogen erzeugt oder einen Beitrag gegen den Walfang leistet, indem man dem Bundeskanzler einen Brief schreibt (leider fehlt die versprochene Adresse).

Ferner läßt sich durch einen (Shift?)-Mausklick auf einen virtuellen Buntstift ein sogenanntes Malbuch aufrufen. Auf dem Bildschirm erscheinen im "Malbuch" ein unausgefülltes Motiv - beispielsweise zwei Blätter - und eine durch Buntstifte dargestellte Farbpalette. Wird zunächst ein Stift in bestimmter Farbe und anschließend eine Fläche auf dem Malblatt angeklickt, wird diese im entsprechenden Farbton ausgefüllt.

Optisch ist das Programm sehr ansprechend. Es sticht durch kindgerechte Grafiken und Animationen und volle Sprachausgabe hervor, und die Bedienung erfolgt größtenteils per Maus. Leichtverständliche Symbole lösen durch Anklicken verschiedene Aktionen aus. Der Wegweiser beispielsweise gilt zur Orientierung im Spiel, und ein Krankenwagen, der sich immer irgendwo im Bild befindet, gibt Online-Hilfe, die allerdings nicht immer sehr präzise und verständlich ist. Auch gibt das Programm auf verschiedene Arten Feedback. Gesprochene Kommentare loben, ermutigen und geben Hinweise. Wenn beispielsweise im Suchspiel die Maus längere Zeit nicht bewegt wird, erscheinen Hinweise, wo die noch fehlenden Objekte zu suchen sind. Und wenn ein Spiel erfolgreich gelöst wurde, so wird Applaus eingeblendet. Dem Programm liegt eine Broschüre, der "Leitfaden für Eltern und Lehrer", bei. Hier findet sich neben einer Bedienungsanleitung auch eine ausführliche Beschreibung der einzelnen Experimente. Der Leitfaden macht auch - und zu recht! - darauf aufmerksam, daß die "Teilnahme von Lehrern und Eltern an diesen Spielen erwünscht und in einigen Fällen sogar notwendig ist".

Bewertung

Ollis Welt präsentiert sich in einer erstklassigen Zeichentrick-Animation, die mit Musik untermalt und durch eine treffende Geräuschkulisse unterstützt wird. Zweifellos: hier waren Profis am Werk. Der sympathische Otter Olli stellt in einer zwanglos-lockeren Sprache seine Welt vor, die dem Adressatenkreis des Programms sicherlich gerecht wird. Was die ökologische Aussage des Spiels betrifft, kann sich hier jedoch - zumindest für uns erwachsene "Spieler" - auch leicht Verwirrung einstellen.
Überhaupt: Was ist das für eine Welt, in der Tiere stark vermenschlicht werden und im Grunde nie in ihrer artgerechten Lebensform zu sehen sind? Selbst die Pflanzen zeigen teilweise menschliche Regungen oder können sprechen. Ja, sogar Wasserschläuche und andere Gegenstände bekommen Augen und führen selbständig Handlungen aus. Das wäre auch alles zu vertreten, wenn irgendwie ein Bezug zur Realität bestehen würde.
Ansatzweise geschieht dieses in den Experimenten - aber eine Vorstellung von der Größe eines Wales zu bekommen, hat sicherlich wenig Auswirkungen auf das ökologische Verantwortungsbewußtsein eines Kindes. Wie die dargestellten Tiere also (beispielsweise ein echter Otter) tatsächlich in ihrer natürlichen Umgebung leben, bleibt unerwähnt. Aktuelle ökologische Themen wie Umwelt- und Tierschutz, Ozonloch, saurer Regen und Artensterben, die das Problembewußtsein der Kinder fördern könnten, werden ebenfalls nicht angesprochen. Schade, denn dieses könnte Lernsoftware, die den Anspruch erhebt, eine Einführung in Ökologie zu bieten, leisten.
Somit reduziert sich das Programm jedoch leider größtenteils auf eine kurzweilige und fantasievolle Belustigung und dient weniger irgendwelchen Lernprozessen, denen sich die Hersteller verpflichtet fühlen und womit in der kleinen Broschüre geworben wird.

Positiv ist, daß das Programm dank der digitalen Sprachausgabe im großen und ganzen ohne schriftlichen Text auskommt. So können auch Kinder im Vorschulalter mit der Software zurecht kommen, der Spielspaß wird nicht durch mühevolles Lesen irgendwelcher Anleitungen getrübt. Überhaupt scheint in "Ollis Welt" - zumindest auf den ersten Blick - alles zu stimmen. Doch nimmt man das 80 Mark teure Programm etwas genauer unter die Lupe, fallen einige Schwachstellen auf - der Teufel steckt, wie allzu oft, halt im Detail. Das Drücken der Shift-Taste bei gleichzeitigem Mausklick (um an die Spiele, Experimente und Malbücher zu kommen) ist eine der auffälligsten Unbequemlichkeiten. Viel einfacher wäre es hier gewesen, wenn man auf einige Animationen verzichtet hätte und die Spiele und Experimente durch direktes Klicken auf die Objekte auslösen könnte. Und wer das kleine Handbuch nicht gelesen hat und somit auch nicht weiß, wie man die (zwar äußerst liebevoll und aufwenig programmierten) Tricksequenzen umgehen beziehungsweise abbrechen kann, dem kann schon schnell der Geduldsfaden reißen. Beim ersten Mal haben die bis über 80 Sekunden (Tierklinik) dauernden Intro-Szenen, die zu Beginn eines jeden neuen Schauplatzes abgespielt werden und dem Kind einen situativen Einstieg verschaffen sollen, ganz bestimmt ihren Reiz. Doch beim wiederholten Male werden Olli und seine animalischen Freunde mit ihren sich nie verändernden Dialogen ganz schön nervig. Zum Glück gibt es da die Leertaste, die einem das immer wiederkehrende Gequatsche erspart und die entsprechende Eröffnungssequenz überspringt. Doch warum muß es ausgerechnet die Leertaste sein, wenn doch beinahe alles andere mit der Maus gesteuert und eingestellt wird?

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Kurzum: Was der Computer in diesem Fall leistet, könnte ebenso gut auch ein Kassettenrekorder in Verbindung mit einem Bilderbuch oder einer Skizze erledigen. (Und mit einem Kassettenrekorder läßt sich sogar noch besser in den Garten gehen als mit einem Computer.)

Pädagogischer Nutzen?

Es ist nicht alles Gold, was glänzt - das trifft leider auch für die Software "Ollis Welt" zu. Das Edutainment-Programm kann wegen seiner exzellenten Aufmachung leicht über seinen wahren pädagogischen Nutzen hinwegtäuschen. Dabei sind es gerade die (aus pädagogischer Sicht) vielversprechenden Experimente, die den Herstellern in Sachen Umsetzung nicht gelungen sind. Das Multimedia-Programm, das in weiten, leider aber oft auch unwichtigen Teilen tatsächlich multimedial arbeitet, versagt ausgerechnet an der Stelle, wo es um die Vermittlung von "wissenschaftlichen" Lerninhalten geht (ob es sich auch wirklich um Lerninhalte handelt, sei dahingestellt). Vor allem Kinder nehmen die meisten Informationen auf visuellem Wege wahr. Gerade für ein modernes Multimedia-Lernprogramm ist es schon fatal, ausgerechnet hier zu sparen und gleichzeitig dem technisch wesentlich anspruchsvoller gestalteten Schnickschnack den Vortritt zu gewähren.

Die aus medienpädagogischer Sicht entscheidende Frage, ob die Software Lernerfahrungen oder Lernformen ermöglicht, die ohne Computer nicht oder kaum zu verwirklichen seien (vgl. Roland Lauterbach (1989): Auf der Suche nach Qualität: Pädagogische Software, in: Zeitschrift für Pädagogik 35:5, S. 699-710, hier S.704), muß in bezug auf die "Experimente" verneint werden: Ein gut illustriertes Bilderbuch oder eine entsprechende Kindersendung (man denke etwa an die "Sendung mit der Maus") leistet sicherlich mehr als "Ollis Welt" und dürfte für das Kind zudem auch entschieden interessanter sein. Die Anleitung könnte, wie bereits erwähnt, ja ebenso gut von einem Kassettenrekorder, einem Plattenspieler oder aus dem Radio kommen. Einige Experimente halten wir durchaus für gelungen und interessant (Löwenzahn, Sonnengrill/Solartoaster, Wassertest). Doch auf irgendwelchen Hofeinfahrten oder Bürgersteigen einen 30 Meter langen Wal aus Kreide zu malen, um sehen zu können, wie riesig er ist, oder sich Einmachgummis um die Hand zu wickeln, um das Gefühl zu erleben, von Abfällen eingefangen zu sein - das geht vielleicht doch schon einen Schritt zu weit. (Bei dem Experiment, ein Vogelhaus zu basteln, liefert das Programm sogar überhaupt keine Anleitung, sondern schickt das Kind in die Stadtbibliothek, um entsprechende Bücher zu suchen.)

Auch bei den Spielen gibt es aus pädagogischer Sicht hier und da Zweifel: "Ollis Suchspiel" enthält beispielsweise recht knifflig versteckte Gegenstände, die selbst für erwachsene Spieler nicht leicht zu finden sind. Und letzlich muß das Kind nur möglichst viele Flächen auf dem Bildschirm anklicken, um alle Gegenstände zu finden - spätestens dann ist das mit diesem Spielen verfolgte Lernziel, "kritisches Denken" zu fördern, begraben. Das Kind lernt dann höchstens, daß es auch ohne Nachdenken und Hinsehen zum Ziel kommt.

Ob das Programm unter solchen Gesichtspunkten seinen selbst erhobenen Anspruch, ein "interaktives Erziehungs- und Unterhaltungs-Softwarepaket für Kinder von 3-8 Jahren" (Leitfaden S. 5) zu sein, gerecht werden kann, möchten wir arg bezweifeln. Was man sich unter einem "Erziehungs-Softwarepaket" (s.o.) auch immer vorzustellen hat - allein der Begriff sorgt dafür, daß uns die Nackenhaare zu Berge stehen.

Empfehlung/Fazit

Wie gesagt: Das Programm "Ollis Welt" leistet an jenen Stellen, wo es wirklich auf multimediale Darstellungen ankommt, zu wenig. Das sind in diesem Fall die pädagogisch wichtigen, erlebnisorientierten "Experimente". Dafür bekommt es ein deutliches Übergewicht in den spielerischen Teilen - die Gefahr, sich nur noch mit spielerischem Firlefanz zu beschäftigen, ist entsprechend groß. "Ollis Welt" ist ein unterhaltsames, kurzweiliges und fantasievoll umgesetztes Programm im Comic-Stil, dessen pädagogische Seriosität jedoch fragwürdig erscheint.

Noch ein Wort zu den "Experimenten": Auch wir teilen die allgemein vertretene Meinung, daß der Computer nicht die Aufgabe haben kann (und darf), die Wirklichkeit zu ersetzen. Er kann allerdings durch adressatengerechte Illustrationen bzw. Dokumentation helfen, komplexe Dinge und Phänomene aus der unmittelbaren Erfahrungswelt von Kindern anschaulicher und verständlicher zu machen. Gerade bei erklärungsbedürftigen Dingen kann und sollte der Computer mit audio-visuellen Elementen Hilfe leisten. Genau dies geschieht bei "Ollis Welt" nicht. Und das ist mehr als schade.

Hersteller/Vertrieb

  • NAVIGO Multimedia GmbH
  • Frankfurter Ring 213
  • 80807 München
  • Tel. 089 / 324 66 200
  • Fax 089 / 324 66 204
  • Preis:
  • DM 79,-
  • Diese Hard-/Software brauchen Sie:
  • Macintosh: LC II Minimum, System 6.05 oder höher, 4 MB Arbeitsspeicher, CD-ROM Laufwerk
  • Windows: 386 DX 40 Minimum, 4 MB Arbeitsspeicher, 8 Bit Soundkarte, CD-ROM Laufwerk

Pluspunkte

  • Ollis Welt gibt es sowohl für IBM-kompatible Rechner als auch für den Apple Macintosh
  • hervorragende und kindgerechte Animation, sehr aufwendige Programmgestaltung, unterhaltsam und witzig
  • leichte Bedienung per Maus
  • volle Sprachausgabe

Nachteile

  • bestimmte Sequenzen lassen sich nicht überspringen
  • umständlich: das Drücken der Shift-Taste
  • pädagogisch wichtige Elemente wurden bei der Programmierung mißachtet, die Software leistet nicht das, was sie verspricht

Rezensiert von Sabine Nobel; Sascha Reuen.

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