Wörter zu Pflugscharen - Versuch einer Ökologie der Sprache

Fill, Alwin

Wien: Böhlau 1987

 

In dem vorliegenden Buch möchte Alwin Fill seine Leser zu einem bewussteren Gebrauch der Sprache auffordern, in der Hoffnung, damit einen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben aller Lebewesen zu leisten. Dazu stellt er dem Leser in sieben Kapiteln und zahlreichen Unterkapiteln eine ganz neue Betrachtungsweise der Sprache vor, die er – im Gegensatz zu der bisherigen, morphologischen - eine ökologische nennt. Darunter versteht er jene Betrachtungsweise „die Sprache in ihrer Rolle als Teil eines Beziehungssystems zwischen Menschen, politischen Parteien, Völkern, Religionen etc. versteht und die jede einzelne Sprachäußerung in diesem Lichte sieht.“

Um eine möglichst breite Masse, auch ohne besondere sprachwissenschaftliche Vorkenntnisse, zu erreichen, ist dem Autor eine gute Lesbar- und Verständlichkeit wichtig, was er im Vorwort ausdrücklich erwähnt. Daher verwendet er zur Veranschaulichung Textbeispiele aus Zeitschriften, dem Hörfunk und vor allem Leserbriefe, da diese meist „spontan und ungekünstelt“ seien.

Im ersten Kapitel „Die Welt muss benannt werden“ stellt Fill die Notwendigkeit dar, die Dinge und Geschehnisse des Alltags zu benennen, da dies grundlegend für das Verständnis der Dinge sei. Allerdings berge dieses „Vereinfachen durch Sprache“ auch ein großes Potential an Missverständnissen, die Fill in 10 Unterkapiteln anhand von vielen Beispielen erläutert. Dabei kommt er immer wieder zu der Erkenntnis, dass das Benennen sehr abhängig vom subjektiven Empfinden des Einzelnen und somit oft ein Auslöser für Konflikte und Aggressionen sei (z. B. der Gebrauch verallgemeinernden Adverbien wie „immer“, „jedesmal“, etc.). Dabei ist es dem Autor wichtig, klar zu machen, dass Wörter immer nur einen Auszug der Wirklichkeit darstellen.

Auch das folgende Kapitel „Gegensatz und Spannung“ ist in mehrere Unterkapitel gegliedert. Darin fordert Fill das Aufbrechen der durch den Strukturalismus geprägten Gegensatzkategorien. Er zitiert die Theorie Hayakawas, welcher anregt, die Zwischenräume zwischen den Gegensätzen anzuerkennen.

Im dritten Kapitel „Abstrakta“ führt der Autor dem Leser die Relativität in der Sprache anhand von Wörtern, die Abstraktes bezeichnen, vor Augen. Zum Beispiel führe der Begriff „Freiheit“ bei näherer Beleuchtung auch meist eine „Unfreiheit“ an einer anderen Stelle mit sich, so der Autor. Bestimmte Begriffe würden oft nur als Lockmittel benutzt, um bei einer Zielgruppe eine bestimmte Reaktion zu erreichen. Fill richtet den Appell an den Leser, Abstrakta möglichst zu präzisieren.

Es folgt ein Kapitel über „Sprachliche Strategien“. Diese sind Teil der persuasiven Kommunikation und gehören deshalb zur Rhetorik, das heißt, der Sprecher will durch deren Anwendung beim Hörer eine bestimmte Wirkung erzielen.  Durch das Vorstellen verschiedener Strategie-Arten in diversen Unterkapiteln, will der Autor dazu beitragen, die Hellhörigkeit gegenüber solchen Strategien zu vergrößern. Dabei sei darauf zu achten, dass im Zuge des Sprachwandels immer neue „moderne“ Strategien hinzukommen, die es zu erkennen gelte.

Im fünften Kapitel „Arme Sprache - armes Denken?“ stellt Fill die Beziehung zwischen Sprache und Denken dar. Dabei macht er es sich zur Aufgabe, einer Überschätzung des Einflusses von Sprachen auf das menschliche Denken vorzubeugen. Er wendet sich auch gegen die Behauptung, die Sprache sei durch Rechtschreibfehler in Gefahr. Vielmehr sehe er eine „gewisse Variation bei der Textschreibung“ als ein Zeichen für die Lebendigkeit der Sprache an. Trotzdem sei aber eine einheitliche Schreibung für Texterfassung und – verständnis wichtig.

Das Kapitel „Eindimensionales Denken“ greift die in Kapitel 2 bereits angesprochenen Gegensatzpaare wieder auf. Dabei liege der eine Teil des Paares in unserer Wertschätzung immer höher, als der andere (etwa groß-klein, gut- schlecht). Der Autor ruft zum mehrdimensionalen Denken auf, welches zum Beispiel auch bedeute, nicht immer der Beste, Schnellste sein zu wollen, sondern sich auch gern einmal überholen zu lassen. Er geht sogar so weit, den Arbeits- und Fortschrittswettlauf für die Arbeitslosigkeit verantwortlich zu machen, da der Stärkere dem Schwächeren die Arbeitsmöglichkeit wegnehme. Ein Umdenken bedeute, die Vielfältigkeit der Welt anzuerkennen.
Im letzten Kapitel „Sprache und Konflikt“ stellt Fill den starken Einfluss der Beziehungsebene der Kommunikationspartner auf den Inhalt dar. Auch hierzu folgen wieder zahlreiche Beispiele.

In seiner Schlussbemerkung weist Fill noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass er sein Buch als Anregung zum Nachdenken verstanden wissen will. Er äußert die Hoffnung, dass sich die Sprachwissenschaft in Zukunft der ökologischen Betrachtung der Sprache annehmen wird, „um ihrer Aufgabe bei der Verbesserung der zwischenkreatürlichen Beziehungen gerecht zu werden.“

Alwin Fill möchte seine Leser zum Nachdenken animieren. Dieses gelingt ihm vor allem dadurch, dass der Leser in den Beispielen oft sich selbst oder Situationen aus seinem unmittelbaren Umfeld wieder findet. Diese lockern die theoretischen Ausführungen Fills auf und machen sie gut verständlich.
Da der Autor aber oft auch Beispiele in englischer Sprach aufführt, wird er seinem Anspruch, sein Buch für jeden gut lesbar zu machen, meiner Meinung nach nicht ganz gerecht. Wenn man schon keine linguistischen Vorkenntnisse braucht, so muss man zumindest des Englischen mächtig sein, um wirklich alle Ausführungen Fills verstehen zu können.
Durch die Gliederung der einzelnen Kapitel in zahlreiche  Unterkapitel verliert man beim Lesen manchmal den Überblick über das eigentliche Oberthema. Trotzdem ist dem Autor ein unterhaltsames Buch gelungen, wenn sich dem Leser auch sicher des Öfteren die Frage stellen wird, ob ein Umdenken in der Sprache wirklich in dieser Intensität möglich ist, bzw. ob - sollte der Umdenkprozess erfolgreich verlaufen sein - dann auch wirklich mehr Frieden auf der Welt einkehren wird. Dieses Ziel erscheint doch recht hochgesteckt.  Aber es ist, wie der Autor schon im Titel erwähnt, ja auch nur ein Versuch.

 

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Britta Rundmann-Hoinka. Jahr: 2008

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