Wir sprechen anders

Gauger, Hans-Martin/ Heckmann, Herbert (Hg.)

Frankfurt/M. 1988

 

Dieser Band versammelt elf Referate, welche anläßlich einer Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in München gehalten wurden. Sie beziehen sich alle auf die Frage, ob wir eines Tages die Sprache des Computers sprechen werden.

In einer Einführung teilen die Herausgeber dem Leser ihre eigene Meinung zu dem Thema mit. Die in den folgenden Vorträgen angesprochenen Aspekte kann man in fünf Gruppen gliedern:

(1) Die Maschine als Gegner des 'einfachen Menschen' in der Vergangenheit

Zu Beginn der maschinellen Entwicklung profitierten einzig und allein der Adel von der Maschine. Wachsende Arbeitsteilung und Bevormundung prägten nun das Leben der Arbeiter. Die Maschine wurde zum Motor der Zivilisation. Kritiker der Maschine vertraten die Meinung, daß die Maschine den Menschen der Natur entfremde und ihn seiner natürlichen Fähigkeiten beraube.

(2) Computer und Schrift im Vergleich

Bei der Schrift handelt es sich um die stabile Form der Sprache. Sie ermöglicht eine Entbindung aus den Zwängen der Situation und bringt Entörtlichung und Entzeitlichung mit sich. Die Sprache verfolgt das Ziel der Übereinstimmung. Der Umgang mit Computern hingegen verlangt eine spezifische Sprache, welche Informationen vermittelt, Informationen addiert und Beziehungen zwischen den Informationen herstellt. Wissensbestände werden dadurch aus ihrer personellen Gebundenheit befreit und unabhängig von historischen Subjekten bearbeitet. Für Computer gibt es keinen zeitlichen Zusammenhang. Sie kennen weder Wertrelationen noch Verantwortung und Gewissen. Der Autor tritt in den Hintergrund.

(3) Die Sprache der Computer

Nach DIN 44300 unterteilt man die Sprache der Computer in drei Ebenen: (a) Maschinensprachen, (b) maschinenorientierte Sprachen, (c) problemorientierte Sprachen. Letztere haben viele verschiedene Bezeichnungen, zum Beispiel Nutzersprachen, Sprachen der vierten Generation, algorithmische Sprachen und Programmiersprachen. Mit ihrer Hilfe soll bereits Gedachtes festgehalten, überprüft, korrigiert, verfeinert und präzisiert werden. "Alles, mit dem man einem Computer mitteilen kann, was er wie und wann tun soll, ist eine Computersprache." (S. 23)

(4) Befürchtungen

"Die Wissenschaft erfindet, die Technik nutzt sie aus, der Mensch paßt sich an." (Slogan bei der Weltausstellung in Chicago 1933; S. 63) Die meisten der Referenten befürchten, daß die systematisch reduzierte Computersprache das menschliche Sprachvermögen einschnüre werde oder bereits einschnüre. In der computerisierten Sprache sei kein Platz für synonymische Subtilitäten. Das spontane Sprechen und Gespräch, in dem sich die Sprache ständig verändert, werde diesseits und jenseits des genauen mathematisch-logischen Systems leben. Andere befürchten, daß wir die logischen Fähigkeiten des Computers überbewerten und die psychologischen, soziologischen und metalinguistischen Aspekte der menschlichen Sprache, die unsere Denkvorgänge begleiten, unterschätzen.

(5) Die Sprache und der Mensch im Bezug zum Computer

Computer sind keine intelligenten und einfühlsamen Wesen. Sie sind sehr logisch operierende, aber unwissende Maschinen. Es kann nur nach Fakten gefragt werden; die Frage nach dem Warum macht keinen Sinn. Jedes Wort kann nur eine Bedeutung haben. Die logischen Strukturen der Sprache werden verkümmern, wenn wir die Sprache der Computer sprechen werden, denn diese werden erst in dem Mimetischen auf beiden Seiten (Sender und Empfänger) wirksam. Sprache zeugt also von der Begegnung, welche sich nicht durch strukturelle Kontingenz ersetzen läßt. Die menschliche Sprache ist dem täglichen Ausstoß neuer Zusammensetzungen ausgeliefert, sie ist reich durch ihre Möglichkeiten, mit dem Doppelsinn der Worte zu arbeiten und die Hintergründe und Nebensinne einer Bedeutung mit anklingen zu lassen. Der Computer denkt nicht, sondern tut nur, was ihm befohlen wird. Er fragt nicht, sondern antwortet nur. Menschen entscheiden situationsbedingt; der Computer aber kennt keine Situationen.

Die Computer-Kultur, dafür plädieren viele der Autoren, braucht die Fähigkeit zum philosophischen Zweifel, die Kraft zum moralischen Handeln und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Ich persönlich halte dieses Buch für einen sehr interessanten Band, da man zu der Thematik nicht nur den Standpunkt einer Person vermittelt bekommt, sondern die Denkweisen verschiedener Leute. Obwohl sich die Ansichten im wesentlichen nicht allzusehr unterscheiden, hat man doch die Möglichkeit, sich objektiver und besser begründet seine eigene persönliche Meinung zu dem Thema zu bilden.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Stefanie Sulzer. Jahr: 1999

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