Wie Kinder sprechen lernen – Kindliche Entwicklung und die Sprachlichkeit des Menschen

Butzkamm, Wolfgang & Jürgen

Tübingen: Francke Verlag 1999.

 

Die kindliche Sprachentwicklung verständlich darzustellen ist das Ziel der Autoren. Dies erreichen sie mit Bravour. Das Buch leistet jedoch nicht nur den Dienst eines umfassenden Sachbuches, es ist zugleich eine Hommage an das Wunder der Sprache des Menschen.
Doch zunächst gibt das Buch einen guten Überblick über die Etappen des Spracherwerbprozesses von der embryonalen Phase bis hin zum Grundschuleintrittsalter.
In ihrem Vorgehen sind die Autoren sehr systematisch. Insgesamt gehen sie chronologisch vor und beginnen somit bei der Wurzel der Sprachlichkeit, was dem Leser einen leichten Einstieg bietet.
Das erste Kapitel liefert mit der Schilderung der auditiven Wahrnehmung und des ersten Kontaktes von Ungeborenen eine anregende Einleitung in die Materie.
Im weiteren Verlauf werden die Grundlagen des Themas behandelt. So werden die physiologischen und sozialen Fundamente diskutiert, die den Spracherwerb überhaupt erst ermöglichen. Welche Phasen gibt es beim Hören im Säuglingsalter? Sind feste Bezugspersonen in den ersten Wochen von Bedeutung für die spätere Sprachentwicklung? Und welche Möglichkeiten zu kommunizieren haben Kinder in diesem Alter überhaupt?
Mit der Beantwortung dieser und weiterer Fragen geben die Autoren nach und nach ein Bild einer optimalen Basis für die kindliche Sprachentwicklung.
Das dritte und das fünfte Kapitel behandeln schließlich  das Wechselspiel des sprachlichen und kognitiven Werdens, wobei auch andere Bereiche der Linguistik wie die Phonetik, Pragmatik, Semantik und Syntax berührt werden.
Als so genanntes Zwischenspiel findet der Leser einen Exkurs, der sich mit dem Spracherwerb hör- und sprachbehinderter, sowie autistischer Kinder beschäftigt.
Im  sechsten Kapitel wird ein Vergleich zwischen der sprachlichen Entwicklung von Jungen und Mädchen, Einzel- und Geschwisterkindern, hochbegabter Kinder und besonderer Charaktere wie z.B. besonders schüchterner oder aggressiver Kinder gezogen.
Seinen Abschluss findet das Buch in einem pädagogischen Beitrag. Hier geben die Autoren Praxis bezogene Ratschläge, wie Eltern ihren Kinder beim Spracherwerb helfen und diesen optimal fördern können.
Inhaltlich ist das Buch fachlich untermauert, umfassend und für die „gutwillig Interessierten“ (die laut Vorwort der erwartete Leserkreis sind) nicht zu anspruchsvoll, wenn es in vorgegebener Reihenfolge gelesen wird.
Trotzdem finden die Autoren Raum für kleinere, etwas ausschweifend wirkende,  sprachphilosophische Episoden, die der Leser trotz Nicht-Erwartens gerne liest, da diese die Begeisterung der Schreiber für ihr Thema widerspiegeln. Immer wieder machen sie ihre Überzeugung deutlich, dass dem Menschen die Welt durch Sprache zugänglich wird. Sie gibt ihm die Möglichkeit die Dinge der Welt zu „worten“ (vgl. S. 134), zu formulieren, kommunizieren und diskutieren, von allen Seiten zu betrachten und sein Wissen und Existieren auszuweiten, seinen Willen zu äußern, zu streiten, sie dient als Waffe oder auch als Mittel, Dinge für sich einzunehmen.
Wie auf dem Klappentext als Anliegen formuliert, schaffen die Autoren es, ihren Stoff in verständlicher Weise zu vermitteln. Sie beschreiben, erklären, analysieren, diskutieren, argumentieren und philosophieren weitestgehend ohne die Verwendung von Fachjargon, sodass der Leser kaum Vorbildung benötigt. Auf jede These folgt ein interessantes und anschauliches (oft auch amüsantes) Fallbeispiel in Form eines Dialogs, einer kurzen Erzählung oder des Berichts eines besonders auffälligen Schicksals (z.B. die taubblinde Helen Keller, die in dem Buch wiederholt erwähnt wird).
Auch die geschilderten Experimente werden von anschaulichen Bildern oder entsprechenden Diagrammen unterstützt.
Zu Anfang jedes Kapitels stehen Zitate bekannter Wissenschaftler (Wilhelm von Humboldt, Johann Gottfried Herder) oder Autoren (Hermann Hesse, Mark Twain), die den Kern des jeweils behandelten Inhalts treffend zusammenfassen und hervorheben.
Mit diesen Mitteln schaffen Wolfgang und Jürgen Butzkamm ein entspanntes Verhältnis zum Leser. Das Lesen fällt leicht und macht Spaß.




 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Kari Schäfer. Jahr: 2008

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