Werkzeug Sprache. Sprachpolitik, Sprachfähigkeit, Sprache und Macht

Union der deutschen Akademien der Wissenschaften/ Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (Hg.)

Hildesheim: Olms 1999

 

Dieses Buch dokumentiert das 3. Symposion der deutschen Akademien der Wissenschaften. Es enthält die Vorträge verschiedener Referenten. Das Vorwort legt die Hauptinhalte des Bandes dar. Im Mittelpunkt des Symposions standen die Interaktionsprobleme der modernen deutschen Industriegesellschaft aus sprachlicher Perspektive. Man stellte sich die Frage, inwieweit die deutsche Gegenwartssprache als Verständigungsmittel genutzt wird und welchen Stellenwert sie einnimmt. Dazu betrachtete man drei Themenbereiche: 1. Die Sprachpolitik, in der es um die internationale Rolle des Deutschen und um mögliche Konsequenzen in gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Bereichen geht. 2. Die Sprachfähigkeit, wo man über die Spracherfassung, die Spracherlernung und Sprachwiedergabe nachdachte. 3. Das Verhältnis von Sprache und Macht. Dieses Thema wurde noch einmal dreigeteilt, und zwar in die Spiegelung von Machtverhältnissen in der Sprache, die Sprachpolitik der DDR und als Beispiel für eine Experten-Laien-Kommunikation die Arzt-Patient-Kommunikation.

Ulrich Ammon kommt in seinem Vortrag "Deutsch oder Englisch als Wissenschaftssprache der Deutschen? Fakten, Probleme, Perspektiven" zu dem Ergebnis, dass die deutsche Sprache derzeit aus der internationalen wissenschaftlichen Kommunikation verdrängt werde. Er untersucht die Stellung des Deutschen früher und heute und vergleicht sie mit der Stellung des Englischen und Französischen als Wissenschaftssprache.

In Peter Hans Neldes Vortrag geht es um die "Perspektiven einer europäischen Sprachenpolitik". Er beobachtet Entwicklungstendenzen in Europa, die eine "neue Mehrsprachigkeit" nötig machen. Der Unterschied zwischen "natürlichen" und "künstlichen" Sprachkonflikten wird dargestellt.

Manfred Bierwisch hielt einen Vortrag über "Das Organ des Denkens und die Grenzen des Ausdrückbaren". Er hält fest, dass die Sprache des Menschen ein Organ sei, durch das man die Möglichkeit habe, Gedanken zu fassen. Des Weiteren beschäftigt er sich mit der Natur und Phylogenese der Sprachfähigkeit. Außerdem betrachtet er die Unterschiede von Sprechen und Sehen anhand von Gesichtern und die Spezifik der Sprache in bezug auf andere Welten. Mit anderen Welten meint Bierwisch z.B. visuelle Systeme, bildliche Darstellungen oder Musik.

Über "Neue Erfahrungen in der Lehre und im Gebrauch der englischen Sprache in Sachsen" referierten Albrecht Neubert und Miriam Zeh-Glöckler. Sie merken an, dass man eine Fremdsprache als Werkzeug verstehen müsse und nicht als System. Außerdem erläutern sie die Gründe, warum eine reine Sprachausbildung heute keinen Erfolg bezüglich der tatsächlichen Anwendbarkeit mehr bringen kann.

Hans-Martin Gauger betrachtet in seinem Vortrag die Frage "Gewalt in der Sprache?". Er unterscheidet zwischen Sprache als Sprachbesitz und als Sprachäußerung. Dabei nimmt er Saussure als Beispiel, der zwischen "la langue" - das, was in unseren Köpfen ist, auch wenn wir nicht sprechen - und "la parole", den konkreten Sprechäußerungen, unterscheidet. Er beschäftigt sich auch mit der Frage, warum Wörter teilweise einen aggressiven Charakter haben.

In dem Vortrag "Was hindert die Bürger am freien Sprechen?" versucht Ulla Fix genau diese Frage zu beantworten. Eine grundsätzliche Antwort gibt sie, indem sie sich mit dem Vortrag über die "Ordnung des Diskurses" von Michel Foucault auseinandersetzt. Eine spezifische Antwort gibt sie am Beispiel der Ordnung des Diskurses in der DDR. Hierbei betrachtet sie die Sprachverwendung unter äußerem und innerem Druck.
Der letzte Vortrag stammt von Elisabeth Gülich. Sie spricht über den "Umgang mit Kompetenzunterschieden am Beispiel medizinischer Kommunikation" und sucht nach Lösungen, um das Machtgefälle zwischen Arzt und Patient auszugleichen. Dazu geht sie als erstes auf Vermittlungsverfahren ein, die von Experten genutzt werden, um ihr Fachwissen Laien näher zu bringen. Dann betrachtet sie die Äußerungen von Laien, und zuletzt denkt sie über die interaktive Konstitution von Experten- und Laienrollen nach.

Ich finde dieses Buch interessant, da es einen Einblick in die Arbeit der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften gibt. Man findet zwar einige Abbildungen und Beispiele, doch kam es beim ersten Lesen durch das Fachvokabular und einige fremdsprachige Textpassagen zu Verständnisschwierigkeiten. Man darf jedoch nicht vergessen, dass hier die Vorträge des Symposions zusammengetragen wurden, die an ein Publikum gerichtet sind, das über das nötige Fachwissen verfügt. Ratsam für den Laien wäre es, sich vorher mit einer Einführung in die Sprachwissenschaft zu beschäftigen. Besitzt man schon Vorkenntnisse, so ist dieses Buch verständlich und interessant zu lesen. Es weckt das Interesse des Lesers für dieses Themengebiet.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Simone Schirmer. Jahr: 2002

Zurück