Verändert Sprache die Welt? Semantik, Politik und die Manipulation

Betz, Werner

Zürich: Edition Interfromm 1977

 

Werner Betz beschäftigt sich mit der Frage, ob Sprache die Welt verändere, aus sprachwissenschaftlicher Sicht, und zwar in sieben Kapiteln.

Zunächst führt er mit der Frage: "Verändern oder Verbessern?" in die Thematik ein. Dann setzt er sich mit dem Zusammenhang von Sprache und Politik auseinander und versucht, die Möglichkeiten der Wirkung von Sprache in der Politik und die Möglichkeiten, diese zu untersuchen, im Überblick darzustellen. Anhand von Beispielen erläutert er den Zusammenhang von Wortschatz, Weltbild und Wirklichkeit. In gesonderten Kapiteln verfolgt er die Entstehung, Wirkung und lexikalische Bedeutung der Begriffe ,Koexistenz', ,Korruption' und ,Sicherheitsrisiko'. Im abschließenden Kapitel "Vom Mythos zur Manipulation" greift er noch einmal die verschiedenen Ansätze auf, mit denen er sich der Fragestellung genähert hat, und kommt zu dem Schluß, daß vor allem die Soziologen - und nicht die Linguisten - die Macht der Wörter so hoch einschätzen würden.

Betz' Buch ist eine interessante Lektüre und macht dem Leser Lust, sich selbst mit der Entstehungsgeschichte und dem Gebrauch von Wörtern und Sprache auseinanderzusetzen. Die anschaulichen Beispiele, an denen er den Weg von Entstehung, Wirkung und Einsatz von Begriffen im Lauf der Zeit nachweist, sind gut nachzuvollziehen. Da das Buch 1977 erschien, sind auch die damals aktuellen Beispiele heute schon Geschichte. Das schadet dem Inhalt aber keineswegs, da die zeitliche Distanz, die der Leser zu den einzelnen Begriffen hat, umso deutlicher die Allgemeingültigkeit der übergeordneten Aussagen zum Ausdruck bringt.

Der Autor, ein Professor für Germanistik und Philologie, hat dieses Buch auf eine allgemein verständliche Art geschrieben, so daß auch der Nichtlinguist die sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Fragestellung gut nachvollziehen kann und einen kleinen Einblick in die Arbeitsweise von Linguisten bekommt. Fachwörter werden gesondert oder aus dem Kontext jeweils verständlich erklärt. Anhand der täglichen Sprachpraxis sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse für jeden erfahrbar, und so schärft das Buch, praktisch nebenbei, den Sinn für den Umgang mit Wörtern.

Abschließend möchte ich den Verfasser selbst zitieren: "Aber die wichtige, die Sache in ihrer Eigenart treffende und fördernde Frage ist ja nicht, ob Sprache, ob Wörter Macht haben oder nicht, sondern wann sie unter welchen Umständen mit welchen Mitteln über welche Adressaten welche Macht haben." (S. 92) Diese Frage wird leider nicht beantwortet, und so bleibt das Buch trotz vieler Teil-Antworten die Antwort auf die im Titel gestellte Frage letztlich schuldig. Wobei allerdings auch zu fragen wäre, ob es auf diese Frage überhaupt eine Antwort geben kann.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Elke Martin. Jahr: 1998

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