Über die Ursachen der Sprachveränderung

Bredsdorff, Jakob Hornemann

Tübingen: Narr 1975

 

Jakob Hornemann Bredsdorff (1790-1841) ist innerhalb der Sprachwissenschaft nicht sonderlich bekannt gewesen. Grund dafür ist, dass Bredsdorff zumeist nur dänisch publiziert hat, was auch dazu führte, dass er keinerlei Einfluss auf die Sprachwissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts ausüben konnte.

Die Sprache unterliegt ständigen Veränderungen durch Aussprache, im Wortschatz und in der Grammatik. In dieser Abhandlung unterscheidet Bredsdorff zwischen Veränderungen der Sprache durch Völkervermischung und Veränderungen, bei denen jene Vermischung keine Rolle spielt. (1-8)

(A) Veränderungen ohne Vermischung verschiedener Sprachen:

1. Fehlerhaftes Hören und Verstehen

Es geschieht u.a. dadurch, dass ähnliche Laute verwechselt oder tonlose oder schwachtonige Silben nicht gehört werden. Wenn Ausdrücke nicht richtig verstanden werden, kann ein Wort eine andere Bedeutung erhalten und verdrängt so ein sonst gebräuchliches Wort.

2. Unzuverlässiges Gedächtnis

Wörter, welche seltener verwendet werden, werden vergessen, und man gebraucht andere. Ein Problem ist auch, dass Menschen, die der fremden Sprache nicht kundig sind, Wörter falsch anwenden, weil sie die Analogie nicht beherrschen. In Sprachen, in denen viel geschrieben und gelesen wird, finden weniger Veränderungen statt, da das schriftlich Fixierte das Gedächtnis stützt.

3. Unvollkommenheit der Organe

Im Kindesalter ist die Biegsamkeit der Organe hoch genug, um jeden Sprachlaut nachzuahmen, sie lässt jedoch mit zunehmendem Alter nach. Es ist schwierig, die Stellung der Organe aufzufinden, die zu ihrer Aussprache nötig sind. Konsonanten können zudem schwer ausgesprochen werden, wenn kein Vokal folgt. Außerdem können die Sprechwerkzeuge von Natur aus eingeschränkt sein. Man spricht also Wörter anders aus und trägt so zur Veränderung der Sprache bei.

4. Bequemlichkeit

Hier ist im wesentlichen zu erwähnen, dass es zu einer Veränderung durch Weglassen (z.B. weiche Buchstaben) und Ersetzen bestimmter Wörter kommt. Vokale können so kurz werden, dass sie zu Konsonanten werden (Christjan statt Christian). Neben dem Weglassen können auch Zusätze, die auf Bequemlichkeit beruhen, zur Sprachveränderung beitragen (frz. sembler statt semler).

5. Streben nach Analogie

Das Streben nach Analogie kann man sehr gut an der Kindersprache festmachen (z.B. schweigte statt schwieg, wem sein statt wessen).

6. Bemühen um Deutlichkeit

Im Gegensatz zur Bequemlichkeit werden Laute, über die man verfügt, stärker und härter ausgesprochen. Es kann z.B. zur Auflösung eines Vokals kommen, und man hält ihn dann für zwei aneinandergefügte Vokale. Vorbeugende Maßnahmen wären  u.a., einen Konsonanten zwischen zwei Vokalen platzieren oder Flexionsmerkmale hinzufügen.

7. Verlangen nach dem Ausdruck neuer Vorstellungen

Es kommt zur Bildung neuer Wortverbindungen bzw. neuer Wörter (Silberschale -> Zinkbecher). Man benutzt auch einen Ausdruck für eine bestimmte Vorstellung, weil man sie damit assoziiert (Metapher, Hyperbel)

8. Verschiedene andere Veränderungen

Hier wird u.a. der Wohlklang als Grund für einen Teil der sprachlichen Veränderung angesprochen. Man findet das wohlklingend, was man zu hören gewohnt ist. Bredsdorff sagt hier jedoch, dass der Wohlklang keine Veränderung an sich ist, sondern die Veränderung erhält.  

(B) Veränderung durch Einfluss fremder Nationen

Hier kommen für Bredsdorff zwei Fälle in Frage: zum Einen, dass eine Nation Ausdrücke und Wendungen aus fremden Sprachen übernimmt, und zum Anderen, dass eine Nation eine komplette Sprache übernimmt. Seltener geschieht es, dass zwei Sprachen so miteinender vermischt werden, dass beide einen gleich großen Anteil an der neuen Sprache haben.

Bredsdorff greift in diesem letzten Kapitel wieder zwei schon erörterte Ursachen auf, nämlich fehlerhaftes Hören und Verstehen sowie die unvollkommene Nachahmung. Das Beispiel der Erwachsenen, die noch fremde Sprachen lernen sollen, zeigt, dass sie, u.a. durch die geringe Biegsamkeit der Organe, gar nicht in der Lage sind, bestimmte Laute auszusprechen, und setzen somit ähnliche, bereits bekannte Laute ein oder lassen sie ganz weg. Bredsdorff macht aber deutlich, dass diese Veränderung nicht unbedingt negativ zu bewerten ist, sondern dass eine Verbesserung der Sprache stattfindet.

Fazit: J. Hornemann Bredsdorff legt mit seiner systematischen Abhandlung einen Grundstein, auf dem man weiter aufbauen kann. Trotz einiger materieller Mängel und manchmal zu weit gehender Psychologisierung, wie der Herausgeber schon angemerkt hat, ist diese  Abhandlung auch für den heutigen Leser sehr interessant, denn man kann Aussagen und Beobachtungen durchaus nachvollziehen. Es ist wiederum an manchen Stellen schwierig, die  Beispiele, welche Bredsdorff zum besseren Verständnis seiner Thesen anführt, zu verstehen, da sie größten Teils aus anderen Sprachen stammen. Da seine Abhandlung zwar relativ zutreffend ist, aber nicht unbedingt aktuell, könnte man vielleicht noch ergänzen, dass heutzutage, im Zeitalter der Globalisierung, die Veränderung der Sprache neue Dimensionen angenommen hat. Das kann man besonders an den Beispielen "Internet" oder "Handy" festmachen. Durch  diese Art von Kommunikation (z.B. SMS über das Handy) kann man meiner Meinung nach schon nicht mehr nur von Veränderung der Sprache reden, sondern teilweise schon vom Verfall der Sprache.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Melanie Bulka. Jahr: 2002

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