Über die Evolution der Sprache. Anatomie, Verhaltensforschung, Sprachwissenschaft, Anthropologie

Schwidetzky, Ilse (Hg.)

Frankfurt/M.: Fischer Verlag 1973

 

Seit Jahrzehnten forscht und streitet man in der Wissenschaft darum, was den Menschen ausmacht, welches Kriterium ihn von anderen Tieren unterscheidet. Im Gegensatz zu früher favorisierten Unterscheidungskriterien, z.B. den Menschen als ,werkzeugmachendes Tier‘ zu definieren, tendiert man aufgrund der jüngeren Forschungsergebnisse dazu, dass die Sprache, d.h. ein produktives, symbolisches Kommunikationssystem, das entscheidende Differentialkriterium darstellt. Wenn dem jedoch so ist, ist die Erforschung der Evolution der Sprache ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis des Menschwerdens selbst. In diese moderne Fragestellung will die Herausgeberin mit Hilfe einiger Aufsätze zu verschiedenen Aspekten (aus der Sicht der Anatomie, der Verhaltensforschung, der Sprachwissenschaft und der Anthropologie) einführen.

Das Buch ist in eine Einleitung und dann vier Abschnitte, die jeweils zwei Aufsätze enthalten, gegliedert; im Anhang folgt ein Register.

1. Abschnitt: Anatomie

1. J. Wind: „Der Kehlkopf bei Spitzhörnchen, Rhesusaffe, Schimpanse und Mensch“

In diesem ersten Beitrag werden die allgemeinen Charakteristika und Funktionen der Stimmorgane bei Säugetieren anhand der genannten vier Tierarten beschrieben, z.B. der Luftsack, der Stell-, Ring- und Schildknorpel sowie der Kehldeckel. Außerdem wird die Höherentwicklung vom Spitzhörnchen, das acht verschiedene Laute hervorbringen kann, bis hin zum Menschen mit seiner entwickelten Sprache dargestellt. Insbesondere hervorzuheben ist ein wesentlicher Unterschied der Stimmorgane zwischen Schimpanse und Mensch. Im Gegensatz zum Schimpansen setzen die Muskeln zwischen Schild- und Stellknorpel an den Stimmbändern an. Dies ermöglicht eine viel stärkere Kontrolle über die einzelnen durch die Stimmbänder hervorgebrachten Laute.

2. K. Goerttler: „Die Entwicklung der menschlichen Glottis als deszendenztheoretisches Problem“

Goerttler beschreibt in seinem Aufsatz die bei der Evolution des Menschen entstandene Veränderung der Stimmorgane und ihre Konsequenzen, insbesondere des Auftretens eines neuen Bauelements, des Stimmbandblastems. Dieses schiebt sich in die Muskelfasern des Sphincters ein und bewirkt damit, dass diese nun ihren Ansatz am Stimmbandblastem haben, dass also die Muskeln wie unter (1) beschrieben an den Stimmbändern ansetzen. Zusammen mit einer Verschiebung des Kehlkopfes nach unten ins Körperinnere, was eine Stimmbandverlängerung und damit eine größere Resonanz und Variationsbreite ermöglicht, ist die Entwicklung des Stimmbandblastems die wesentliche biologische Voraussetzung für die Entwicklung der differenzierteren Sprache beim Menschen.

2. Abschnitt: Verhaltensforschung

3. P. Marler: „Kommunikation bei Primaten“

Nach einer kurzen Skizzierung der verschiedenen Analyseverfahren und ihrer Schwierigkeiten unterscheidet Marler vier Typen von Signalen in der Kommunikation der Primaten: olfaktorische, taktile, akustische und visuelle. Er bestimmt dann im Einzelnen ihre Funktion und Wichtigkeit bei Primaten und beim Menschen. Die olfaktorischen Signale, d.h. Aussendung von chemischen Signalen, hat bei den Primaten noch einen relativ hohen Stellenwert; bei den Menschen ist diese Art von Signalen fast vollständig verschwunden. Die taktile Kommunikation, d.h. bedeutungstragende Berührungen des anderen, sind kaum erforscht bei den Primaten, scheinen aber einen ähnlichen Stellenwert gehabt zu haben wie bei den Menschen. Die akustische Kommunikation, also die Sprache im weiteren Sinne, hat bei den Primaten insbesondere die Funktion, zu identifizieren oder einen Artgenossen zu einer bestimmten Handlung zu bewegen. Sie ist aussschließlich auf das Sozialverhalten der Gruppe beschränkt und dient nicht etwa wie beim Menschen zur Bezeichnung von Gegenständen oder Vorgängen. Dementsprechend hat diese Art der Kommunikation bei den Primaten zwar eine wesentliche, aber bei weitem geringere Bedeutung als bei den Menschen. Zuletzt existieren da noch die visuellen Signale, die ähnlich ausgefeilt und wichtig wie bei Primat und Mensch sind. Es gibt jedoch auch besondere, für die visuelle Kommunikation entscheidende Körperteile wie den Schwanz. Trotz ihrer zur Analyse notwendigen Unterscheidung kommen in der Realität die einzelnen Kommunikationsarten selten getrennt vor, sondern meist kombiniert.

4. D. Premack: „Sprache beim Schimpansen?“

Premack fasst in seinem Aufsatz ein Experiment zusammen, in dem einer Schimpansin, Sarah, die Symbolsprache beigebracht wird. Nach und nach bringt man Sarah bei, bestimmte Symbole bestimmten Gegenständen (z.B. einem Apfel) zuzuordnen, dann auch abstraktere Begriffe wie ,gleich‘ und ,ungleich‘ oder ,viel‘ und ,eins‘ und später auch Oberbegriffe wie ,Obst‘. Sie lernt auch, einfache Sätze wie ,Apfel ist ungleich Banane‘ darzustellen. Das Experiment zeigt die Ansätze zur Fähigkeit, abstraktes Denken zu lernen, die bei Schimpansen vorhanden sind, jedoch auch ihre Grenzen im Verständnis und insbesondere auch die Motivation zur Erlernung der Sprache. Denn Sarah ,schreibt‘ nur Sätze, wenn jemand anderes im Raum ist, dem sie sie mitteilen möchte; sobald sie allein ist, tut sie es nicht mehr. Die Motivation zur Spracherlernung liegt also in dem Willen zur Mitteilung in einer sozialen Gruppe.

3. Abschnitt: Sprachwissenschaft

5. Ch. F. Hockett: „Der Ursprung der Sprache“

Hockett beginnt mit einer Charakterisierung der wichtigsten Merkmale, die die menschliche Sprache von der Tiersprache unterscheiden. Dazu zählt er insbesondere die Raum-Zeit-Unabhängigkeit, die Dualität, die Produktivität und die volle Übermittlung durch Tradition der menschlichen Sprache. Danach versucht er, einen Erklärungsansatz für die Entstehung der menschlichen Sprache zu geben. Er vermutet, dass die Vorfahren des Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt in ein anderes natürliches Milieu verpflanzt wurden, wo sie mangels anderer natürlicher Verteidigungs- und Anpassungsmöglichkeiten nur durch die Herstellung von Werkzeugen, verbunden mit einer Weiterentwicklung des Denkens und damit des Gehirns, überleben konnten. Diese komplexeren Tätigkeiten erforderten ausgefeiltere Möglichkeiten der Wissensübermittlung innerhalb der Gruppe und schufen somit die Notwendigkeit eines differenzierteren Kommunikationssystems: es entwickelte sich die Sprache, die wiederum das Gehirn vergrößerte.

6. R. Stopa: „Kann man eine Brücke schlagen zwischen der Kommunikation der Primaten und derjenigen der Urmenschen?“

Diese Frage wird von Stopa in seinem Aufsatz bejaht. Zwischen den Schimpansen, deren ,Sprache‘ vorwiegend aus Schnalzlauten, Ausrufen und vor allem aus Körpersprache besteht, und der entwickelten Sprache des Menschen, mit einem differenzierten Laut- und Bedeutungssystem auf der einen, der Bedeutungslosigkeit der Gestik und der Ausrufe auf der anderen Seite, stellt er die Sprachen der Buschstämme und auch die der Hamiten, Kaukasussprachen etc. Diese weisen zwar schon eine Symbolsprache auf; allerdings fehlen ihnen die abstrakten Begriffe wie Oberbegriffe, sie sind syntaktisch und lexikalisch stark beschränkt, die Gestik bildet immer noch einen unabdingbaren Bestandteil, und sie enthalten auch noch viele Schnalzlaute. Es ist also seiner Meinung nach möglich, durch das Studium dieser wenig entwickelten Sprachen die Evolution der menschlichen Sprache nachzuvollziehen.4. Abschnitt: Anthropologie – Entwürfe zu Synthesen

7. E. W. Count: „Kommunikation zwischen Tieren und die anthropologischen Wissenschaften. Versuch eines Ausblicks“

Dieser mehr fragmentarische Aufsatz versucht zum einen, eine Definition von Kommunikation zu geben: sie ist „Informationsökologie“, also der Austausch von Informationen und der dazu nötigen Energie zwischen dem physikalischen Umfeld des Lebewesens, seiner inneren Umwelt und der sozialen Umwelt. Weiterhin gibt er biologische Erklärungsansätze der modernen Forschung zwischen Gehirn und Sprache, der Höherentwicklung beider bei den verschiedenen Wirbeltieren bis zum Menschen, insbesondere dort der Rolle der Rinde (vor allem des Neocortex) und der Anzahl der Neuronen. Er gibt auch einen Ausblick auf die Möglichkeiten der Neurologie, die mit Hilfe der Analyse der Gehirntätigkeit bei Menschen mit Sprachstörungen die Funktionen einzelner Gehirnteile bei der Produktion von Sprache bestimmen können soll.

8. V. V. Bunak: „Die Entwicklungsstadien des Denkens und des Sprachvermögens und die Wege ihrer Erforschung“

In diesem Aufsatz beschäftigt sich Bunak mit den Zwischenstadien von der Tier- zur menschlichen Sprache unter psychologischen, archäologischen und linguistisch-soziologischen Aspekten. Er beschreibt zuerst die Typen geistiger Arbeit. Da gibt es zunächst die konkrete Vorstellung von etwas, die bei allen Tieren vorhanden ist. Am entgegengesetzten Ende steht die verallgemeinerte Vorstellung von einer Klasse von Gegenständen, die nur den Menschen eigen ist. Dazwischen gibt es ein Übergangsstadium, in welchem sich einige höherentwickelte Tiere wie die Schimpansen befinden: sie haben zwar eine allgemeine Vorstellung von etwas, d.h. einen Komplex von Vorstellungen der wesentlichen Eigenschaften der Gegenstände und Erscheinungen, jedoch ohne sie klassifizieren zu können. Ebenso verfügen sie über biologisch erste Ansätze für die Sprachentwicklung, aber entscheidende Komponenten fehlen (s.o. Abschnitt 1). Zuletzt beschreibt Bunak noch die entscheidende Rolle der Arbeit bei der Entstehung von Sprache. Die Herstellung von Steinwerkzeugen entwickelt zum Beispiel das Bewusstsein, eine sofortige Handlung für ein viel später liegendes Ereignis durchzuführen. Auch gibt es eine Vorstellung von allgemeinen, von konkreten Merkmalen unabhängigen Formen. Abstraktionsvermögen und Zeit-Raum-Unabhängigkeit sind zwei entscheidende geistige Voraussetzungen für die Entwicklung der menschlichen Sprache. Der letzte Aufsatz dieses Buches ist also darum bemüht, einen ganzheitlicheren Ansatz von der Entwicklung der Sprache zu geben.

Persönliche Einschätzung

Abgesehen von einigen, aufgrund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse notwendigerweise veralteten Theorien, insbesondere in der Neurologie, gibt dieses Buch viele interessante Denk- und Forschungsansätze über den Ursprung der Sprache wieder. Aufgrund der Anlage des Bandes als Aufsatzsammlung können die einzelnen Aspekte nur grob umrissen sein und sind nicht allzu detailliert. Dadurch ist es auch schwierig, einen roten Faden zu finden. Dies könnte das Buch für Leser ohne Vorkenntnisse schwer verständlich machen. Aber trotz alledem gibt das Buch einen Einblick in die Vielfalt der Linguistik samt einiger Nachbarwissenschaften und insbesondere auch ein Gefühl dafür, dass Wissenschaft nicht um ihrer selbst willen betrieben wird, sondern damit Menschen sich selbst als Menschen, ihre eigene Herkunft und damit auch Möglichkeiten der Zukunft verstehen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Melanie Beese. Jahr: 2001

Zurück