Tractatus logico-philosophicus – Logisch-philosophische Abhandlung

Wittgenstein, Ludwig

Frankfurt am Main:Suhrkamp 2003

 

Die hier vorliegende Fassung von Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus – Logisch-philosophische Abhandlung“ (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003) beruht auf der von Brian McGuinness und Joachim Schulte herausgegebenen und erstmals 1989 im Suhrkamp Verlag erschienenen kritischen Edition.

Wittgenstein selbst gelangte im Sommer 1918 zur Endfassung, eine erste (noch fehlerhafte) Veröffentlichung erschien 1921 im letzten Band der Zeitschrift „Annalen der Naturphilosophie“ herausgegeben von Wilhelm Ostwald.

Bereits in seinem Vorwort gibt Wittgenstein Antworten auf wichtige Fragen des Lesers, wie z.B.: Welches Thema/ Problem wird behandelt? Wozu dient die Abhandlung? Und: Für welche Leser(gruppe) ist sein Buch geeignet?

Auf die beiden ersten Fragen gibt Wittgensteins Vorwort recht knappe Antworten:„Das Buch behandelt die philosophischen Probleme…“, (Vorwort S.7, Z.7-8) und zwar mit dem Ziel:“[…] dem Denken eine Grenze [zu] ziehen“, (ebd. Z.14). Und diese Grenze, so Wittgenstein, liegt in der Sprache.

Nun ergibt sich die weiterführende Frage: Gelingt es Wittgenstein, diese Grenze aufzuzeigen? Man möchte sie mit „jain“ beantworten, denn was Wittgenstein unter der Grenze des Denkens bzw. der Sprache versteht, ist die Analyse und die (Zer)Gliederung der Sprache nach rein formalen Kriterien der Logik und somit eine Beschreibung der Welt durch Sätze.

Um diesen Zusammenhang zu verstehen, muss man sich einige Prämissen und Thesen Wittgensteins anschauen, die wohl zumindest diskutierbar sind. Die Nähe zur Logik erklärt sich durch Wittgensteins Auffassung der Logik als „[…] Spiegelbild der Welt“, (S. 98, Satz 6.13). Die Möglichkeit einer Grenzziehung des Denkens bzw. der Sprache geht zurück auf eine Regel, die von dem deutschen Philosophen Gottfried Willhelm Leibniz getroffen wurde: “Was denkbar ist, ist auch möglich“, (S.17, Satz 3.02). Weiterhin interessant an Wittgensteins sprachphilosophischen Überlegungen ist die klare Abgrenzung zu den (empirischen) Naturwissenschaften, die nach Wittgenstein den Fehler begehen, in den Naturgesetzen eine vollständige Erklärung der Naturerscheinungen zu sehen (vgl. S.106, Satz 6.371). Auf Grund der Betrachtung der Sprache mit den (formalen) Mitteln der Logik und der Abgrenzung zu den (empirischen) Naturwissenschaften ist Wittgenstein berechtigterweise den Rationalisten zuzuordnen.

Noch stärker als die Prämissen und Thesen zu Sprache, Denken und Welt bzw. Wirklichkeit formuliert Wittgenstein seine Überlegungen zur Metaphysik, hier nur ein Beispiel:“Gott offenbart sich nicht in der Welt“, (S.110, Satz 6.432).

Der Leser ist schnell geneigt, diese Prämissen oder Thesen (z.T. berechtigterweise) anzugreifen, um jedoch die Überlegungen und Folgerungen Wittgensteins nachvollziehen zu können, ist es zunächst einmal sinnvoll, sich auf sie einzulassen. Tut man dies, wird während des Lesens mehr und mehr ersichtlich, dass Wittgenstein die Grenze der Sprache und des Denkens nicht deskriptiv darstellt, sondern normativ stellt:“Worüber man nicht [sinnvoll] sprechen kann, darüber muss[!] man schweigen“, (S.111, Satz 7).

Doch bei all diesen Punkten von Wittgensteins Überlegungen, die kritisiert werden können, sei hier darauf verwiesen, dass vor allem zu Beginn seiner Abhandlung Wittgenstein einige sehr wichtige Unterscheidungen und Überlegungen zur Zeichen- und Sprachtheorie vollzieht, die nach wie vor von großem semiotischem und sprachphilosophischem Gehalt sind, hier zwei Beispiele:“Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit“, (S.14, Satz 2.12); „Nach dieser Auffassung gehört also zum Bilde auch noch die abbildende Beziehung, die es zum Bild macht“, (S.15, Satz 2.1513).

Es bleibt nun noch eine Frage unbeantwortet, die wir oben gestellt haben, nämlich die nach der Lesergruppe, die mit dem „Tractatus logico-philosophicus“ angesprochen werden soll. Wittgenstein selbst äußert sich dazu in seinem Vorwort, und räumt ein, dass vermutlich nur diejenigen Leser seine Abhandlung verstehen und Freude daran haben werden, die selber schon ähnliche Überlegungen hatten bzw. haben (vgl. Vorwort S.7, Z1-6). Ein hoher Anspruch also, der an die Leser gerichtet ist und Wittgensteins Abhandlung ist sicherlich auch keine leichte Abendlektüre und selbst interessierte Laien werden es schwierig haben, Wittgensteins Überlegungen nachvollziehen zu können. Was sich allerdings sinnvoll sagen lässt ist, dass Wittgensteins „Logisch-Philosophische Abhandlung“ für Studenten und Interessierte der Sprachphilosophie grundlegend und unumgänglich, für Studenten und Interessierte der Linguistik durchaus empfehlenswert und hilfreich ist.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Michael Kath. Jahr: 2005

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