Texttyp und Übersetzungsmethode

Reiß, Katharina

Kronberg/Ts.: Scriptor Verlag 1976

 

Die Autorin möchte eine für Übersetzungen einheitliche und allgemein akzeptierte Terminologie entwickeln, die der jungen Übersetzungswissenschaft - ähnlich wie der neueren Linguistik - bis dahin noch nicht zur Verfügung stand. Hauptziel ist für Katharina Reiß, eine Relation zwischen Texttypen und der ihnen jeweils angemessenen Übersetzungsmethode herzustellen.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit verschiedenen übersetzungsrelevanten Texttypologien. Als erster Ausgangspunkt dient die Sprache als das Material, aus dem die zu übersetzenden Texte bestehen. Auf drei Grundtypen wird zunächst besonders eingegangen: auf die empirischen, sprachwissenschaftlichen und kommunikationstheoretischen Zugänge. Der sprachwissenschaftliche Teil erweist sich als nicht ausreichend, denn für den Übersetzer ist es nicht genug zu wissen, wie er etwas mitteilt, sondern auch zu welchem Zweck. Auch wenn durch diese Erkenntnis die Bedeutung des kommunikativen Parts an Schwere gewinnt, so bleibt dennoch festzustellen, dass die übersetzungsrelevante Texttypologie letzten Endes vier Teile umfasst: den informativen, den expressiven, den operativen und den audiomedialen Text. Im Anschluss an diese Feststellung werden die intentionsadäquaten Übersetzungsmethoden für jeden dieser Texttypen benannt und auf ihre spezifischen Zielsetzungen hin untersucht. Der Tatsache, dass die Adressaten einer Übersetzung wechseln, wird durch die Einführung der Begriffe ,Primär-, Sekundär- und Tertiärfunktion‘ Rechnung getragen.

Im zweiten Kapitel wird von den vier erarbeiteten Texttypen der operative Typus aufgegriffen, um ihn detailliert auf seine Qualitätsmerkmale hin zu untersuchen und zu beschreiben. Der Grund, warum der operative Text gewählt wurde, ist simpel: Er ist der einzige, der bisher nicht als eigener Texttyp in der übersetzungswissenschaftlichen Diskussion und Literatur erkannt und abgegrenzt wurde. Nach einer Definition des Begriffs wird das Untersuchungsmaterial vorgestellt und in seiner charakteristischen Beschaffenheit beschrieben. Dabei ergibt sich eine Unterteilung nach textkonstituierenden Merkmalen (sie leiten sich aus der kommunikativen Funktion der Texte her) und nach textspezifischen Merkmalen (sie charakterisieren die sprachliche Gestaltung der Texte). Dabei stellt sich heraus, dass es nicht nur darauf ankommt, welche Sprachmittel jeweils eingesetzt werden, sondern auch aus welchem Grund. Es wird ausführlich dargelegt und belegt, wie die verschiedensten Sprachelemente durch ihren gezielten Einsatz für diese Gestaltungsprinzipien fruchtbar gemacht werden können.

In Kapitel drei macht Katharina Reiß einen Schwenk zum ersten Teil ihrer Ausführungen: Die vorgeschlagene textgerechte Übersetzungsmethode für den operativen Texttyp wird detailliert beschrieben, begründet und von den für die anderen Texttypen angebrachten Übersetzungsmethoden abgesetzt. In Bezug darauf wird auch die Rolle des Übersetzers im zweisprachigen Kommunikationsakt beleuchtet, was zur Frage nach dem Sinn der Übersetzung operativer Texte führt. Diese Frage erweist sich als von hohem Aufschlusswert für die Beschreibung der intentionsadäquaten (= die kommunikative Funktion des Textes wahrenden) Übersetzungsmethode für den operativen Text, die von da an als die adaptierende Methode bezeichnet werden kann. Einer eingehenden Betrachtung werden die Übersetzungstechniken zur Realisierung der für den operativen Text angebrachten Methode unterzogen. Der pragmatischen Dimension der Texte und ihrer unterschiedlichen Berücksichtigung bei der Übersetzung der verschiedenen Texttypen gilt dabei die besondere Aufmerksamkeit.

Nachdem die vielschichtige Übersetzungsproblematik bei operativen Texten dargelegt wurde, werden in Kapitel IV konkrete Beispiele genannt, an denen exemplarisch gezeigt wird, welche Überlegungen der Übersetzer anstellt, bevor er sich für eine bestimmte Technik im Rahmen der intentionsadäquaten Übersetzungsmethode entscheidet. Dabei sollen die Stichhaltigkeit der theoretischen Befunde überprüft und die Praxis der Übersetzung operativer Texte transparent gemacht werden.

Das letzte Kapitel fasst den Demonstrationswert der praktischen Beispiele noch einmal im Blick auf den operativen Texttyp zusammen.

Es folgen Bibliographie, eine Register der erörterten Übersetzungsprobleme, Namen- und Sachregister.Alles in allem gibt das Buch einen sehr detaillierten Einblick in die Übersetzungsproblematik. Die Autorin kombiniert systematisch deren einzelne Gesichtspunkte, vergleicht und wiegt von der Machbarkeit her gegeneinander ab. Trotz der übersichtlichen Gliederung in Kapitel und Unterkapitel bietet das Buch einen Einstieg in das Thema, der für Laien auf diesem Gebiet nicht unbedingt geeignet ist, denn sowohl die mannigfachen Fremdwörter als auch das Springen zwischen den Teilbereichen führen eher zur Verwirrung als zum Verstehen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Britta Schneider. Jahr: 2001

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