Studienbuch zur Einführung in die deutsche Sprachwissenschaft. Vom Laut zum Wort

Schunk, Gunther

Würzburg: Königshausen und Neumann 1997

 

Studienbuch zur Einführung in die deutsche Sprachwissenschaft. Vom Laut zum Wort. Der Autor beginnt seine Arbeit im ersten Kapitel mit der Frage: Was ist Sprache? Die Antwort auf diese Frage, so Schunk, fällt nicht eindeutig aus: es gibt nicht ‚die‘ Definition von Sprache. So führt er Definitionen z. B. von Bloch/Träger, Chomsky, Bußmann und anderen an und stellt heraus, dass seit Platon bis heute ‚Sprache als Werkzeug‘ verstanden wird.

Im nächsten Teil des ersten Kapitels beschränkt Schunk seine Ausführungen auf die deutsche Sprache, deren Ursprung im Indogermanischen liegt und deren Entwicklung vom Indogermanischen zum Neuhochdeutsch (seit Mitte des 17. Jhd. bis heute) unter anderem über das Althochdeutsch (ca. 500-1050), das Mittelhochdeutsch (ca. 1050-1350/1500) und Frühneuhochdeutsch (ca. 1350/1500-1650) führt. Des weiteren werden die Unterschiede dieser Sprachen in der Entwicklung jeweils näher erläutert.

Im folgenden Teil dieses erstens Kapitels wählt Schunk als Oberthema die Klärung des Begriffs der deutschen Sprachwissenschaft und bezieht sich dabei insbesondere auf deren Aufgabe und Ziel. Man erfährt, dass sich Sprachwissenschaft mit drei Hauptfragen befasst: Wie entstand das Deutsche?, Wie ist/war das Deutsche? und Wie wird das Deutsche verwendet? Ihre Methoden und Ergebnisse finden Anwendung z.B. in der Schule, Logopädie, Werbung und Kommunikationstechnik, im Bereich Übersetzen und Dolmetschen und vielen anderen Bereichen. Man unterscheidet in der Sprachwissenschaft zwischen Objektsprache und Metasprache. Objektsprache ist das Sprechen über nicht-sprachliche Sachverhalte und die Metasprache die Beschreibungssprache der Objektsprache – „Sprache als Untersuchungsinstrument“. In diesem Zusammenhang definiert Schunk den Begriff der Terminologie, um die Bedeutung der Fachsprache deutlich zu machen, die er dann im weiteren näher erläutert.

Danach beschreibt er Phonologie, Morphologie und Wortbildung, Sprachzustand und historisch sprachliche Entwicklungsstufen, individuelle Sprachproduktion, Soziolinguistik, Dialektologie und Fremdsprachendidaktik sowie linguistische Datenverarbeitung. Es gibt in der deutschen Sprache verschiedene Sprachformen, die man als Varietäten bezeichnet. Dazu gehören z.B. Dialekt, Soziolekt, Ideolekt, Sexolekt, Konfessiolekt u.a.

Als Hilfsmittel der Linguisten führt Schunk in einem vierten Teil dann die Wörterbücher und deren Haupttypen ein, wie z.B. historische Wörterbücher, Allgemeinwörterbücher, ein-, zwei- oder mehrsprachige Wörterbücher u.a. Im Lexikon sind alle diese Wörter zusammengestellt, die dann den Gesamtwortschatz bilden.

Im zweiten Kapitel führt Schunk nun den Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache ein, die beide Realisierungsformen einer Sprache sind. Sie haben jeweils spezifische Eigenschaften, wobei die gesprochene Sprache als primäre Kommunikationsform gilt. Dies macht man zum einen an der strukturellen Priorität (Eins-zu -Eins-Abbildung), zum anderen an der funktionalen Priorität (gesprochene Sprache wird häufiger genutzt, geschriebene Sprache oft nur als funktionaler Ersatz) und auch an der biologischen Priorität (genetische Vorprogrammierung, sprachliche Laute zu erzeugen) fest.

Nun erklärt Schunk anhand von Ferdinand de Saussure den sprachlichen Strukturalismus und seine Unterscheidungen zwischen langue und parole, synchron unddiachron, Inhaltsseite und Ausdrucksseite, arbitär und motiviert sowie syntagmatisch und paradigmatisch.

Im weiteren stellt er den Romanisten Eugenio Coseriu vor, der die Dichotomie von langue und parole um den Begriff der Norm (sozial gebräuchliche Realisierung) erweitert. Dazu führt er die Schulen der strukturellen Linguisten ein: die Prager, Kopenhagener und amerikanische Schule.

Das dritte Kapitel behandelt die Phonetik, die sich mit der lautlichen Seite des Kommunikationsvorganges in Form von Sprachlauten befasst. Nach allgemeiner Klärung des Begriffs Phonetik unterscheidet Schunk deren drei Hauptdisziplinen, nämlich die artikulatorische (hierher gehört das Phon, das „die kleinste durch Segmentierung gewonnene lautsprachliche Einheit“ bezeichnet), akustische und auditive, und erklärt diese im folgenden spezieller. Wie die Lautbildung durch den Sprechvorgang und die Sprechorgane funktioniert, wird als weiteres Teilgebiet der Phonetik angesprochen und auch in Form einer Abbildung verdeutlicht. In einem nächsten Teil werden die phonetischen Transkriptionssysteme vorgestellt, deren gebräuchlichste das IPA – International Phonetic Alphabet – ist, und es wird die Lautschrift eingeführt, die durch dieses IPA-System durchgesetzt wurde. Drei Parameter der phonetischen Beschreibung sind die Stimmhaftigkeit, der Artikulationsort und die Artikulationsart. Sie sind notwendig, um ein phonetisches System zu erstellen. Schunk führt zum Ende dieses Kapitels über Phonetik das Bestehen einer Aussprachennorm (phonetische Schnittmenge einer Sprechergruppe) und eines Aussprachewörterbuches (für die gesprochene Sprache) an.

Im vierten Kapitel befasst er sich mit der Phonologie und der Graphematik. Dabei sucht die Phonologie nach den „minimalen Oppositionen mit bedeutungs-unterscheidender Fähigkeit“. Wichtigstes Ziel ist dabei die Beschreibung der Laute als funktionstragenden und bedeutungsdifferenzierenden Elementen. Ein wichtiger Begriff in der Phonologie stellt das Phonem (kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit) dar. Diese Phoneme findet man durch Minimalpaarbildung. Des weiteren bearbeitet Schunk das phonologische System mit ihrem Phoneminventar. Als Sonderfälle der Phonologie erklärt er die Begriffe Allophon, Archiphonem, Problem der Affrikaten (zwei Laute werden als eine phonetische Einheit klassifiziert, sie können sowohl phonetisch als auch phonologisch als Einheit betrachtet werden), Problem der Diphthonge (Problem der mono- und biphonematisch phonologischen Bewertung – handelt es sich bei Diphthongen um ein oder zwei Phoneme?) und das Problem des Schwa-Lauts (ist er ein eigenständiges Phonem?). Schließlich führt er die phonologischen Kombinationsregeln ein, die in jeder Sprache spezifisch sind. Nach der Klärung des Begriffes Phonologie folgt nun die Begriffsklärung von Graphematik. Hier wird die Sprache als schriftliches Phänomen analog zu den beiden Disziplinen Phonetik und Phonologie behandelt. Die Definition des Begriffs Graphem zeigt die Verbindung zum Phonem. Ein Graph steht analog zum Phon und ist die parole-Entsprechung des Graphems. Im zweiten Teil dieses Kapitels wird die graphematische Realisierung von Phon(em)en besprochen.

Im fünften Kapitel wird ein weiterer Gegenstand der Sprachwissenschaft aufgegriffen, die Morphologie und Wortbildung. Zuerst soll die Einheit eines Wortes definiert werden. Dabei kommt Schunk zu dem Schluss, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, den Begriff zu definieren. Er erklärt nun den Begriff der Morphologie, die den „internen Aufbau von Wörtern und die dazugehörigen bedeutungstragenden ‚Bausteine‘“ betrachtet. Nun wird die Morphologie eingegrenzt, indem der Begriff des Morphems eingeführt wird, das „das kleinste bedeutungstragende Element einer Sprache“ ist. Man unterscheidet dabei, so Schunk, freie, gebundene und unikale Morpheme, die man als Morphemklassen bezeichnet. Neben dieser Unterscheidung nimmt man auch eine weitere methodische Kategorisierung in klassifizierende Gruppen vor, nämlich in die Grund-, Formations- und Flexionsmorpheme. Dazu gehört unter anderem das Nullmorphem, das das Nichtvorhandensein eines Flexionsmorphems bezeichnet. Zu den Sonderfällen von Morphemen gehören z.B. Allomorphe, diskontinuierliche Flexionsmorpheme u.a., die im weiteren näher erklärt werden. In diesem Bereich werden dann auch Mittel und Modelle der Wortbildung besprochen und in Verbindung damit die Zusammensetzung und das Wachstum des Wortschatzes durch Fremdwörter, Wortbildung [durch Ausdruckskürzung (Kurzwort), Ausdruckserweiterung (Komposition, Determinativkompositum, Possessivkompositum, Kopulationskompositum und Zusammenrückung), Ableitung / Derivation oder durch grammatische Umsetzung / Konversion)] und Wortschöpfung (dies ist der seltenste Fall).

Auf den Haupttext des Buches folgen das Literaturverzeichnis, ein Verzeichnis der Definitionen und Abbildungen sowie ein Stichwortregister. Ein Anhang schließlich gibt Beispiele zu einzelnen Bereichen der angesprochenen Themen, enthält Abbildungen und Übersichten zum Verdeutlichen und bietet Übungsaufgaben, Übungsfragen und eine Übungsklausur an, um das Verständnis des Inhalts zu prüfen.

Meine Meinung zu diesem Buch: Das Buch bietet einen Überblick über die grundlegenden sprachwissenschaftlichen Grundbegriffe und Definitionen. Dieser wird dem Leser auf sehr anschauliche Weise näher gebracht. Die gute Gliederung lässt viel Freiraum zum Lesen, da sich ein Teilgebiet eines Kapitels nicht über mehrere Seiten zieht, sondern in kurzen Abschnitten zusammengefasst ist. So hatte ich immer wieder Gelegenheit, das Buch kurz zur Seite zu legen, und konnte nach einiger Zeit mit einem Blick sehen, womit sich das Buch zuletzt beschäftigt hat. Zur Veranschaulichung der einzelnen Themen werden sehr viele Beispiele gegeben, wodurch der Zusammenhang zwischen dem Theoretischen und Praktischen (was mir auf dem Papier begegnet) klar erkennbar ist, ohne dass ich in einem weiteren Buch nach weiterer Klärung eines Begriffes nachschlagen musste. Hilfreich waren auch die einzelnen Definitionen prägnanter Begriffe, die jedes Missverstehen des Textes sofort ausschließen. Wollte man eine Definition kurz nachschlagen, musste man nicht lange suchen, da es ja das Verzeichnis aller Definitionen mit Seitenangaben im hinteren Teil des Buches gibt. Was mir ebenfalls sehr gut gefallen hat, ist der Anhang. Er gibt viele weitere Anregungen und Beispiele, die das Verständnis noch leichter machen. Dem Autor ist es gelungen, den recht trockenen, theoretischen Stoff durch starke Veranschaulichung und zahlreiche Beispiele sowohl im Anhang als auch im Text selbst dem Leser auf interessante Weise nahe zu bringen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaf

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