Strukturen kindlicher Sprache. Zum Schreibstil zehn- bis zwölfjähriger Schüler

König, Guido

Düsseldorf: Pädagogischer Verlag Schwann 1972

 

Guido König beschreibt seine stilistischen sowie grammatischen Untersuchungen der Schriftsprache von Kindern im Alter von zehn bis zwölf Jahren. Dabei betrachtet er sechs Schulklassen des fünften Schuljahres aller drei Schulformen (Haupt-, Realschule und Gymnasium). Diese Schüler verfassten insgesamt 500 Texte mit 6000 Gestaltungseinheiten in Erzähl- und Berichtform.

Im ersten einleitenden Kapitel wird der damalige Stand der Erforschung der schriftlichen Kindersprache dargestellt. Es verschafft einen Überblick über psychologische, soziologische und linguistische Untersuchungen der Sprache und verdeutlicht, wie sehr diese drei Faktoren zueinander in Beziehung stehen und wie wichtig und grundlegend sie für die gesamte Analyse der Kindersprache sind.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit den sprachtheoretischen Voraussetzungen der folgenden Untersuchungen. König geht hier auf die Beziehung zwischen Wort, Satz und Satzglied ein und in welcher Art sie in den Kontext eingebaut werden. Außerdem wird die Bewußtseinsabhängigkeit in Bezug auf die kindliche Sprache dargestellt.

Kapitel drei befasst sich mit methodischen Fragen der Untersuchungen. Hier werden erstmals die 500 von den Schülern verfassten Texte in Betracht gezogen. Diese werden unter den Gesichtspunkten Stil, Geschlecht, Schulform, Sozialschicht und Alter untersucht. Alle Schüler besuchen die 5.Klasse. So besitzen sie einerseits das Basiswissen der Grundschule, und andererseits sind sie von dem ersten Halbjahr ihrer jetzigen Schule beinflusst. Somit wird eine für die Untersuchungen wichtige Eigengesetzlichkeit ihrer Sprache sichtbar. Die Sozialdaten wurden aufgrund des Berufes der Eltern ermittelt, denn dieser gilt als aussagekräftig für den Bildungsstand, das Einkommen und die soziale Stellung. Die Einteilung erfolgt in drei Sozialschichten.

Im vierten Kapitel beginnt die eigentliche Analyse, und zwar mit der kategorialgrammatischen Untersuchung. König betrachtet die Beziehung zwischen Inhalt und Satzstruktur sowie die Redeabsicht. Im fünften Kapitel werden die linguostilistischen Faktoren betrachtet. Die Textbeispiele der Erzählung und die des Berichtes werden gegenübergestellt und in Stil, Grammatik, Phonetik und Paradigmatik verglichen. Die beiden Stiltypen lassen sich wie folgt grob kennzeichnen: die Erzählung ist verbal, dynamisch und breit verfasst, der Bericht dagegen nominal, statisch und knapp. Das sechste Kapitel arbeitet durch die Analyse linguogrammatischer Gesichtspunkte einige Charakteristika der kindlichen Schriftsprache heraus. Diese Darstellung knüpft an die im dritten Kapitel schon erwähnten Kriterien Alter, Geschlecht, Sozialschicht, Stil- und Schulform an.

Im siebten Kapitel werden die Ergebnisse der gesamten Analyse zusammengefasst. Die Betrachtung geschlechtsspezifischer Differenzen in Bezug auf die grammatischen Textstrukturen hat gezeigt, dass die Mädchen im Gebrauch der syntaktischen Mittel den Jungen anscheinend überlegen sind. Dieses ist aber bei der Berichtform umgekehrt. Der Vergleich der Texte in Hinsicht auf die verschiedenen Schulformen weist keine gravierenden Unterschiede zwischen Realschülern und Gymnasiasten auf. Die der Hauptschüler weichen von dieser Norm ab. Dies ist laut König auf eine unterschiedliche Intelligenzstruktur zurückzuführen. Signifikante schichtspezifische Unterschiede konnten bei den Probanden nicht festgestellt werden. Die Schüler in dem hier erforschten Alter von 10 bis 12 Jahren befinden sich in einem Stadium der grammatisch-stilistischen Eigenprägung, welche ihren Höhepunkt ca. im elften Lebensjahr erreicht. Unter sprachpsychologischem Aspekt betrachtet neigt die kindliche Schriftsprache in den letzten 50 Jahren (vor 1972) zu einer Tendenz der Umschichtung. Gegenüber früheren Charakterisierungen lässt sich sagen, dass sich die Kindersprache zum Positiven entwickelt hat. Sie enthält reicher gegliederte und umfassendere sprachliche Mittel. Die Satzkonstruktionen sind komplexer und nähern sich schneller an die „Erwachsenensprache“ an. Sehr großen Einfluss auf die Kindersprache haben die Massenmedien, wie Fernsehen und Rundfunk, und auch die Sprache ihres Umfeldes, wie z. B. der Dialekt der Eltern, prägen die Entwicklung der Kindersprache in einem höheren Ausmaß.

Das achte Kapitel nutzt König für eine kurze Schlussbemerkung zu seiner Arbeit.

Zum Schluss demonstrieren einige Textbeispiele aus den analysierten Erzählungen und Berichten die Grundlagen der Analyse.

Abschließend muss man beachten, dass die Untersuchungen 1972 durchgeführt wurden und sie für weitere Analysen also noch aktualisiert werden müssten. Heutzutage fällt der Einfluss durch die Medien und durch das übrige äußere Umfeld sicher noch mehr ins Gewicht. Außerdem kann man die Ergebnisse nur auf die Schriftsprache beziehen. Bei der Betrachtung des mündlichen Sprachverhaltens würde man zu anderen Resultaten gelangen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Tanja Schrell. Jahr: 2001

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