Sprachentwicklung beim Kind. Eine Einführung

Szagun, Gisela

2. Auflage München, Wien, Baltimore: Urban und Schwarzenberg 1983

 

Das Buch versucht, dem Leser einen Überblick über die Hauptströmungen und Ergebnisse der neueren Spracherwerbsforschung zu vermitteln. Es erschien zuerst 1980 und in 2., überarbeiteter Auflage 1983.

Um ihre Erkenntnisse bezüglich der Sprachentwicklung des Kindes zu verdeutlichen, benutzt Szagun zahlreiche Praxisbeispiele, wie z. B. das Gespräch zwischen einer Mutter, ihrem Kind und einer fremden Person, Beispiele für Ein- und Mehrwortäußerungen u. ä. Die Aufgabe dieser Praxisbeispiele liegt darin, dem Leser die Form, den Gebrauch und die Bedeutung der Sprache zu veranschaulichen.

Während lange Zeit in der Spracherwerbsforschung die Linguistik als bedeutende Leitwissenschaft dominierte, wird nun auch begonnen, entwicklungspsychologische Fragestellungen miteinzubeziehen, um das Phänomen des Spracherwerbs beim Menschen zu erklären. Die Spracherwerbsforschung hat in den siebziger Jahren eine entscheidende Entwicklung durchgemacht, denn sie betrachtet die Sprache nicht mehr als isoliertes Problem, sondern nunmehr im Zusammenhang mit der Entwicklung der kindlichen Erkenntnis.

Szagun gliedert in ihrem Buch die Sprache nach drei verschiedenen Aspekten, nämlich Form, Bedeutung und Gebrauch. Zuerst geht sie auf die grammatische Form sprachlicher Äußerungen ein, dann auf deren Bedeutung und zum Schluß auf den Sprachgebrauch im Zusammenhang mit der Interaktion zwischen Menschen.

Bezüglich der Form beschäftigt sie sich mit dem Erwerb der Grammatik, also der Frage, wie und wann Strukturen der Syntax entstehen, welche Regelmäßigkeiten bei der Kombination von Wörtern auftreten. Dazu führt sie Beispiele an, die zeigen, daß Kinder ab einem gewissen Alter mit sogenannten Ein- und Zweiwortäußerungen beginnnen, wie z. B. "Mama", "haben", "gehen", "Hose an", "Mama auch", "Tür zu" usw. Aus dieser Tatsache folgert sie, daß besonders Zweiwortäußerungen bereits Regeln folgen, das heißt, das Kind kombiniert "kleine" Wörter wie "mehr", "an" usw. mit anderen Wörtern (meist Nomen), wobei diese vor den "kleinen" Wörtern stehen.

Laut Szagun verläuft die Sprachentwicklung zumindest im groben bei allen Kindern gleich. Sie ist der Meinung, daß Kinder mit Zweiwortäußerungen auszudrücken versuchen, was sie in ihrer Umwelt an Eindrücken wahrgenommen haben.

Die Kapitel des Buches haben verschiedene Ansatzpunkte, die sich jedoch immer wieder an den drei Hauptaspekten Form, Bedeutung und Gebrauch orientieren.

1. Die Einleitung

Hier stellt sie in Kurzform dar, wovon das Buch handelt. Sie geht dabei kurz auf die drei Hauptaspekte Form, Bedeutung und Gebrauch ein.

2. Die Grammatikentwicklung

In diesem Kapitel geht es unter anderem um den Bezug zu Skinner und dessen behavioristischem Ansatz, der besagt, daß der Spracherwerb weitestgehend von äußeren Faktoren (z. B. Umweltreizen) abhängt. Laut seiner Theorie erlernen Kinder Sprache nahezu passiv. Dem steht der Ansatz des Linguisten Noam Chomsky gegenüber, der behauptet, daß Skinners Thesen nicht auf "freilebende" Kinder bezogen werden könnten. Er vertritt die Ansicht, daß für den Spracherwerb "höhere" geistige Fähigkeiten vorhanden sein müssen.

3. Theoretische Ansätze zur Grammatikentwicklung

In diesem Kapitel betrachtet Szagun verschiedene Theoretiker und ihre Modelle, die sich mit dem Spracherwerb des Menschen auseinandersetzen.

(a) Noam Chomsky: Er vergleicht das Kind mit einem Linguisten, der versucht, die ihm unbekannte Sprache auf seine Weise zu entdecken und zu verstehen. Für ihn besitzen Kinder sprachliche Universalien, mit deren Hilfe sie Sprache erlernen.

(b) McNeill: Er schließt sich dem Modell von Chomsky an und versucht, dieses fortzuführen. Er behauptet, die grammatischen Funktionen seien von Anfang an in der Sprache des Kindes nachweisbar.

(c) Eric Lenneberg: Er ist ein Biologe, der die Entwicklung der Sprache mit biologisch determinierten Prozessen zu erklären versucht. Für ihn stellt das Erlernen von Sprache eine artspezifische kognitive Funktion dar. Außerdem weist die Sprachentwicklung Merkmale eines von Reifung gesteuerten Verhaltens auf.

4. Der Einfluß eines semantischen oder kognitiven Faktors auf die Grammatikentwicklung

In diesem Kapitel werden Forschungsergebnisse, Fragen und Argumente aufgegriffen, mit deren Hilfe die Wende von der Erforschung der formalen Aspekte der Sprachentwicklung zur Erforschung der kognitiven Entwicklung vollzogen wurde. Szagun befaßt sich mit den unterschiedlichen Beziehungen (= grammatikalischen Bedeutungen), die der Sprachgebrauch mit sich bringt (Subjekt - Objekt, Genitiv, Attribution, Subjekt - Lokation, Konjunktion usw.). Als Überprüfungsinstrument zur Analyse kindlicher Äußerungen wählt sie die sogenannte "rich interpretation", die den Kontext dieser Äußerungen miteinbezieht, um die genaue Bedeutung zu bestimmen. Diese Methode stellt die Verbindung zwischen sprachlicher und kognitiver Entwicklung des Kindes dar. Szagun bezeichnet Sprache als einen Code, in den die Erkenntnisse, die ein Kind aus selbstgemachten Erfahrungen gewonnen hat, übertragen werden.

5. Einwortphase und die Entwicklung von Wortbedeutungen

Dieses Kapitel befaßt sich mit der Frage, welches Phänomen den sogenannten Einwortäußerungen zugrunde liegt und ob dies syntaktische, semantische oder nichtsprachliche Kategorien der Erkenntnis sind. Weiterhin wird zu klären versucht, wie bestimmte Wörter im Laufe der Zeit eine bestimmte Bedeutung erlangt haben. Dabei spielt die Interpretationsfähigkeit des Menschen eine wichtige Rolle, denn vielfach wird eine dem älteren Partner bekannte Bedeutung in eine kindliche Äußerung hineininterpretiert, obwohl von Seiten des Kindes vielleicht etwas anderes gemeint war. So erhält eine Wortäußerung eine bestimmte Bedeutung.

6. Strategien und Prozesse der Sprachentwicklung

Dieses Kapitel behandelt die Strategien, die das Kind anwendet, um sich mit der Sprache auseinanderzusetzen und sie zu erlernen. Besonders berücksichtigt wird hierbei die kognitive Entwicklung des Kindes, denn sowohl die Entstehung von Bedeutungen als auch die von informationsverarbeitenden Strategien und grammatischen Strukturen sind daran gebunden.

7. Sprache und kognitive Entwicklung

In diesem Kapitel geht es um die Position des Psychologen Jean Piaget zum Verhältnis von sprachlicher und kognitiver Entwicklung. Sprache wird hier nicht als Ursache für die Entwicklung des Denkens angesehen, sondern ihre besondere Funktion liegt darin, daß Menschen über Sprache miteinander kommunizieren können.

8. Entwicklung der Kommunikation

Obwohl dieses Thema in der Spracherwerbsforschung lange wenig beachtet wurde, setzt die Autorin sich mit der Entwicklung der kommunikativen Fähigkeit des Menschen auseinander. Kommunikative Kompetenz wird als die Fähigkeit beschrieben, Äußerungen unter Einbezug des Kontextes zu verstehen und zu produzieren. Szagun läßt sich dabei von verschiedenen Positionen der Sprachphilosophie inspirieren, die eine bestimmte Relevanz für die Spracherwerbsforschung haben.

9. Die Erwachsenensprache

In diesem Kapitel wird der Erwachsene als Gesprächspartner in den Mittelpunkt des Interesses gestellt, denn Kinder erlernen die Grundbegriffe und -regeln der Sprache hauptsächlich durch die Kommunikation mit Erwachsenen. Dabei ist die Rolle der Mutter von besonderem Interesse, da sie in der Regel die meiste Zeit mit ihrem Kind verbringt und mit ihm spricht.

10. Schlußbemerkungen und Weiterführendes

Dieses letzte Kapitel enthält eine Zusammenfassung der Haupterkenntnisse der Spracherwerbsforschung. Außerdem weist die Autorin noch auf einige neuere Entwicklungen auf diesem Gebiet hin.

Das Hauptanliegen dieses Buches ist es, dem Leser Erkenntnisse, Theorien und Modelle aus dem Bereich der Spracherwerbsforschung vorzustellen. Die Autorin baut ihr Buch logisch auf und berücksichtigt sowohl die Entstehung der Sprache als auch deren Gebrauch, Form und die Bedeutung für den Menschen. Sie beschäftigt sich mit den grundlegenden Theorien, Modellen und ihrem Ursprung. Zum besseren Verständnis führt sie praktische Beispiele an und bezieht auch die kognitive Entwicklung von Kindern mit ein. Sie versucht, die Entstehung der Sprache mit der Sprachentwicklung des Kindes zu verbinden und ihre Bedeutung darzulegen.

Ich halte das Buch für einen gelungenen Versuch, die Spracherwerbsforschung zu betrachten. Das Buch ist gut zu lesen, da sich am Ende jeden Kapitels eine kurze Zusammenfassung des Inhalts befindet. So hat der Leser die Möglichkeit, sein Wissen, das er während des Lesens erhalten hat, zu überprüfen und zu vertiefen. Besonders hervorzuheben ist die Vielfalt der Ansätze, die Szagun anbringt, um sich mit der Spracherwerbsforschung auseinanderzusetzen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Stefanie Buß . Jahr: 1998

Zurück