Sprache und Sprechen des Kindes

Kegel, Gerd

3. Aufl. Opladen: Westdeutscher Verlag 1987

 

Gerd Kegel möchte mit diesem Buch einen Einblick in die Geschichte der Erforschung des Kinderspracherwerbs geben und zugleich neueste Forschungsergebnisse und Theorien praxisnah vermitteln. Dieser Versuch einer interdisziplinären Einführung (S.10) nimmt sich damit der Aufgabe an, den Laien oder besser den interessierten Leser in dieses Thema einzuführen und zugleich den Experten nicht zu langweilen.

Die klassische Strukturierung wissenschaftlicher Einführungswerke zeigt sich schon im Inhaltsverzeichnis. Beginnend mit der obligatorischen Einführung in die Theoriegeschichte und der Entwicklung des Faches wird der Leser an die Hand genommen und Schritt für Schritt den neuesten Erkenntnissen näher gebracht. Sehr hilfreich dabei ist, und dieses Merkmal besitzen durchaus nicht alle Einführungswerke, daß jedes Kapitel mit einer Einleitung und - was wichtiger erscheint - mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Punkte versehen ist.

Insgesamt schließen sich der Fachgeschichte, die mit 23 Seiten eher kurz gehalten worden ist, drei große Kapitel an. Von den Grundlagen der Sprachentwicklung über komplexere Modelle und Theorien bis hin zu aktuellen Kontroversen wird Kegels Buch auf 234 Seiten wohl dem Anspruch gerecht, inhaltlich eine gute Einführung zu sein. Vermissen wird der Leser jedoch jenen spielerischen Ton, der den - gerade für wissenschaftliche Themen - oft so nötigen Lesegenuß hervorruft. So manchem Anfänger wird es schwer fallen, sich zur Einarbeitung motivieren zu können, wenn er von Kegel gleich in der Einleitung mit Konstruktionen wie "möglichen Parallelität von phylo- und ontogenetischem Entwicklungsablauf" (S. 11) überfallen wird. So wird man bei der Lektüre nur all zu oft an eine Dissertation erinnert, knapp und wissenschaftlich korrekt formuliert, doch nicht motivierend genug, um sich an dem dargebotenen Wissen zu bedienen.

Der Titel des zweiten Kapitels "Sprachentwicklung - gezählt, gemessen und gewertet" scheint programmatisch, und tatsächlich findet sich hier, neben Definitionen der allgemeinen Linguistik wie "Phonetischen Grundlagen" (S. 41) oder "Der Satz" (S. 59), eine fast verwirrende Menge an Statistiken und Abbildungen. Wünschenswert wäre auch hier - in einem Kapitel, das sich ausschließlich an den Anfänger wendet - ein leicht verständlicher Sprachgebrauch, der Abstand von Tabellen und Zahlen nimmt und statt dessen das Bemühen erkennen läßt, Grundlagen bleibend zu vermitteln.

Schade, daß der sprachliche Stil Kegels an einigen Stellen immer wieder das Niveau eines Einführungswerkes überschreitet und so das Buch nur zähen Lesegenuß bereitet. Gut zu bewerten ist aber auf jeden Fall, daß in den Kapiteln "Komplexe Modelle der Sprachentwicklung" (S. 84 ff.) und "Aktuelle Kontroversen" (S. 113 ff.) Kegel einen Weg wissenschaftlicher Offenheit beschreitet und verschiedene und kontroverse (wie der Titel des vierten Kapitels ja schon sagt) Methoden und Modelle vorstellt. So wird dem Leser einerseits der Ansatz von Busemann und Piaget erläutert, der Spracherwerb als Produkt der Persönlichkeits- und Intelligenzentwicklung versteht, andererseits aber auch Wygotskis Modell vom Spracherwerb als bedingendem Faktor in der Entwicklung des Denkens und des sozialen Handelns. Zu diesen Ansätzen gesellt sich auch Bühler, der sich keinem der beiden Ansätze zuordnen läßt, und so wird dem Leser eine große Palette verschiedenartigster Theorien präsentiert. Das größte und letzte Kapitel des Buches widmet sich der Diskussion der vorgestellten Theorien. Sehr analytisch und genau werden hier Vor- und Nachteile der Ansätze erarbeitet und gegenübergestellt.

Gerd Kegel, seit 1977 Professor für Sprechwissenschaft und Psycholinguistik, präsentiert dem Leser sehr kompetent die wichtigsten Aspekte des kindlichen Spracherwerbs. Daß er dabei der Zielsetzung nicht gerecht werden konnte, unter dem Aspekt der Verständlichkeit eine gute Einführung zu schreiben, mag an der Unvereinbarkeit wissenschaftlicher Präzision und eines leicht verständlichen Sprachgebrauchs liegen. Dem geübten Leser ist dieses Buch sicherlich zu empfehlen, dem Freund der leichteren Lektüre kann man nur abraten.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Christian Kircher. Jahr: 1999

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