Sprache und Geist

Chomsky, Noam

Frankfurt/Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1970

 

Nach Chomsky ist es eine der wichtigsten Aufgaben der Linguistik, zum Verständnis der menschlichen Natur beizutragen und die Umstände zu untersuchen, "[ ...] unter denen die Sprache mentale Prozesse reflektiert oder den Ablauf und Charakter des Denkens formt [ ...] " (S.10). Der Autor definiert die Linguistik als einen Zweig der kognitiven Psychologie. Diese Wissenschaft behandelt die Denkvorgänge eines Individuums, sie untersucht die speziellen Aspekte des Geistes. Der Begriff im Buchtitel erhält so seine Bedeutung.

Die ‚Linguistische[ n] Beiträge zur Untersuchung des Geistes‘ behandeln den historischen Hintergrund, die Situation der Gegenwart (der sechziger Jahre) und die Zukunft dieses Diskurses.

Als Quellen seiner Sprachtheorie, auf die später eingegangen wird, nennt Chomsky den philosophischen Rationalismus. Ausführlich beschäftigt er sich mit der Arbeit der Grammatiker von Port Royal. Diese erstellten eine ‚Philosophische Grammatik‘, von der Chomsky Parallelen zu seinen eigenen Thesen zieht. Der Autor würdigt die Verdienste des linguistischen Strukturalismus und dessen technisch —wissenschaftlicher Methode, Daten zu erstellen, aufzulisten und zu analysieren.

Die kreative Fähigkeit der Sprache, unendlich viele Sätze zu bilden, kann jedoch nicht damit erklärt werden. Chomsky entwickelt seine Theorie der Generativen Transformationsgrammatik, erläutert die Terminologie und beschreibt gewisse formale Operationen.

Die Person, die eine Sprache erworben hat, verinnerlicht deren Regeln und Systeme. Der Wissenschaftler untersucht den Sprachgebrauch (die ‚Performanz‘) und erstellt eine spezielle Grammatik. Die allgemeinen Prinzipien, die die Formen solcher Grammatiken determinieren, werden universale Grammatiken genannt. Sie sollen generelle Eigenschaften der menschlichen Intelligenz bezeichnen.

Die Oberflächenstruktur eines Satzes ist identisch mit dem geäußerten Satz. Gleichzeitig werden im Geist abstrakte Sätze gebildet (generiert), mit unterschiedlichen Aussagen: die Tiefenstruktur eines Satzes. Die Beziehung zwischen beiden, das wechselseitige Operieren mit ihnen, wird als grammatische Transformation bezeichnet.

Das Hauptproblem ist die Vieldeutigkeit der meisten Oberflächenstrukturen. Dem Satz ‚Ich mißbillige Johns Trinken‘ liegt eine Tiefenstruktur zugrunde, die für den Besitzer der internalisierten Grammatik eindeutig ist (von Chomsky als Kompetenz bezeichnet). Mit Hilfe bestimmter Transformationstechniken wird er den beabsichtigten Sinn verdeutlichen.

Der Beispielsatz kann sich auf einen Umstand beziehen: Ich mißbillige, daß John Bier trinkt‘ oder auf die Art des Trinkens: ‚Ich mißbillige Johns übermäßiges Trinken‘.

Die unendliche Menge von gebildeten Sätzen und die richtige Zuordnung der Bedeutung in der kompetenten Sprachanwendung stellt die Frage nach dem Erwerb dieser Fähigkeit.

Chomsky lehnt die These der Nachahmung einer bereits existierenden Grammatik ab. Noch heftiger kritisiert er die behavioristische Lehre, die alle Leistungen auf Reize und Reaktionen zurückführt. Die Befürworter dieser Behauptung waren überzeugt, dass das Stimulus-Response-System befriedigende Erklärungen für eine Sprachbefähigung erbringen würde.

Chomsky schloss sich der Kritik von Karl Lashley an, die besagt, dass für den Sprachgebrauch abstrakte Mechanismen zugrunde liegen müssen und dieser sich nicht auf die ‚simple Art und Weise‘ der Stimulus-Response-Psychologie reduzieren ließe.

Möglicherweise aus Descartes‘ These von den angeborenen Ideen‘ folgert der Amerikaner den Kerngedanken seiner Theorie, nämlich daß die Fähigkeit zum Sprachgebrauch dem Menschen angeboren sei. Intelligenz und Unterschiede bei der Herkunft, dem Elternhaus oder beim kulturellen und sozialen Hintergrund haben dabei keine grundsätzliche Bedeutung. Entscheidend ist die Befähigung zu einer mentalen Ordnung, die die überlieferten Strukturen des Denkens und der Sprache entwickelt und gestaltet.

1967 erhoffte sich Chomsky Forschungsergebnisse, die seine Behauptungen bestätigen und erhärten würden. Seither haben sich die Erkenntnisse der Genetik explosionsartig erweitert. Die jüngsten Arbeiten auf dem Gebiet der Hirnforschung lassen tiefere Einsichten über die Funktion von mentalen Prozessen erwarten. Chomskys These über ‚Geist und Sprache‘ werden im Diskurs über das Verhältnis des Menschen zu seiner Welt eine zentrale Position behaupten.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Christian Süß. Jahr: 1999

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