Sprache und Film

Metz, Christian

Frankfurt am Main: Athenäum Verlag 1973

 

„Ist das Cinéma eine Sprache oder nicht?“ Mit dieser Streitfrage beschäftigt sich der Autor und versucht, diese Frage im Zusammenhang mit verschiedenen linguistischen Ansätzen zu beantworten. Dabei deckt er alle wichtigen Aspekte dieses Themas ab, angefangen von den ersten Schritten der Filmindustrie bis hin zu den 1960er Jahren.

Das erste Kapitel „Im Inneren des Cinéma: Das Fait Filmique“ bietet eine Einführung in das gesamte Buch, erläutert den Unterschied zwischen den beiden französischen Begriffen Film und Cinéma, den Zusammenhang des Themas mit linguistischen Modellen wie etwa dem von Saussure sowie verschiedene ökonomische, psychologische und semiotische Aspekte.

Im zweiten Kapitel „Im Inneren des Fait Filmique: Das Cinéma“ erklärt Metz, was Cinéma nach Cohen-Seat (auf ihn bezieht er sich im Verlauf des Buches immer wieder) bedeutet, und er stellt die Abgrenzung zwischen Cinéma und Film eingehender dar. Weiterhin beschreibt er in groben Zügen, was Sprache mit Film zu tun hat; dabei stellt er Bezüge zur Langue, Langage und dem Code her.

Im dritten Kapitel „Film im absoluten Sinne“ dringt er noch tiefer in die Problematik der Unterscheidung von Film und Cinéma unter dem Aspekt der Kinematographie ein. Er ordnet den Film der Seite der Nachricht (Heterogenes) zu und das Cinéma der Seite des Spezifischen und Homogenen (folglich des Codes).

Im vierten Kapitel „Die Pluralität der kinematographischen Codes“ erläutert der Autor die Funktion des Codes im weiteren Sinn, wobei er das Besondere und das Singuläre beachtet und diese dem Code bzw. der Struktur der Nachricht zuordnet. Außerdem werden kinematographische Begriffe definiert.

Im fünften Kapitel „Vom Code zum System, von der Nachricht zum Text“ widmet er sich der Untersuchung der kinematographischen Sprache und der Sprache des Films. Er stellt zwei verschiedene Untersuchungsarten heraus und diskutiert sie. Außerdem beschreibt er die Arbeit des Semiologen und des Theoretikers am Text. Hier beruft er sich auf Hjelmslev, um die Bedeutung von Code und singulärem System besser herausstellen zu können, wobei er zu dem Ergebnis kommt, dass der Code ausschließlich ein System ist und die Nachricht ein Text. Diese lassen sich jedoch nicht umgekehrt erfassen, sondern nur so, dass bestimmte Systeme singuläre Systeme in Bezug auf einen Text sind, während bestimmte Nachrichten singuläre Texte sind. Das ganze Kapitel ordnet er linguistischen Termini zu, beispielsweise „signifié“ und „referent“.

Das sechste Kapitel „Die Textsysteme (systèmes textules)” handelt von der Überprüfung des kinematographischen Codes und des singulären Filmsystems gegenüber dem Problem der zutiefst asymmetrischen kinematographischen Besonderheit. Der Film wird als singuläre Totalität (totalité singulière) bezeichnet, was der Autor mit linguistischen Begriffen erklärt. Er erläutert weiterhin, dass mehrere Textsysteme für einen Text stehen, die in multipler Lektüre erfasst werden.

Das siebte Kapitel „Textualität und Singularität“ greift das Thema der textuell-systematischen Einheiten auf, von denen bisher angenommen wurde, dass sie die Ausmaße eines Filmes besitzen. Jedoch gibt es Einheiten, die größer sind als ein einziger Film, und Einheiten, die kleiner sind als ein einziger Film. Außerdem werden die Begriffe Filmgruppe und Filmklasse klar unterschieden, die oft als synonym angesehen werden. Die Filmgruppe nämlich verfügt über zwei unterschiedliche semiologische Verfahrensweisen, zum einen den Komplex der Nachricht eines einzigen Codes und zum anderen die singuläre Totalität. Der Komplex von Nachricht eines einzigen Codes wird als Filmklasse bezeichnet, während die Filmgruppe Komplexe sind, deren Einheiten tiefer reichen und die man als einmalige Texte behandelt. Diese beiden Arten von „Gruppen“ leiten sich vom Relevanzprinzip ab. Der Autor greift auch wieder auf den Code zurück und erläutert diesen noch eingehender im Zusammenhang mit dem Sub-Komplex bzw. dem Sub-Code, wobei er sich wieder auf die Semiologie bezieht.

Im achten Kapitel „Paradigmatisch und Syntagmatisch“ beschäftigt er sich mit diesem Begriffspaar und anderen linguistischen Aspekten. Auf dem Gebiet des Cinéma wird gelegentlich so argumentiert, als entspräche die Opposition von System und Text genau der von paradigmatisch und syntagmatisch, wobei Film sich als eine rein syntagmatische Instanz erweisen soll, während die Bemühung des Semiologen, dieses oder jenes Filmsystem herauszustellen, ein völlig paradigmatisches Unternehmen ist. Es gibt jedoch Ausnahmen. Weiterhin stellt er andere Unterschiede zwischen Syntagmatik und Paradigmatik dar. Er bindet in diesen Zusammenhang die generative Transformationsgrammatik und die Zirkularität der Paradigmatik und Syntagmatik ein. Schließlich setzt er noch Sequenz und Nicht-Sequenz in diesen Zusammenhang und erläutert dieses mit der Distributionsgrammatik nach Harris.

Das neunte Kapitel „Problem der relevanten Einheit“ handelt von der Klarstellung der linguistischen Einheiten in bezug auf das Cinéma sowie von der kinematographischen Grammatik, der kinematographischen Semiologie, der Syntax und der Transformation. Außerdem erklärt er drei wichtige Charakteristika der im Film wahrnehmbaren kleinsten Einheiten (ihre numerische Vielfalt, Unterschiedlichkeit ihres Umfangs, Unterschiedlichkeit ihrer syntagmatischen Form).

Das zehnte Kapitel „Spezifisch/ Nicht-spezifisch: Die Relativität einer aufrechterhaltenen Aufteilung“ setzt sich überwiegend mit Ansätzen Hjelmslevs auseinander, vor allem mit dessen Ansichten zur Semiologie, zur Tiefen-/ Oberflächenstruktur und zur Syntax. Außerdem werden die nicht-spezifischen Codes, die Inhaltcodes, die Ausdruckscodes und die Unterscheidung von Substanz und Materie in Zusammenhang mit dem Cinéma dargestellt.

Das letzte Kapitel „Cinéma und Schrift“ beschäftigt sich mit dem Cinéma (von manchen auch kinematographische Schrift genannt) und stellt dieses in Vergleich zu der phonetischen Schrift mit dem Ergebnis, dass das Cinéma und die ideographische Schrift aneinander angenähert werden.

Das Schlußwort fasst das Buch zusammen.

In seiner gesamten Argumentation verbindet der Verfasser linguistische Gesichtspunkte, Begriffe und Modelle mit solchen aus Film und Cinéma, wobei die einzelnen Kapitel auf einander aufbauen und auf einander zurückgreifen.

Das Buch versucht die Frage, ob Film Sprache ist, zu beantworten, gibt jedoch nicht wirklich eine Antwort darauf. Die meisten Kapitel sind in zu viele Unterthemen geteilt, so dass leicht der Bezug zum Kern des Kapitels verloren geht. Die Bedeutung des französischen Begriffspaares Film/ Cinéma kann im Deutschen nicht eindeutig übersetzt werden, so dass man am Anfang des Buches, wo dieses auch schon von Wichtigkeit ist, nur eine vage Vorstellung von ihrer eigentlichen Bedeutung erhält. Oft werden französische Begriffe benutzt, die Lesern ohne oder mit nur geringen Französischkenntnissen das Verstehen des Buches erschweren. Darüber hinaus ist ein fundiertes linguistisches Wissen nötig, um das Buch vollständig nachvollziehen zu können.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Sabrina Janisch. Jahr: 2001

Zurück